mini|Wiener Stadtbefestigung nach dem Plan von Joseph Vinzenz Degen, 1809 mini|Wiener Stadtbefestigung, Stand 1809, auf einem modernen Stadtplan mini|Überrest des Widmertores in der Hofburg
Die Wiener Stadtmauern waren Bauwerke, die ab den Zeiten des Kelten- bzw. Römerlagers Vindobona der Befestigung der Stadt Wien dienten. Sie wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert und modernisiert. Der innere Befestigungsring umfasste den Stadtkern Wiens und bot im Ernstfall auch Zuflucht für die Bevölkerung aus den Vorstädten. Ein zusätzlicher äußerer Befestigungsring um die Vorstädte wurde mit dem Linienwall zu Anfang des 18. Jahrhunderts geschaffen. Die Wiener Stadtmauern überstanden mehrere Belagerungen, darunter die erste und zweite Türkenbelagerung. In den Jahren 1858–1864 wurden sie abgerissen.
Geschichte Entstehung mit dem Römerlager Vindobona In Vindobona kann man weniger von einer Stadtmauer als von einer Lagermauer sprechen. In der frühen Phase belegte sie Teile des heutigen 1. Wiener Gemeindebezirkes vom Donaukanal bis zum Hohen Markt und vom heutigen Tiefen Graben (damals das Bachbett des Ottakringer Bachs) bis zur heutigen Rotenturmstraße. In einer späteren Phase wurde die Lagermauer erweitert bis zur Naglergasse.siehe historischer Wienplan Zwischenmauern trennten früher die bewohnte östliche Hälfte des Lagers vom unbewohnten westlichen Teil. Eine solche Mauer verlief im Zuge der heutigen Marc-Aurel-Straße. Die Römer legten vor dieser Mauer einen Graben an, der, obwohl nicht mehr sichtbar, bis heute diesen Namen trägt. Das Lager Vindobona hatte nur drei Tore, porta principalis dextra (rechtes Tor) nach Nordwesten, porta principalis sinistra (linkes Tor) nach Südosten, über die Via Principalis lief die Limesstraße (zwischen Asturis (Klosterneuburg) und Ala Nova (Schwechat)), und porta decumana (Hintertor, Südtor) nach Südwesten. Die Nordostmauer trug kein Haupttor (porta praetoria) und verlief entlang eines Hanges zur Donau.
Die Ziegel und Steine wurden aus Lehmgruben bzw. Steinbrüchen aus der Umgebung eingebracht. Mögliche Lehmgruben waren im 17. Wiener Gemeindebezirk,Die Römerzeit in Wien – Legionslager Vindobona beim Schottentor und Gumpendorf. Die Steinbrüche dazu waren vermutlich in Sievering und aus dem Leithagebirge (Mannersdorf, Kaisersteinbruch). Die genaue Herkunft der Ziegel und Steine bis zum Spätmittelalter ist nicht dokumentiert., A. Kieslinger A, Quelle: Restauratorenblätter, 1979
Stadtmauer bis ins 12. Jahrhundert Die Babenberger adaptierten die römische Lagermauer und bauten sie zu einer mittelalterlichen Stadtmauer aus.Gerhard Eichinger: Heinrich II. JasomirgottArtaria & Compe: Grundriss von Wien, Kupferstich, 1812, mit Nebenkarte zur Situation im Jahre 1157 Die porta principalis dextra wurde zum Ungartor, es bildete sich eine Kaufmannstadt davor, die porta decumana zum Peilertor, damals Paevrertor oder Baylertor genannt. Sie verwendeten dafür die bereits vorhandenen Steine aus dem ehemaligen Römerlager wieder und führten neue Steine aus Heiligenkreuz, Wildegg, entlang der Donau von Greifenstein bis Kahlenbergerdorf und Leithagebirge hinzu. Marmore wurden aus Tirol über den Inn und die Donau nach Wien geschifft. Die Menge an Steinen aus der Römerzeit war so groß, dass sie auch noch für Teile des Wiener Stephansdoms verwendet wurden.
Stadtmauern vom 13. Jahrhundert bis zur Ersten Türkenbelagerung mini|Das Werdertor aus dem 14. Jahrhundert, Aufnahme bei seiner Schleifung, 1860 mini|Wien 1493 Mit den Lösegeldern aus der Gefangennahme von Richard Löwenherz 1192 finanzierte Leopold V. die Zuschüttung des (heute noch so genannten) Grabens vom Stephansdom bis zur Freyung und ließ Stadtmauern in jenen Dimensionen bauen, wie sie noch bis ins 19. Jahrhundert bestehen sollten. Einzelne Reste der älteren Stadtbefestigung, etwa das Peilertor zwischen Kohlmarkt und Tuchlauben, blieben aber noch erhalten. In den nächsten Jahrhunderten änderte sich an den Stadtmauern wenig. Die Wiener fühlten sich nicht bedroht und somit sah man auch nicht die Notwendigkeit, die Stadtmauer auf den aktuellen militärtechnischen Stand zu bringen.
