mini|hochkant=1.8|Ehemalige Wohngebiete

Die Passamaquoddy oder Pestemohkatíyek sind ein nordamerikanischer Indigene-Stamm der Algonkin-Sprachfamilie, der beiderseits der Grenze zwischen den USA und Kanada im nordöstlichen US-Bundesstaat Maine und der benachbarten kanadischen Provinz New Brunswick lebte.

Sprachlich zählen sie zu den Östlichen Algonkin und sprechen den südlichen Dialekt des Malecite-Passamaquoddy (auch Maliseet-Passamaquoddy), eine Sprache, deren nördlichen Dialekt die kulturell sowie sprachlich eng verwandten Maliseet sprechen.

Name Der bis Anfang des 18. Jahrhunderts oft gebräuchliche kolonialfranzösischen Ausdruck Étchemin wurde als Sammelbegriff für die benachbarten und verwandte Dialekte sprechenden Völker der Maliseet (Wolastoqiyik, Welastekwíyek – „Volk entlang des schönen Flusses, d. h. Saint John River“) und Passamaquoddy verwandt, oftmals wurden daher beide Völker von frühen Forschungsreisenden als eine Ethnie betrachtet. Der Ursprung des Namens „Étchemin“ selbst ist unbekannt, vermutlich kommt er aus der Sprache der benachbarten feindlichen Algonkin oder Innu (Muhtaniyik, Muhtaniyok, Einzahl: Muhtani). Als Mitglieder der mächtigen Wabanaki-Konföderation werden beide Völker zudem oft auch als Maritime Abenaki oder Östliche Wabanaki bezeichnet, da die Stammesgebiete der Maliseet und Passamaquoddy Teile der kanadischen Seeprovinzen (Canadian Maritimes) (auch Maritime provinces oder einfach the Maritimes) – die Ostgebiete der Konföderation – umfassten.

Die Passamaquoddy nennen sich selbst Pestemohkatíyek oder Peskotomuhkatiyik (auch: Peskotomuhkati, Pestomuhkati, Singular: Pestémohkat, Peskotomuhkat), wörtlich in etwa „Jene, die Peskotom, d. h. Köhler (Pollock) fischen“.

Zudem bezeichneten sich beide – Maliseet sowie Passamaquoddy – einfach als Skicinuwok („(indigene) Menschen“, „Volk“, Einzahl: Skicin).Passamaquoddy-Maliseet Language Portal

Ihre Stammesgebiet Peskotomuhkatihkuk bzw. Peskotomuhkatik („Ort, wo es viel Peskotom (Pollock) gibt“) erstreckte sich im 17. Jahrhundert über ca. 16.258 m² (hiervon ca. 5.646 m² in Neubraunschweig und ca. 10.612 m² in Maine) entlang des Einzugsbereichs des Saint Croix Rivers (auch: Schoodic/Passamaquoddy River) im heutigen US-Kanadischen Grenzgebiet und umfasste die Küstengebiete und Inlets der Passamaquoddy Bay (an der Mündung des St. Croix River), Back Bay und Cobscook Bay (Kapskuk), mehrere Seen (wie z. B. Schoodic Lake) und Halbinseln in der kanadischen Provinz New Brunswick sowie im US-Bundesstaat Maine (Malihkinuwi-Waponahkik – „Wabanaki-Territorium in Amerika“). Weitere Flüsse waren der Magaguadavic River, Canoose River (Kenusihk) und Machias River (Moceyisk sip) – später nannten die Passamaquoddy und Maliseet dieses Gebiet mit Bezug auf Kanada auch Kanatawtuk / Kanatawtoq („an der Grenze zu Kanada / in Kanada“). Die Passamaquoddy hatten mehrere bedeutsame Siedlungen: Skutik auf der Scoodic Peninsula (auch als „Schoodic Point“ bekannt, im Stadtgebiet der heutigen Stadt Gouldsboro, Maine), Sipayik / Sebayik („Pleasant Point“ nahe Muselenk („Moose Island“), dem heutigen Eastport, Maine an der Passamaquoddy Bay, heute: Passamaquoddy Pleasant Point Reservation), Motahkomikuk („am großen See“, auch: Kci-kuspemok / Kci-qospemok, im Englischen meist bekannt als: „Indian Township“ nahe Calais, Maine, heute: Passamaquoddy Indian Township Reservation), Amilkesk („am Ende des großen Sees“, heutiges Princeton, Maine) oder Utoqehkik (die heutige Plantation Grand Lake Stream am gleichnamigen Bach in Maine).

