mini|hochkant|US-Splitterhandgranate M61 mini|Jugoslawische M75 mit Transportbehälter
Eine Handgranate (Deutschland: HGr, Schweiz: HG) ist eine mit der Hand auf ein Ziel zu werfende Granate. Handgranaten sind mit einer Sprengladung gefüllte und einem Zeit- oder Aufschlagzünder versehene Metall- oder Kunststoffhohlkörper. Zur Steigerung der Splitterwirkung kann die Wandung des Hohlkörpers mit Sollbruchstellen versehen sein oder selbst weitere Metallteile (bspw. Kugeln) enthalten. Manche Modelle wirken durch die Verwendung von Kampfstoffen oder Brandmitteln.
Handgranaten sind seit dem Mittelalter in der älteren Form der Granate mit Luntenzündung bekannt und wurden als Waffe der Grenadiere zum Ende des 17. Jahrhunderts von fast allen europäischen Armeen eingesetzt. Später wurden vor allem Handgranaten mit Aufschlagzünder verwendet. In der neueren Form der Eier- oder Stielhandgranate mit Abreißzünder oder Hebelzünder gehören sie seit dem Ersten Weltkrieg zum Waffenarsenal sämtlicher Armeen. Frühe Formen sind als Brandwurfgeschosse bereits aus der Antike bekannt.
Wortherkunft Das Wort „Granate“ stammt aus dem Lateinischen, von grānātus = „mit Körnern, Kernen versehen“.Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Stichwort grānātus. Dies geht dabei auf die Bezeichnung des Granatapfels = [mālum] grānātum zurück, der seine vielen „Samenkerne“ auch explosionsartig verteilt, wenn man ihm gewaltsam zu Leibe rückt.
Geschichte mini|Keramikhandgranaten aus dem 17. Jahrhundert, gefunden in Ingolstadt mini|Mit Schwarzpulver gefüllte französische Glashandgranaten von 1740 (bei Ausgrabungen in Freiburg gefunden)
Erste Belege für die Verwendung der Waffe datieren aus dem China der Song-Dynastie (960 bis 1279). Im Westen wurde sie zuerst nachweisbar im Byzantinischen Reich und spätestens seit dem 16. Jahrhundert in Europa verwendet. Zunächst handelte es sich um Keramik- oder Glasgranaten, die mit Schwarzpulver gefüllt und mit hölzernen Zündröhren mit einer langsam brennenden Pulvermischung ausgerüstet waren. Sie wurden vermutlich aus früheren Sturmtöpfen weiterentwickelt. Mehrere Hundert keramische (Hand-)Granaten aus dem 17. Jahrhundert, die beim Bau einer Tiefgarage im Jahre 1983 zu Tage gefördert wurden, sind aus der Landesfestung Ingolstadt erhalten.Andreas Franzkowiak, Chris Wenzel: Keramikgrantaten aus dem 17. Jahrhundert In: Bund Deutscher Feuerwerker und Wehrtechniker: Mitteilungen, Heft 2, März/April 2019, S. 10–14. Ab dem 17. Jahrhundert wurden keramische und gläserne Granaten zunehmend von Metallgranaten aus Gusseisen oder Bronze abgelöst. Es sind jedoch auch Varianten aus Holz überliefert, die neben solchen aus Pappe als Übungshandgranaten dienten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden in den meisten europäischen Armeen Soldaten und ganze Einheiten integriert, die auf den Kampf mit Handgranaten spezialisiert waren; diese Soldaten wurden Grenadiere genannt. Im amerikanischen Fort Ticonderoga wurden kugelförmige eiserne Handgranaten aus dem 18. Jahrhundert gefunden. Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Krimkrieg und Amerikanischen Bürgerkrieg Handgranaten intensiv verwendet. Im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 kamen sie zum letzten Mal vor dem Ersten Weltkrieg in größerem Umfang zum Einsatz.
Seit 1914 kam die Waffe im Grabenkrieg während des Ersten Weltkrieges zum Einsatz. Hier war dem Angreifer der Wurf möglich, ohne den Körper aus der Deckung zu heben. So konnte man vermeiden, in den Wirkungsbereich feindlicher Schützen oder von Granatsplittern zu geraten. Zu Beginn des Krieges verfügten nur die deutsche und die türkische Armee über ausreichende Mengen an Handgranaten. Die britische Armee hatte ihre Handgranaten bereits 1870 ausgemustert und musste nun nach dem Rückgriff auf behelfsmäßig an der Front gebastelte Stielgranaten („Kartoffelstampfer“) 1915 notgedrungen die Mills-Granate einführen.
