mini|250px|Opferkerzen in einer katholischen Kirche mini|250px|Opfergaben der Maya in der Höhle von Balancanché mini|250px|Opfergaben etwa für die Pachamama in La Paz: Lamaembryonen, Süßigkeiten und Tonfiguren Ein Opfer ist in der Religion die Darbringung von materiellen Objekten belebter oder unbelebter Art an eine dem opfernden Menschen vorgestellte übergeordnete metaphysische Macht. Mit dieser Macht können je nach Vorstellung Ahnen, Geister oder Gottheiten ausgestattet sein.
Die Opferung ist ein Vorgang, der zumeist mit einem Ritual verbunden ist und mit einem besonderen Fest, das als „Opferfest“ elementarer Bestandteil einer Religion sein kann. Rituale spielen eine bedeutende Rolle im menschlichen Zusammenleben und sind anlageweise für jedes Kollektiv aufzufinden. Opferungsrituale stellen soziale Handlungen dar, mit denen Menschen oft bewusst und intentional auf ihre Umwelt einzuwirken suchen.Christiane Brosius Axel Michaels Paula Schrode (Hrsg.): Ritual und Ritualdynamik. Schlüsselbegriffe, Theorien, Diskussionen. UTB-Band-Nr. 3854, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8252-3854-4, S. 13.
Religionswissenschaftlich lassen sich Opfer klassifizierenJan A. M. Snoeck: Klassifikation und Typologie. S. 54–61 In: Christiane Brosius, Axel Michaels, Paula Schrode (Hrsg.): Ritual und Ritualdynamik. UTB 3854, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8252-3854-4. in „Sühneopfer“, „Bittopfer“, „Dankopfer“, „Reinigungsopfer“ und „Lobopfer“. Zu den historisch ältesten Opfern gehört auch das „Erstlings-“ und „Totenopfer“.Matthias Sellmann: Religion und soziale Ordnung: gesellschaftstheoretische Analysen. Bd. 917 Campus Forschung, Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 200, ISBN 978-3-593-38367-5, S. 56 f.
Beim Opfern von Tieren wird deren Fleisch und Blut nach den meisten Regeln bei einem kultgebundenen Mahl verzehrt. Je nach Brauch nimmt daran die gesamte Opfergemeinschaft teil oder stellvertretend der ihr voranstehende Opferleiter. Dies kann ein Priester, Schamane oder anderer Agent kultisch-religiöser Handlungen sein, dem eine Mittlerrolle zwischen den Menschen und der jeweiligen Gottheit zugesprochen wird. In Religionen, die Menschenopfer befürworten, gelten diese als die qualitativ höchste Form einer Opfergabe.
Das Objekt einer religiösen Opferhandlung ist begrifflich bzw. semantisch vom Objekt einer Tauschhandlung abzugrenzen.Veronika Hoffmann: Skizzen zu einer Theologie der Gabe. Rechtfertigung – Opfer – Eucharistie – Gottes- und Nächstenliebe. Herder, Freiburg im Breisgau/Stuttgart/Basel 2013, ISBN 978-3-451-30696-9.
Etymologie Das Nomen „Opfer“ ist eine Rückbildung aus dem Verb „opfern“. Dieses bereits im Althochdeutschen belegte Verb (opfarōn) wird auf das lateinische Verb operari („ausführen“, „verrichten“) oder zu lateinisch offerre („darbringen“, „schenken“) zurückgeführt, in der Bedeutung „der Gottheit dienen“, „Almosen geben“.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage, Mannheim 2001, S. 573; siehe auch Duden online. Einfluss auf die Bedeutung hat dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache (Kluge/Seebold) zufolge auch das lateinische offerre („darbieten“) ausgeübt, das über das Altsächsische zu englisch offer („Angebot“) wurde.Kluge/Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 23. Auflage, 1995. Das Grimm’sche Wörterbuch hatte 1889 noch eine direkte Ableitung von offerre angenommen und sich dabei auf die Chronik des Johannes Aventinus gestützt.Band 13, Eintrag Opfern.Wolfgang Palaver: Ende oder Transformation des Opfers? René Girards Ringen um eine Opfertheorie. Bibel und Kirche 3/2009, S. 173–178 Zusätzlich kann in der deutschen Sprache das Wort „Opfer“ in dreifacher Bedeutung genutzt werden. Es bezeichnet sowohl die Opferhandlung als auch das Objekt der Opferung sowie die Opfergabe.
