mini|Rotkäppchen pflückt Blumen, wie der Wolf ihm empfohlen; Illustration von Carl Offterdinger (19. Jh.) mini|Mutter gibt Rotkäppchen guten Rat mit auf den Weg (Illustration von Otto Kubel, entstanden um 1930) mini|Rotkäppchen begegnet dem bösen Wolf im Wald (Illustration von Julius von Klever, 1887)

Rotkäppchen ist ein Märchen. Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm als Rothkäppchen an Stelle 26 (KHM 26) und geht durch mündliche Weitergabe über Johanna und Marie Hassenpflug auf Charles Perraults Le Petit Chaperon rouge in Contes de ma Mère l’Oye (1695/1697) zurück. Ludwig Bechstein übernahm das Märchen 1853 von den Brüdern Grimm in sein Deutsches Märchenbuch als Das Rotkäppchen (Nr. 9). Andere Titel sind Rotkäppchen und der (böse) Wolf, im österreichischen Burgenland und Ungarn auch Piroschka (von ungarisch piros: rot). Als europäisches Märchen ist es als Typ ATU 333 eingeordnet.

Überlieferung mini|Der Wolf späht zum Fenster an Großmutters Haus hinein; Illustration von Walter Crane (1845–1915)

Die beiden ersten literarischen Rotkäppchenversionen stammen von Charles Perrault aus den Jahren 1695 (Perrault’s Tales of the Mother Goose, The Dedication Manuscript of 1695, Hrsg. Jacques Barchilon, 2 Bände, New York 1956, The Pierpont Morgan Library) und 1697 (Contes de Perrault, Paris 1697, Faksimile-Druck, Hrsg. Jacques Barchilon, Genf 1980). Die Brüder Grimm veröffentlichten die Geschichte im ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen von 1812 unter der Nummer 26. Rotkäppchen gehört zu den am häufigsten bearbeiteten, interpretierten und parodierten Märchen.

Inhalt mini|Rotkäppchen wundert sich über Großmutters Aussehen (Illustration von Gustave Doré aus dem Märchenbuch Les Contes de Perrault, Paris 1862) mini|Der Jäger hat den Wolf erlegt, Steine in dessen Bauch eingenäht, Rotkäppchen und Großmutter sind befreit (Illustration von Arpad Schmidhammer, um 1910)

Ein kleines Mädchen, dem seine Großmutter einst eine rote Kappe geschenkt hatte, daher Rotkäppchen genannt, wird von der Mutter zu der in einem Haus im Wald wohnenden, bettlägerig kranken Großmutter mit einem Korb mit Leckereien (Kuchen und Wein) geschickt. Die Mutter warnt Rotkäppchen eindringlich, es solle nicht vom Weg abgehen. Im Wald lässt es sich auf ein Gespräch mit einem Wolf ein. Dieser horcht Rotkäppchen aus und macht es auf die schönen Blumen auf einer nahen Wiese aufmerksam, worauf Rotkäppchen beschließt, noch einen Blumenstrauß zu pflücken, der Warnung der Mutter zum Trotz. Der Wolf eilt geradewegs zur Großmutter und verschlingt sie. Er legt sich in deren Nachthemd in ihr Bett und wartet auf Rotkäppchen. Bald darauf erreicht Rotkäppchen das Haus, tritt ein, und begibt sich in (bei Perrault) bzw. an (bei den Brüdern Grimm) Großmutters Bett. Dort wundert sich Rotkäppchen über die Gestalt seiner Großmutter, erkennt aber den Wolf nicht, bevor es ebenfalls verschlungen wird. Bei Perrault endet das Märchen hier.

Großmutter und Rotkäppchen werden bei den Brüdern Grimm vom Jäger aus dem Bauch des schlafenden Wolfes befreit. Dem Wolf werden stattdessen Steine in den Bauch gefüllt. Wegen des Gewichts der Steine kann der Wolf nicht fliehen und stirbt. In einer italienischen Version, Die falsche Großmutter, befreit sich Rotkäppchen durch seine eigene Schlauheit und flieht. Der Wolf stirbt anschließend.