Im Mittelalter entstanden mehrere Tore. Spätestens Ende des 13. Jahrhunderts werden das Kärntnertor, das Widmertor und das Schottentor erwähnt. 1302 entstand das Werdertor, 1314 das Stubentor und das Rotenturmtor.
Doch schon 1529 drangen die Türken unter Sultan Suleiman I. bis nach Wien vor und belagerten die Stadt einen Monat lang. Sie griffen die Stadt am Kärntnertor an. Einen Beschuss mit schweren Kanonen konnten die Türken nicht durchführen, weil der verregnete Sommer die Versorgungswege aufgeweicht hatte und nur Kanonen kleinen Kalibers vor die Stadtmauern gebracht werden konnten. Mit den großen Kanonen, die sie wetterbedingt weit vor Wien zurücklassen mussten, wäre die mittelalterliche Stadtmauer leicht zu zerstören gewesen. So versuchten die Türken, die Mauern durch Minen zu sprengen. Es begann ein Minenkrieg. Mittels wassergefüllter Schüsseln oder Eimer und Trommeln, wobei auf das gespannte Kalbfell Erbsen aufgelegt wurden, konnten die Wiener die Grabungsarbeiten ungefähr lokalisieren und Gegenmaßnahmen ergreifen. Nach einem Monat Belagerung gelang es den Türken, mehrere Breschen, zuletzt eine von 30 Meter Mauerwerk (Suleimanbresche) herauszusprengen. Doch da die Mauern nach außen fielen, mussten sich die angreifenden Türken langsam über das Geröll vorwärtskämpfen und wurden von Pikenieren und Arkebusieren zurückgeschlagen. Außerdem hatten die Wiener damit genügend Zeit, Palisaden aufzubauen und Gräben zu ziehen, und konnten so die Erstürmung der Stadt verhindern.
mini|Kärntnertor (1858)
Stadtmauern zwischen den Türkenbelagerungen mini|links|Das Idealbild der italienischen Manier des Festungsbaus mit einer Katze (Kavalier), Ravelin, Basteiim Hintergrund Gedeckter Weg mit Waffenplatz und Palisaden vor dem Glacis mini|Wien 1609
Ab diesem Zeitpunkt plante man an einem Umbau der Stadtmauern in eine neuzeitliche Festung nach italienischem Vorbild. Im Jahre 1547 beauftragte der Wiener Bürgermeister Sebastian Schrantz Augustin Hirschvogel aus Nürnberg mit ersten Planungsvorschlägen. Ein weiterer Plan wurde von seinem Steinmetz Bonifaz Wolmuet gezeichnet. Francesco de Pozzo war einer der italienischen Festungsbauermeister aus der Lombardei, besonders aus der Umgebung von Como und Lugano. Der Wiener Stadtsteinmetzmeister Leonhard Eickl (ab 1536) hatte als Amtsperson Begutachtungen, Schätzungen und Erneuerungsvorschläge zu verhandeln.Leonhard Eykl, Steinmetz, Dombaumeister. In: Richard Perger, Wiener Künstler des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Regesten. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2005. ISBN 3-7001-3597-1. S. 28–31, 94–95, 137.
Als eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten ist der Festungsarchitekt Domenico dell’Allio zu nennen. Die mittelalterlichen Mauertürme wurden in zehn Bastionen umgebaut. Der Biber-, Schotten- und Krotenturm wurden erst unter Karl VI. und der Fach- und Judenturm gar erst unter Josef II. geschleift.Karl August Schimmer: Wien’s Belagerungen durch die Türken und ihre Einfälle in Ungarn und Oesterreich. Wien 1845, S. 109 (Google Books). Die Stadtmauern wurde etwas niedriger, aber dafür breiter gebaut und davor wurde ein Graben mit Kontereskarpe ausgehoben. Darauf legte man einen gedeckten Weg mit einem Erdwall als Schutz davor an und achtete auf die freie Schutzweite von 300 Metern im Glacis bis zu den ersten Häusern nach der Stadt. Der Teil der Stadtmauer, der an den Donaukanal grenzte, wurde erst im 17. Jahrhundert in eine neuzeitliche Festung umgebaut.
