ʿUlamā' , deutsch Ulama oder Ulema (, Mehrzahl von ),Vgl. Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Wiesbaden 1968, S. 572. heißen die Religionsgelehrten des Islam. Ihre Organisation und ihr Einfluss variieren in den unterschiedlichen islamischen Gemeinschaften. Am stärksten ist sie im schiitischen Islam der Islamischen Republik Iran, wo ihre Rolle mit der iranischen Verfassung institutionalisiert wurde. In den meisten Ländern sind sie die lokalen Autoritäten, die über die korrekte Interpretation der islamischen Glaubenslehre entscheiden.
Die Rolle der Ulama in der Geschichte In der Geschichte bildeten die ʿUlama' im gesamten Islam einen regelrechten Stand der Gottes- und Rechtsgelehrten, der über eine Ausbildung in den Traditionswissenschaften des Islam verfügte.Francis Robinson: Der Islam – Kunst, Geschichte und Lebensformen. Christian 1982, in Lizenz für Weltbild: Augsburg 1998 (engl. Original: Oxford 1982, 1991), S. 1–239Alan Palmer: Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches. Heyne, München 1994 (engl. Original: London 1992), S. 1–448 Jahrhundertelang gestalteten die ʿUlama' teils gemeinsam mit, teils in Gegnerschaft zu den Sufis das Recht und die Mystik als Hauptgestaltungskräfte des Islam.
Dem religiösen Ideal nach sollte der Kalif oder sein Repräsentant die Vorschriften der Scharia getreu der Auslegung der ʿUlama' umsetzen, die Gelehrten dagegen hatten ihr Wissen – ungebunden an den Herrscher – geltend zu machen, gemäß dem häufig zitierten Hadith: „Der nichtswürdigste unter den Gelehrten ist der, der Fürsten Besuche abstattet und der würdigste aller Fürsten ist jener, der die Gelehrten aufsucht.“ In der Praxis gingen die Herrscher allerdings angesichts der realen Umstände häufig von der Scharia abweichend vor und versuchten, sich der Unterstützung der ʿUlama' zu versichern, indem sie diese durch staatliche Positionen und Vergabe von Ländereien an sich zu binden trachteten.
Die frühislamischen Ulama Die in der frühislamischen Zeit den Koran rezitierenden und den Hadith auswendig beherrschenden Glaubenskundigen bildeten den frühesten Ursprung der Ulama.
Die Ulama unter dem Kalifat der Abbasiden Nachdem unter den Abbasiden aus dem Koran und dem Hadith das islamische Gesetz, die Scharia, erstellt worden war, wurde die Hauptaufgabe der Ulama die Pflege der Anwendung der Scharia und die Lehrtätigkeit zur Ausbildung des Nachwuchses.
Die Ulama vom 11. Jahrhundert bis zum 16. Jahrhundert Im 11. Jahrhundert versuchten die säkularen Potentaten, die religiösen Institutionen unter ihren Einfluss zu stellen. Es entstanden nahezu im gesamten islamischen Einflussbereich Madrasen (Medresen), offizielle Rechtsschulen, an denen die Ulama – ebenso wie in ihren eigenen Häusern und auf dem Gelände von Moscheen und Schreinen – unterrichteten.
Im 12. und 13. Jahrhundert stand den Ulama, mittlerweile ein mehr oder minder hochqualifizierter Berufsstand, eine große Menge an staatlichen Stellen offen; und trotz aller Statusunterschiede in den verschiedenen islamisierten Ländern war ihr Stand etwa um 1500 inzwischen überall geachtet und einflussreich. Sie erhoben in ihren Predigten moralische Ansprüche an die Menschen und unterrichteten in ihren Schulen Moslems aller Altersklassen in den islamischen Traditionswissenschaften. Ihre zentrale Funktion blieb die orthodoxe Exegese der Scharia sowie in ihrer Rolle als Kadis die staatlich beauftragte Anwendung der Gesetze und als Muftis die Erstellung rechtlicher Erläuterungen und unentgeltlicher Rechtsgutachten (Fatwas). Meist lebten sie allerdings neben den Bezügen durch Stiftungsgelder der Gläubigen auch vom Erlös eigener handwerklicher Betriebe oder Handelsunternehmen und verwalteten auch die Moscheen, Schulen, Hospitäler und Waisenhäuser. Einige erhielten auch staatliche Ländereien oder Gehälter.
