Die Verfolgung der Bahai zeigt sich systematisch im Ursprungsland ihres Glaubens, im heutigen Iran, in staatlich durchgeführten, geförderten oder geduldeten Maßnahmen gegen Bahai aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses. Die teilweise schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen erstrecken sich sowohl über bürgerlich-politische als auch über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte. Neben der hauptsächlichen Verweigerung des Rechts auf Glaubens- und Religionsfreiheit sowie des Rechts auf Arbeit und Bildung umfassen die Verfolgungen vor allem Versammlungsverbote, Enteignungen, Vertreibung, Verhaftungen und Folter. Ziel dieser Verfolgung der Bahai ist die Zerstörung ihrer kulturellen Wurzeln und ihre soziale und wirtschaftliche Marginalisierung. Die systematische und staatlich angeordnete Verfolgung der Bahai ist zu unterscheiden von verschiedenen Formen der Diskriminierung wie lokale Feindseligkeiten oder Beschränkung religiöser Aktivitäten von Bahai in einigen weiteren islamisch geprägten Ländern. Allerdings zeichnet sich im Jemen für die Bahai eine in vielerlei Hinsicht der Islamischen Republik Iran analoge Verfolgungslage ab. mini|hochkant=1.2|Zerstörter Bahaifriedhof in Yazd
Ursachen sowie religiöse und ideologische Rechtfertigung Da die Mehrheit der Muslime die Bezeichnung Mohammeds als das „Siegel der Propheten“ dahingehend deutet, dass dieser als der Letzte in einer Reihe von Propheten anzusehen sei und die vorherigen Religionsstiftungen bis zum Jüngsten Gericht vollendet habe, kann es ihrem Verständnis nach keine weiteren Offenbarungen Gottes in der Menschheitsgeschichte geben.Heinz Halm: Der Islam, S. 13, C. H. Beck Wissen, München 2005, ISBN 3-406-51917-2 Der Stifter der Bahai-Religion, Bahāʾullāh, lehrt demgegenüber, dass der Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen habe, „bis an das Ende, das kein Ende hat“zit. nach Shoghi Effendi: Die Weltordnung Baha'u'llahs. Hofheim 1977, S. 177; vgl. ferner Baha'u'llah: Ährenlese. Eine Auswahl aus den Schriften Baha'u'llahs, Hofheim 1980, darin: Abschnitte 24 u. 34:3, stets durch weitere Offenbarungen des göttlichen Willens erneuert werde. Bahāʾullāh selbst erhebt den Anspruch, die Reihe der Manifestationen Gottes fortzusetzen.vgl. Baha'ullah: Kitab-i-Aqdas, Hofheim 2000, darin: Abschnitte 47 u. 143 Seine Heiligen Schriften betrachten die Bahai daher als Offenbarung Gottes an die Menschheit, wobei die Lehre von der fortschreitenden Gottesoffenbarung den Kern der Bahai-Theologie ausmacht. Damit gelten die Anhänger der Bahai-Religion insbesondere in der islamischen Orthodoxie gleichweder Rechtsschule als vom Islam Abgefallene.
Aufgrund der spezifischen Entstehungsgeschichte der Bahai-Religion, die sich historisch aus der islamischen Schia entwickelt hat, ist die Verfolgung der Bahai eng mit der jüngeren iranischen Geschichte verknüpft.Katajun Amirpour, Reinhard Witzke: Schauplatz Iran, S. 33, Herder Spektrum, Breisgau 2004, ISBN 3-451-05535-X Der Anspruch Bahāʾullāhs, eine neue göttliche Lehre offenbart zu haben, steht insbesondere im theologischen Widerspruch mit dem seit 1979/1980 in Iran geltenden Staatsprinzip des „Wilayat-e Faqih“, wonach die Geistlichkeit die politische Herrschaft stellvertretend für den zu erwartenden Zwölften Imam kontrolliert. Dem Glauben der Bahai zufolge erschien diese Messiasgestalt des schiitischen Islams bereits in der historischen Figur und Stiftergestalt des Babismus, des Bab, in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dieser Bab war zugleich Wegbereiter und Vorläufer Bahāʾullāhs. Seit der islamischen Revolution wird die öffentliche Austragung dieses theologischen Konfliktes mit politischen Mitteln unterdrückt.
