Die christliche Rechte (auch religiöse Rechte) bezeichnet eine Gruppe von politisch rechtsorientierten Christen, die aus religiöser Überzeugung politisch zugunsten eines gesellschaftspolitischen Konservatismus tätig sind. Oft ist damit die „Christian right“ in den USA gemeint. Letztere besteht im Kern aus einer Mischung von reformierten und calvinistischen Protestanten, charismatischen und pfingstlerischen Christen und konservativen Katholiken. Zudem gibt es Überschneidungen zu säkularen Tech-Bros und anderen Pronatalisten, rechtsextremen regierungsfeindlichen Bewegungen, weißen Suprematisten und US-amerikanischen Nationalsozialisten.

Vorläufer 1935 entstand die fundamentalistische Organisation The Fellowship Foundation, welche anstelle des New Deals eine Rückbesinnung auf „christlich-konservative Werte“ als Lösung für die damalige Weltwirtschaftskrise forderte. Als Ziel schwebte der Organisation ein elitärer Fundamentalismus vor, bei dem die Gesellschaft durch in Gebetszellen organisierte, „durch Gott gelenkte“ Männer kontrolliert wird, die nicht in demokratischem Sinne die Massen konsultieren würden, sondern durch Jesus Christus, so wie er sich ihnen offenbart, geführt werden sollen. Die als „The Family“ bezeichnete Organisation war streng anti-kommunistisch ausgerichtet und übte vor allem in der McCarthy-Ära der 1950er-Jahre starken Einfluss auf die Politik aus.

Entstehung und Einfluss Die neue christliche Rechte entstand in den Vereinigten Staaten in den 1970er-Jahren durch Kooperation von Neokonservativen mit evangelikal-fundamentalistischen Geistlichen und Fernsehpredigern wie Jerry Falwell und Tim LaHaye. Der presbyterianische Pastor Francis Schaeffer hatte großen Einfluss auf die späteren zentralen Akteure der christlichen Rechten.Chip Berlet und Matthew Nemiroff Lyons: Right-wing Populism in America: Too Close for Comfort. Guilford Press, New York 2000, ISBN 978-1-57230-562-5, S. 213. Die christliche Rechte in den USA rekrutiert sich außerdem zu einem kleinen Teil aus konservativen Katholiken.Lukas Mihr: . In: Materialien und Informationen zur Zeit, 3/08. Ein prominentes Gesicht der katholischen Rechten ist der Republikaner Rick Santorum, welcher 2012 und 2016 erfolglos als Kandidat für die Präsidentschaftsvorwahlen der Partei antrat.

Anfang der 1990er-Jahre begannen christliche Rechte, sich viel stärker als „politische“ Bewegung zu organisieren. Anstelle von Geistlichen und Predigern übernahmen nun Anwälte und Politiker Führungsrollen. Zu den zentralen Strategien in dieser Phase gehörten vor allem der Aufbau rechter Denkfabriken sowie die Infiltration und Unterwanderung der Republikanischen Partei und die Wahlunterstützung republikanischer Kandidaten. So erhielt George W. Bush etwa ein Drittel seiner Stimmen von religiösen Rechten.Manfred Brocker: Protest, Anpassung, Etablierung: Die Christliche Rechte im politischen System der USA. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-593-37600-4, S. 159f. Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs werden durch die religiöse Rechte entscheidend beeinflusst.Frederick S Lane: The Court and the Cross: the Religious Right's Crusade to Reshape the Supreme Court. Beacon Press, Boston 2008, ISBN 978-0-8070-4424-7, S. 8–9. Richter, die der religiösen Rechten nahestehen oder ihr angehören, treffen dabei deutlich konservativere Entscheidungen hinsichtlich Geschlechterdiskriminierung und der Todesstrafe als andere Richter.Donald R. Songer and Susan J. Tabrizi: The Religious Right in Court: The Decision Making of Christian Evangelicals in State Supreme Courts. In: The Journal of Politics. 61, Nr. 2, 1999, S. 507–526.

