Eine Flosse () ist ein breitflächiges oder saumartiges Antriebs-, Steuer- und Stabilisierungsorgan von Tieren oder Entwicklungsstadien von Tieren, die dauerhaft im Wasser leben. Im engeren Sinne werden unter Flossen die entsprechenden Organe der Fische, im weiteren Sinne auch die entsprechenden Organe von Landwirbeltieren wie Pinguinen, Meeresschildkröten, Walen und weiterer Meeressäuger sowie verschiedener wirbelloser Tiere verstanden. hochkant=2.0|mini|Benennung der Flossen am Beispiel einer Nase (Chondrostoma nasus)
Aufbau mini|Habitus eines Glänzenden Schleimkopfs (Beryx splendens)
Flossen bestehen aus einem mit Hautfalten (Flossenhaut) verbundenen Gerüst, den Flossenstrahlen. Bei Knochenfischen sind diese Strahlen verknöchert, Knorpelfische haben Hornstrahlen. In der Muskulatur werden die Flossenstrahlen mit Flossenstrahlträgern verankert. Einige Fischarten verfügen zudem auch über skelettlose Flossen (Fettflosse, siehe unten).
Die Flossenstrahlen der Knochenfische werden in Hart- (auch Stachelstrahlen) und Weichstrahlen (auch Gliederstrahlen) unterteilt. Hartstrahlen sind ungegliederte, meist glatte Knochenstückchen, Weichstrahlen bestehen aus zwei miteinander verwachsenen Hälften. Bei den Weichstrahlen wird zwischen verschiedenen Formen unterschieden: ungeteilt, ungegliedert, stachelartig ungeteilt, gegliedert fächerartig geteilt, gegliedert Sofern eine Flosse Hartstrahlen enthält, befinden diese sich immer vor den Weichstrahlen. Die Bezeichnungen Hart- und Weichstrahlen sind etwas irreführend. Hartstrahlen können durchaus biegsam und weich sein, während ungegliederte Weichstrahlen verkalkt und dornenartig sein können. Die Unterscheidung zwischen Hartstrahlen und ungegliederten Weichstrahlen ist im Zweifelsfall am leichtesten durch die Betrachtung von vorn möglich, die die beiden Hälften der Weichstrahlen erkennen lässt.
Echte Hartstrahlen sind nur bei den Stachelflossern zu finden. Bei einigen Fischen sind einige Hartstrahlen mit Giftdrüsen versehen (z. B. den Skorpionfischen, Petermännchen, Kaninchenfischen) und auch ein sägeförmiges Profil an der Rückseite ist möglich.
Einteilung und Anordnung mini|Aus dem bemuskelten paarigen Flossentyp (Sarcopterygium) der Fleischflosser haben sich die Gliedmaßen der Landwirbeltiere entwickelt
Die meisten Fische verfügen über sieben Flossen. Sie sind paarig und unpaarig (einzelne Flossen) am Fischkörper angeordnet. Die paarigen Flossen sind homolog zu den Gliedmaßen der Landwirbeltiere (Tetrapoda), haben jedoch, außer bei den Fleischflossern, keine Verbindung mit der Wirbelsäule.
Paarige Flossen: Brustflosse (Pectorale, pinna pectoralis) Bauchflosse (Ventrale, pinna ventralis)
Unpaarige Flossen: Rückenflosse (Dorsale, pinna dorsalis) Schwanzflosse (Caudale, pinna caudalis) Afterflosse (Anale, pinna analis)
mini|Fettflosse einer Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) mini|Rückenflosse eines Döbels (Leuciscus cephalus), deutlich zu erkennen ist die fächerartige Teilung der Weichstrahlen Manche Arten (Welsartige, Salmler, Lachsartige) haben außerdem zwischen Rücken- und Schwanzflosse einen fleischigen Hautsack, die Fettflosse.
In Anpassung an den jeweiligen Lebensraum ist diese Grundkonfiguration bei vielen Fischen teilweise deutlich modifiziert, so können Flossen geteilt, miteinander verwachsen oder stark in der Form verändert sein und sogar vollständig fehlen. Funktionale Anpassungen konnten so weit gehen, dass die jeweilige Flosse nicht mehr gemäß ihrem ursprünglichen Zweck als Fortbewegungsorgan Verwendung findet.
