mini|Hausmeerschweinchen
Meerschweinchenkrankheiten sind Gesundheitsstörungen in der Familie der Caviidae. Prinzipiell sind Hausmeerschweinchen für dieselben Erkrankungen anfällig wie ihre Wildform, bei Hausmeerschweinchen kommt jedoch eine Reihe weiterer Erkrankungen vor, die vor allem fütterungs- oder haltungsbedingt sind. Bei den Fütterungsfehlern bei Hausmeerschweinchen ist eine zu kohlenhydrat-, fett- oder eiweißreiche sowie rohfaserarme Nahrung häufige Ursache für eine Vielzahl von Problemen, die über Zahnerkrankungen, Durchfall, Aufblähung, Harnsteine bis hin zu Krämpfen reichen und sogar den Tod des Tieres zur Folge haben können. Haltungsfehler wie mangelnde Hygiene, nasse Einstreu, Zugluft oder direkte Sonneneinstrahlung bzw. zu hohe Umgebungstemperaturen fördern ebenfalls das Auftreten einer Reihe von Erkrankungen.
Erkrankungen des Verdauungsapparats Das Meerschweinchen ist an eine energiearme, rohfaserreiche Kost angepasst. Es besitzt lebenslang nachwachsende Zähne (wurzellose Zähne), die einen ständigen Zahnabrieb durch intensive Kau- und Nagetätigkeit benötigen. Die glatte Muskulatur des Magen-Darm-Kanals ist gering entwickelt. Die Aufnahme vieler kleiner Mahlzeiten und von Ballaststoffen sind wichtig für die Darmperistaltik und damit für den Weitertransport des Nahrungsbreis im Magen-Darm-Trakt.Birgit Drescher, Ilse Hamel: Meerschweinchen: Heimtier und Patient Heimtier und Patient. Georg Thieme Verlag, 3. Aufl. 2012, ISBN 978-3-8304-1158-1, S. 15. Die schwer verdauliche Nahrung wird durch Bakterien im Dickdarm aufgespalten. Fütterungsfehler führen schnell zu Störungen des empfindlichen Gleichgewichts dieser Darmflora. Meerschweinchen können, wie der Mensch, kein Vitamin C im Körper produzieren, sie sind daher auf dessen Aufnahme über die Nahrung angewiesen. Das Futter von Meerschweinchen sollte daher fast oder besser ausschließlich aus Heu und frischem, nicht zu kaltem Grünfutter bestehen (siehe auch Ernährung des Meerschweinchens). mini|Brückenbildung im Backenzahnbereich eines Meerschweinchens. mini|Riesenzahn rechts (links im Bild) Häufigere Anzeichen eines Verdauungsproblems sind reduzierte oder fehlende Nahrungsaufnahme (Anorexie), Durchfall und Blähungen („Trommelsucht“).
Zu lange Zähne führen zu Problemen bei der Nahrungsaufnahme. Mögliche Ursachen sind neben zu geringen Nagemöglichkeiten auch angeborene oder erworbene Zahnfehlstellungen sowie ein traumatischer Zahnverlust. Ein mangelnder Zahnabrieb kann eine Brückenbildung an den Backenzähnen begünstigen, die ein Anheben der Zunge an den Gaumen heran verhindern und somit ein Abschlucken unmöglich machen, oder zu einem Hechtgebiss führen. Da die Zähne nun erst recht nicht mehr benutzt werden, setzt ein Teufelskreis ein. Typische Anzeichen eines Zahnproblems sind Anorexie und vermehrter Speichelfluss mit feuchtem Fell in der Maulumgebung. Die gestörte Nahrungsaufnahme ruft schnell eine Degeneration der KaumuskulaturC.-C. Sommerey et al.: Erkrankungen des Meerschweinchens aus Sicht der Pathologie. Tierärztl. Praxis Kleintiere 32 (2004), S. 377–383. und schwerwiegende Erkrankungen des Magen-Darm-Kanals hervor. Zudem versuchen die Tiere häufig, den Nahrungsmangel durch vermehrtes Trinken (Polydipsie) oder Bevorzugung von Weichfutter auszugleichen. Zahnprobleme müssen durch Kürzen der Schneidezähne bzw. Abschleifen der Brücken korrigiert werden, zumeist in regelmäßigen Abständen, da sich durch das permanente Wachstum immer wieder Zahnfehlstellungen einstellen. Durch Schädigungen im Bereich der Schneidezahnwurzel kann es zur Bildung eines „Riesenzahns“ (Makrodont) kommen, der regelmäßig gekürzt werden muss.
