mini|hochkant=1.2| Lucas Cranach d. Ä. deutet in seinem Bild Christus als Schmerzensmann (1515) das Leiden Jesu ebenso wie Bach realistisch und zugleich mystisch Die Matthäus-Passion, BWV 244, ist eine oratorische Passion von Johann Sebastian Bach. Der Bericht vom Leiden und Sterben Jesu Christi nach dem Evangelium nach Matthäus bildet das Rückgrat. Ergänzt wird er um eingestreute Passionschoräle und erbauliche Dichtungen von Picander in freien Chören und Arien. Die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion sind die beiden einzigen vollständig erhaltenen authentischen Passionswerke von Bach. Mit über 150 Minuten Aufführungsdauer und einer Besetzung von Solisten, zwei Chören und zwei Orchestern ist die Matthäus-Passion Bachs umfangreichstes und am stärksten besetztes Werk und stellt einen Höhepunkt protestantischer Kirchenmusik dar.Platen: Johann Sebastian Bach. Die Matthäus-Passion. 1997, S. 13. Die Uraufführung fand am 11. April 1727 (Karfreitag) in der Thomaskirche in Leipzig statt. Nach Bachs Tod geriet das Werk in Vergessenheit. Erst am 11. März 1829 erfolgte in Berlin unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy – in einer gekürzten Version – eine Wiederaufführung, die zugleich die Bach-Renaissance einleitete.

Entstehung und Geschichte mini|hochkant=0.7|Beginn des Rezitativs Nr. 71 (Autograph). Das Bibelwort schreibt Bach mit roter Tinte.

Hintergrund In der christlichen Gemeinde erhielt die biblische Passionsgeschichte von Anfang an großes Gewicht, da dem Leiden und Sterben Christi zentrale Bedeutung zukam. Diese Bibelabschnitte erfuhren in der Feier der Eucharistie und in der Liturgie des Kirchenjahrs durch einen feierlichen Vortrag besondere Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich seit dem 5. Jahrhundert erfolgte eine Dramatisierung durch eine Verteilung auf verschiedene Rollen (Evangelist, Jesus, Pontius Pilatus und andere). Heinrich Schütz wies diesen Personen unterschiedliche Stimmen zu und ließ die Menschengruppen als mehrstimmigen Chor auftreten. In Süddeutschland entstand gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Tradition, den Passionsbericht durch Choräle, die von der Gemeinde gesungen wurden, zu unterbrechen. Freie poetische Stücke wie Choräle und Arien wurden ab dem 17. Jahrhundert eingefügt.Zur Geschichte der Passionsmusiken siehe: Braun: Die protestantische Passion. 1997, S. 1469–1487.

Im ausgehenden Barock wurde das Passionsgeschehen auf drei unterschiedliche Arten vertont: durch die Passionskantate, das Passionsoratorium als freie Nachdichtung und die „oratorische Passion“. Bach entschied sich bei der Johannes- und der Matthäus-Passion für die letztere Gattung. Während eines Zeitraums von etwa 100 Jahren (1669–1766) bestand in Leipzig die Tradition, die Passionstexte im Morgengottesdienst feierlich zu rezitieren, indem der Evangelientext in der Art des Gregorianischen Chorals gesungen wurde. Erst im Jahr 1717 wurde in der Neuen Kirche das polyphone Singen („figuraliter“) erlaubt, 1721 in St. Thomas, 1724 in St. Nikolai, danach abwechselnd in den beiden Hauptkirchen. Die Passionsmusik fand im vier- bis fünfstündigen Vespergottesdienst ab 14 Uhr ihren Ort, nachdem der Frühgottesdienst von 7 bis 11 Uhr stattgefunden hatte.Hilbrands: Johannes Sebastian Bach als Ausleger der Bibel in seiner Johannespassion. 2011, S. 274 f. Im Gegensatz zur heutigen Aufführungspraxis waren Bachs Passionen Bestandteil des Gottesdienstes und nicht als Konzertmusik gedacht.

