mini|hochkant=1.8|Ehemalige Wohngebiete der Maliseet und heutige Wohnorte (rot)

Die Maliseet oder Malecite, heute vermehrt Wolastoqiyik (früher von den Franzosen als Étchemin bezeichnet), sind ein Algonkin-sprachiger Indianer-Stamm im heutigen US-Bundesstaat Maine und den angrenzenden kanadischen Provinzen Québec und New Brunswick/Nouveau-Brunswick. Sprachlich zählen sie zu den Östlichen Algonkin und sprechen den nördlichen Dialekt des Malecite-Passamaquoddy (auch Maliseet-Passamaquoddy), einer Sprache, deren südlichen Dialekt die kulturell sowie sprachlich eng verwandten Passamaquoddy sprechen.

Name Der kolonialfranzösische Ausdruck Étchemin wurde als Sammelbegriff für die benachbarten und verwandte Dialekte sprechenden Völker der Maliseet und Passamaquoddy (Peskotomuhkatiyik, Einzahl: Peskotomuhkat) verwandt, oftmals wurden daher beide Völker von frühen Forschungsreisenden als eine Ethnie betrachtet. Der Ursprung des Namens „Étchemin“ selbst ist unbekannt, vermutlich kommt er aus der Sprache der benachbarten feindlichen Algonkin oder Innu (Muhtaniyik, Muhtaniyok, Einzahl: Muhtani). Als Mitglieder der mächtigen Wabanaki-Konföderation werden beide Völker zudem oft auch als Maritime Abenaki oder Östliche Wabanaki bezeichnet, da die Stammesgebiete der Maliseet und Passamaquoddy Teile der kanadischen Seeprovinzen (Canadian Maritimes), der Ostgebiete der Konföderation, umfassten.

Die heute meist gebräuchliche Stammesbezeichnung als Maliseet (seltener: Malecite) leitet sich von Malesse'jik aus der Sprache der benachbarten und einst feindlichen Mi’kmaq ab und bedeutet „Langsame Sprecher“ oder „Gebrochen sprechende Leute“ und nimmt Bezug auf den abweichenden Dialekt der Maliseet, der für die Mi’kmaq nur schwer verständlich war. Bis ins 20. Jahrhundert war der Begriff Amalecites eine übliche französische Transliteration für die Maliseet in Québec (in Malecite-Passamaquoddy: Kepek-ona genannt), während in Neubraunschweig die Namen Milicite und Melicite gebräuchlich waren. Frühe Ethnographen des 20. Jahrhunderts wählten Malecite, die heutigen Indianer bevorzugen Maliseet (die englische Schreibweise).

Ihre Stammesgebiete Wolastokuk befanden sich im Einzugsgebiet des heutigen Saint John River, den die Maliseet Wolastoq oder Welàstekw („schöner Fluss“) nennen, daher bezeichneten die Gruppen sich selbst je nach Dialekt einfach als Wolastoqiyik, Wolastokiwik, Welastekwíyek oder Wulustukwiak, „Volk entlang des schönen Flusses, d. h. Saint John River“. (Der Saint John River darf nicht mit dem St. Johns River in Florida verwechselt werden.)Passamaquoddy-Maliseet Language Portal Zudem bezeichneten sich beide – Maliseet sowie Passamaquoddy – einfach als Skicinuwok („(indigene) Menschen“, „Volk“, Einzahl: Skicin).

Wohngebiet und Umwelt mini|Samuel de Champlain,gemalt von Théophile Hamel (1870)

Samuel de Champlain traf im Jahr 1603 in der französischen Handelsstation in Tadoussac auf einige Maliseet-Krieger. Die ersten Kontakte der Maliseet zu Europäern hatte es jedoch schon mehr als 100 Jahre früher durch baskische, bretonische, normannische und portugiesische Fischer gegeben. Von Champlain stammt die Bezeichnung Étchemin. Ein Jahr später gebrauchte er den gleichen Namen für die Bewohner an den Mündungen des Saint John und St. Croix Rivers und behauptete, dass die Étchemin sich vom Saint John bis zum Kennebec River ausdehnten. Die Grenze zwischen Kanada und USA behindert seit 1842 die Einheit der Maliseet- und Passamaquoddy-Gruppen, die kulturell nur geringe Unterschiede aufweisen. Die Maliseet waren Jäger des Binnenlandes und bewohnten das Einzugsgebiet des St. John Rivers in Neubraunschweig und Maine, während die Passamaquoddy Jäger der Meeressäugetiere waren und an den Küsten von Neubraunschweig und Maine lebten.