Qonasqamkuk („an der Sandbank“, heutiges St. Andrews-by-the-Sea, in New Brunswick) an der Mündung des St. Croix River in die Passamaquoddy Bay, war die historische Hauptsiedlung und der Versammlungsort mit dem Ratsfeuer der Passamaquoddy, zudem befanden sich dort heilige Gräberfelder. Dort – auf Qonasqamqi-monihkuk bzw. Minister's Island – befindet sich auch ein großer Køkkenmødding (auch: shell midden) (ein prähistorischer Abfallhaufen aus Muschelschalen und Schneckengehäusen, der als Überrest der Nahrungsgewinnung und -zubereitung an Wohnplätzen und Siedlungen oft als Ergebnis der Gezeitenfischerei an Meeres- oder Flussufern entstanden ist), der heute als „Minister's Island Pre-contact Sites“ zu den National Historic Sites of Canada in New Brunswick zählt.Canada's Historic Places

Zudem gibt es eine weitere bedeutende historische Stätte, die von den USA und Kanada gemeinsam verwaltet und unterhalten wird, die „Saint Croix Island International Historic Site“ auf Saint Croix Island.

Weitere im traditionellen Stammesgebiet auffindbare shell middens weisen auf eine lange und dauerhafte Besiedlung dieses Gebiets seitens der Passamaquoddy hin, so z. B. die Provincial Historic Sites „Fort LaTour Historic Site“ bzw. „Portland Point“ im Gebiet des Saint John Harbour am Nordufer der Mündung des Saint John River, „Mud Lake Stream Anthropological Site“, in guter strategischer Lage am St. Croix River am Ende einer Portage oder „Diggity Site“, eine rare flussaufwärts im Landesinnern gelegene historische Stätte oder „Pagan Point“, die zugleich größte shell midden der Provinz am Ostende von St. Andrews am Ufer der Passamaquoddy Bay gelegen.Angehörige der archaischen indigenen Völker (ca. 6000 v. Chr. bis 1000 v. Chr.) der Susquehanna (nicht mit den historischen Susquehannock zu verwechseln) und der Maritimen Woodland Periode, die heute als Vorfahren der Maliseet (Wolastoqiyik), Mi'kmaq und Passamaquoddy gelten, nutzten das von ihnen als Menahqesk / Menaqesk (Gebiet entlang des Saint John River) bezeichnete Areal bereist ca. 4000 bis ca. 400 Jahre vor unserer Zeit. Obwohl später dieses Gebiet meist von den Maliseet (Wolastoqiyik) als bedeutsamer Ort für Versammlungen, Zeremonien, Handel sowie Sammeln und Jagen genutzt wurde, nutzten die benachbarten verbündeten Mi'kmaq und Passamaquoddy ebenfalls dieses Gebiet.

Antoine de Cadillac, ein französischer Abenteurer, nannte 1692 die Region am Saint Croix River und die dort lebenden Ureinwohner Pesmocady. Weitere Namen für die Passamaquoddy sind unter anderen Quoddy, Saint Croix Indians, Machias und Scotuk.

Kultur Sie lebten in patrilinearen Verwandtschaftsgruppen zusammen, die aber in der kolonialen Periode niemals als einheitlicher Stamm organisiert waren. Dennoch betrachteten sie die britischen Offiziellen als einen einzigen Stamm und identifizierten sie nach ihrem Wohngebiet. Das änderte sich auch nicht, als die zuständige Gerichtsbarkeit von der Kolonialregierung in Massachusetts auf den Bundesstaat Maine überging.

