mini|Polyamorie-Flagge mini|Häufigkeit verschiedener Beziehungsformen in der Schweiz 2018/2019 gemäß einer Studie (Befragung von 1100 Teilnehmern, von denen sich 802 in Partnerschaften befanden).Stefanie Gonin-Spahni, Michèle Borgmann, Sandra Gloor, Hansjörg Znoj: Sexualität Beziehung und Gesundheit. In: SeBeGe Newsletter, Informationen zum Projekt SeBeGe, Institut für Psychologie der Universität Bern, August 2019, S. 20. Demnach sollen dort etwa 3 % der Menschen polyamor leben. Die Psychologin Jessica Fern (Autorin von Polysecure) nannte 2020 einen ähnlichen Wert von 4 % aller US-Amerikaner, die polyamor leben sollen.

Polyamorie oder Polyamory (ein Kunstwort aus altgriechisch polýs „viel, mehrere“, und lateinisch amor „Liebe“; englisch polyamory; als Adjektiv polyamor oder kurz poly) bezeichnet eine Form des Liebeslebens, bei der eine Person mehrere Partner liebt und zu jedem einzelnen eine Liebesbeziehung pflegt, wobei diese Tatsache allen Beteiligten bekannt ist und einvernehmlich gelebt wird.McGraw-Hill: Glossary: Polyamory. In: Janet S Hyde, Madison John D DeLamater: Understanding Human Sexuality. 9. Ausgabe, abgerufen am 18. Januar 2019; Zitat: .Merriam Webster’s Online Dictionary: polyamory. Abgerufen am 18. Januar 2019; Zitat: .FAQ der Usenet Newsgroup alt.polyamory., Punkt 3, Gesendet am 9. September 1997 von Elise Matthesen, abgerufen am 18. Januar 2019; Zitat: In polyamoren Beziehungen herrscht genau wie in monogamen Beziehungen die Absicht, jede der gewünschten Beziehungen langfristig und vertrauensvoll miteinander zu gestalten.Christian Ruether: Freie Liebe, offene Ehe und Polyamory. Geschichte von Konzepten nicht-monogamer Beziehungsformen seit den 1960er Jahren in den USA und im deutschsprachigen Raum. Philosophische Diplomarbeit, Universität Wien 2005, S. 53 (PDF: 569 kB, 94 Seiten auf christianruether.com); Zitat: . Weltanschaulich bejaht das polyamore Konzept, dass ein Mensch mit mehreren Personen zur selben Zeit Liebesbeziehungen haben kann, und stellt die Vorstellung in Frage, dass Zweierbeziehungen die einzig erstrebenswerte oder mögliche Form des Zusammenlebens seien.International Conference on Polyamory & Mono-Normativity, Research Centre for Gender & Queer Studies. University of Hamburg, 5./6. November 2005. Es gibt auch einige Überschneidungen zur Beziehungsanarchie, in der Beziehungen auf Basis individueller Wünsche anstelle von Normen geführt werden. Der Unterschied zur offenen Beziehung bzw. „freien Liebe“ besteht darin, dass nicht nur Sex, sondern auch Zärtlichkeit, Verliebtheit und Liebe mit weiteren Menschen erlaubt und möglich sind.

Seit den 1960er Jahren sind Erfahrungs- und Kommunikationsnetze von Menschen entstanden, die in solchen Beziehungen leben, sich darüber austauschen und hierin gegenseitig unterstützen – in der heutigen Zeit zumeist über das Internet.

Zusammenfassung Es handelt sich um einen Oberbegriff, der alle einvernehmlichen und auf voller Informiertheit beruhenden langfristigen intimen Beziehungen mehrerer Personen beschreibt. Die zugehörige Subkultur hat unter anderem Wurzeln in der „Free-Love-Bewegung“, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, grenzt sich allerdings von in den 1960er Jahren entwickelten, auf Sexualität eingeschränkten Fassungen des Begriffs „Freie Liebe“ ab.