Einführung und Grundlagen Grundlage von Religionen sind entsprechende (religiöse) Vorstellungsinhaltesiehe hierzu Gert Pickel: Religionssoziologie: Eine Einführung in zentrale Themenbereiche. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 2011, ISBN 978-3-531-92823-4, S. 111.Georg Simmel: Die Religion (1906, überarb. 1912) – die im jeweiligen Glauben an bestimmte transzendente (überirdische, übernatürliche, übersinnliche) Kräfte ihren Ausdruck finden. Vorstellungen, die Allmächtiges und Übernatürliches integrieren, schaffen und festigen in religiöse Ritualen, so Voland (2010),Eckart Voland: Hat Gott Naturgeschichte? Zur Evolution der Religiosität. Biologie in unserer Zeit 40 (1): 29–35, 2010. menschliche Gemeinschaften, die über die Familie oder Sippe hinausgehen. Rituale sind menschliche Handlungen und Handlungskomplexe. Dabei kann zwischen dem Ritual im engeren Sinne und möglichen routinisierten Alltagshandlungen oder Ritualisierungen unterschieden werden.Ervin Goffman: Interaction Ritual. Essays on Face-to-Face Behaviour. New York, deutsch Interaktionsrituale. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980. Auch bei den Alltagshandlungen sind förmliche, repetitive, performative Handlungsmuster vorhanden, es fehlen aber bestimmte kulturelle Ordnungszeichen, die eine Überhöhung der Handlungen und Normativität ausmachten. Kulturelle Ordnungszeichen sind etwa (priesterliche) Herrschaftszeichen, Metaphern und Medien der Überlieferungen tradierter (religiöser) Vorstellungen auf deren überpersönliche Wertevorstellung im Ritual Bezug genommen wird. Rituale werden im Sinne des Symbolischen Interaktionismus primär als Handlungen gesehen, also als Formen des bewussten zielgerichteten (intentionalen) Einwirkens des Menschen auf seine Umwelt. Rituale und hierzu zählen auch die Opferrituale werden in einer förmlichen, stilisierten, teils stereotypen Performanz ausgeführt. Damit bestehen Opferrituale aus überwiegend wiederholten und nachahmbaren Handlungen.Christiane Brosius, Axel Michaels, Paula Schrode: Ritualforschung heute - ein Überblick. S. 9–24 In: Christiane Brosius, Axel Michaels, Paula Schrode (Hrsg.): Ritual und Ritualdynamik. UTB 3854, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8252-3854-4.Siehe hierzu die Terminologie des symbolischen Interaktionismus. Nach Herbert Blumer: Social Psychology. In: E.P. Schmidt (Hrsg.): Man and Society. A Substantive Introduction to the Social Science. New York 1937, S. 144–198 handeln Menschen den Objekten ihrer Umwelt gegenüber auf Grund der Bedeutungen, die diese für sie haben. Die Bedeutung dieser Objekten entsteht in speziellen Interaktionen, welche die Menschen eingehen. Diese Bedeutungen der Objekte werden von Menschen im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit diesen Objekten in einem interpretativen Prozess benützt und auch verändert. Werner Stangl: Stichwort: 'symbolischer Interaktionismus'. Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik. 27. Juli 2020 ( auf lexikon.stangl.eu) und Herbert Blumer: Der methodologische Standort des Symbolischen Interaktionismus. (1973) In Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.): Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. Bd. 1, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg (Textauszug auf hehl-rhoen.de)
Religiöse Rituale sind die Kommunikationsmittel in einer Strategie des Zusammenhalts. Dabei gilt, je aufwendiger die Opfer für das einzelne Gruppenmitglied, desto fester und sicherer die Gemeinschaft. Rituelle Performanz sei nicht selten rigide, redundant, zwanghaft und auf unnütze Verhaltensziele hin ausgerichtet, da hier die synchronisierende, emotionale Gleichschaltung im religiösen Ritus, welche mit einer Ich-Entgrenzung einhergeht, die Funktion einer Stärkung der Lebensgemeinschaft der Gruppe habe. Tabus, Zeremonien schützten dabei die Gruppe und ihre Außengrenzen.