Rückenflosse mini|Flussbarsch (Perca fluviatilis) mit hartstrahliger vorderer und weichstrahliger hinterer Rückenflosse
Die Funktion der Rückenflosse oder Dorsale (Abkürzung D; kurz für lateinisch pinna dorsalis)Manfred Klinkhardt: D., pinna dorsalis. In: Claus Schaefer, Torsten Schröer (Hrsg.) Das große Lexikon der Aquaristik. 2 Bände, Eugen Ulmer, Stuttgart 2004, ISBN 3-8001-7497-9, Band 1, S. 318, und Band 2, S. 778. entspricht der eines Kiels, das heißt, sie stabilisiert die senkrechte Haltung des Fisches im Wasser. Sie kann in mehrere Teile (z. B. Barsche) oder auch eine ganze Reihe von kleinen Abschnitten geteilt sein (beispielsweise Flössler). Die Länge der Rückenflosse und ihre Stellung am Körper ist sehr variabel. Meist befinden sich im vorderen Teil der Rückenflosse Hartstrahlen oder es existiert eine komplett hartstrahlige vordere Rückenflosse. Die Stichlinge haben sogar vor einer hinteren Rückenflosse völlig freie und bewegliche Stacheln. In manchen Fällen verfügen die Hartstrahlen über einen Sperrmechanismus, mit dem sie ohne Muskelkraft aufrecht gehalten werden können. Nur in sehr seltenen Fällen fehlt die Rückenflosse (z. B. Zitteraal).
Spezialformen: Für Seenadeln dient diese Flosse (zusammen mit den Brustflossen) der Erzeugung des Vortriebs. Die meisten Armflosser haben aus Flossenstrahlen der Rückenflosse Köder zum Anlocken potentieller Beute entwickelt. Bei den Schiffshaltern ist die Rückenflosse zu einem Haftorgan umgebildet.
Afterflosse Die Afterflosse ähnelt in Funktion und Form der Rückenflosse. Auch sie kann geteilt sein und im vorderen Teil Hartstrahlen aufweisen.
Spezialformen: Einige Familien der Zahnkärpflinge haben die Afterflosse in ein Begattungsorgan umgewandelt: Das Gonopodium bei Lebendgebärenden Zahnkarpfen. Das Andropodium bei Hochlandkärpflingen und Halbschnabelhechten.
Brustflossen Entsprechend ihrer Funktion als Höhensteuer, Bremse und Stabilisierungsorgan ist eine Brustflosse oder Pectorale (Abkürzung P; kurz für lateinisch pinna pectoralis)Manfred Klinkhardt: P., pinna pectoralis. In: Claus Schaefer, Torsten Schröer (Hrsg.) Das große Lexikon der Aquaristik. 2 Bände, Eugen Ulmer, Stuttgart 2004, ISBN 3-8001-7497-9, Band 2, S. 736 und 778. meist beweglich, weich und transparent. Brustflossen sind über das Skelett mit dem Schädel verbunden und befinden sich deshalb fast immer direkt hinter den Kiemendeckeln. Gelegentlich ist die Vorderkante, wie beispielsweise bei vielen Welsen, durch harte Weichstrahlen verstärkt. Auch diese Flossen können mitunter fehlen, so etwa bei den Muränen. Lippfische und Doktorfische schwimmen durch gleichzeitige Schläge der Brustflossen (labriform), hier sind die Brustflossen das Hauptantriebsorgan.
Spezialformen: Eine flügelartige Abwandlung der Brust- und Bauchflossen erlaubt den Fliegenden Fischen längere Gleitflüge in der Luft über der Wasseroberfläche. Die Schlammspringer können sich mit Hilfe ihrer stielartigen Brustflossen an Land fortbewegen.
Bauchflossen Diese Flossen sind in der Regel relativ klein, sie übernehmen Steuerungsfunktionen. Die Lage am Fischkörper variiert zwischen bauch-, brust- und in seltenen Fällen, noch vor den Brustflossen befindlich, kehlständig. Von allen Flossenarten fehlen diese Flossen am häufigsten, so haben unter anderem Aalartige, Seewölfe und die meisten Kugelfischverwandten keine Bauchflossen.
Spezialformen: Eine aus den Bauchflossen gebildete Saugscheibe gestattet es den Grundeln, den Schildfischen und den Seehasen, besseren Halt auf steinigem Untergrund zu finden. Fadenfische tragen Geschmacksknospen an ihren fadenförmig verlängerten Bauchflossen. Knurrhähne verfügen über Tastorgane, die aus den ersten Strahlen der Bauchflossen gebildet wurden. Bei Knorpelfischen und Plattenhäutern sind bei den Männchen Teile der Bauchflossen zu Klaspern umgewandelt, die als paarige Begattungsorgane dienen.
Schwanzflosse Zusammen mit dem Schwanzstiel ist die Schwanzflosse bei vielen Fischen das Hauptantriebsorgan. Fische erzeugen den Vortrieb in der Regel, indem sie ihren Körper mit kräftigen, seitlichen Schlägen nach vorn durch das Wasser drücken. Der Fischkörper vollzieht dabei zugleich kräftige wellenartige Bewegungen in der Sagittalebene. Die Strahlen der Schwanzflosse sind direkt mit der Wirbelsäule verbunden. Nur bei sehr wenigen, hochspezialisierten Arten, wie z. B. den Seepferdchen, fehlt die Schwanzflosse.
