Der Indische Nationalkongress (INC, , ), auch Kongresspartei oder Kongress genannt, ist eine der „nationalen Parteien“ Indiens (vgl. Liste der politischen Parteien in Indien) und gilt neben der Bharatiya Janata Party als eine der beiden großen Parteien des Landes. Sie gilt als sozialliberal und säkular orientiert, während die Bharatiya Janata Party für eine konservative Ausrichtung und Hindu-Nationalismus steht.
Die Kongresspartei wurde 1885 gegründet und ist eine der ältesten demokratischen Parteien der Welt. Sie war die führende Bewegung des indischen Unabhängigkeitskampfes. Zahlreiche andere, vor allem regionale Parteien sind aus Abspaltungen entstanden. Lange Zeit war sie die dominierende politische Partei Indiens und aus ihren Reihen kamen die meisten Premierminister und Staatspräsidenten Indiens.
Geschichte mini|links|Delegierte der ersten Versammlung des INC in Bombay 1885
Bis zur Unabhängigkeit Indiens Die Kongresspartei ist eine 1885 von Hindus und Muslimen sowie Briten im damaligen Britisch-Indien gemeinsam gegründete indische Partei. Als Ort der Gründung war zunächst Poona vorgesehen. Wegen eines Ausbruchs der Pest in Poona wich man jedoch nach Bombay aus, wo die eigentliche Gründungsversammlung am 28.–30. Dezember 1885 stattfand. Eine führende Rolle bei der Gründung spielte der schottische Theosoph Allan Octavian Hume. Ziel der neu gegründeten Partei war es, eine stärkere Teilhabe von gebildeten Indern an der politischen Machtausübung in Britisch-Indien zu erreichen.
Nach und nach gewann der Kongress an politischem Gewicht und spielte eine führende Rolle bei der Massenbewegung gegen die Teilung Bengalens 1905, die von nationalbewussten Indern als ein Versuch der britischen Kolonialherren gesehen wurde, Muslime und Hindus gegeneinander auszuspielen. Auch in der Swadeshi-Bewegung 1905 bis 1911, die der Stärkung des nationalindischen Bewusstseins und der indischen Wirtschaftskraft dienen sollte, war der Kongress aktiv. 1906 wurde die rivalisierende Muslimliga gegründet, die spezifisch die Interessen der Muslime vertreten wollte. Der Indische Nationalkongress wurde außerdem mit Konflikten zwischen dem moderaten Flügel unter der Führung von Gopal Krishna Gokhale und dem radikalen Flügel unter der Führung von Bal Gangadhar Tilak belastet. Es kam 1907 zur Spaltung der Kongresspartei. Der moderate Flügel berief nun alljährlich eine alternative Versammlung ein, das All India Congress Committee, welches fortan zum wichtigsten Entscheidungsgremium des Nationalkongresses wurde. Indischer Nationalkongress und Muslimliga verfassten 1916 gemeinsam im sogenannten Lucknow-Pakt eine Erklärung mit Forderungen nach indischer „Selbstregierung“, wobei zunächst weniger an vollständige Unabhängigkeit, sondern an die Erlangung des Status eines Dominions gedacht war. Diese wurde von der britischen Regierung im August 1917 mit einer politischen Absichtserklärung beantwortet, Indien einen allmählichen Übergang zur Selbstregierung zuzugestehen.
mini|Gandhi mit dem Kongress-Präsidenten Bose (1938)
Unter der Führung Mohandas Gandhis, der 1914 endgültig nach Indien zurückgekehrt war, kam es in der Zwischenkriegszeit zu gewaltfreiem Widerstand (Satyagraha) gegen die britische Herrschaft. Der Kongress, der zuvor eher ein elitärer Zirkel von westlich gebildeten Intellektuellen gewesen war, wurde zu einer Massenbewegung. Auf den sogenannten Round-Table-Konferenzen 1930–32 wurde der Kongress erstmal als direkter Verhandlungspartner und Vertreter indischer Interessen durch die britische Kolonialmacht anerkannt. 1934 formierte sich die Congress Socialist Party als eigene Untergruppierung der Sozialisten innerhalb der Kongresspartei. Die CSP trennte sich im Jahr 1948, nach der Unabhängigkeit, als Sozialistische Partei Indiens von der Kongresspartei.