Ein weiterer ideologischer Grund für die Verfolgung ist die (theologisch begründete) kosmopolitische Haltung der Bahai. Die soziale Entwicklung Irans nimmt zwar eine besondere Bedeutung im Bahai-Schrifttum ein. Gleichwohl definieren sich Bahai nicht primär national, sondern verstehen sich als Weltbürger. In ihrer Beratungsfunktion bei den Vereinten Nationen durch die Bahá'í International Community widmen sie sich ihrer Lehre entsprechend der Förderung eines globalen Föderalismus. Aus Perspektive des schiitischen Klerus sind die Bahai daher „uniranisch“, da ein Iraner (jedenfalls kulturell) in seinem schiitischen Hintergrund verwurzelt bleiben müsse.
Die Bahai stellen mit ihren 300.000 bis 400.000 in der Islamischen Republik Iran lebenden Anhängern die größte religiöse Minderheit des Landes. Im Gegensatz zu Christen, Juden und Zoroastriern werden sie jedoch in Artikel 13 der iranischen Verfassung nicht als anerkannte religiöse Minderheit geschützt. Damit werden die Repressionen gegen Bahai legitimiert und im nicht-säkularen Staatsaufbau Irans sogar legalisiert.Bericht der Internationalen Liga für Menschenrechte von 1995, S. 10 ff. Im Kampf um Einfluss und Macht innerhalb Irans dienten und dienen die Bahai, zu Erzfeinden des Schiitentums und des Nationalstolzes stilisiert, immer wieder als Sündenböcke, die instrumentalisiert werden, um die emotionale Unterstützung der Massen zu gewinnen.Nikki Keddie: Roots of Revolution. An Interpretive History of Modern Iran. S. 53, New Haven 1981.Mehrzad Boroujerdi: Iranian Intellectuals and the West. A Tormented Triumph of Nativism,. New York 1996, S. 96. In der iranischen Öffentlichkeit wird die Verfolgung mit angeblicher „Gefährdung der nationalen Sicherheit“, mit unsinnigen Vorwürfen, etwa die Bahai seien „Zionisten“ oder „Spione“, begründet.Nafisa Tehrani: Die falsche Religion, taz vom 17. Mai 2006. Dabei stellen die Bahai in Iran eine Bevölkerungsgruppe dar, die sich gemäß den Lehren ihres Glaubens nicht in die iranische Politik einmischt und das Prinzip der Gewaltlosigkeit praktiziert.Susanne Schaup: Die Erde ist nur ein Land. Der Bahai-Glaube kennt die Vision von einer geeinten Menschheit und einem Lebensstil, der niemandem Gewalt antut. In: GOTT UND DIE WELT, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt. Leitartikel vom 31. Dezember 1993. Der iranische Staat formulierte 1991 gar eine eigene Staatsdoktrin mit dem Ziel, die Bahai als lebensfähige Gemeinschaft in Iran und im Ausland auszuschalten. Dies ergibt sich aus einem Regierungsdokument zur sog. Bahai-Frage, das von den Vereinten Nationen im Jahr 1993 veröffentlicht wurde. Darin heißt es auch: „Es muss ein Plan entwickelt werden, um ihre [Bahai] kulturellen Wurzeln außerhalb des Landes anzugreifen und zu zerstören.“
Die darauf gründende Verfolgung der Bahai durch die Huthi-Miliz im Jemen seit 2013 folgt demselben Muster wie in Iran. Die von Huthi-Führer Abdul-Malik al-Huthi medial übertragenen Hassreden sind mit denen des Obersten Führers Khamenei vergleichbar. Die Inhaftierungen und Willkürurteile werden ebenfalls mit Spionage für Israel oder Apostasie begründet.