Durchfall ist fast immer auf Störungen der Darmflora infolge Fütterungsfehler oder durch den Einsatz falscher Antibiotika zurückzuführen, die Sekundärinfektionen des Darms begünstigen. Antibiotika mit einem Wirkungsspektrum auf lediglich grampositive Bakterien (z. B. Penicillin) führen zu einer starken Vermehrung gramnegativer Bakterien und damit zu einer Antibiotika-assoziierten Diarrhoe bzw. Antibiotika-bedingten Enterotoxämie. Auch eine mangelnde Haltungshygiene begünstigt das Auftreten von Darmerkrankungen. Dabei dominieren bei Meerschweinchen die Hefepilzerkrankung Darmmykose durch Cyniclomyces guttulatus (veraltet Saccharomyces oder Saccharomycopsis guttulatus) oder Torulopsis pintolopsii, etwas seltener kommen bakterielle Sekundärerkrankungen vor, wie Salmonellose (Salmonella typhimurium, S. enteritidis) sowie Infektionen durch Clostridium difficile (vor allem bedingt durch den Einsatz falscher Antibiotika), Escherichia coli, Yersinia pseudotuberculosis, Pseudomonas aeruginosa, Listeria monocytogenes oder unspezifische Keime wie Streptokokken und Staphylokokken. Daneben gibt es einzelne Fallberichte zum Auftreten der Tyzzer’s Disease (Erreger Clostridium piliforme), welche meist tödlich endet. Viral bedingte Darmentzündungen werden gelegentlich bei Absetzern durch Coronaviren hervorgerufen und enden bei 50 % der Tiere tödlich. Auch der Befall des Dickdarms mit Fadenwürmern (vor allem Paraspidodera uncinata, ein Pfriemenschwanz) kommt gelegentlich bei Außenhaltung vor und kann zu Durchfällen führen, bleibt aber meist ohne klinische Symptome. Seltener lösen auch Einzeller Durchfälle aus. Die Kokzidiose (Eimeria caviae) kann bei Jungtieren in größeren Haltungen blutige Durchfälle hervorrufen, wobei hier ebenfalls sekundäre Darmmykosen oder bakterielle Darmentzündungen eine Rolle spielen. Seltener verursachen auch eine Trichomoniasis (Tritrichomonas caviae, T. flagellipora), Amöbenruhr (Entamoeba caviae) oder eine Infektion mit Cryptosporidium wrairi Durchfall. Zur Behandlung müssen zuerst Fütterungsfehler abgestellt werden. Bei Darmpilzerkrankungen werden zusätzlich Antimykotika (z. B. Nystatin), bei bakteriellen Infektionen Antibiotika, bei Kokzidien Toltrazuril oder Sulfonamide, bei anderen Einzellererkrankungen Metronidazol oder Fenbendazol eingesetzt. Zudem sind eine Zwangsfütterung mit Diätfuttermitteln, die Gabe von Probiotika zur Stabilisierung der natürlichen Darmflora und bei schweren Durchfällen auch ein Flüssigkeitsersatz angezeigt.
Blähungen äußern sich in einem aufgetriebenen Bauch und entstehen zumeist infolge von Fütterungsfehlern oder reduzierter Futteraufnahme (Zähne). Bei Meerschweinchen kommt es seltener zu Verstopfungen, die längere Verweilzeit des Nahrungsbreis im Magen-Darm-Trakt führt eher zu Fehlvergärungen und damit zu einer Dickdarm- (Darmtympanie) oder Magenaufgasung (Magentympanie), selten auch zu einer Magendrehung. Diese Aufgasungen sind sehr schmerzhaft (Zähneknirschen, reduzierte Nahrungsaufnahme, Abgeschlagenheit) und können zu einem Kreislaufversagen (Schock) oder zu einem Platzen des betroffenen Abschnitts des Verdauungskanals führen. Beide Zustände sind daher Notfälle. Die Behandlung erfolgt bei leichteren Formen durch Gabe von die Darmmotorik fördernden (Metoclopramid) und schaumbrechenden Arzneimitteln (Dimeticon). Bei hochgradigen Tympanien ist unter Umständen die Einführung einer Magensonde bzw. eine Punktion des aufgegasten Blinddarms und die Gabe von Antibiotika und Schmerzmitteln notwendig. Anschließend müssen Fütterungsfehler und gegebenenfalls die Zähne korrigiert und eine Zwangsfütterung mit Diätfuttermitteln durchgeführt werden.