Nach Heinsohn (2012)Gunnar Heinsohn: Die Erschaffung der Götter: Das Opfer als Ursprung der Religion. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1997, ISBN 3-498-02937-1. begründeten Überlebende globaler Naturkatastrophen die Opferkulte, so sieht er Menschenopfer und Tötungsrituale als prägendes Element der bronzezeitlichen Hochkulturen, einer Epoche vom Ende des 3. Jahrtausend v. Chr. und dem Ende des 1. Jahrtausend v. Chr. Das gälte nicht nur in Mesopotamien, Kleinasien, dem Mittelmeerraum, Nordafrika und Europa, sondern auch für Zentralasien, Indien und China.
Nach Seiwert (1998)Hubert Seiwert: Opfer. In: Hubert von Cancik (Hrsg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Bd. 4. Kultbild – Rolle. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln 1998, ISBN 3-17-010531-0, S. 268–284 lässt sich das Opfer in einem engeren und einem weiteren Sinne definieren: Opfer als ritueller Akt, i. e. S. wäre eine religiöse Handlung, die in der rituellen Entäußerung eines materiellen Objektes bestünde. Religiöse Handlung steht hier in einem Gegensatz zu profanen Handlungen; materielle Objekte können Lebewesen (Tier, Mensch, Pflanzen) und auch unbelebte Objekte (Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände usw.) sein; Akt des Entäußerns bedeutet, dass das Objekt, das Opfer, zunächst in der Einflusssphäre oder Verfügungsgewalt des Akteurs, des Opferers ist, um dann aus dessen Verfügungsgewalt entlassen zu werden; dies kann ganz oder teilweise, endgültig oder zeitweise sein; ritueller Charakter des Entäußerns impliziert einen stilisierten Handlungsablauf, in welchem der Akt symbolische Bedeutung hat. Welche symbolische Bedeutung dieser einnimmt, kann nur aus dem Kontext des rituellen Gesamtkomplexes und den damit verbundenen Vorstellungen ermittelt werden. Opfer als ritueller Komplex, i. w. S. ist ein Komplex ritueller Handlungsabläufe, in dem mindestens ein Akt der rituellen Entäußerung eines materiellen Objektes vorkommt und darin eine mehr oder weniger zentrale Stellung bezieht.
Bestimmte Religionen kannten die Opferung von Früchten, die wie das geschlachtete Tieropfer verbrannt oder ganz oder teilweise gegessen wurden, zuweilen auch in den Besitz der Priesterschaft übergingen. Beim „Trankopfer“ werden Getränke, insbesondere Wasser, Wein und Öl, in oder vor Gräbern oder Tempeln abgestellt oder am Kultplatz vergossen. Das Opfer wird manchmal geschwungen („Schwingopfer“) oder auch emporgehoben („Hebopfer“), um es vor Gott sichtbar zu machen. Darüber hinaus gibt es auch duftende Rauchopfer, bei denen wohlriechendes Räucherwerk wie Weihrauch und Myrrhe dargebracht wird.
Blutige Opfer sind bereits von den Jägern und Sammlern der Altsteinzeit bekannt, wo die Tiere zu ebener Erde abgelegt oder mit Steinen beschwert im Wasser versenkt wurden. Aus den Funden solcher Opferstätten lässt sich schließen, dass es zu dieser Zeit eine personalisierte Vorstellung einer jenseitigen Welt gegeben haben muss. Tieropfer wurden später vor allem von Wanderfeldbau treibenden Kulturen übernommen. Zur Opferpraxis antiker Kulturen zählte auch das Menschenopfer, in geschichtlicher Zeit meist von Kriegsgefangenen an den Kriegs-, Stammes- oder Nationalgott, teilweise auch das Opfern erstgeborener Kinder.
Geopfert wurde auch Edelmetalle, Hausrat, Waffen, Schmuck, Statuen, zum Beispiel durch Versenken in Flüssen, Seen, Sümpfen oder dem Meer oder durch Aufstellen bzw. Verbringen an Kultplätze (zum Beispiel auf heilige Haine oder Berge, in heilige Höhlen), in Tempel von Göttern oder an bzw. in Gräber von Ahnen. Nicht gemeint ist die Mitgabe von Teilen des Eigentums des Toten als Ausrüstung für das angenommene Leben nach dem Tod als sogenannte Grabbeigaben. Denn so behielt der Tote nach dem Verständnis der Angehörigen, was ihm persönlich im Tod gehört; er erhält kein Opfer von den Überlebenden, auch wenn es zusätzlich häufig zu Opferungen kam.
Opfer an Ahnen werden nicht nur dargebracht, um sich diese gewogen zu machen, sondern auch um sie im Jenseits zu versorgen oder zu befragen (Mantik).