Form und Inhalt des pädagogischen Systems der Ulama Für die Ulama galten der Koran und das Vermächtnis Mohammeds als höchster und endgültiger Maßstab für die Menschen bis zum „jüngsten Gericht“ am religiös vermuteten Tag der Auferstehung (yaum al-qiyama). Dementsprechend jenseitsfokussiert und um Heilssicherung bemüht war der pädagogische Ansatz der Ulama tendenziell konservativ und konzentrierte sich auf die unverfälschte Tradierung des Korans und seiner traditionellen Auslegung. Bei der Ausbildung des Alim stand daher im Vordergrund, dass dieser systematisch und mechanisch wortgetreu vorgefertigte Traktate erlernte ohne Rücksicht darauf, ob er deren Inhalt und Bedeutung verstand. Unterstützt wurde dieses Verfahren durch die ästhetisch ausgeformte Formulierung vieler Lerntexte etwa in Reimen, wodurch ein rezitatives Erlernen erleichtert wurde. Die klassischen Texte sollten durch die Ulama nicht verändert werden, konnten aber durch zunehmende Überlagerungen von Annotationen der Gelehrten aufgewertet, jedoch auch unkenntlich gemacht werden. Allmählich hatten sich um 1500 für die Ausbildung in den unterschiedlichen Disziplinen bestimmte Standardlehrbücher durchgesetzt, die im gesamten Islam Verbreitung fanden. Hatte ein Schüler die Unterrichtung eines bestimmten Buchstoffes absolviert, so wurde ihm von seinem Lehrer eine Art „Diplom“, die Lehrbefugnis (Idschāza) ausgefertigt, welches ihm gestattete, den betreffenden Stoff künftig selbst zu lehren. In diesem Zertifikat wurde auch belegt, durch welche vollständige Kette von Lehrern die Kenntnis vom Verfasser des Buches und ersten Lehrer bis auf den aktuellen Träger übermittelt wurde. Nicht so sehr die Schule und Disziplin, sondern das jeweilige Buch und deren Lehrer begründeten die Identifikation und Loyalität des Schülers und machten ihn zu einem wertvollen Träger einer ununterbrochenen islamischen Wissens- und Wertevermittlung, gemäß den Worten eines pädagogischen Leitfadens aus dem 13. Jahrhundert: „Sei dir bewußt, daß (dein) Lehrer der Urheber deiner Seele ist, die Wurzel ihrer Schöpfung und der Kern ihres Lebens; er ist deinem Vater vergleichbar, der der Erzeuger deines Körpers und deiner Existenz ist.“ Ein komplexes Netz von Schüler-Lehrer-Beziehungen verband als Resultat die islamische „Ökumene“ oder Weltgemeinde (Umma) und war Grundlage der islamischen Gelehrsamkeit.
Deren Unterrichtsinhalte waren im Wesentlichen die Koranexegetik, das Studium der arabischen Grammatik und Literatur, der Hadithe, des Islamischen Rechts (Fiqh) und der Rechtsprechung und der Theologie, welche letztere jedoch oft wegen ihrer Verfänglichkeit für gläubige Moslems ausgelassen wurde. In geringerem Umfang kamen auch Mathematik und Medizin oder ausgewählte Schriften des Sufismus auf den Lehrplan, wohingegen aber Philosophie und eigentliche Naturwissenschaften vom Lernstoff der Ulama und in den Medresen ausgeschlossen wurden, obwohl der Islam den Europäern in diesen Disziplinen noch voraus war.
Die Ulama in den zentralislamischen Reichen des 16. und 17. Jahrhunderts Im 16. Jahrhundert traten vor allem die drei muslimischen Reiche der Safawiden, der Moguln und der Osmanen hervor, welche die Stammesbünde, Sultanate und schwachen Dynastien der islamischen Kernländer unter ihre zentralistische Kontrolle stellten. Der Zuwachs der Machtkonzentration dieser einzelnen Reiche, die in gewissem Maße die Weltreichsidee der Mongolen in Form des sogenannten „Militär-Patronats-Staates“ fortführten, gefährdete bald den kosmopolitischen Aufbau der islamischen Welt.