Der Einfluss der religiösen Rechten in den USA ging 2008 vorübergehend zurück.More Americans Question Religion's Role in Politics, Umfrage des Pew Research Centers, 21. August 2008 Vor allem junge Gläubige fallen von den konservativen Kirchenführern ab. Durch die Wahl Donald Trumps 2016 erfuhr die religiöse Rechte wachsenden Einfluss in der US-amerikanischen Politik, insbesondere weil Vizepräsident Mike Pence rechts-evangelikale Standpunkte vertritt. Da Trump selbst weder der Christian Right angehört noch den Idealen dieser Bewegung entspricht, ist dies eher als eine Art Zweckallianz zu sehen.Posner, Sarah. "How Donald Trump ...." New Republic. March 20, 2017. November 16, 2017.Blow, Charles M. "Moore, Trump and the Right’s New Religion." The New York Times. November 16, 2017. November 16, 2016.

Seit den 2010er-Jahren gewann die religiöse Rechte im Dunstkreis konservativer Politiker in Lateinamerika wachsenden Einfluss. 2015 wurde Mauricio Macri in Argentinien und 2017 Sebastián Piñera in Chile gewählt, insbesondere aber die Wahl des evangelikalen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien 2018 markierte einen Bruch in dem zuvor eher römisch-katholisch geprägten Land.

In der Regel wird auch ein eschatologisch begründeter, christlicher Zionismus unterstützt, der eine strikt pro-israelische Position einnimmt und oft eine sogenannte Zweistaatenlösung mit den palästinensischen Arabern ablehnt. Nach dem Rückzug vieler Botschaften aus der israelischen Hauptstadt Jerusalem wurde dort 1980 die Organisation Internationale Christliche Botschaft Jerusalem gegründet.

Organisationen Zu den wichtigsten Gruppen zählt die noch heute existierende The Fellowship Foundation. Laut dem Journalisten Jeff Sharlet werden in internen Dokumenten und Diskussionen unter anderem Hitler, Lenin, Ho Chi Minh und Osama bin Laden als Modelle zur Verdeutlichung des Führungsverständnisses dieses Netzwerkes herangezogen.Jeff Sharlet: C Street: The Fundamentalist Threat to American Democracy. Little, Brown, 2010, ISBN 978-0-316-09107-7 Trotz dieser antidemokratischen Wurzeln sind sowohl republikanische als auch demokratische Politiker Mitglied bei der Fellowship Foundation. In Afrika gelten der heutige ugandische Präsident Yoweri Museveni sowie David Bahati als Schlüsselfigur der Fellowship Foundation, so wird das letztendlich vom dortigen Verfassungsgericht gekippte Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda auf das Wirken der Fellowship Foundation zurückgeführt.Interview des amerikanischen National Public Radio mit dem Religionsexperten und Journalisten Jeff Sharlet

Die 1979 gegründete Vereinigung Moral Majority (dt. „moralische Mehrheit“) von Jerry Falwell war eine der ersten Organisationen der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten. Im selben Jahr entstanden die Lobbygruppen Christian Roundtable (dt. „christliche Runde“) und Christian Voice (dt. „christliche Stimme“).Glenn H. Utter und John W. Storey: The religious right: a reference handbook. ABC-CLIO, Oxford 2001, 2. Ausgabe, ISBN 1-57607-212-6, S. 12ff.Jerome L. Himmelstein: The Rise of the New Religious Right. In: To the Right: The Transformation of American Conservatism. University of California Press, Berkeley 1990, ISBN 0-520-06649-9, S. 97–128. Die Christian Roundtable bemühte sich hauptsächlich darum, führende Politiker mit wichtigen religiösen Rechten zusammenzubringen. 1980 organisierte die Gruppe ein Treffen zwischen konservativen Republikanern, darunter Ronald Reagan, und protestantischen Fundamentalisten, zu denen W. A. Criswell, der ehemalige Präsident der Southern Baptist Convention, zählte. Die Christian Voice, die ein Jahr nach ihrer Gründung 187.000 Mitglieder aufwies, machte es sich zur Aufgabe, die „Moral“ von Amtsträgern zu beurteilen. Dazu entwickelte die Gruppe eine „Moral-Skala“ mit 14 Schwerpunktthemen. Die Christian Voice war gegen Abtreibung, Quotenregelungen für ethnische Minderheiten, Busbeförderung von Schulkindern in andere Bezirke zur Förderung der Desegregation, das Bildungsministerium der Vereinigten Staaten, Rechte für Homosexuelle, die SALT II-Verträge, Pornografie, Sexualunterricht und eine Reihe weiterer Themen. Politiker, die in genügend dieser Punkte mit der Christian Voice übereinstimmten, wurden als „moralisch“ eingestuft, wobei Republikaner eher diesem Standard entsprachen als Demokraten.