Uraufführung mini|Thomaskirche in Leipzig: Ort der Uraufführung im Jahr 1727 Wurde bis 1975 das Jahr 1729 als Entstehungsjahr angenommen,So beispielsweise noch im ersten Band der Bach-Dokumente: Neumann (Hrsg.): Schriftstücke von der Hand Johann Sebastian Bachs. 1963, S. 238. so ist mittlerweile weitgehender Konsens, dass die Erstaufführung der Matthäus-Passion am Karfreitag des Jahres 1727 stattfand, also am 11. April 1727.Burkhard Stauber: 1727 oder 1729? Zur Entstehungsgeschichte der Matthäuspassion BWV 244 und der Köthener Trauermusik BWV 244a. In: Die Musikforschung. 73. Jahrgang, 2020 / Heft 3, S. 235 ff., sieht die Matthäus-Passion mindestens in vier Sätzen von der Köthener Trauermusik abhängig und plädiert für 1729 als Entstehungsjahr beider Werke. Bereits Carl Friedrich Zelter hatte in einem Kommentar zur Wiederaufführung zum 100. Jubiläum der Passion durch Mendelssohn Bartholdy im Jahr 1829 die Frage aufgeworfen, „…ob diese Auffuehrung die allererste gewesen? besagt der alte Kirchentext des genannten Jahres nicht“. 1975 wies Joshua Rifkin nach,Joshua Rifkin: The Chronology of Bach’s Saint Matthew Passion. In: The Musical Quarterly. Bd. 61, 1975, S. 360 ff. dass die Uraufführung 1727 war und am Karfreitag des Jahres 1729 die Passion schon zum zweiten Male auf dem Programm stand.Auch Christoph Wolff vervollständigt in seiner Biografie Johann Sebastian Bachs von 2000/2005 in seiner Tabelle 8.16: Passionsaufführungen in Leipzig 1723–1750 die Daten. Nochmals wurde die Matthäuspassion im Jahr 1736 und möglicherweise auch 1740 (oder 1742) in einer überarbeiteten Fassung gespielt.

Mit dem Datum 1727 ist auch das Verhältnis zu der verschollenen und u. a. 2010 von Alexander Ferdinand Grychtolik rekonstruierten Kantate Klagt, Kinder, klagt es aller Welt (BWV 244a), der sogenannten Köthener Trauermusik (für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen), geklärt. Die fürstliche Trauermusik kam am 24. März 1729 zur Aufführung. Parodievorlage ist hier also die Matthäus-Passion, aus der Bach zwei Chöre und sieben Arien übernahm.Wolff: Johann Sebastian Bach. 2000, S. 206. Vor diesem Hintergrund lässt sich die verbreitete Vorstellung, Bach habe seine geistliche Musik nie ins Weltliche parodiert, nicht halten. Allerdings ist eine fürstliche Trauermusik auch nicht zwingend als profan einzuordnen; die Trauermusik mischt geistliche und weltliche Aspekte.Wolff: Die Welt der Bach-Kantaten. Bd. III. 1998, S. 16. Zudem werden pragmatische Gründe vermutet: Da der Text vorher genehmigt und die Musik einstudiert werden musste, hatte Bach keine Zeit für eine komplette Neukomposition.Geck: Bach. Leben und Werk. 2000, S. 450.

Bach hatte sich 1723 bei seinem Amtsantritt vertraglich verpflichtet, die Kirchenmusik so zu gestalten, „daß sie nicht zulang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit sie nicht opernhafftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere.“Neumann (Hrsg.): Schriftstücke von der Hand Johann Sebastian Bachs. 1963, S. 177. Nachdem Bach 1724 seine Johannes-Passion zum ersten Mal und 1725 in überarbeiteter Fassung aufführte, dirigierte er 1726 die Markus-Passion von Friedrich Nicolaus Bruhns (1702), die er um Choräle ergänzte und für die Leipziger Praxis anpasste.Wolff: Johann Sebastian Bach. 2000, S. 295 f. Die Matthäus-Passion übertrifft Bachs Johannes-Passion um ein Drittel der Länge und durch die doppelchörige Anlage. Zu Bachs Lebzeiten wurde sie einige Male aufgeführt, jedoch ist keine einzige Reaktion vonseiten der Kirchengemeinde, der Stadt Leipzig oder von Musikliebhabern überliefert. Weder in der Lokalpresse noch bei Bach nahestehenden Personen findet sich ein Hinweis auf eine Aufführung oder die Bedeutung des Werkes. Anscheinend wurde das Werk von den Zeitgenossen weitgehend ignoriert.Platen: Johann Sebastian Bach. Die Matthäus-Passion. 1997, S. 214 f.

