Die Geschichte Hessens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des deutschen Bundeslandes Hessen und historischer hessischer Reiche von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.

Herkunft des Namens Der Name Hessen ist auf die allmähliche Wortwandlung des Stammesnamens der germanischen Chatten, über mehrere Zwischenschritte hin, zum heutigen Namen Hessen zurückzuführen. Die Chatten sollen sich aus mehreren germanischen Bevölkerungsgruppen und Resten keltischer Ethnien entwickelt haben und waren vor der Zeitenwende hauptsächlich im heutigen Nord- und Mittelhessen ansässig. Zentrum der chattischen Siedlungszone war die Gegend von Fritzlar-Gudensberg-Wabern, das Kasseler Becken sowie die westhessische Senkenlandschaft. Nach Süden griff das Siedlungsgebiet bis in den Raum zwischen Gießen und Marburg über, wie neuere Ausgrabungen (zum Beispiel Niederweimar) belegen. Das chattische Siedlungsgebiet entspricht damit in etwa der Nordhälfte des heutigen Bundeslandes Hessen. Es ist denkbar, dass die Chatten im Laufe der Völkerwanderungszeit durch andere Stämme verdrängt wurden oder in diesen aufgingen.

Hessische Staaten Das Territorium Hessens wurde seit der Erbteilung vom Jahr 1567 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges immer von mehr als einem Staat beherrscht. Die folgende Zeitleiste stellt alle größeren Staatsgebilde der politischen Aufteilung Hessens im Laufe der Geschichte dar. Die preußischen Provinzen von 1868 bis 1945 (nicht-selbständige hessische Staaten) sind rot gekennzeichnet. Die obere Zeitleiste zeigt den Werdegang von der Landgrafschaft Hessen über Hessen-Darmstadt bis zum Land Hessen, weil dieser Staat der einzige war, der nach dem Deutschen Krieg 1866 selbstständig blieb.

Urgeschichte Altsteinzeit mini|Schädel von Rhünda Auf Anwesenheit von Menschen verweisen erstmals die Fundstätten von Reutersruh (bei Ziegenhain) und Münzenberg, die auf etwa 600.000 bis 800.000 Jahre datiert wurden. Die dortigen Werkzeuge, darunter ein Cleaver, entstanden im Günz-Mindel-Interglazial, das zum Cromer-Komplex gerechnet wird. Die Fundstätte Reutersruh wurde 1938 von Adolf Luttropp entdeckt.Gerhard Bosinski, Adolf Luttropp: Der altsteinzeitliche Fundplatz Reutersruh bei Ziegenhain in Hessen. Böhlau, Köln 1971, ISBN 3-412-32071-4. Sie ist später geradezu als Quarzit-„Fabrik“ der Neandertaler bezeichnet worden.Clive Gamble: The Palaeolithic Societies of Europe, Cambridge University Press, 1999, S. 210.

Durch die vom Klima begünstigte Lage lebten dort vor rund 50.000 Jahren Menschen während der Würmeiszeit. Funde endpaläolithischer Werkzeuge im südhessischen Raum bei Rüsselsheim am Main (Rüsselsheim 122) lassen auf eiszeitliche Jäger vor ca. 13.000 Jahren schließen, die aus dem Gebiet der Jäger und Sammler nördlich von Düsseldorf gekommen sein müssen.Jürgen Hubbert, Stefan Loew: online auf www.koenigstaedten.de Die beiden endpaläolitischen Lagerplätze Rüsselsheim 122A und 122B, 2002. Als "Ältester Hesse" wird der rund 12.000 Jahre alte Schädel eines spätpaläolithischen Eiszeitjägers bezeichnet, der 1956 in Rhünda in einem Bach gefunden wurde.

Jungsteinzeit Umfangreiche Ausgrabungen längs der Lahn in Wetzlar-Dalheim haben größere 7000 Jahre alte Siedlungsreste einer Bandkeramiker-Kultur hervorgebracht. Die mindestens zwölf Langhäuser haben einen bis zu 30 Meter langen Grundriss.Irene Jung: Wetzlar. Eine kleine Stadtgeschichte. Sutton Verlag, Erfurt 2010, ISBN 978-3-86680-715-0, S. 10. Sie werden von einem rund zwei Meter tiefen Graben sowie einem vorgelagerten Wall geschützt. Zur Sicherstellung der Wasserversorgung bestanden zwei voneinander unabhängige Brunnen innerhalb der Befestigung. In der Nähe von Fritzlar findet sich das aus dem 4. oder 3. Jahrtausend v. Chr. stammende Steinkammergrab von Züschen. In Lohra, Landkreis Marburg-Biedenkopf, wurde 1931 beim Pflügen ein weiteres Steinkammergrab aus der gleichen Zeit entdeckt.Albrecht Jockenhövel: Lohra – Megalithgrab. In: Fritz-Rudolf Herrmann & Albrecht Jockenhövel (Hrsg.): Die Vorgeschichte Hessens. 1990, S. 435–436.