Weitere Organisationen der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten sind die Christian Coalition of America, das Family Research Council, Focus on the Family, Concerned Women for America und das Eagle Forum.Jeffrey D. Schultz, John G. West und Iain S. MacLean: Encyclopedia of religion in American politics. Oryx Press, Phoenix 1999, ISBN 1-57356-130-4, S. 32.Josef Braml: The Bush Administration's Faith-Based Foreign Policy. In: Hermann Kurthen, Antonio V. Menéndez Alarcón und Stefan Immerfall (Hrsg.): Safeguarding German-American relations in the new century: understanding and accepting mutual differences. Lexington Books, Lanham (MD) 2006, ISBN 0-7391-1599-5, S. 41. Der Spiegel zählt die Southern Baptist Convention in den Vereinigten Staaten zur „Speerspitze“ der religiösen Rechten.Gregor Peter Schmitz: Amerikas Glaubenskrieger bangen um ihre Macht. In: Der Spiegel, 16. Juni 2008.

Positionen Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch

Ein zentrales Anliegen von religiösen Rechten ist seit den 1970er-Jahren und insbesondere seit Roe v. Wade die Ablehnung des Rechts auf Abtreibung.Diane di Mauro, Carole Joffe: The Religious Right and the Reshaping of Sexual Policy: An Examination of Reproductive Rights and Sexuality Education. In: Sexuality Research & Social Policy. 4, Nr. 1, März 2007, S. 67–92. Francis Schaeffer, Jerry Falwell und andere Vertreter der religiösen Rechten sahen die Entscheidung des Supreme Court in Roe v. Wade als einen Angriff auf „Familienwerte“.Seth Dowland: ‘Family Values‘ and the Formation of a Christian Right Agenda. In: Church History. 78, Nr. 3, September 2009, S. 606–631. . Bereits Ronald Reagan hatte sich in seinem Wahlkampf für ein verfassungsrechtliches Verbot von Abtreibungen ausgesprochen.Katja Merin: Zwischen Anpassung und Konfrontation: die Religiöse Rechte in der amerikanischen Politik. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-531-14363-7, S. 79.

Die 1986 von Randall Terry und anderen religiösen Rechten gegründete Organisation Operation Rescue (dt. „Operation Rettung“) sah Abtreibung als „Holocaust am ungeborenen Leben“. Mitglieder der Operation Rescue nutzen militante Mittel wie Einschüchterung und körperliche Belästigung, um Frauen und Ärzte tage- bis wochenlang am Betreten von Abtreibungskliniken, von den Aktivisten u. a. als „Tötungszentren“ bezeichnet, zu hindern und sie in „Schwangerschaftsberatungen“ von „Kindesmord“ abzuhalten. Zu den größten Aktionen dieser Gruppe gehörten Proteste in Atlanta während der Democratic National Convention 1988 und eine 46 Tage andauernde „Blockade“ in Wichita (Kansas) im Jahr 1991.Steve G. Hoffmann: Operation Rescue. In: Roger Chapman (Hrsg.): Culture Wars: An Encyclopedia of Issues, Viewpoints, and Voices. M.E. Sharpe, Armonk (N.Y.) 2010, ISBN 978-1-84972-713-6, S. 418f.Madeline Duntley: Civic and Political Ritual Performances. In: Gary Laderman und Luis D. León (Hrsg.): Religion and American Cultures: An Encyclopedia of Traditions, Diversity, and Popular Expressions. ABC-CLIO, Santa Barbara (CA) 2003, ISBN 1-57607-238-X, S. 535.Jesu hilf uns. In: Der Spiegel, 10. Juli 1989.

Die Bemühungen, Abtreibung verbieten zu lassen, nahmen während der Präsidentschaft von George W. Bush deutlich zu. Viele der wichtigsten Posten der Regierung Bush wurden an Vertreter der religiösen Rechten vergeben. Diese nahmen direkten und indirekten Einfluss auf politische Entscheidungen, indem sie beispielsweise mitbestimmten, welche Kandidaten für den Supreme Court sowie untergeordnete Gerichtshöfe nominiert wurden. Darüber hinaus versuchten sie, die öffentliche Meinung dadurch zu beeinflussen, dass sie auf Webseiten der Regierung falsche Informationen einstellten, so etwa Behauptungen, dass Abtreibung Brustkrebs und Geisteskrankheiten verursache.Chris Mooney: The Republican War on Science. Basic Books, New York 2005, ISBN 978-0-465-04675-1, z. B. S. 220.