Werkfassungen Die heute als gültig betrachtete und den meisten heutigen Aufführungen zugrunde liegende Werkfassung stammt von 1736. Sie liegt in einer Reinschrift aus der zweiten Hälfte der 1730er Jahre vor,Bach digital: Autograph der Matthäus-Passion, abgerufen am 25. März 2018. die als Bachs schönstes und sorgfältigstes Autograph gilt und auf die große Bedeutung hinweist, die er selbst dem Werk beimaß.Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. 2000, S. 298. Die Symbolik der Verwendung roter Tinte für das reine Bibelwort und den Eingangschoral „O Lamm Gottes unschuldig“ ist für ihn einzigartig. Carl Philipp Emanuel Bach erbte nach dem Tod des Vaters diese und zahlreiche andere Handschriften, die anschließend in den Besitz des Privatgelehrten Georg Poelchau gelangten. Die Partitur gehört heute der Staatsbibliothek zu Berlin und zählt zu ihren kostbarsten Originalhandschriften.Bachs Originalpartitur ist auf der Seite der Digitalisierten Sammlungen der Bibliothek einsehbar: Autograph. Als aufwendig und kostenintensiv gestaltete sich die Konservierung mittels des Papierspaltverfahrens.Peter Wollny: Wenn Notenköpfe aus den Partituren fallen, Du.

Frühfassung Die Frühfassung der Matthäus-Passion BWV 244b aus dem Jahr 1729 folgt einer erst jüngst ausgewerteten Partiturabschrift von Johann Christoph Farlau etwa aus den Jahren 1755/1756,Peter Wollny: Tennstedt, Leipzig, Naumburg, Halle – Neuerkenntnisse zur Bach-Überlieferung in Mitteldeutschland. In: Bach-Jahrbuch. 2002, S. 29–60, hier S. 36–47. doi:10.13141/bjb.v20021740 die sich heutzutage ebenfalls in der Staatsbibliothek zu Berlin befindet. Sie wurde erstmals im März 2000 durch den Thomanerchor und das Gewandhausorchester unter Thomaskantor Georg Christoph Biller im japanischen Sapporo wiederaufgeführt und ist seit März 2007 in einer Einspielung mit diesen Ensembles vorhanden. In der Frühfassung ist die Teilung der zwei Chöre – sie betrifft auch die Instrumente – noch nicht vollständig vollzogen, denn beide Chöre nutzen eine gemeinsame Continuopartie mit einer Orgel. Außerdem hat Johann Christoph Farlau die Begleitung der Evangelistenpartie noch in langen Noten ausgeschrieben – so wie Bach selbst auch noch bei der Partitur der späteren Fassung verfuhr, während er bei den Einzelstimmen kürzere Noten angab. In der Erstfassung ist der spätere Choral Nr. 23 „Ich will hier bei dir stehen“ ersetzt durch die Strophe „Es dient zu meinen Freuden“. Die gravierendste Änderung nahm Bach am Schluss des ersten Teils vor: Anstelle der großräumig angelegten Choralbearbeitung „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ (Nr. 35), die ursprünglich die Johannes-Passion einleitete, erklang in der Erstfassung der Matthäus-Passion der schlichte Choral „Jesum lass ich nicht von mir“.Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. 2000, S. 297. In nahezu jedem Satz der Passion finden sich zudem Detailunterschiede in Notentext, Textunterlegung oder Besetzung. So wird die Eingangsarie des zweiten Teiles vom Bass gesungen, in Arioso und Arie „Ja freilich will in uns das Fleisch und Blut“/„Komm, süßes Kreuz“ wird anstelle einer Gambe eine Laute verlangt. Im Eröffnungschor ist fraglich, ob der von Bach eingefügte Cantus-firmus-Choral „O Lamm Gottes unschuldig“ 1729 überhaupt gesungen wurde, da er hier außerdem als instrumentales Zitat in den Holzbläsern erklingt. Außerdem übernehmen im Arioso „O Schmerz!“ Traversflöten die Partien der in der Spätfassung ausschließlich hier eingesetzten Blockflöten.Platen: Johann Sebastian Bach. Die Matthäus-Passion. 1997, S. 31–33. mini|hochkant|Konzeptpartitur der Urfassung Urfassung Eine noch frühere Urfassung der Matthäus-Passion ist nicht vollständig überliefert. Johann Friedrich Agricola stellte zwischen 1755 und 1770 einen Partitur-Torso zusammen, der als Versuch einer Rekonstruktion dieser frühen Gestalt gilt.Johann Friedrich Agricola: Partitur-Torso, zusammengestellt zwischen 1755 und 1770 In der Forschung wird diskutiert, dass der Lüneburger Superintendent Johann Christoph Jauch als Verfasser der Textvorlagen in Betracht kommt, die Bach für diese frühe Fassung genutzt haben könnte.Michael Hochgartz: Thesen zur Identifizierung des Leipziger Hauptlibrettisten Johann Sebastian Bachs, 2023 ; Michael Hochgartz: Zur Person des Leipziger Hauptlibrettisten Johann Sebastian Bachs, 27. Juni 2025 .

Rezeption mini|Felix Mendelssohn Bartholdy (1830), der als 20-Jähriger die Matthäus-Passion wiederaufführte