Bei den Erkrankungen der Leber ist eine Leberverfettung bei energiereicher Ernährung häufig. Diese bleibt zumeist lange ohne klinische Symptome und wird erst bei einem Energiemangel akut und äußert sich unspezifisch in Appetitlosigkeit und Abgeschlagenheit, bei schwerem Verlauf in Bewusstseinsverlust (Leberkoma) und Krämpfen. Infektiöse Leberentzündungen (Hepatitis) treten bei Meerschweinchen bei Allgemeininfektionen mit Strepto- oder Staphylokokken sowie bei der Tyzzer’s Disease auf. Bei Einwirkung äußerer Gewalt kann bei Verletzung der Leber eine traumatische Hepatitis entstehen.
Atemwegserkrankungen Atemwegserkrankungen zeigen sich in Atemnot (Dyspnoe) und verstärkten Atemgeräuschen, bei Infektionen auch in Nasenausfluss und häufig auch einer Bindehautentzündung (Konjunktivitis) mit Augenausfluss.
Bei Meerschweinchen sind Atemwegserkrankungen sehr häufig bakteriell bedingt, der entsprechende Ausfluss ist dann eitrig. Als Erreger spielen Pasteurella multocida (Pasteurellose), Bordetella bronchiseptica, Klebsiella pneumoniae, Chlamydophila caviae, Streptobacillus moniliformis, sowie Strepto- und Staphylokokken und verschiedene Haemophilus-Arten eine Rolle. Die Behandlung der Atemwegsinfekte erfolgt mit Antibiotika und sekretauflösenden Mitteln (Acetylcystein, Bromhexin). Die Heilungsaussicht bei Lungenentzündungen ist bei Meerschweinchen im Vergleich zu anderen Tieren eher schlecht.
Ebenfalls relativ häufig sind virale Atemwegsinfekte. Die Meerschweinchen-spezifische Adenoviruspneumonie ist nach Ewringmann und Glöckner recht häufig, nach Wasel zumindest in Massenhaltungen. In einer jüngeren Studie wurde bei 1 % der zur Sektion eingesendeten Meerschweinchen eine Adenoviruspneumonie diagnostiziert. Sie bedarf offenbar keiner sekundären bakteriellen Infektion. Sie hat eine Inkubationszeit von 5 bis 10 Tagen und äußert sich in einem Absterben der Atemwegsschleimhaut infolge einer Bronchiolitis und endet meist tödlich. Nach Huerkamp et al. ist die Adenoviruspneumonie selten und virale Atemwegsinfekte werden, vor allem bei Kontakt zu Mäusen und Ratten, häufiger durch Paramyxoviren (Sendaivirus, Simian 5 Virus und Murines Pneumonievirus) ausgelöst.
Bei schweren Traumen (Stürze, Hundebiss) kann es zu einer Lungenblutung kommen, bei der rotes schaumiges, Blut aus der Nase tritt. Die Lungenblutung ist ein Notfall, der eine sofortige tierärztliche Behandlung erfordert. Herzerkrankungen (Hypertrophe Kardiomyopathie mit Lungenödem oder Pleuraerguss) und umfangreiche raumfordernde Prozesse im Bauch wie Aufgasungen des Magens oder Darms rufen ebenfalls Atemprobleme hervor. Auch in das Blut gelangte Erreger (Septikämie), vor allem bei Darmerkrankungen, können sich im Atmungsapparat ansiedeln. Tumoröse Neubildungen im Bereich der Lunge (Lungenadenome) treten relativ häufig auf. Allergische Atemwegserkrankungen sind dagegen bei Meerschweinchen selten.
Erkrankungen der Harnorgane mini|Röntgenbild eines Calcit-Steins (∅ 1,5 cm) in der Harnblase bei einem Meerschweinchen mini|20×13 mm großer Harnröhrenstein bei einem weiblichen Meerschweinchen. Erkrankungen der Harnorgane zeigen sich in einer Veränderung der Eigenschaften des Urins oder in der Frequenz des Harnabsatzes. Meerschweinchen nehmen Calcium unreguliert aus der Nahrung auf, überschüssiges Calcium wird über den Urin ausgeschieden. Eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme ist dafür erforderlich. Aufgrund des alkalischen pH-Werts des Urins (etwa 8,5) fallen schon physiologisch Kalziumkristalle aus, weshalb der Urin des Meerschweinchens gelblich- bis weißlich-trübe ist. Durch über die Niere ausgeschiedene Pflanzeninhaltsstoffe und Oxidation von Urinbestandteilen kann der Harn sich an der Luft auch rötlich verfärben, was nicht mit Blut verwechselt werden darf.