Legenden zu Rotkäppchens Tracht mini|Schwälmer Kindertracht (Rotkäppchen) im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Die beiden ersten Ausgaben der Märchensammlung hatten noch keine Abbildungen, erst für die Kleine Ausgabe des Märchenbuches hat 1825 ein weiterer der Brüder Grimm – Ludwig Emil Grimm – sieben Kupferstiche beigesteuert. Während seiner Aufenthalte in der Schwalm schuf Ludwig Emil viele Trachtendarstellungen. In der Heimat der Brüder Grimm war es vor allem der Marburger „Märchenillustrator“ Otto Ubbelohde (1867–1922), der den Grimmschen Märchen eine deutlich hessische Gestalt verlieh, als er in der Schwalm und entlang der Lahn neben konkreten Bildern von Landschaften und Bauwerken auch die hessische Tracht vielfach motivisch in seinen Zeichnungen verwandte. Beispielsweise erscheinen Schneeweißchen und Rosenrot in der Kleidung junger Schwälmerinnen, Hänsel und Gretel finden Zuckergebäck an einem hessischen Fachwerkhaus oder Rapunzel lässt ihr Haar an einem Turmhaus im hessischen Amönau (bei Marburg) herunter. Obwohl Otto Ubbelohde das kleine Mädchen mit der roten Kappe nicht in der Schwälmer Tracht zeichnete, entwickelte sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert der Begriff des Rotkäppchens aus dem Grimmschen Märchen in diese Richtung. Rotkäppchen wird heute in der Schwalm touristisch erfolgreich vermarktet. Die Zeichnungen von Gerhardt von Reutern (1794–1865) und Ludwig Emil Grimm (1790–1863) aus den 1820er Jahren liegen als früheste künstlerische Zeugnisse vor, ihre trachtentragenden Kinder haben einen wesentlichen Anteil an dem zum biedermeierlichen Idyll stilisierten Schwälmer Volksleben. Später erschienen Schwälmer Kinder auf Gemälden der Willingshäuser Malerkolonie als Märchenillustrationen, was Rotkäppchen in Schwälmer Tracht zum touristischen und folkloristischen Emblem Hessens machte, Hessen selbst zum Rotkäppchenland.

Neben der hessischen Schwalm wurden noch Sachsen-Altenburg und das württembergische Betzingen mit deren Knaben- und Mädchentrachten zum Inbegriff dieses Genres. Auch das märkische Wiepersdorf meldete Anspruch auf Rotkäppchens Tracht; Ludwig Emil Grimm soll für die Kleine Ausgabe auf eine ihrer Kindertrachten zurückgegriffen haben, mit typischem weißen Hemd mit schwarzem Mieder, rotem Rock und weißer Schürze, als er Achim von Arnim besuchte.

Interpretation Das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf kann so interpretiert werden, dass es junge Mädchen vor Übergriffen gewalttätiger Männer warnen soll. Die Moral am Ende des Märchens in der Fassung von Perrault lautet:

Nach dem Psychoanalytiker Bruno Bettelheim geht es in diesem Märchen um den Widerspruch zwischen Lust- und Realitätsprinzip. Rotkäppchen sei einem Kind gleich, das sich bereits mit Pubertätsproblemen herumschlägt, aber die ödipalen Konflikte nicht bewältigt hat. Es benutzt seine Sinne. Damit entsteht das Risiko, verführt zu werden. Anders als bei Hänsel und Gretel, wo ebenfalls Haus und Waldhaus identisch sind, sind Mutter und Großmutter hier zur Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft, dafür das männliche Prinzip in Wolf und Jäger gespalten.Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. 31. Auflage. dtv, München 2012, ISBN 978-3-423-35028-0, S. 191–211.

Für den Psychiater Wolfdietrich Siegmund ermutigt das Märchen zum Durchhalten, wo man sich nicht selbst befreien kann, obwohl man nicht schuld ist. Das sei für depressive Menschen wichtig. Fragwürdig sei, wenn Rotkäppchen in einer modernen Fassung ein Messer dabei hat und von innen den Bauch aufschneidet.Frederik Hetmann: Traumgesicht und Zauberspur. Märchenforschung, Märchenkunde, Märchendiskussion. Mit Beiträgen von Marie-Louise von Franz, Sigrid Früh und Wolfdietrich Siegmund. Fischer, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-596-22850-6, S. 128–129. Homöopathen verglichen das Märchen mit den Arzneimitteln Belladonna, Lycopodium, Drosera und Tuberculinum.Bernhard Schmid: Belladonna. Im tiefen Wald. In: Documenta Homoeopathica. Band 17. Verlag Wilhelm Maudrich, Wien / München / Bern 1997, S. 141–150; Herbert Pfeiffer: Die Umwelt des kleinen Kindes und seine Arznei. In: Uwe Reuter, Ralf Oettmeier (Hrsg.): Die Wechselwirkung von Homöopathie und Umwelt. 146. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Erfurt 1995, S. 46–64; Martin Bomhardt: Symbolische Materia medica. 3. Auflage. Verlag Homöopathie + Symbol, Berlin 1999, ISBN 3-9804662-3-X, S. 518, 1376. Der Neurologe Manfred Spitzer schrieb 2014, Rotkäppchen bleibe gesünder als der gestresste Wolf, weil es den Kontrollverlust nicht so stark erlebe.Manfred Spitzer: Rotkäppchen und der Stress. (Ent-) Spannendes aus der Gehirnforschung. Schattauer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-86739-102-3, S. 23–26.

