mini|Wittenberg 1760, Marktplatz mit Stadtpfarrkirche St. Marien und Rathaus (Rückseite) mini|Wittenberg 2005, Marktplatz mit Rathaus und St. Marien mini|Calvörde 2010, Marktplatz mit Schule und St.-Georg-Kirche Den Titel „Marktplatz“ tragen Plätze innerhalb einer Ortschaft, auf denen Waren ver- und gekauft wurden oder werden. Diese Art des Handels hatte ganz wesentlich zum Aufschwung der Städte im Mittelalter beigetragen. Seit den Anfängen der Stadtbildung waren Märkte die Zentren städtischen Lebens, dabei häufig auch Räume von hohem städtebaulichen Rang. Entsprechend ihrer Funktion liegen sie häufig im Zentrum historischer Stadtkerne. Die Geschichte der Marktplätze in Deutschland geht dabei bis in das 10. Jahrhundert zurück.
10. bis 12. Jahrhundert Entstehung lokaler Märkte mini|350px|Der Trierer Hauptmarkt wurde bereits im Jahre 958 mit einem Marktkreuz als Hoheitssymbol ausgestattet. Noch heute ist der Hauptmarkt zentraler Platz der Trierer Altstadt. In diesem Zeitabschnitt vervielfachte sich die Zahl der Orte, an denen regelmäßig Märkte stattfanden. Bischöfen und Klöstern war das Recht verliehen worden, Jahrmärkte, später auch Wochenmärkte abzuhalten. Dort handelte man mit Lebensmitteln einerseits – mit Brot, Mehl, Milchprodukten, Fleisch und Feldfrüchten – und andererseits mit den verschiedensten Handwerkserzeugnissen. Märkte dieser Art hatten Bedeutung vor allem für das nahe gelegene Umland und werden daher als Nah- oder Lokalmärkte bezeichnet. Sie unterschieden sich damit von den zum Teil sehr viel älteren Handelsplätzen, die an Fernhandelsstraßen wie der Via Regia (Königsstraße), der Kupferstraße, den Salz- und Bernsteinstraßen entstanden waren und zu denen Kaufleute über große Entfernungen anreisten, um Salz, Metalle, Seide, Pelze und andere Waren zu tauschen, meist im Auftrag ihrer jeweiligen Feudalherren.
Allgemeine Voraussetzung für die Herausbildung lokaler Märkte war die zunehmende Arbeitsteilung und gleichzeitige räumliche Trennung von Landwirtschaft und Handwerk. Konkret entstanden Märkte dort, wo günstige Vorbedingungen dafür vorhanden waren: relativ hohe Siedlungsdichte im Umfeld, gute Verkehrsverbindungen, eine strategisch herausgehobene Lage etwa an wichtigen Flussübergängen, der Schutz durch mächtige Feudalherren. Diese förderten die Entwicklung der Märkte auf ihrem Gebiet, indem sie bestimmte Rechte und Vergünstigungen gewährten, Grundstücke zuwiesen, das Schlagen von Bauholz erlaubten. Im Gegenzug erhoben sie verschiedene Abgaben: Marktzoll für jeden abgeschlossenen Handel sowie für die Benutzung der Marktstände und der Waage. Der übergeordnete Feudalherr garantierte allen Marktbesuchern, unabhängig von ihrem Stand, freien Zugang zu den Märkten. Für das genau abgegrenzte Gelände und für den Weg dorthin galt der Marktfriede. Verstöße dagegen wurden mit dem Königsbann belegt – die jeweils gültige Marktordnung hatte nur lokale Bedeutung, Marktsiedlungen und Händler im Allgemeinen standen aber unter dem rechtlichen Schutz des Königs. Um den reibungslosen Marktbetrieb zu sichern, konnten zeitweilig sogar gerichtliche Verfolgungen ausgesetzt werden.
Erste Veränderungen Märkte entwickelten sich meist an Überlandstraßen, vornehmlich dort, wo sich solche Straßen kreuzten. Dreieckige oder trapezförmige Plätze verweisen auf ihre Entstehung an einer Straßengabelung. Oft konnten die mehr oder weniger spontan angelegten Märkte den schnell wachsenden Warenverkehr schon wenig später nicht mehr aufnehmen. An geeigneteren Standorten entstanden neue, größere, besser geplante Marktplätze. Um die eigentlichen Verkaufsflächen herum wuchsen Wohn- und Nutzgebäude von Handwerkern und Kaufleuten, die Bebauungsdichte nahm schnell zu. In festungsähnlichen Steinbauten, so genannten Vogteien, residierten Beauftragte der Grundherren, die Maße und Gewichte prüften, die Vergabe der Standplätze regelten, Abgaben erhoben und den Gerichten vorstanden. Am Marktplatz oder ganz in seiner Nähe befand sich in der Regel eine Kirche oder Kapelle. Mit den so entstandenen Strukturen erhielten die frühen Städte ein Gegengewicht zu den bisher dominierenden Domburgen, Pfalzanlagen und Klöstern.