Traditionell lebten sie die meiste Zeit des Jahres in Dörfern, die im Jahreszyklus bewohnt und wieder verlassen wurden. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie durch Jagen, Fischen und das Sammeln von Wildpflanzen und nutzten Birkenrinde sowie Holz als Werkstoff. Ihre vereinzelt von Palisaden geschützten Dörfer bestanden aus runden Hütten und einem großen Versammlungshaus. Der Stammesrat setzte sich aus dem Kriegshäuptling, dem Friedenshäuptling und Vertretern aus jeder Familie zusammen und entschied in wichtigen Angelegenheiten, während der Allgemeine Rat aus Angehörigen des gesamten Stammes bestand und ausschließlich über Krieg und Frieden entschied.

Der wichtigste Werkstoff der Passamaquoddy war Birkenrinde, die für fast alle Güter des täglichen Gebrauchs verarbeitet wurde. Man verwendete Birkenrinde für den gesamten kegelförmigen Wigwam, für Behälter wie Kisten, Körbe, Eimer, Geschirr und viele weitere Dinge. Der Birkenrinden-Elchlockruf war ein unentbehrlicher Bestandteil der Jagdausrüstung, Birkenrinde diente zeitweilig als Regenbekleidung und auf Birkenrinde geschriebene Nachrichten und Anweisungen zeigten dem Reisenden den Weg.

Aus der schwarzen Esche wurden Spankörbe gefertigt und an Touristen verkauft, zum Beispiel der kunstvolle Korb aus gefärbten Eschenspänen, häufig mit geflochtenem Süßgras dazwischen und einem runden Boden. Die Herstellung eines kunstvollen Korbes war Frauenarbeit, während die Männer den einfacheren Kartoffelkorb flochten. Weitere Artikel aus Holz waren Axtstiele, Milchkannen und andere Haushaltsgegenstände und der Verkauf dieser Holzartikel sicherte vielen Maliseetfamilien, besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts, den Lebensunterhalt. Die Herstellung von Schneeschuhen mit Rahmen aus weißer Esche und von Toboggans war früher eine wichtige Heimarbeit. Noch heute gilt das Anfertigen und Reparieren von Kartoffelfässern und Kartoffelkörben als Verdienstmöglichkeit.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Band 15. Northeast, Kapitel: Maliseet-Passamaquoddy. S. 123 ff. Smithsonian Institution Press, Washington D.C. 1978, ISBN 0-16-004575-4.

Geschichte Erste Kontakte mit Europäern (ab 1604) Die Passamaquoddy gehörten zu den Indianerstämmen, die den ersten Kontakt zu Europäern hatten. Die weiten Buchten der Küste Maines zogen die Aufmerksamkeit der Fischer und Entdecker im 17. Jahrhundert auf sich, die eine Wasserstraße quer durch den neu entdeckten Kontinent suchten, die sogenannte Nordwest-Passage. Einige dieser frühen Entdecker waren freundlich, wie die Teilnehmer von Samuel de Champlains Expedition im Jahr 1604, doch 1609 bei Henry Hudsons Beschießung und Plünderung eines Dorfes am Penobscot River war das nicht der Fall. Statt die sagenumwobene Stadt Norumbega zu finden, trafen diese Europäer auf eine Konföderation von 22 Penobscot-Dörfern im westlichen und zentralen Maine, die unter der Herrschaft von Bashabes standen. Im Tarrantiner-Krieg kam es 1615 zu einer Serie von Überfällen der Mi'kmaq, bei denen Bashabes den Tod fand. Nach Kriegsende löste sich die Penobscot-Konföderation auf. Um 1617 wurden die Passamaquoddy von einer verheerenden Epidemie heimgesucht, die 75 Prozent aller Indianer an der Küste Neuenglands das Leben kostete. Die Überlebenden trieben weiter Handel mit englischen und französischen Kaufleuten, bis die Franzosen in den 1630er Jahren in diesem Gebiet die Vorherrschaft erlangten. Die wachsende Abhängigkeit der Indianer von europäischen Handelsgütern führte zu den so genannten Biberkriegen zwischen Irokesen und Östlichen Algonkin in den Jahren von 1640 bis 1701.

Wabanaki-Konföderation mini|400px|Dieser Wampum-Gürtel wurde William Penn 1682 beim „Great Treaty“ überreicht.