Weiter entlang der Lahn haben archäologische Grabungen bei Limburg Spuren einer weilerartigen Siedlung aus der Jungsteinzeit freigelegt. Gefundene Scherben von Töpfen stammen aus ca. 5000 v. Chr. und sind bisher die ältesten entdeckten Spuren einer Besiedlung des fruchtbaren Limburger Raums.

In Kilianstädten wurde im Jahr 2006 ein rund 7000 Jahre altes Massengrab entdeckt, aus dem Knochen von 26 offenbar ermordeten Personen (darunter 12 Kinder) mit zumeist zerschlagenen Schienbeinen geborgen wurden. Die Forscher vermuten, dass eine komplette Siedlung überfallen und zerstört wurde.Christian Meyer et al.: The massacre mass grave of Schöneck-Kilianstädten reveals new insights into collective violence in Early Neolithic Central Europe. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 17. August 2015, doi:10.1073/pnas.1504365112 Archaeologists uncover a Neolithic massacre in early Europe. Auf: sciencemag.org vom 14. Februar 2022

Auch die fruchtbare Wetterau wurde seit der Jungsteinzeit und in der Folge von allen weiteren vorgeschichtlichen Kulturen als Siedlungsland aufgesucht. Endneolithisches Siedlungsmaterial ist für den südhessischen Raum belegt. So fanden sich Glockenbecherscherben in Rüsselsheim, Offenbach, Griesheim und Wiesbaden und lassen auf eine Besiedlung Südhessens vor ca. 4500 Jahren schließen. Einen schnurkeramischen Einfluss vermutet man insbesondere bei den Offenbacher Funden, während Datierungen zu Wiesbadener Ausgrabungen auf die ältere Wartberg-Kultur deuten.vgl. Dirk Hecht: Die endneolithische Besiedlung des Atzelberges bei Ilvesheim (Rhein-Neckar-Kreis). Ein Beitrag zum endneolithischen Siedlungswesen am nördlichen Oberrhein. Books on Demand, 2003. ISBN 3-8330-0778-8. S. 88ff. Voransicht bei Google Books mini|hochkant|Bronzezeitliches Grab aus Wölfersheim (BZ Stufe Wölfersheim) im Wetterau-Museum Friedberg

Bronzezeit Aus der Bronzezeit dominieren Grabfunde, häufig Hügelgräber, wie man sie zum Beispiel in Wetzlar (im Finsterloh) findet, Siedlungsfunde dieser Epoche sind wesentlich seltener. Aus Wölfersheim liegen mehrere Grabfunde dieser Zeit vor, von denen ein Frauengrab eponymer Fundort war für die Stufe Wölfersheim.Zu den Wölfersheimer Gräbern siehe Wolf Kubach: Gräber zwischen Hügelgräber- und Urnenfelderkultur. Die bronzezeitlichen Grabfunde von Wölfersheim. In: Vera Rupp (Hrsg.): Archäologie der Wetterau. Bindernagel, Friedberg 1991, ISBN 3-87076-065-6, S. 175–186 (Sonderausgabe der Wetterauer Geschichtsblätter 40/1991).

Eisenzeit Mindestens seit der Latènezeit wurde in und um Wetzlar aus Rolllagern Eisenerz gewonnen und vor Ort in Rennöfen zu Schmiedeeisen verhüttet.„Frühes Eisen im Mittelgebirgsraum“: Die Eisenproduktion an der mittleren Lahn von der Latènezeit bis ins Mittelalter. In: uni-bamberg.de, 27. Oktober 2016, abgerufen am 27. Februar 2023 Auf Wetzlarer Gemarkung bestanden drei keltische Siedlungen. In Bad Endbach, im Ortsteil Endbach, fand man bei Ausschachtungsarbeiten in den Jahren 2020/21 für eine neue Wohnbebauung deutliche Spuren von einem frühgeschichtlichen Wohnplatz. Gefunden wurden hallstattzeitliche Siedlungsspuren (Eisenzeit, 7./6. Jh. v. Chr.) und Überreste einer Eisenerzverhüttung.Uwe Schneider, Racquel Nast, Christa Meiborg: Hallstattzeitliche Siedlungsspuren in Bad Endbach (Lkr. Marburg-Biedenkopöf), In den Fels gehauen: Überreste von Eisenverhüttung im südöstlichen Schiefergebirge. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): hessenArchäologie 2022, Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen. ISBN 978-3-8062-4632-2, ISSN 1610-0190, S. 83–88.