Überlebenswichtig für die frühen Städte und ihre Märkte war der Marktbrunnen. In den Wohnhäusern gab es keine Wasserversorgung, auf dem Markt mussten Lasttiere und Schlachtvieh getränkt werden. Die Funktionsfähigkeit des Brunnens war also unbedingt zu sichern, zum Teil mit großem Aufwand – durch tiefe Bohrungen oder dadurch, dass das Wasser von weit her geleitet wurde. In größeren Städten gab es Brunnen auch in anderen Stadtvierteln, der Marktbrunnen hatte jedoch herausgehobene Bedeutung. Hier – oder in etwas späterer Zeit vor dem nahe gelegenen Rathaus – befand sich das Marktkreuz als Zeichen des vom König garantierten Marktrechts. Durch verschiedene daran angebrachte Symbole (Fahne, Handschuh, Schwert) sollte die gedachte Anwesenheit des Königs dargestellt werden. Auf den Marktplätzen einiger nord- und ostdeutscher Städte wie Bremen oder Brandenburg an der Havel stand statt des Marktkreuzes eine Statue des Roland – er galt als Sinnbild bürgerlicher Freiheiten und Schutzpatron der Fernhandelskaufleute.
13. bis 15. Jahrhundert Wachstum und Unabhängigkeit Zum Ende des 14. Jahrhunderts war die Anzahl der Städte in Deutschland auf etwa 4000 angestiegen – Ergebnis einer Welle von Stadtgründungen, mit denen die Territorialherren ihre Gebiete wehrhafter machen und ihre Einnahmen erhöhen wollten. Viele dieser Orte blieben trotz der Stadtrechte ihrem Wesen nach Dörfer mit kaum 500 Einwohnern. Andere, wie etwa die Hansestädte Lübeck und Bremen oder Fernhandelszentren wie Nürnberg und Augsburg entwickelten sich mit mehr als 10 000 Einwohnern zu Großstädten nach damaligem Maßstab.
Typisch für Marktgründungen dieser Zeit war die planvolle Anlage im Zentrum der Siedlungen. Zuweilen wurden alte Handelsstraßen so umgelenkt, dass sie die neuen Marktplätze berührten. Regelmäßige rechteckige oder quadratische Grundrisse ergaben sich dadurch, dass man in der Mitte der neuen Orte einen oder mehrere Baublöcke aussparte, solche Flächen waren meist zwischen 0,3 und einem Hektar groß. Bei manchen Neugründungen, besonders östlich der Elbe, führten übertriebene Erwartungen an den späteren Marktverkehr auch zu Plätzen von mehreren Hektar Größe, die später teilweise wieder überbaut wurden. An älteren Handelsplätzen machte der florierende Marktbetrieb neue Marktplätze mit zum Teil speziellen Funktionen erforderlich, es entwickelten sich Fachmärkte für Holz, für Töpferwaren, für den Handel mit Weidevieh oder Geflügel, für Fisch, für Butter oder für Korn. Sie waren meist täglich geöffnet, anders als die wöchentlich durchgeführten Hauptmärkte. Bezeichnungen für Straßen und Plätze erinnern vielfach noch heute an diese Märkte.
Mit zunehmender Wirtschaftskraft erlangten die Städte in Teilbereichen Unabhängigkeit von den jeweiligen Feudalherren, die, um ihren wachsenden Geldbedarf zu decken oder ihre Schulden zu bezahlen, den Städten verschiedene Rechte von der Gerichtsbarkeit bis zu den Marktrechten verkauften. Das neu gewonnene Selbstbewusstsein des Stadtbürgertums drückte sich im Bau von Rathäusern aus, die seit dem 13. Jahrhundert in großem Umfang an Marktplätzen entstanden, anfangs als Holzbauten, im 14. und 15. Jahrhundert als ansehnliche Gebäude aus Stein. Stadträte, Gilden, Zünfte und einzelne wohlhabende Familien förderten das Entstehen repräsentativer Markt- und Stadtkirchen. Die wurden nicht nur liturgisch genutzt, sondern auch als weltliche Versammlungsorte, zur Durchführung des Marktgerichts und als Aufbewahrungsort stadteigener Kostbarkeiten und Urkunden.