Landschaftlich besteht das frühere Wohngebiet der Maliseet überwiegend aus bewaldeten flachen Hügeln. Das Klima der von den Passamaquoddy bewohnten Küstengebiete wird durch die Fundybucht gemäßigt. Das von den Maliseet bewohnte Landesinnere besitzt diesen mäßigenden Einfluss nicht und hat mehr kontinentalen Charakter. Fisch und Wild gab es manchmal nicht ausreichend genug, um den Bedarf des eher spärlich bevölkerten Landes zu decken. So gab es Ende des 17. Jahrhunderts eine echte Hungersnot bei einigen Maliseet-Gruppen.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Vol. 15: Northeast. Smithsonian Institution Press, Washington D.C. 1978, ISBN 0-16-004575-4, S. 123ff.

Kultur und Lebensweise Lebensunterhalt Der jährliche Zyklus und damit die Sorge für den Lebensunterhalt richtete sich nach den erreichbaren Nahrungsquellen. Im Frühling kehrten die Maliseet aus den Winterlagern in das zentrale Dorf zurück, um als erstes Mais zu pflanzen. Im Juni zogen sie auf eine der Inseln im Saint John River und schlugen dort ihr Lager auf, um Barsche und später Störe zu speeren. Im Sommer aßen die Maliseet Fisch, wilde Trauben und genießbare Wurzeln bestimmter Pflanzen. Im Herbst war der Mais reif; er wurde geerntet, getrocknet und in unterirdischen Gruben gelagert, die man mit Rinde abdeckte. Im Winter gingen Gruppen von jeweils etwa 8 bis 10 Männern auf die Elch- und Bärenjagd und durchquerten dabei ein Gebiet, das einen großen Teil von Maine, Neubraunschweig und die Gaspé-Halbinsel umfasste.

Die Maliseet hatten einen genauen, saisonbedingten Jagd- und Sammelplan:

Januar Jagd auf Robben Februar/März Jagd auf Biber, Fischotter, Elch, Karibu und Bär Ende März Fischfang (Fische, die zum Laichen die Flüsse hinaufkamen) Ende April Fischfang auf Hering, Barsch, Stör, Lachs und das Sammeln der Eier der Kanadagans Mai bis September Kabeljaufischen und Muscheln sammeln entlang der Küste und Einbringen der reifenden Sommerfrüchte Ende September Aalfang Oktober/November Jagd auf Biber, Bären und Elche Mitten im Winter Harpunenjagd in eisbedeckten Gewässern auf den laichenden Frostfisch (Microgradus tomcodus)

Mit der Ankunft der Europäer wurden die Maliseet zunehmend vom Pelzhandel abhängig. Otter, Biber und Bisamratte waren die Hauptpelzlieferanten, aber auch Elchfelle wurden gehandelt. Im späten Frühling kamen die Indianer zu den Handelsposten, in späteren Jahren zu vereinbarten Sammelstellen am Fluss, an denen die Pelzhändler den Fang kauften.

Auf Verlangen der Behörden bauten die Maliseet vermehrt Kartoffeln und Mais an, doch der Erfolg blieb aus. Sie suchten sich Jobs als Landarbeiter, Holzflößer, Korbmacher, Führer für Jäger und Angler oder als Stauer auf den Flussbooten aus. Viele setzten allerdings das Nomadenleben fort, sie lagerten in der Nähe von weißen Siedlungen, gingen von Haus zu Haus und verkauften ihre Waren. Landungsstellen von Fähren und Dampfern erwiesen sich als beliebte Handelsplätze. Ein guter Führer garantierte seinem Kunden die Jagdbeute und den Fang und machte so die traditionelle unbehinderte Winterjagd und das Fallenstellen unmöglich. Viele Maliseet wohnen heute in der Nähe weißer Siedlungen, stellen Spankörbe her und vertrauen auf die Mildtätigkeit der weißen Nachbarn. Im Frühling sammeln sie Geigenköpfe, das sind junge Farnwedel, die reißenden Absatz finden. Im späten Sommer werden Blaubeeren gepflückt und von September bis Oktober ist die arbeitsreiche Zeit der Kartoffelernte, in der viele Indianer aus der Region als Erntehelfer nach Nord-Maine und das angrenzende Neubraunschweig gehen.