Der in der Nähe liegende Dünsberg war eine keltische Fluchtburg, ein sogenanntes Oppidum. Hier ereignete sich um das Jahr 6 v. Chr. eine Schlacht, wie Funde u. a. von Schleuderbleien der römischen Hilfstruppen belegen. Nach der Schlacht erfolgte die Zerstörung des Oppidums. Über das weitere Schicksal der Kelten im heutigen Hessen liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor.

Antike Die Römer hatten in Dorlar ein Militärlager, und in Waldgirmes, unmittelbar an der östlichen Stadtgrenze von Wetzlar, befand sich eine zivile Siedlung im Aufbau (Römisches Forum Lahnau-Waldgirmes). Hier war vermutlich die Provinzverwaltung für die besetzten Gebiete des rechtsrheinischen Germaniens geplant. Es ist anzunehmen, dass der Statthalter Germaniens zumindest zeitweise hier residiert hat. Die Siedlung scheint aber nach der für die Römer vernichtend ausgefallenen Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. aufgegeben worden zu sein. Das Ortsnamen-Grundwort „-lar“ verweist möglicherweise auf eine Siedlung keltischen Ursprungs mit einem Gründungsdatum bis zum 3. Jahrhundert (vgl. auch Wetzlar, Fritzlar, Dorlar usw.). Eine weitere Deutung der Ortsnamensendung „-lar“: – altfränkisch „hlar / hlari“ und bedeutet etwas Ähnliches wie „Hürde“ oder „Gerüst / Gestell“.

mini|Die rekonstruierte Saalburg Durch das spätere Hessen verlief dann der Obergermanisch-Raetische Limes, von dem vor allem im Taunus noch zahlreiche Reste zu sehen sind (Saalburg). Bis zum Ende des 1. Jahrhunderts wurde das spätere Südhessen römisch, während der Norden (Nieder- und Oberhessen) im Einflussbereich der Chatten verblieb. Im Hinterland der Kastellkette entwickelte sich seit dem Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine zivile Besiedlung, von der besonders zahlreiche villae rusticae bekannt sind. Auf heutigem hessischen Gebiet befanden sich zwei Verwaltungshauptorte: Nida-Heddernheim, Hauptort der Civitas Taunensium und das römische Dieburg (Hauptort der Civitas Auderiensium).

Im Lauf der römischen Okkupation von Teilen Germaniens kam es zu mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen mit den germanischen Chatten. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus stellt sie als Prototypen des wehrhaften Germanen dar und als den römischen Legionen ebenbürtig. Die Chatten waren unter anderem am Aufstand des Arminius um 9 n. Chr. (siehe auch Varusschlacht) und 69 n. Chr. am Bataveraufstand beteiligt. Nach 260 zogen sich die römischen Legionen auf die linke Rheinseite zurück (Limesfall).

Mattium, laut Tacitus der Hauptort der Chatten, konnte bislang nicht lokalisiert werden und ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen.

Im Jahr 2022 wurden bei Rockenberg mehr als 60 Körper- und über 330 Brandgräber entdeckt, deren älteste aus der Zeit nach dem Jahr 260 stammen. Damit ist dieses Gräberfeld das größte dieser Epoche rechts des Rheins. Dabei fand sich etwa das Grab eines Mannes, der mit Köcher und Axt, vielleicht auch mit einem Bogen, in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts beigesetzt wurde.Hardy Prison, Jörg Lindenthal: Mit Pfeil und Bogen ins Jenseits. Spätantike Bestattungen aus der Wetterau, in: Archäologie in Deutschland 04 | 2022, S. 5.

Mittelalter

In Hessen konnte sich nicht wie in Sachsen, Bayern und Schwaben ein eigenes Stammesherzogtum etablieren. Hessen wurde weitgehend von den Franken kolonialisiert und als Königsland annektiert. Es wurde in Gaue aufgeteilt und von Gaugrafen im Auftrag des jeweiligen Königs verwaltet. Bereits im 6. Jahrhundert kam Hessen unter fränkischen Einfluss.

Offenbar bewahrte das „althessische“ Gebiet lange eine gewisse Eigenständigkeit innerhalb des Fränkischen Reiches. Die Grenze zu den Herkunftsgebieten der Franken lag vermutlich an der Diemel und im Bereich des Rothaargebirges. Die Grenze zu Thüringen hin scheint zwischen Werra und Fulda gelegen zu haben. Einen Einblick in die regionalen Völkergruppen im Frühmittelalter erlaubt ein Schreiben des Papstes an Bonifatius im Jahr 738. Dabei werden die Hessi an Eder, Schwalm und unterer Fulda, die Nistresi zwischen Diemel und Eder, die Wedrecii zwischen Eder und Lahn, die Lognai an der oberen Lahn, die Suduodi an der oberen Fulda und die Graffelti im Grabfeld genannt.Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich. 5. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 2006. ISBN 3-17-019473-9, S. 73