Bekannte Modelle aus dem Zweiten Weltkrieg sind die US-amerikanische Mk 2 („Ananas“) sowie die sowjetische F 1, aus dem Vietnamkrieg die US-amerikanischen M61 und M67. Bemerkenswert sind die japanischen Typ 4 Handgranaten aus Keramik, die aufgrund der zunehmenden Metallknappheit gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelt und eingesetzt wurden.
Verwendung mini|Handgranatenwurf, Übung Die Handgranate wird im taktischen Einsatz im Regelfall zur Bekämpfung von Soldaten bis zur Distanz von etwa 30–40 Metern verwendet, das heißt der durch menschliches Wurfvermögen erreichbaren Entfernung. Zum Einsatz kommt sie dort, wo der Gegner, wie zum Beispiel im Häuserkampf, bei Grabenkämpfen sowie bei Angriffen auf Bunker, eine eingeschränkte Bewegungsfähigkeit hat, sowie um aus der Deckung heraus Ziele zu bekämpfen, ohne sich durch eigenen Handwaffeneinsatz exponieren zu müssen. Die Explosion einer Handgranate in einem geschlossenen Raum ist meist für alle im Wirkungsbereich befindlichen Personen tödlich.
Offensive und defensive Verwendung mini|Zur Sprengfalle umfunktionierte jugoslawische M52-Handgranate, Auslösung durch Stolperdraht
Beim Waffeneinsatz erfordern unterschiedliche taktische Situationen verschiedene Relationen zwischen Wurfweite und Splitterradius.
Offensive Granaten haben einen relativ kleinen, unterhalb der Wurfweite liegenden Gefahrenbereich und können somit auch ohne Deckung des Angreifers eingesetzt werden. Sie werden für das Eindringen in feindliche Stellungen verwendet, sind meist nur mit einem dünnen Blechmantel oder Kunststoffgehäuse versehen und haben nahezu keine Splitterwirkung. Sie beschränken sich auf die Druckwellenwirkung ihrer Sprengladung.
Defensive Splittergranaten werden im Gegensatz dazu aus der Deckung, etwa aus einem oder in einen Graben geworfen. Der Splitterradius ist größer als bei vergleichbaren offensiven Handgranaten und größer als die Wurfreichweite, d. h. der Werfer muss sich in Deckung begeben. Sie sind entweder mit einem dicken Splittermantel versehen oder das Kunststoffgehäuse enthält zusätzlich Splitterkörper. Durch das Aufschieben von Splitterringen können offensive Granaten (sofern diese Option vorgesehen ist) in defensive umfunktioniert werden.
Handgranaten werden ebenfalls häufig zum Herstellen improvisierter Sprengfallen benutzt.
Technischer Aufbau mini|Zerlegte Übungsgranate
Die wesentlichen Elemente einer Handgranate sind: Sprengstofffüllung Zusätzliche schädigende Elemente wie Splitter, Gifte oder Brandmittel Aufschlag- oder Zeitzünder Sicherungselemente
Dargestellt auf der Abbildung ist eine Übungshandgranate DM58 (von links nach rechts): Hebel (der nach Abziehen des Stifts allein die Handgranate sichert, entweder in der Hand des Werfers oder durch sonstige Methoden), Sicherungsstift, Auslösemechanik nebst Zündladung, eigentliche Sprengstofffüllung sowie Mantelelement aus o. g. Bestandteilen (hier Splittermantel).
Füllungen Die für Handgranaten heute üblicherweise verwendeten Sprengstoffe sind TNT, Hexogen, PETN und Composition B. Die prinzipiell auch als Handgranaten verwendeten Molotow-Cocktails haben dagegen leicht entflammbare Flüssigkeiten als Füllung. Die sekundär wirkenden Bestandteile der Handgranate liegen zur Erzielung eines optimalen Wirkungsradius radial außerhalb des explosiven Kerns.
Zündmechanismen Unabhängig von der Wirkungsart werden Handgranaten in Bezug auf den Detonationsmechanismus in aufschlagszündende (früher auch Perkussionszünder genannte) und zeitzündende Waffen unterteilt.
Aufschlagszündende Handgranaten lassen die Waffe bei Bodenberührung mittels verschiedenster Mechanismen explodieren. Diese Technik hat den Vorteil, dass der Gegner der Waffe weder ausweichen noch diese zurückschleudern kann und die Gefahr eines Zurückrollens bei abschüssigem Gelände ausgeschlossen ist.