Rotkäppchen – Ursprünge und Entwicklung Das Märchen Rotkäppchen ist eine der bekanntesten Erzählungen Europas. Im Laufe der Zeit hat sich die Geschichte in verschiedener Hinsicht gewandelt, sie wurde immer wieder neu erzählt und neu interpretiert und legte immer wieder neue moralische Aussagen nahe. Auch wurde der Text mehrere Male komplett geändert, ausgeweitet, benutzt, parodiert und als satirische Maske für ganz andere Mitteilungsabsichten verwendet. Es entstanden Fassungen, die die Hauptfigur aus dem Wald in eine neue Umgebung versetzten und eine grundsätzlich neue Handlung erfanden. Im Folgenden soll die Entwicklung der Geschichte an einigen ausgewählten Beispielen deutlich gemacht werden.

Entstehung Die Geschichte von dem kleinen, naiven Mädchen, das vom Wolf hinters Licht geführt und wie seine Großmutter schließlich gefressen wird, war ursprünglich eine Volksüberlieferung, die von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurde. Daher kann kein genauer Entstehungszeitpunkt bestimmt werden.

Nach der Theorie des Italieners Anselmo Calvetti könnte die Geschichte in der Frühgeschichte der Menschheit erstmals erzählt worden sein. Sie könnte Erfahrungen verarbeiten, die die Menschen bei einem Initiationsritus zur Aufnahme in den Stammesclan machten. Hierbei wurden sie symbolisch von einem Ungeheuer (dem Totemtier des Clans) verschlungen, mussten körperliche Schmerzen und kannibalische Handlungen ertragen, um schließlich „wiedergeboren“ zu werden und damit als erwachsene Mitglieder des Stammes zu gelten.

In einigen Rotkäppchen-Versionen taucht dieser Kannibalismus wieder auf. Das hungrige Rotkäppchen isst vom Fleisch der Großmutter und trinkt von ihrem Blut, ohne dies zu wissen. Die Verwendung des Wolfes als böse Macht könnte auf die Angst der Menschen vor Werwölfen zurückgehen. Besonders im 16. und 17. Jahrhundert gab es, ähnlich wie die Hexenverfolgungen, zahlreiche Prozesse, in denen Männer beschuldigt wurden, Werwölfe zu sein und Kinder gefressen zu haben.

Einzelne Motive der heute bekannten Fassung können weit zurückverfolgt werden. So gibt es beispielsweise den Mythos von Kronos, der seine eigenen Kinder verschlingt. Als Rhea nun mit Zeus schwanger und es leid war, dass ihr Mann ihre Kinder verschlingt, wickelte sie einen Stein in Windeln und gab diesen anstelle von Zeus Kronos. Später befreite Zeus seine Geschwister und den Stein aus dem Bauch seines Vaters. In der Spruch- und Erzählsammlung Fecunda ratis, die Egbert von Lüttich um 1023 verfasste, findet sich die Geschichte eines kleinen Mädchens, das in Gesellschaft von Wölfen aufgefunden wird und ein rotes Kleidungsstück besitzt.

Die Brüder Grimm, die die einzelnen Texte ihrer Kinder- und Hausmärchen (zuerst 1812) über mehrere Jahrzehnte bis zur Ausgabe letzter Hand von 1857 immer wieder im Sinne der Anpassung an ihre eigenen Absichten wie an die Moden der Zeit änderten und ergänzten, manche sogar entfernten, schrieben auch von Anfang an ebenfalls laufend geänderte Kommentare zu den Märchen. In der Urausgabe von 1812 geht Rotkäppchen allerdings noch fast ganz leer aus, es findet sich nur der Hinweis, man habe dieses Märchen „nirgends angetroffen, als bei Perrault (chaperon rouge) wonach Tiecks Bearbeitung“.Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Herausgegeben von Friedrich Panzer, Wiesbaden 1947, S. 299.