Nach Christian Rüther, der die Geschichte der Polyamorie untersucht hat, definiert sich „Polyamory“ vor allem über vier wesentliche Merkmale: Ehrlichkeit/Transparenz (Poly ist nicht „Betrügen“) Gleichberechtigung/Konsens (Poly ist nicht patriarchale Polygynie) Erotische Liebe mit mehr als einer Person über einen bestimmten Zeitraum hinweg (Poly ist mehr als Freundschaft/Poly ist nicht Monogamie) Langfristige Orientierung (Poly ist prinzipiell nicht Swinging)

Die Polyamorie definiert sich also in erster Linie über die emotionale Seite von Liebesbeziehungen; ihr liegt die Idee zugrunde, dass Liebe, auch solche romantischer Färbung, nichts ist, das auf einzelne Personen eingeschränkt werden müsse. Polyamore Beziehungen erfordern in der Regel erheblich mehr Aufmerksamkeit, Energie und Kommunikation als emotional und sexuell ausschließliche Beziehungen und bieten den Beteiligten weniger Sicherheiten, haben für die Menschen, die sie führen, jedoch ausgleichende Vorteile.Wendy-o-Matic (Wendy Millstone), „Redefining our Relationships“ (2002), S. 20–21: „Alternative Relationships are not easy or simple. They require rigorous communication skills and constant re-working and re-adjusting to manage those growing and evolving connections. They demand attentive reassurance, a kind of blind faith in Love, and an ability to learn in the face of tremendous challenges. They are a constant struggle to overcome jealousy and to work through the embedded socialization process that can predetermine or affect our perceptions of what we feel and how we feel.“Deborah M. Anapol: Polyamory: The New Love without Limits (1997), S. 31; Zitat: Celeste West: Lesbian Polyfidelity (1996), S. 181; Zitat: Siehe auch Anthony Ravenscroft: Polyamory: Roadmaps for the Clueless & Hopeful. Fenris Brothers, Santa Fe 2004, ISBN 1-890109-53-3, Kapitel 6, S. 39 ff. Eifersucht stellt aus dieser Sicht eine Herausforderung dar, die durch Mut, Verständnis und Vertrauen der Partner und Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit ihr gemeistert werden kann. Polyamore Beziehungen haben viele mögliche Konstellationen mit spezifischen Bezeichnungen, zum Beispiel bezeichnet „Triade“ eine wechselseitige Liebesbeziehung zwischen drei Personen.

Zum Teil haben sich spezielle Begriffe entwickelt, wie „frubbelig“ für ein Gefühlserleben gegensätzlich zur Eifersucht, einer Art (Mit-)Freude, die manche empfinden, wenn sie ihren Partner glücklich in der Gegenwart eines anderen Partners wähnen.

Polyamore Menschen haben manchmal auch Kinder in erweiterten Familien wie bei Regenbogenfamilien.

Menschen in polyamoren Netzwerken schätzen als Werte Treue im Sinn von Verbindlichkeit und Loyalität, Ehrlichkeit, Respekt, gleichberechtigte Kommunikation und Verhandlung sowie Hingabe. Diese Werte beruhen auf kollektiven Präferenzen sowie Erfahrungen, welche Verhaltensweisen erfüllte und dauerhafte nicht ausschließliche Beziehungen fördern.

Als politische Strömung betrachtet das Konzept der Polyamorie die verschiedenen Lebensformen als gleichberechtigt und befürwortet den Abbau von Diskriminierungen.

Allgemeines Menschen, die sich als polyamor oder polyamorös bezeichnen, stellen die Vorstellung in Frage, dass die Zweierbeziehung und die traditionelle Einehe die einzig erstrebenswerten Formen des Zusammenlebens seien. Die Liebe ist nach ihrer Auffassung kein endliches oder limitiertes Gut, das immer nur für die Liebe zu einer einzigen Person ausreicht, sondern gegenüber mehreren Menschen in einer ganz individuellen Ausprägung in Erscheinung treten kann.West, 1996Anapol, 1997Méritt, Bührmann, Schefzig, 2005

