mini|hochkant|Stefan Homburg (2021) Stefan Homburg (* 10. März 1961 in Hellersen)Vera de Vries: Stefan Homburg, in Tigo Zeyen, Anne Weber-Ploemacher (Hrsg.), Joachim Giesel (Fotos): 100 hannoversche Köpfe, Hameln: CW Niemeyer Buchverlage, 2006, ISBN 978-3-8271-9251-6 und ISBN 3-8271-9251-X, S. 90 f. ist ein deutscher Finanzwissenschaftler. Er ist pensionierter Professor für Öffentliche Finanzen und war von 1997 bis 2021 Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover.
Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er während der COVID-19-Pandemie durch seine umstrittene Kritik an den Regierungsmaßnahmen und die Verbreitung von Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie sowie durch seine Verurteilung wegen der Nutzung von SA-Parolen.
Biografie Homburg legte 1980 am Düsseldorfer Lessing-Gymnasium sein Abitur ab. Er wurde Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und begann sein Studium der Volkswirtschaftslehre, Mathematik und Philosophie an der Universität zu Köln.
Im dritten Semester schrieb er gemeinsam mit seinem späteren Doktorvater Bernhard Felderer das Lehrbuch Makroökonomik und neue Makroökonomik,Bernhard Felderer, Stefan Homburg: Makroökonomik und neue Makroökonomik (=Heidelberger Taschenbücher; Bd. 239), Springer Verlag, Berlin/Heidelberg/New York/Tokyo 1984, ISBN 978-3-540-13690-3. das 1984 erstmals veröffentlicht wurde, bis 2005 in neun Auflagen und sechs Fremdsprachen erschien. 1985 machte er in Köln seinen Abschluss als Diplom-Volkswirt. Von 1985 bis 1989 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Köln, von 1989 bis 1990 Akademischer Rat an der Universität Dortmund.
Im Jahre 1987 wurde er von der Universität zu Köln mit dem Prädikat summa cum laude zum Dr. rer. pol. promoviert. Seine Dissertation erschien 1988 unter dem Titel Theorie der Alterssicherung. 1991 habilitierte er sich an der Universität Dortmund und erhielt die venia legendi für Volkswirtschaftslehre. Homburg war von 1990 bis 1992 Professor für Wirtschaftstheorie an der Universität Bonn. Von 1992 bis 1997 übernahm er den Lehrstuhl für Finanzwissenschaft an der Universität Magdeburg. In Magdeburg wurde er für die Amtszeit von 1993 bis 1995 zum Mitglied des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen des Landes Sachsen-Anhalt gewählt.
Von 1997 bis zum vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand 2021 war Homburg Professor für öffentliche Finanzen an der Universität Hannover. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre waren Steuerlehre und Steuerrecht, Makroökonomik, Finanzausgleich und Sozialpolitik. 1997 erschien sein steuerwissenschaftliches Lehrbuch Allgemeine Steuerlehre.Stefan Homburg: Allgemeine Steuerlehre. Vahlen, München 1997, ISBN 3-8006-2192-4. 7. Auflage. Vahlen, München 2015, ISBN 978-3-8006-4922-8. Von 1999 bis 2007 hatte Homburg das Amt des Dekans der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hannover inne.
Zwischen 1996 und 2003 war Homburg Mitherausgeber der Vereinszeitschriften des Vereins für Socialpolitik, und zwar von 1996 bis 1999 der Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie von 2000 bis 2003 der Perspektiven der Wirtschaftspolitik.
Als parteiloser Wissenschaftler beriet Homburg den Bundestag in Anhörungen des Finanzausschusses, des Haushaltsausschusses und des Rechtsausschusses.Vgl. etwa Bundestags-Drucksachen 13/5952 vom 5. November 1996, S. 9; 16/2069 vom 29. Juni 2006, S. 10; 17/3405 vom 26. Oktober 2010. 1996 berief ihn Bundesfinanzminister Theo Waigel in den Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium der Finanzen. 2003 wurde Homburg auf Vorschlag des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff Mitglied der Föderalismuskommission I von Bundestag und Bundesrat, die eine Verfassungsänderung vorbereitete. Unter Wulff war er auch im Gespräch für den Posten des niedersächsischen Wissenschaftsministers.Bert Strebe, Prof. Seltsam, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 19. Februar 2022, S. 8. 2004 berief ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder in den Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Neben diesen Gremientätigkeiten beriet Homburg deutsche Politiker individuell.Stefan Homburg, in: 100 hannoversche Köpfe, hrsg. von Tigo Zeyen und Anne Weber-Ploemacher, mit Fotografien von Joachim Giesel, Niemeyer, Hameln 2006, ISBN 978-3-8271-9251-6 und ISBN 3-8271-9251-X, S. 90 f. Die Bundestagsfraktion Die Linke bezog sich in einer Anfrage an die Bundesregierung zu den Profiteuren der Bankenrettung ausdrücklich auf Homburg.Vgl. Bundestags-Drucksache 17/762 vom 7. Februar 2010, S. 2.