Schwanzflossen werden nach ihrer Anatomie in sechs verschiedene Typen eingeteilt (vgl. Grafik): mini|Schwanzflossentypen (Auswahl):A heterocerk, B protocerk,C homocerk, D diphycerk
Heterocerk (A): Das Ende der Wirbelsäule biegt sich nach oben und stützt den oberen größeren Teil der Schwanzflosse, so etwa bei den meisten Haien und urtümlichen Knochenfischen wie den Störartigen (Acipenseriformes) und den Knochenhechten (Lepisosteidae). Protocerk (B): Das Ende der Wirbelsäule ist gerade. Die Schwanzflosse bildet einen Saum um sie herum, z. B. bei den Aalartigen (Anguilliformes). Homocerk (C): Die Schwanzflosse ist symmetrisch, beispielsweise bei den meisten Echten Knochenfischen (Teleostei). Trotzdem kann sich das Ende der Wirbelsäule bei primitiven Formen noch etwas nach oben biegen. Es ist äußerlich nicht mehr sichtbar, zeigt aber, dass sich die homocerke Schwanzflosse aus der heterocerken entwickelt hat. Diphycerk (D): Das Ende der Wirbelsäule ist gerade. Die Schwanzflosse besteht aus zwei Teilen oberhalb und unterhalb der Wirbelsäule, etwa bei den Quastenflossern (Latimeria). Hypocerk: Das Ende der Wirbelsäule biegt sich nach unten und stützt den unteren Teil der Schwanzflosse, z. B. bei den Ichthyosauriern. Gephyrocerk: Eine sekundäre, als Clavus (lat. „Nagel“) bezeichnete Schwanzflosse schließt saumartig den stumpf endenden Körper ab. Dies tritt nur bei den Mondfischen (Molidae) auf. Mitunter wird der Clavus auch dem diphycerken Typ zugeordnet, jedoch bildet sich bei Mondfischen während des Larvenstadiums die knorpelige Anlage der primären Schwanzflosse vollständig zurück, und der Clavus bildet sich aus den hinteren Anteilen der Rücken- und Afterflosse.G. David Johnson, Ralf Britz: Leis’ Conundrum: Homology of the Clavus of the Ocean Sunfishes. 2. Ontogeny of the Median Fins and Axial Skeleton of Ranzania laevis (Teleostei, Tetraodontiformes, Molidae). In: Journal of Morphology. Bd. 266, Nr. 1, 2005, S. 11–21, doi:10.1002/jmor.10242
Flossenformel Die Anzahl und Art der Flossenstrahlen lässt sich mit Hilfe der sogenannten Flossenformel beschreiben.
Die Angaben zu den einzelnen Flossen setzen sich aus drei Bestandteilen zusammen: Flossenbezeichnung, Anzahl der Hartstrahlen, Anzahl der ungeteilten und geteilten Weichstrahlen.
Die Flossen werden mit dem lateinischen Namen angegeben, oft nur mit dem ersten Buchstaben: A für die Afterflosse (Anale), C für die Schwanzflosse (Caudale), D für die Rückenflosse (Dorsale) und P für die Brustflossen (Pectorale). Ist eine Flossenart mehrfach vorhanden, wird zur Zählung eine arabische Ziffer unmittelbar hinter dem Buchstaben angegeben.
Hartstrahlen werden mit römischen, Weichstrahlen mit arabischen Zahlen angegeben. Da Hartstrahlen und ungeteilte Weichstrahlen immer am Flossenanfang, die geteilten Weichstrahlen immer im hinteren Teil der Flosse stehen, lässt sich durch die Trennung mit einem Schrägstrich eine eindeutige Darstellung erzeugen.
Beispiele: D I/5: In der Rückenflosse folgen auf einen Hartstrahl fünf Weichstrahlen. D2 3/9: In der zweiten Rückenflosse folgen auf drei ungeteilte Weichstrahlen neun geteilte Weichstrahlen. D II(-III)/7: In der Rückenflosse folgen auf zwei, in Ausnahmefällen drei, Hartstrahlen sieben Weichstrahlen. A II-III/5-7: In der Afterflosse folgen auf zwei bis drei Hartstrahlen fünf bis sieben Weichstrahlen.
Eine Flossenformel am Beispiel des Forellenbarschs: Dorsale X-XI/12-13, Anale III/10-11. Oder kürzer: D X-XI/12-13, A III/10-11.
In der Flossenformel werden oft nicht alle Flossen aufgeführt. Besonders die Angaben zur Schwanzflosse fehlen häufig, da diese weniger signifikant ist und wegen der Vorstrahlen schwerer abzählbar sein kann.
Bemerkungen zur Evolution der Flossen Bedeutung der Flossen für die Systematik Form, Aufbau und Anzahl der Flossen sind charakteristisch für eine Art und spielen daher eine wichtige Rolle bei deren Beschreibung und Bestimmung.
Entwicklung des Schwanzflossenskeletts der Knochenfische