Aufbau und Funktion der Elemente einer Handgranate mini|Zündrichter Borstein Granat Modell 1935:1. Verschluss, 2. Kartonverschluss, 3. Klemme, 4. Schlagachse, 5. Feder, 6. Schlagbolzen, 7. Unterlegscheibe aus Leder, 8. Gewinde, 9. Zündkörper, 10. Docht, 11. Zündpaste, 12. Detonator, 13. Zündpaste 1, 14. Auslöseklinke, 15. Sicherungsstift, 16. Schalthebel, 17. Gesamtansicht mini|Elemente einer Stielhandgranate
Anhand der schematischen Darstellung des Aufbaus einer Stielhandgranate sind die verschiedenen Komponenten einer typischen Handgranate ersichtlich. Zuerst ist die vom Soldaten erst unmittelbar vor dem Einsatz der Granate ins Innere des Granatenkopfes einzuführende Sprengkapsel zu erwähnen. Dadurch sollen unabsichtliche Zündungen mit Sprengwirkung verhindert werden. Wurde eine Granate ohne Sprengkapsel gezündet, so stoppte die chemische Reaktion, ohne die nötige Energie für eine Zündung der Hauptladung aufzubringen. Auch wurde die Gefahr, die durch ein Feuer oder große Hitzeentwicklung in den eigenen Reihen entstanden wäre, vermindert. Selbst wenn eine Granate dieses Typs ohne Sprengkapsel hohen Temperaturen (> 600 °C) ausgesetzt wäre, liefe die Explosionsreaktion der Hauptladung verzögert und weniger heftig ab. Dies gäbe den Soldaten die nötige Zeit, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen, sich also zu entfernen oder das Feuer zu löschen. Auch bei modernen Granaten dieses Typs und bei Eierhandgranaten ist das Einsetzen eines Reaktionselements vor dem Einsatz üblich.
Weitere Sicherheitsmaßnahmen sind Bleiperle und Bleimantel als Elemente der Zündeinheit. Die Bleiperle, welche die Reißschnur unterteilt, sollte Blindgänger verhindern. War die Stielhandgranate hohen Temperaturen (über 327 °C, dem Schmelzpunkt von Blei) ausgesetzt, war es wahrscheinlich, dass der komplette Zündmechanismus abbrannte. Dies hätte von außen nicht erkannt werden können, höchstens über den Widerstand der Reißschnur beim Auslösen. In diesem Fall wäre die Handgranate aber schon scharf gemacht worden. Aus Sicherheitsgründen hätte der Soldat eine solche Granate also ohnehin wegwerfen müssen. Das Gebiet, in dem diese Handgranate dann lag, wäre durch die Möglichkeit einer Spontanzündung gefährdet gewesen. Somit war es besser, Blindgänger von vornherein auszusondern. War auch der Bleimantel weggeschmolzen, so war die Zündung durch Reibungsenergie nicht mehr möglich. Dies sollte bei Granaten, die Temperaturen kurz vor der Entfachung der Zündeinheit ausgesetzt waren, die gefürchtete 'Schwelzündung' verhindern. Bei Temperaturen um 350 °C hatte der Zündstoff unter Umständen bereits 'still' reagiert und brannte dann nach der Zündung unregelmäßig und verzögert (schwelend, daher Schwelzündung) ab. Solche oder ähnliche Sicherheitsvorkehrungen finden in so gut wie allen modernen Handgranaten Verwendung.
Besondere Beachtung sollte der Zeitstempel finden. Mit ihm war es möglich, einen Zeitraum zwischen Zündung und Explosion der Handgranate zu bestimmen und auch zu variieren. Allerdings wurde dies in der Regel bereits in der Produktion getan. Dem einfachen Soldaten war es normalerweise nicht möglich, den Zeitstempel einzustellen. Die Verzögerungszeit bis zur Explosion der Granate konnte im Zeitstempel sowohl mittels des verwendeten Reaktionsgemisches (Reaktionsgeschwindigkeit) als auch der Verteilung und der Menge des Reaktionsgemisches eingestellt werden. Zeitstempel finden in verschiedenen Variationen notwendigerweise in allen Handgranaten Gebrauch. Bei dem dargestellten Modell eines Zeitstempels ist auch die Zündeinheit integriert. Durch ruckartiges Abziehen der Reißschnur wurde der Bleimantel über das Reibehütchen gezogen. Dadurch kam es durch die Reibungsenergie, ähnlich wie bei einem handelsüblichen Streichholz, zur Entfachung des Zündstoffes im Verzögerungsröhrchen. Die Reaktionsenergie steigerte sich dabei: angefangen beim Abbrennen des Reibehütchens, über das Abbrennen des Verzögerungsröhrchens bis hin zur Explosion der Sprengkapsel, welche die Hauptladung auslöste.
Typen von Handgranaten Mittelalter mini|Mit griechischem Feuer gefüllte Handgranaten etwa 10.–12. Jahrhundert (umgeben von Krähenfüßen), Nationalhistorisches Museum Athen, Griechenland