Mit dem Government of India Act aus dem Jahr 1935 erhielten die Provinzen Britisch-Indiens eine relativ weit gehende Autonomie. Bei den Wahlen zu den Provinzialvertretungen errang der Kongress in acht von elf Provinzen die Mehrheit und bildete anschließend die Provinzialregierungen. Bei Kriegsausbruch 1939 erklärte der Vizekönig Lord Linlithgow den Kriegseintritt Britisch-Indiens auf Seiten des Empire, ohne die gewählten indischen Volksvertreter zu konsultieren. Die gewählten Kongresspartei-geführten Provinzialregierungen traten daraufhin unter Protest zurück. Radikalere Vertreter im Indischen Nationalkongresses sahen den Krieg als Möglichkeit, die Unabhängigkeit Indiens im aktiven Kampf zu erlangen. Der frühere Parteipräsident (1938) Subhash Chandra Bose floh, nachdem die Kolonialregierung ihn unter Hausarrest gestellt hatte, ins Ausland, proklamierte eine Gegenregierung des „Freien Indien“ und baute zunächst von Deutschland und später von Japan aus eine indische Auslandsarmee auf. Gandhi bemühte sich um die politische Einheit zwischen Hindus und Muslimen. Im Jahr 1942 rief er die Quit-India-Bewegung aus, in der die britischen Kolonialherren zum Verlassen des Landes aufgefordert wurden. Zum 15. August 1947 erhielt Indien die Unabhängigkeit; die mehrheitlich muslimischen Landesteile wurden unter dem Staatsnamen Pakistan als eigener Staat selbständig. Jawaharlal Nehru, der enge Mitstreiter Gandhis aus den Reihen des Kongresses, wurde erster Premierminister Indiens.
Nach 1947 mini|Jawaharlal Nehru, Regierungschef der Übergangsregierung 1947–1950 und erster Premierminister Indiens 1950–1964
Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 kam der schon vorher allmählich begonnene Prozess der Umwandlung des Nationalkongresses von einer breiten Massenbewegung in eine politische Partei zum Abschluss. Zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft hatte insbesondere Gandhi immer großen Wert darauf gelegt, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen unter dem Dach des Kongresses zu vereinen, um den Anspruch zu untermauern, dass der Kongress für die ganze indische Bevölkerung spräche. Nach der Unabhängigkeit fiel die einigende Klammer, die verschiedene heterogene Bewegungen unter dem Dach der Kongress-Organisation zusammengehalten hatte, nämlich der gemeinsame Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft, weg. Nach und nach begannen sich einzelne Gruppierungen aufgrund programmatischer Differenzen von der Kongresspartei abzuspalten. Den Anfang machte die Congress Socialist Party, die sich 1948 als Sozialistische Partei Indiens neu formierte. Zahlreiche kleinere, häufig regionale Gruppierungen folgten in den folgenden Jahren und Jahrzehnten. Die wichtigsten Oppositionsparteien zur Kongresspartei in den ersten Jahrzehnten der indischen Republik waren die Sozialisten und Kommunisten. Von geringerer Bedeutung waren die 1951 gegründete hindunationalistische Bharatiya Jana Sangh und die 1959 entstandene liberalkonservative Swatantra-Partei. Die Parlamentswahlen in den 1950er und 1960er Jahren wurden von der Kongresspartei mit sehr großen Mehrheiten gewonnen. Der wesentliche Grund hierfür war das geltende relative Mehrheitswahlrecht, das dazu führte, dass schon relative Mehrheiten zum Gewinn eines Wahlkreises ausreichten und sich die zersplitterte Opposition meist nicht auf gemeinsame Kandidaten einigen konnte. Seit 1947 bis zum Jahr 1977 stellte die Kongresspartei daher ununterbrochen alle Premierminister, beginnend mit Jawaharlal Nehru, und alle Staatspräsidenten Indiens und dominierte nicht nur die Politik der indischen Bundesregierung, sondern auch die der meisten Bundesstaaten.
