Reinhard Breymayer (* 4. Januar 1944 in Urach; † 13. August 2017 in Ofterdingen)Traueranzeige, Stuttgarter Zeitung, 18. August 2017 war ein deutscher Philologe, Pietismusforscher und Experte für die Geschichte der Rhetorik.

Leben Reinhard Breymayer stammte mütterlicherseits aus der altpietistischen Familie der Kullen in Hülben bei Bad Urach.Wolfgang Urban: Von der Gedankenwelt der Aufklärung getragen. In: „Schwäbisches Tagblatt“, 19. August 2017.

Breymayer wuchs in Unterweissach und Hülben auf. Er war Schüler an den Evangelisch-Theologischen Seminaren Maulbronn und Blaubeuren, staatlichen humanistischen (altsprachlichen) Gymnasien mit landeskirchlichem Internat, und legte dort 1963 das Abitur ab. Er studierte an den Universitäten in Tübingen, Köln, Bonn und Bochum. Von 1964 bis 1967 war er Stipendiat des Evangelischen Stifts Tübingen als Inhaber einer Philologen-Freistelle. 1971 erwarb er an der Universität Bonn den Grad des Magister Artium in den Fächern Germanistik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Allgemeine Rhetorik.

Nach dem Studium war er ab 1971 an den Universitäten Bonn, Heidelberg und Stuttgart, den Pädagogischen Hochschulen Heidelberg und Schwäbisch Gmünd sowie für das Landeskirchliche Archiv in Stuttgart und die Historische Kommission zur Erforschung des Pietismus in Berlin als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig.

Seit 1989 war Breymayer Lehrbeauftragter für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen und seit 1996 Deutschlandkorrespondent der Stiftung ADAMAS – Stiftung Götz Hübner für interkulturelle Studien am griechisch-deutschen und polnisch-deutschen Beispiel in Schorndorf.

Von 1971 bis 1976 wirkte er bei der Herausgabe der Zeitschrift Linguistica Biblica (Bonn) mit,Vergleiche Reinhard Breymayer: Zur Pragmatik des Bildes. Semiotische Beobachtungen zum Streitgespräch Mk 12, 13–17 („Der Zinsgroschen“) unter Berücksichtigung der Spieltheorie. In: Linguistica Biblica. Interdisziplinäre Zeitschrift für Theologie und Linguistik 13/14 (1972), S. 19–51. im Jahr 1972 auch als Mitherausgeber von Band 1 und 3 der Schriftenreihe Forum Theologiae Linguisticae. Interdisziplinäre Schriftenreihe für Theologie und Linguistik.Vergleiche Reinhard Breymayer, Domenico Ellena [Bearbeiter]: Bibliographie zur „linguistischen“ Theologie. In: „Linguistische“ Theologie. Biblische Texte, christliche Verkündigung und theologische Sprachtheorie, herausgegeben von Uwe Gerber und Erhardt Güttgemans. (= Forum Theologiae Linguisticae. Interdisziplinäre Schriftenreihe für Theologie und Linguistik. In Verb[indung] mit Reinhard Breymayer und Domenico Ellena herausgegeben von Erhardt Güttgemanns, Band 3). Verlag Linguistica Biblica, Bonn 1972, S. 197–248. Von 1982 bis 2000 war er Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift ARIES (Paris/Sorbonne). Seit 1992 war er Herausgeber der Suevica. Beiträge zur schwäbischen Literatur- und Geistesgeschichte (Stuttgart) in der Reihe Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik. Die Suevica berücksichtigen vor allem die Schwäbische Romantik.