Polyamorie wird über die emotionale Seite von Liebesbeziehungen definiert. Es steht also nicht das Erleben von Sexualität im Mittelpunkt, das allerdings – wie in jeder Liebesbeziehung – durchaus eine wesentliche Rolle spielen kann und darf. Als Bedingungen für polyamouröse Beziehungen werden vielfach größtmögliche Ehrlichkeit zwischen den Beteiligten und gegenseitiges Einverständnis genannt. Deshalb gibt es im Konzept der Polyamorie keine zu verheimlichenden Liebhaberinnen und Liebhaber. Den Menschen, die man mag, soll mit dem sich aus dem individuellen Verhältnis erwachsenden Maß an Zuneigung und Intimität begegnet werden können. Es braucht nicht geleugnet zu werden, falls man für mehr als einen Menschen Gefühle empfindet. Eifersucht und Verlustängste treten auch bei Menschen, die diese Beziehungsform gewählt haben, oft auf und sollten offen ausgesprochen werden. Eifersucht stellt in der Tat bei langfristig bestehenden Beziehungen oft die bedeutendste Hürde dar. Dem Konzept der Polyamorie zufolge soll jedoch vermieden werden, dass diese Gefühle das Handeln bestimmen, da sie sonst zerstörerisch auf Beziehungen wirken könnten.

Da in der Polyamorie im Gegensatz zur Monogamie kein Exklusivitätsanspruch gegenüber dem Partner vertreten wird, besteht keine Notwendigkeit, eine Beziehung zu beenden, wenn der Partner parallel weitere Beziehungen eingeht. Frische Verliebtheit, in englischsprachigen Foren auch „New Relationship Energy“ (kurz NRE, deutsch „Neue-Beziehungs-Energie“) genannt, wird trotz der schönen Gefühle manchmal als mit Vorsicht zu genießender Zustand gesehen. Sie mache es schwerer, die Bedürfnisse aller Partner auszugleichen, und berge die Gefahr von kurzschlüssigen Entscheidungen, deren Konsequenzen langfristig bedauert würden.

Polyamore Beziehungen können einen erheblichen emotionalen Stress bedeuten, falls es Konflikte zwischen den Partnern gibt oder Eifersuchtsgefühle aufkommen. Nach Meinung vieler polyamorer Menschen verlangen solche Situationen neben Aufrichtigkeit, Empathie und Selbstkenntnis ein überdurchschnittliches Abgrenzungsvermögen. Ob polyamore Beziehungen zwischen Menschen, die mit dieser Lebensform keine Erfahrungen haben, Bestand haben, lässt sich kaum voraussagen. Deswegen wird großer Wert darauf gelegt, dass die Beteiligten an einer solchen Beziehung diese bewusst und freiwillig wählen. Zusätzliche Beziehungen haben zudem die Tendenz, Unsicherheiten und ungeklärte Konflikte in einer Partnerschaft ans Licht zu bringen, auch wenn diese schon lange besteht. Um sich beispielsweise vor einem Ausspannen von Partnern oder vor Beziehungskonflikten in ungünstigen Lebensphasen wie der Stillzeit eines Kindes zu schützen, handeln langfristige Partner häufig vorher ein gegenseitiges, im Umfang begrenztes Vetorecht in Bezug auf neue Beziehungen aus.Anthony Ravenscroft: Polyamory: Roadmaps for the Clueless & Hopeful. Fenris Brothers, Santa Fe 2004, ISBN 1-890109-53-3, Kapitel 39.

Die Orientierung zu Mehrfachbeziehungen wird von manchen polyamoren Menschen als bewusste Wahl betrachtet; die Mehrzahl betrachtet ihre Präferenz jedoch als Folge ihrer individuellen „Verdrahtung“. Deutsch: Schlampen mit Moral: Erweiterte Neuausgabe. MVG, München 2020, ISBN 978-3-7474-0189-7. Viele Menschen, die in Mehrfachbeziehungen leben, haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass monogame Beziehungen für sie nicht funktionieren oder sie darin nicht glücklich werden. Dies wird aber in der Regel nicht zum Anlass genommen, Monogamie als individuelle Wahl abzuwerten. Hinterfragt wird jedoch die Monogamie als gesellschaftliche Norm (Heteronormativität bzw. Mononormativität) und die nach Überzeugung polyamor-denkender Menschen oft damit verbundene Doppelmoral.beispielsweise Bertrand Russell, Marriage and Morals.