Die Ulama im Safawiden-Reich Aus sufischen Scheichs in Iran bzw. Persien hervorgegangen, hatte Schah Safi Al Din den Orden der Safawiden gegründet, dessen Anhängerschaft rasch wuchs. Die safawidische Soldatenelite wurde wegen ihrer auf die 12 schiitischen Imame verweisenden zwölfzipfeligen, roten Turbane Qizilbasch (türk. Kızılbaş = „Rotkopf“) genannt und hatte dem jungen Schah Ismail I. zur Eroberung weiter Gebiete verholfen, war aber auch zur internen Bedrohung der Schahs herangewachsen, bis sie unter Schah Abbas dem Großen durch kriegsgefangene Kaukasier als Truppen und aus Ämtern ersetzt worden waren.
Ismail I. führte 1501 die Zwölfer-Schia (DMG šīʿa iṯnā ʿašarīya) als Staatsreligion ein. Der Schiismus war ursprünglich als Oppositionsbewegung gegen die ersten Kalifen entstanden und diente als Legitimation für die Nachkommen von Mohammeds Neffen und Schwiegersohn Ali als rechtmäßige Nachfolger des Propheten. Denn die Schiiten propagierten den Glauben, dass neben einer allgemein verständlichen Koranexegese eine geheime Exegese existiere, die Mohammed nur Ali als seinem Erben und als Imam oder Führer der Gemeinschaft zur Fortführung der Tradierung überliefert habe. Die Linie der Imame (nach der Zwölfer-Schia zwölf an der Zahl) erfuhr schließlich übermenschliche Überhöhung als Inkarnationen des „Lichtes“, welches durch die Propheten von Adam auf sie übertragen sei und sie „unfehlbar“ und frei von Sünde mache. Daraus folgte für die Schiiten im Gegensatz zu den orthodoxen Sunniten, dass die religiöse Autorität nicht im Konsens der Gemeinschaft, sondern in der Hand der „unfehlbaren“ Imame liege, die neben Gott und dem Propheten zu verehren seien. Als Inkarnationen der Propheten aber galten nun Ismail I. und seine Erben, und die königliche Familie stützte ihre Legitimierung zusätzlich auf die vorgetäuschte Abstammung vom siebten Imam, Mūsā al-Kāzim. Ismail I. ließ sich als vollkommener Sufi-Lehrmeister von den die wichtigsten Staatsämter bekleidenden Kysylbasch-Schülern verehren und zwang die Ulama und das Volk mit Gewalt zum Schiismus. Sunnitische Ulama, die sich dem widersetzten, mussten fliehen, um dem Tod zu entgehen. 1514 erschütterte die Niederlage gegen die Osmanen die Loyalität der Kysylbasch zu ihrem Schah und etwa zur selben Zeit begann das theokratische Wesen des Staates durch Trennung der religiösen und politischen Gewalt aufzuweichen, wodurch das Verhältnis von Ulama zum Staat sich in den folgenden zwei Jahrhunderten wandelte: Zu Beginn der Safawiden-Herrschaft stand die Ulama ganz im Dienst der staatlichen Machtausübung, zumal aufgrund des Mangels an schiitischen Ulama in Iran solche aus Syrien oder Bahrein gerufen werden mussten, die somit in ihrem Vermögen und in ihrer Position vom Staat abhängig waren. Unter Schah Abbas begannen die Ulama jedoch die Gottesgnadentum-Doktrin – der Schah sei der „Schatten Gottes“ (zillullah) – öffentlich anzugreifen, indem Mulla Ahmad Ardabili Abbas vortrug, der Schah verwalte nur die Macht für den Imam und es liege in der Entscheidung der Ulama, diese Treuhänderschaft anzuerkennen oder nicht. Unter den Nachfolgern Abbas verschärften die Ulama schließlich den Angriff auf die Legitimität der königlichen Herrschaft und erklärten, als berechtigter Vertreter des Zwölften Imam käme einzig ein Mudschtahid in Frage. Als Mudschtahid hatten die Ulama das Recht, mittels ihrer die Grenzen der Scharia nicht überschreitenden „Bemühung“ (Idschtihad) verbindliche Regeln festzustellen. Schließlich konnten die materiell immer unabhängiger gewordenen Ulama unter Sultan Hussain durch ihren führenden Mudschtahid Mohammed Bakir Madschlisi die Regierung lenken, die Reste der safawidischen Sufi-Ordnung tilgen und den orthodoxen Schiismus weitgehend durchsetzen. Wie die Safawiden das Fundament für den heutigen Staat Iran legten und den Glauben einer Minorität im Staatsvolk verankerten, so erreichten die Ulama, dass die Legitimität seiner künftigen Regierungen von der Unterstützung durch die Mudschtahid abhängig wurde.
Die Ulama im Mogulreich