Von 2008 bis 2021 war Stefan Homburg zur Hälfte an der Prof. Homburg Steuerberatungsgesellschaft mbH beteiligt, deren Geschäfte seine Frau führte. Bis 2018 beriet er die Firma Rossmann und von 2005 bis 2021 den Aufsichtsrat der VGH Versicherungen.
Im September 2025 wurde er von der AfD als Sachverständiger für die Enquetekommission zur Aufarbeitung der Coronapandemie benannt.https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1107614
Finanz- und wirtschaftspolitische Positionen
Finanzkrise 2008 Nach dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers Ende 2008 sprach sich Homburg öffentlich entschieden gegen Bankenrettungen und schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme aus.Wirtschaftswoche vom 25. Oktober 2008Wirtschaftswoche vom 10. Februar 2009 Dabei nahm er eine Minderheitenposition ein,Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Januar 2009 die er im Magazin Der Spiegel in einem Streitgespräch mit dem damaligen Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen Bert Rürup verteidigte. In diesem Anfang 2009 geführten Gespräch erklärte er unter anderem „derzeit keine Krise erkennen“ zu können.Der Spiegel vom 26. Januar 2009.
Euro mini|hochkant|Stefan Homburg auf dem AfD-Bundesparteitag 2015 in Bremen Nach 2011 warnte Homburg vor Gefahren des Euro, den er schon 1997 in mehreren Artikeln vehement abgelehnt hatte.Stefan Homburg: Die europäische Einheitswährung – gewogen und zu leicht befunden. Handelsblatt vom 5. Juni 1997, S. 2.Stefan Homburg: Why Democracy is Essential to Monetary Stability. IDEAS. Abgerufen am 12. Oktober 2014. Dabei zog er Parallelen zwischen den Problemen der Eurozone und den Währungsreformen von 1923 und 1948.Süddeutsche Zeitung vom 29. September 2011 Er gehörte 2012 auch zu den 172 Unterzeichnern des „Protestaufrufs der Ökonomen“. Er vertrat mehrfach die Ansicht, die europäische Währungsunion werde keinen Bestand haben. Homburg forderte, Deutschland solle den Euro aufgeben und keine weiteren Steuergelder an Gläubiger anderer Staaten zahlen.
Homburg war 2013 Gründungsmitglied der AfD-Vorläuferorganisation Wahlalternative 2013Gründer und Hauptzeichner der Wahlalternative 2013, abgerufen am 31. Juli 2022. und unterstützte auch die später von Bernd Lucke initiierte Partei Alternative für Deutschland (AfD) in ihrer Gründungsphase. Er erklärte dies damit, dass ihn die „Rechtsbrüche“ empörten, die nach seiner Ansicht in der Verletzung der Maastricht-Kriterien und der Nichtbeistands-Klausel vorlagen. Auf dem Bundesparteitag der AfD 2015 in Bremen hielt Homburg eine Rede zum Thema „Reform der Einkommensteuer“.Reinhold Michels: Parteitag. Lucke muss die AfD bändigen, RP Online, 30. Januar 2015AfD Parteitag Bremen: Vortrag Prof. Dr. Stefan Homburg. 13. März 2015 Beim „Geldpolitik Forum“ in Frankfurt 2019 warf er der EZB vor, sie verstoße „vollkommen offensichtlich gegen ihr Mandat“.„EZB verstößt vollkommen offensichtlich gegen ihr Mandat“ – Professoren wettern gegen Draghi. In: Handelsblatt, 31. Oktober 2019.
ESM-Vertrag Im Jahr 2012 behauptete Homburg, der Vertrag zum Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) sei „evident verfassungswidrig“, weil er das Haushaltsrecht des Parlaments aushebele und damit gegen das Demokratieprinzip verstoße. Das Bundesverfassungsgericht urteilte hingegen 2014, dass der ESM-Vertrag verfassungskonform ist,Karlsruhe genehmigt Rettungsschirm ESM, Süddeutsche Zeitung, 18. März 2014 verhängte aber Auflagen zur Haftungsobergrenze und zur parlamentarischen Mitwirkung, denen die europäischen Mitgliedsländer in einer zusätzlichen Erklärung zum Vertrag zustimmten.