Auch die übrigen Bauten am Markt spiegelten die gesellschaftliche Entwicklung der Städte wider. Hier standen die Anwesen gut situierter Kaufleute, reich gewordener Zunftmeister sowie der Zünfte und Gilden selbst, ebenso Gasthöfe und Herbergen, in Einzelfällen auch die Gästehäuser oder zeitweiligen Wohnsitze von Feudalherren, die für ihre so genannten Freihäuser keine Abgaben an die Stadt zahlen mussten. Da es als Vorzug galt, am Markt zu wohnen, wurden die Baugrundstücke bald kleiner, es entstanden häufiger mehrgeschossige Holz- und Fachwerkbauten, deren schmale Giebel der Platzseite zugewandt waren. Seit dem 14. Jahrhundert bemühten sich die Stadtverwaltungen darum, dass zunehmend in Stein gebaut wurde, um die Brandgefahr zu verringern. Gerade an Marktplätzen befolgte man diese Anweisungen recht gerne, weil in den umliegenden Häusern oft wertvolle Waren und Rohstoffe lagerten.
Die Plätze bildeten den Rahmen nicht nur für die üblichen Wochenmärkte. Als besondere Höhepunkte im städtischen Leben wurden hier Jahrmärkte abgehalten, zu denen Händler und Käufer aus größerer Entfernung erschienen, dazu Zahnbrecher und Wunderdoktoren, Fechter und Ringer, Akrobaten, Jongleure und Musikanten. Auf den Marktplätzen fanden Prozessionen statt, hohe Gäste wurden feierlich empfangen, Fastnachts- und Osterspiele wurden aufgeführt. Man hielt hier öffentliche Gerichtsverhandlungen ab und vollstreckte auch die Urteile vor Publikum. Bei geringeren Vergehen wurden die Übeltäter ausgepeitscht oder an den Pranger gekettet. Für Hinrichtungen gab es zwar den Galgenplatz vor den Toren der Stadt, zur besonderen Abschreckung wurde aber auch auf den Marktplätzen gehängt, gevierteilt, verbrannt oder enthauptet. Diese demonstrativen Strafen trafen vor allem solche Delinquenten, deren religiöse oder politische Einstellung als gefährlich betrachtet wurde.
Stagnation und Krisen Nun hoben sich die Marktplätze durch ihre Bausubstanz schon deutlich von den angrenzenden Stadtgebieten ab. An architektonisch durchgestaltete, geschlossene Ensembles war aber noch nicht zu denken. Große Gebäude blieben oft Baustellen über Jahrzehnte hinweg. In schweren Zeiten ruhten alle Bauarbeiten, manchmal für Generationen. Kriege und große Brände verwüsteten immer wieder weite Teile der Städte. Marktplätze waren noch immer nicht gepflastert, auf den sandigen Flächen waren Haustiere wie Hühner und Schweine unterwegs, zuweilen flossen Bäche hindurch, aus denen Wasser für den Marktbetrieb und zur Brandbekämpfung entnommen werden konnte. Aus der Freien Reichsstadt Reutlingen ist eine bezeichnende Episode überliefert: Kaiser Friedrich III. (1415–1493) war bei einem Besuch der Stadt beinahe im Morast der Straßen versunken. Danach war es nicht mehr erlaubt, Abfälle einfach vor die Häuser zu werfen, Marktplätze mussten nach jedem Markttag gesäubert werden.
Im 15. Jahrhundert verloren die Städte – mit Ausnahme der Freien Reichsstädte – wieder viel von ihrer Souveränität. Innerhalb der Kommunen nahmen die sozialen Spannungen zu und führten zu teilweise blutigen Auseinandersetzungen, die starr organisierten Zünfte erwiesen sich allmählich als hemmend für die allgemeine Entwicklung, immer aufwendigere Befestigungsarbeiten belasteten die Finanzen, Epidemien und Missernten verschärften kritische Situationen. In dieser Lage fiel es den Landesherren leicht, viele Städte wieder in ihre Abhängigkeit zu bringen, die Ratswahlen zu kontrollieren und Handelsprivilegien zu widerrufen.
16. bis 18. Jahrhundert Entwicklung trotz Machtverlust links|mini|Lübeck etwa 1580 Trotz verschiedener Rückschläge – die wirtschaftliche Lage des städtischen Handelsbürgertums blieb auf längere Sicht zufriedenstellend und prägte auch das Bild der Marktplätze. Die machtpolitischen Veränderungen wurden kaum sichtbar. Territorialherren und Bürger hatten das gleiche Interesse an sauberen, bequemen Märkten mit repräsentativen Gebäuden. Durch Neu- oder Umbauten entstanden auch in feudalabhängigen Städten prächtige Rathäuser, Gewand- und Kaufhäuser, meist im Baustil der Renaissance.
mini|Pirna, der Marktplatz etwa 1750 mini|Dresden, der Altmarkt etwa 1770