Verfolgungsgeschichte Die Verfolgungsgeschichte der Bahai in Persien geht zurück auf die Wirkungszeit des Bab, der 1850 in Täbris wegen Gotteslästerung hingerichtet wurde. 1849/50 wurden in einem Demozid zahlreiche seiner Anhänger massakriert, einige Quellen sprechen von über 20.000 ermordeten Babis.Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Rowohlt 1998, ISBN 3-499-22338-4, S. 87. Erst Babi und dann Bahai sind seit ihrer Entstehung die 'Vogelfreien' der persischen Gesellschaft, nicht zuletzt weil sie eine 'Kaste' von religiösen Vordenkern ablehnen.Stephan Pernau: Bábi und Bahá'i Verfolgungen von 1844 bis in die Gegenwart. Universitätsbibliothek, Kiel 1986, S. 4,10 urn:nbn:de:gbv:8-diss-46542 (Online). Unter Reza Schah Pahlavi und Mohammad Reza Pahlavi wurden Gesetze erlassen, die den Bahai ihre bürgerlichen Rechte entzogen. Renten wurden gestrichen, Bahai aus dem Staatsdienst und dem Militär entlassen, Literatur verboten, Häuser enteignet, Schulen geschlossen, Zentren beschlagnahmt, Versammlungen verboten. Regelmäßig fanden Säuberungen und Pogrome statt, so 1925, 1932, 1934, 1939, 1943 und vor allem 1955, als der Schah den Mullahs die Funkanstalten der Regierung für Hetzsendungen gegen die Bahai zur Verfügung stellte und das Militär das Bahai-Zentrum in Teheran zerstörte.vgl. Nationaler Geistiger Rat der Bahai in Deutschland (Hrsg.): Die Bahai im Iran. Dokumentation der Verfolgung einer religiösen Minderheit. 4., überarbeitete und ergänzte Auflage 1985, S. 43 ff.
Nach der islamischen Revolution 1979 und der Errichtung der Islamischen Republik Iran wurden die Verfolgungen systematisch betrieben. Bis 1981 wurden alle Wallfahrtsstätten und Pilgerorte der Bahai zerstört, entweiht oder zweckentfremdet. Friedhöfe und Krankenhäuser wurden vom Mob unter Führung der so genannten Religionswächter oder der iranischen Regierung mit Bezug auf ihre Interpretation der Scharia zerstört. Seit Mitte 1981 wurde den Bahai bis heute die Aufnahme in höheren Bildungseinrichtungen, in manchen Orten in Schulen, verweigert, Studenten und Lehrkräfte wurden entlassen, Angestellte im öffentlichen Dienst ohne Sozialversicherung und Rente aus dem Dienst geworfen, Gehälter und Ausbildungskosten mussten unter Androhung von Gefängnis zurückgezahlt werden. Bahai-Eigentum wurde enteignet, Geschäftsverkehr mit Bahai-Angehörigen verboten, Läden und Geschäfte geschlossen, Geschäfts- und Privatkonten gesperrt und somit die Existenzgrundlage zerstört. Immer wieder kam es zu Pogromen: Geschäfte, Büros und Fabriken wurden geplündert, Vieh abgeschlachtet, die Ernte enteignet oder gestohlen. Wohnhäuser wurden überfallen und in Brand gesteckt, die Bewohner massakriert, lebendig verbrannt oder gewaltsam gezwungen, zum Islam zu konvertieren.Harald Vocke: Persien, du Herrliche, du Schreckliche…. In der islamischen Republik des Ayatollah Khomeini sind die Anhänger der Bahai-Religion Freiwild. In: Die Welt. 3. Januar 1981, Titelartikel „Geistige Welt“