In Wien wurde für die Bastionen immer der Begriff Bastei verwendet. In allen Zeichnungen und Beschreibungen, unter anderem jene von Daniel Suttinger, dem österreichischen Festungsbauingenieur, weiter unten, wurde diese Bezeichnung verwendet. Es handelt sich hier um einen Austriazismus.
Im Nordosten wurde durch den Alserbach, im Süden durch den Wienfluss, der Graben mit Wasser gefüllt. Nur auf der nordwestlichen und westlichen Seite zwischen Augustinerbastei und Schottenbastei blieb der Graben trocken.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg begann unter den Kaisern Ferdinand III. und Leopold I. ein groß angelegter Ausbau der Fortifikationsanlagen. Alleine in der Regierungszeit Ferdinands III. (bis 1657) wurde dafür aus der Hofkammer die stattliche Summe von über 80.000 fl. ausbezahlt.Walter F. Kalina: Der Wiener Festungsbau zur Zeit der Kaiser Ferdinand III. und Leopold I. (1637–1672). In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, Jg. 60, Nr. 3/4, Wien 2006, , S. 380–384. So wurde aus der altitalienischen Manier auf eine neuitalienische Manier erweitert, zwischen den Bastionen wurden selbstständige Befestigungswerke, sogenannte Ravelins, von den Wienern auch Schanzl genannt, hinzugefügt. Hinter den Bastionen wurden überhöhte Artilleriestellungen angelegt, die sogenannten Kavaliere, auch Katze genannt. Der vordere gemauerte Rand des Grabens, die Kontereskarpe, war sechs Meter tief und verlief im Zickzack; darauf ein gedeckter Weg, der durch Palisaden gegen das freie Vorfeld, das Glacis, abgegrenzt war.
Ein Angreifer konnte also die Festung nicht im Sturm nehmen, sondern musste sich mit Gräben durchs Glacis an die Palisaden und den gedeckten Weg heranarbeiten. Diese mussten unterminiert, gesprengt und zusammen mit der Kontereskarpe in den Graben geworfen werden. Als Nächstes musste der Angreifer sich mit Tunneln hinunter in und durch den Graben eingraben, wo er von den Niederwällen, den Kaponnieren, dem Ravelin und den Basteien unter Beschuss stand. Zuletzt waren noch die Basteien, die Ravelins und die Stadtmauer zu unterminieren, zu sprengen und dann die Stadt im Sturm zu erobern.
mini|300px|Querschnitt der Wiener Stadtmauern Mit dem Jahre 1672 wurden diese Bauarbeiten fertig – gerade rechtzeitig, denn 10 Jahre später, im Jahre 1683, belagerten die Türken Wien erneut. Bereits ein Jahr vorher, die Friedensverhandlungen zwischen dem Osmanischen Reich und Kaiser Leopold I. scheiterten, hatte dieser den Festungsingenieur Georg Rimpler aus der sächsischen Stadt Leisnig, der sich in der Bastion St. Andrea bei der Belagerung von Candia auf Kreta (1669) einen Namen gemacht hatte, mit der Erweiterung und Verbesserung der Festung Wien beauftragt. Kaiser Leopold zahlte ihm 2000 Gulden und stellte ihn als Oberstleutnant in Dienst.Klaus-Peter Matschke: Das Kreuz und der Halbmond. Die Geschichte der Türkenkriege. S. 358 f. (Sekundärliteratur) Unter dem Stadtkommandanten Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg verstärkte dieser die Stadtmauer, die Kontereskarpe und den gedeckten Weg, baute Kaponniere und den Niederwall an den Bastionsflanken und richtete Absperrungen bei den einzelnen Festungsteilen ein, die bei Eroberung eines Teiles der Anlage die Eroberung der gesamten Anlage verhinderte. Georg Rimpler erkannte richtig, dass der Hauptangriff der Türken zwischen Löwelbastei und Burgbastei liegen würde.
Die Burgbastei (der linke Flügel der Verteidiger, der rechte Flügel der Angreifer) war ein regelmäßiges Viereck mit je neun Kanonen, aber sie verfügte über keine Minenanlage. Hinter der Burgbastei war der Kavalier, die Spanierbastei, eine überhöhte Artilleriefestung. Die Löwelbastei (der rechte Flügel der Verteidiger, der linke Flügel der Angreifer) war kleiner als die Burgbastei und dahinter der Kavalier, genannt die „Katze“, nahm nochmals Platz weg.Walter Sturminger: Die Türken vor Wien. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 1968, S. 32 (Sekundärquelle) zitiert Oberstleutnant Johann Georg von Hoffmann aus dem Jahresbericht des Realgymnasiums der Theresianischen Akademie in Wien 1937 von Dr. Stefan Hofer, S. 3–17.