Marktwirtschaft Homburg setzt sich für einen geringeren Einfluss des Staates ein. 2019 war er Unterzeichner einer Petition, die zum Ziel hatte die Marktwirtschaft ins Grundgesetz zu schreiben, damit eine „Planwirtschaft“ mit einer „Sozialisierung von Grund und Boden“ verhindert würde. Die Petition erhielt 2020 etwas mediale Aufmerksamkeit, weil mehrere der Unterzeichner sich besonders stark für die Lockerung des staatlichen Kontaktverbotes einsetzten, das im Zuge der COVID-19-Pandemie verhängt worden war.Susanne Götze, Annika Joeres: Corona-Report. Die Dagegen-Lobbyisten. In: Correctiv, 20. Mai 2020. Abgerufen am 21. Mai 2020.
Klimawandelleugnung Nach der akuten Phase der Coronapandemie äußerte Homburg sich verstärkt zum Klimawandel und leugnete diesen. Der Klimawandel sei „eine ähnliche Legende wie die ‘Coronapandemie’“.
Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie Seit März 2020 äußerte sich Stefan Homburg in den Medien, auf YouTube und bei öffentlichen Demonstrationen zur COVID-19-Pandemie in Deutschland. Am 13. April 2020 veröffentlichte er das Diskussionspapier Effectiveness of Corona Lockdowns: Evidence for a Number of Countries. Laut seiner Darstellung sind die staatlichen Maßnahmen der Lockdowns in sieben Ländern zwischen zwei und acht Tagen nach dem Wendepunkt der Neu-Infektionen erfolgt. Dies sieht er als Evidenz dafür an, dass Länder mit dem Lockdown nicht besser durch die Pandemie gekommen seien als jene ohne. Am 15. April veröffentlichte Homburg in der Zeitung Die Welt den Meinungsartikel Warum Deutschlands Lockdown falsch ist – und Schweden vieles besser macht. Homburg wandte sich zunächst gegen die weitgehende Schließung der deutschen Volkswirtschaft vom 23. März 2020 und gegen den Beschluss vom 15. April 2020, den Lockdown im Wesentlichen fortzusetzen. Homburgs Ansicht zufolge sollte sich Deutschland am Vorbild Schweden orientieren, dessen Regierung keinen Lockdown verfügte. In einem YouTube-Interview mit Milena Preradovic vom 17. April 2020 bezog er sich zur Begründung seiner Position auf Zahlen des Robert Koch-Instituts und erklärte erneut, die politischen Maßnahmen seien unnötig und kaum wirksam.Wulf Rohwedder: War der „Lockdown“ unnötig? In: Tagesschau.de, 21. April 2020. Abgerufen am 19. Mai 2020 (Archiv).
In einem Correctiv-Faktencheck wurden die Aussagen von Homburg zur Corona-Krise als „teilweise falsch“ eingestuft; der Artikel von Correctiv berief sich dabei zum Teil auf Aussagen des Robert Koch-Instituts, die dieses per Mail übermittelt hatte.Faktencheck zu Stefan Homburg: Warum seine Argumente zur Reproduktionszahl des Coronavirus zu kurz greifen. In: Correctiv, 22. April 2020. Abgerufen am 19. Mai 2020. Auch verschiedene Wissenschaftler – u. a. vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation sowie die Ökonomen Rüdiger Bachmann, Sebastian Dullien und Jan Schnellenbach – widersprachen Homburgs Äußerungen und seiner Interpretation der Zahlen. Bachmann warf Homburg grobe methodische Fehler vor.War das Kontaktverbot überflüssig?. In: n-tv.de, 24. April 2020. Abgerufen am 19. Mai 2020.Ökonom bezweifelt Nutzen von Kontaktverbot. In: Norddeutscher Rundfunk, 24. April 2020. Abgerufen am 19. Mai 2020.Jan Schnellenbach: Covid-19 und die Grenzen bivariater Korrelationsanalysen, abgerufen am 10. Mai 2020Tagesspiegel: Wie eng der Austausch zwischen Ökonomen und Olaf Scholz istTagesspiegel: Ein Wirtschaftsprofessor als raunender Corona-Kritiker, 29. Mai 2020. Homburg hatte in dem Preradovic-Interview außerdem geäußert, die Bundesregierung sei insgeheim der gleichen Meinung wie er, und dass die „Eliten […] um den wahren Sachverhalt“ wüssten. Auch Bundesgesundheitsminister Spahn wisse, dass das „Ganze […] überhaupt nicht gefährlich“ sei.