Die Kongresspartei unter Indira Gandhi 1966 bis 1984 mini|Indira Gandhi (1966), Premierministerin 1966–1977 und 1980–1984
1966 wurde Indira Gandhi, die Tochter Nehrus, zur Ministerpräsidentin Indiens gewählt. Sie betrieb eine zunehmend linksgerichtete Politik, die insbesondere im Wirtschaftsbereich zu einer zunehmenden staatlichen Regulierung führte. Sie geriet immer mehr in Konflikt mit den alten Machteliten der Partei (dem sogenannten „Syndikat“), so dass es schließlich, nachdem letztere versucht hatten, Indira Gandhi zu entmachten und aus der Partei auszuschließen, 1969 zu einer Spaltung der Partei in einen größeren, Indira unterstützenden Indian National Congress (Requisition) („Congress (R)“), und einen kleineren Indian National Congress (Organisation) („Congress (O)“) kam. Die Parlamentswahl 1971 wurde eindrucksvoll von Indiras „Congress (R)“ gewonnen, der „Congress (O)“ kam nur auf wenige Mandate. Indira Gandhi blieb weiterhin Premierministerin. Die Indische Wahlkommission erkannte danach Indiras Congress (R) als legitimen Nachfolger der Kongresspartei an und das Suffix „R“ wurde weggelassen.
Die Kongresspartei unter der Führung Indira Gandhis war eine wesentlich zentralistischer und autoritärer geführte Partei als die alte Partei Nehrus. Entscheidungen wurden häufig von der Premierministerin alleine getroffen und es entwickelte sich ein ausgeprägter Personenkult um die Person Indira Gandhis. Aufgrund der Zweidrittelmehrheit, die ihr Kongress 1971 im Parlament erlangt hatte, war sie in der Lage die indische Verfassung ändern zu lassen, was auch mehrfach erfolgte. Dies wurde von ihren Gegnern als Angriff auf die indische Demokratie gesehen. Während ihrer Regierungszeit kam es zunehmend zu außerparlamentarischen Massenbewegungen der Opposition, die in der Wahrnehmung Indira Gandhis die öffentliche Ordnung gefährdeten. 1975 ließ sie daher den Ausnahmezustand erklären und regierte 21 Monate lang per Dekret. Nach Suspendierung des Ausnahmezustandes wurden 1977 Parlamentswahlen abgehalten, die mit einer schweren Niederlage von Indiras Kongresspartei endeten. Die aus verschiedenen Oppositionsgruppen hervorgegangene Janata Party errang einen klaren Sieg und bildete anschließend die Regierung – die erste Regierung seit der Unabhängigkeit Indiens, die nicht von der Kongresspartei getragen wurde.
Nach der Wahlniederlage gewannen die innerparteilichen Gegner Indira Gandhis Oberwasser und betrieben ihren Parteiausschluss. Daraufhin kam es 1978 erneut zur Spaltung der Partei in einen Indira-Flügel, den Indian National Congress (Indira) („Congress (I)“) und einen Flügel unter D. Devaraj Urs, dem Indian National Congress (Urs) („Congress (U)“). Es wiederholten sich in gewisser Weise die Ereignisse und Indira Gandhis „Congress (I)“ gewann die Parlamentswahl 1980 triumphal, so dass sie anschließend wieder Premierministerin wurde und der Congress (I) 1981 durch die Indische Wahlkommission als die legitime Kongresspartei anerkannt und das Suffix „I“ wieder entfernt wurde.
1984 wurde Indira Gandhi durch zwei Sikh-Attentäter ermordet. Staatspräsident Giani Zail Singh ernannte daraufhin den Sohn Indiras, Rajiv Gandhi, der bisher noch über wenig politische Erfahrung verfügte, zu ihrem Nachfolger im Amt des Premierministers.
Die Kongresspartei unter Rajiv Gandhi 1984 bis 1991 mini|Rajiv Gandhi (1989), Premierminister 1984 bis 1989