Technologie Die Maliseet waren äußerst geschickte Bootsbauer und stellten ein Birkenrinden-Kanu her, das ausgezeichnet an die Bedingungen in den zahlreichen Flüssen des Wohngebiets angepasst war. Es war leicht und konnte mühelos über die Portagen getragen werden, von denen die Wasserwege unterbrochen waren. Birkenrinde war bei den Maliseet ein vielfach angewendetes Material. Man gebrauchte sie für Behälter wie Kisten, Körbe, Eimer und Geschirr, und für die Außenabdeckung des Wigwams. Der Birkenrinden-Elchlockruf war ein unentbehrlicher Bestandteil der Jagdausrüstung. Birkenrinde diente als Regenbekleidung, auf Birkenrinde geschriebene Nachrichten zeigten dem Reisenden den Weg und Tote wurden in Birkenrinde bestattet.

Aus der schwarzen Esche werden Spankörbe gefertigt und an Touristen verkauft. Der kunstvolle Korb aus gefärbten Eschenspänen, häufig mit geflochtenem Süßgras dazwischen, und einem runden Boden wurde schon in früherer Zeit hergestellt. Das Herstellen eines kunstvollen Korbes ist Frauenarbeit, während die Männer den einfacheren Kartoffelkorb flechten. Früher wurden auch Axtstiele, Milchkannen und andere Haushaltsgegenstände aus dem Holz der weißen Esche geschnitzt. Der Verkauf dieser Holzartikel sicherte vielen Maliseetfamilien besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Lebensunterhalt. Außerdem fertigte man Schneeschuhe mit Rahmen aus weißer Esche und Bespannung aus Karibu-Leder. Die Herstellung von Schneeschuhen und Toboggans war früher eine wichtige Heimarbeit. Eine Verdienstmöglichkeit stellt noch heute das Anfertigen und Reparieren von Kartoffelfässern und Kartoffelkörben dar.

Lebenszyklus Geburt und Erziehung Die Geburt fand unter der Mithilfe einiger Frauen außerhalb des Wigwams statt. Das Neugeborene wurde in Biberfelle gewickelt und auf ein Wiegenbrett gebunden. Das männliche Baby wurde häufig, sogar im Winter, beim Urinieren zur Schau gestellt, möglicherweise die Ursache für die hohe Sterblichkeit dieser Säuglinge. Die Mutter stillte ihr Kind zwei bis drei Jahre lang. Solange das Kind gestillt wurde, verhinderte oder beendete die Mutter eine weitere Schwangerschaft.

Die Freiheit, die Indianer ihren Kindern gestatteten, verblüffte die zeitgenössischen französischen Schriftsteller. Die Kinder lernten durch Beispiele und Nachahmen, bei Fehlern wurden sie ermahnt aber niemals geschlagen, sondern bekamen viel Zuneigung und Liebe. Schon in frühem Alter forderte man sie auf, ihren Eltern zu helfen. Die Väter machten kleine Paddel für ihre Söhne und Töchter, die bereits im Alter von zehn Jahren geschickt im Umgang mit dem Kanu waren. Sie gingen sehr gewandt mit Pfeil und Kinderbogen um. Noch im Jahr 1835 waren kleine Kinder bemerkenswert gute Bogenschützen, obwohl Erwachsene zu dieser Zeit Pfeil und Bogen nicht mehr benutzten.

Mädchen erlernten frühzeitig diejenigen Aufgaben, die wichtig für ihre Rolle im späteren Leben waren. Sie halfen ihrer Mutter beim Sammeln von Feuerholz, beim Kochen, Anfertigen der Kleidung, Wasserholen, Auf- und Abbau des Wigwams und Lasten tragen, denn für den Umzug eines Lagers waren weitgehend die Frauen verantwortlich. Mit etwa 12 Jahren begleitete der Sohn seinen Vater erstmals auf die Jagd und bekam einen großen Bogen. Nach dem Erlegen seines ersten Elches erlaubte man dem Jungen, in der Ratsversammlung bei den älteren Männern zu sitzen und an öffentlichen Festen teilzunehmen.

Brautdienst und Heirat Wenn ein junger Mann Heiratsabsichten hatte, fragte er seine Verwandten und in historischen Zeiten auch den Jesuiten nach einem geeigneten Mädchen. Oft folgte er der Empfehlung und ging zu ihrem Wigwam. Wenn sie ihm gefiel, warf er einen Span oder ein Stöckchen in ihren Schoß, das sie ergriff und den Absender mit einem zweifelnden Seitenblick ansah. Wenn sie den jungen Mann mochte, warf sie den Span mit einem zaghaften Lächeln zurück.