Breymayer war Verfasser von über 200 Veröffentlichungen vor allem zum PietismusVergleiche zu einem für die Verbreitung des Pietismus grundlegend wichtigen Text 1. Reinhard Breymayer (Hrsg.): Luctuosa desideria. Wiedergefundene Gedenkschriften auf den Leipziger pietistischen Studenten Martin Born (1666–1689). Mit Gedichten von Joachim Feller, August Hermann Francke und anderen, Teil 1. Luctuosa desideria und Vetterliche und Freund-verbundene Letzte Pflicht. Text. Heck, Tübingen 2008, ISBN 978-3-924249-42-7. Auf S. 24–25 findet sich das berühmte Sonett Fellers auf Martin Born im Faksimile des in Fraktur gesetzten Textes der jahrhundertelang verschollenen Erstausgabe, S. 12–13 in Antiqua-Umschrift. 2. Reinhard Breymayer / Red[aktion]: Feller, Joachim, auch: Cholander, Franciscus Dermasius. In: [Walther] Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Herausgegeben von Wilhelm Kühlmann in Verbindung mit Achim Aurnhammer, Jürgen Egyptien [und anderen], Band 3. (Redaktion: Christine Henschel <Leitung> und Bruno Jahn.) Walter de Gruyter, Berlin/New York (2008), S. 404–405., zur Rhetorik und zur deutschen Philologie. Genannt seien die von ihm mitherausgegebenen Bände 1 und 3 der historisch-kritischen Edition der Werke des Theosophen Friedrich Christoph Oetinger. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1977 und 1999.Vergleiche dazu Reinhard Breymayer: Oetinger, Friedrich Christoph, auch: Halatophilus Irenaeus. In: [Walther] Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Herausgegeben von Wilhelm Kühlmann in Verbindung mit Achim Aurnhammer, Jürgen Egyptien [und anderen], Band 8. (Redaktion: Christine Henschel <Leitung> und Bruno Jahn.) Walter de Gruyter, Berlin/New York (2010), S. 686–687. Er hat zahlreiche Beiträge zu Ehren renommierter Institutionen und Personen veröffentlicht, zum Beispiel des Evangelischen Stifts Tübingen 1986, des Sorbonne-Professors Antoine Faivre 2001 beziehungsweise des in Toronto tätigen Professors Hartmut Fröschle 2005.

Breymayer hat erstmals die Frage nach dem Verbleib der Privatbibliotheken des Vorpietisten Johannes Coccejus und führender Pietisten wie Philipp Jacob Spener, August Hermann Francke und Gottfried Arnold gestellt und sie auf Grund neu gefundener Auktionskataloge zu diesen Privatbibliotheken teilweise beantworten können.

In späteren Jahren betrat er auch das Feld der Philosophiegeschichte. Dabei hat er den deutschen Diderot-Forscher Werner Raupp als Übersetzer und Bibliograph maßgeblich unterstützt, besonders bei der Herausgabe der Denkschrift: Denis Diderot zum 300. Geburtstag (2013)Vgl. besonders [Denis Diderot:] Literaturverzeichnis. Zusammengestellt von Reinhard Breymayer u. Werner Raupp, in: Denis Diderot zum 300. Geburtstag. Hrsg. von Wulf Kellerwessel u. Werner Raupp. [Schwerpunktheft:] Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie 20 (2013, Heft Nr. 4), ISSN 0945-6627, S. 292–312 (neuere Veröffentlichungen, einschl. Quellentexte, Bibliogr. u. Sekundärliteratur)..

Ehrungen 1989 erhielt Breymayer auf Vorschlag des Präsidenten der Universität Tübingen den Philipp-Matthäus-Hahn-Preis der Stadt Kornwestheim als erster Träger.Vergleiche unter anderem Reinhard Breymayer: "Anfangs glaubte ich die Bengelische [d. i. von Johann Albrecht Bengel stammende] Erklärung ganz …" Philipp Matthäus Hahns Weg zu seinem wiederentdeckten "Versuch einer neuen Erklärung der Offenbarung Johannis" <1785>. In: Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus. Im Auftrag der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus hrsg. von Martin Brecht, Friedrich de Boor, Klaus Deppermann, Ulrich Gäbler, Hartmut Lehmann und Johannes [Christian] Wallmann, Bd. 15 (1989). Schwerpunkt: Die Gemeinschaftsbewegung. Göttingen (1989), S. 172–219. 2001 wurde ihm ein Fritz-Thyssen-Stipendium der Franckeschen Stiftungen zu Halle (Saale) verliehen.

Schriften Vladimir Jakovlevič Propp (1895–1970) – Leben, Wirken und Bedeutsamkeit. In: Linguistica Biblica 15/16 (1972), S. 36–77 (S. 67–77 Bibliographie).Erste deutsche Würdigung von Propps Forschungen zur strukturalen Erzählforschung, besonders zur Märchenforschung. – Zu weiterer Anregung durch die empirische Kulturwissenschaft vgl. Reinhard Breymayer: "Dees ischd a' Abbild dessa' davon …" Zum pietistischen Sprachgebrauch in einer schwäbischen Erbauungsstunde des 20. Jahrhunderts. In: Irmtraut Sahmland/Hans-Jürgen Schrader (Hrsg.): Medizin- und kulturgeschichtliche Konnexe des Pietismus. Heilkunst und Ethik, arkane Traditionen, Musik, Literatur und Sprache. Vandenhoeck & Ruprecht, (Göttingen / Bristol, CT [Connecticut, U.S.A.] 2016) (= Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Band 61), S. 373–398. Bibliographie zum Thema "(Martin) Luther und die Rhetorik". In: Linguistica Biblica. Interdisziplinäre Zeitschrift für Theologie und Linguistik, hrsg. von Erhardt Güttgemanns, Heft 21/22 (1973), S. 39–42. Friedrich Christoph Oetinger: Die Lehrtafel der Prinzessin Antonia. Herausgegeben von Reinhard Breymayer und Friedrich Häußermann. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1977, ISBN 3-11-004130-8. Der endlich gefundene Autor einer Vorlage von Friedrich Schillers „Taucher“: Christian Gottlieb Göz (1746–1803), Pfarrer in Plieningen und Hohenheim, Freund von Philipp Matthäus Hahn? In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, 83/84 (1983/1984). Stuttgart , S. 54–96; S. 83–96: Literaturübersicht.Vergleiche dazu Mary Garland: Taucher, Der. In: The Oxford Companion to German Literature. By Henry (Burnand Garland) and Mary Garland. Third Edition. By Mary Garland. (Oxford, New York, Athen [und so weiter] 1997), S. 820, Spalte 2. Mary Garland übernimmt Breymayers Auffassung, dass in dem Kinderbuch des Pfarrers Christian Gottlieb Göz die most likely source von Schillers Ballade zu finden sei.Zu pietistischer Wirkung auf Schiller vergleiche auch Reinhard Breymayer: Erhard Weigels Schüler Detlev Clüver und sein Einfluss auf Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782) […]. In: Katharina Habermann, Klaus-Dieter Herbst (Hrsg.): Erhard Weigel (1625–1699) und seine Schüler […]. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2016, S. 269–323, hier S. 317–322: "Nachweis einer Verbindung zwischen dem mit Mozart und Beethoven vertrauten Franz Joseph Reichsgraf von Thun und Hohenstein, dem Mechaniker Philipp Gottfried Schaudt und dem Pfarrer Philipp Matthäus Hahn. Findet sich eine Spur von Hahns Theologie in Schillers Ode An die Freude?" [These: Die Verse "Brüder – überm Sternenzelt/muß ein lieber Vater wohnen" spiegeln Hahns Liebestheologie.] Auktionskataloge deutscher Pietistenbibliotheken. In: Bücherkataloge als buchgeschichtliche Quellen in der frühen Neuzeit. Herausgegeben von Reinhard Wittmann. (= Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Band 10.) Harrassowitz, Wiesbaden (1985), S. 113–208.Ausführliche bibliographische Notierung: Reinhard Breymayer: Auktionskataloge deutscher Pietistenbibliotheken. Die beiden neuentdeckten Auktionskataloge für die Privatbibliothek des Vorpietisten Johannes Coccejus, des bedeutendsten reformierten Theologen des 17. Jahrhunderts. Mit weiteren, vor allem für die Vorgeschichte und Geschichte des Pietismus wichtigen, Auktionskatalogen oder deren Spuren und der Lösung eines Rätsels der Hölderlin-Forschung: Scardanellis [d. i. Friedrich Hölderlins] Wörterbuch [Jean Vigneron: Dictionarium Caesareum]. In: Bücherkataloge als buchgeschichtliche Quellen in der frühen Neuzeit. Herausgegeben von Reinhard Wittmann. (= Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Band 10.) Harrassowitz, Wiesbaden (1985), S. 113–208. (Hrsg.), Friedrich Hölderlin [Zuschreibung], Hymne an die Heiterkeit. Ein unbekanntes Lied 'Gesungen bei der Einweihung eines Gartenhauses das zur Aufschrift hat: SERENITY'. Noũs Verlag Thomas Heck, Tübingen 1985. Der „Vater des deutschen Pietismus“ und seine Bücher: Zur Privatbibliothek Philipp Jakob Speners. In: Bibliothecae selectae da Cusano a Leopardi, a cura di Eugenio Canone. (= Lessico Intellettuale Europeo. Band 58.) Olschki, Florenz 1993, S. 299–331. Der wiederentdeckte Katalog zur Bibliothek Gottfried Arnolds. In: Dietrich Blaufuß, Friedrich Niewöhner (Hrsg.): Gottfried Arnold (1666–1714). (= Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Wolfenbütteler Forschungen. Band 61.) Harrassowitz, Wiesbaden 1995, S. 55–143. Friedrich Christoph Oetinger: Biblisches und Emblematisches Wörterbuch. Herausgegeben von Gerhard Schäfer in Verbindung mit Otto Betz, Reinhard Breymayer, Eberhard [Martin] Gutekunst, Ursula Hardmeier, Roland Pietsch, Guntram Spindler. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-004903-1.