Die Poetik ( τέχνη „Dichtkunst“) ist die Lehre von der Dichtkunst. Das Adjektiv poetologisch bezieht sich auf die Poetik, wohingegen das Adjektiv poetisch sich meist auf die Poesie bezieht.
Als Dichtungstheorie setzt sie sich theoretisch mit dem Wesen der Dichtung, mit ihrer Wirkung, ihrem Wert, ihren Aufgaben, ihren Funktionen, ihren spezifischen Ausdrucksmitteln und ihren poetischen GattungenVgl. dazu Ewald Standop: Die Bezeichnung der poetischen Gattungen im Englischen und im Deutschen. In: Germ.-roman. Monatsschrift. Neue Folge. Band 6, 1956, S. 382–392. auseinander. Neben Abhandlungen zur Kunsttechnik, die in erster Linie auf Fragen der Herstellung von Dichtung (Poietik) zielen, versucht die Literaturtheorie u. a., einen allgemeinen Begriff dessen zu geben, was „poetisch“ ist, d. h., Kriterien für die Poetizität von Texten zu entwickeln.
Kunsttechnik – Literaturkritik – Ästhetik Der Standpunkt, dass Poetik eine reine Kunsttechnik ist, findet sich vor allem in den normativen Regelpoetiken von der Antike bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Regelpoetiken formulieren praktische, erlernbare Anweisungen zur „richtigen“ Erstellung poetischer Kunstwerke – eine Theorie und Praxis, die stark von der Rhetorik beeinflusst ist. Johann Christoph Gottsched ist der letzte maßgebliche deutsche Vertreter einer Regelpoetik, die er in zahlreichen Schriften entwickelt.
Im Zusammenhang mit den von ihr verhandelten Fragen der Kunsttechnik diszipliniert sich die Poetik auch als Literaturkritik und ist in dieser Hinsicht ein unentbehrlicher, aber auch problematischer Teilbereich der Literaturwissenschaft. Die aus Kritik und Philologie sich entwickelnde Literaturtheorie richtet sich zunehmend auf eine objektive Bestimmung der charakteristischen Eigenschaften poetischer Texte bzw. ihrer Poetizität über subjektive Geschmacksurteile hinaus. Im 20. Jahrhundert versuchen Literaturwissenschaftler, das Wesen der Dichtung von ontologischen (Roman Ingarden), erkenntnistheoretischen (Ernst Wolff) oder logischen (Käte Hamburger) Standpunkten aus zu bestimmen. Von der Philosophie aus betrachtet, ist die Poetik ein Teilbereich der Ästhetik, wobei letztere historisch gesehen selbst aus der Poetik hervorgegangen ist.
Europäische Verfasser von Poetiken und ihre Reflexionen über Poetik Antike und Spätantike Aristoteles: Peri poietikes (Über die Dichtkunst), heute zumeist bekannt als Poetik
Wichtige systematische Abhandlungen über: Gattungspoetik (bes. Tragödie, z. T. auch Komödie, Epos), Dichtkunst als mimetische Kunst (Konzept der Mimesis), Wirkungsästhetik (bes. der Tragödie, Konzept der Katharsis).
Platon: Ion Horaz: Epistula ad Pisones (Brief an die Pisonen): De Arte Poetica (Über die Dichtkunst), seit Quintilian meist als Ars poetica (Die Dichtkunst) zitiert
Wichtige Abhandlungen über: Lehre vom decorum (von der Angemessenheit einzelner formaler Elemente, wie Gattung, Versart), Definition der Aufgaben des Dichters als () nützen und Vergnügen bereiten, das bis zur Aufklärung missverstandene Mimesis-Konzept ut pictura poesis (ein Gedicht ist wie ein Bild).
Cicero: De inventione (Über die Auffindung des Stoffes) Dionysios von Halikarnassos Pseudo-Longinus: Peri hypsous / De sublimitate (Vom Erhabenen) Quintilian: Institutio oratoria (Ausbildung des Redners)
Charakteristika der Abhandlungen in der Spätantike: Verschiebung des Interesses von stilkritischen Fragen und von theoretischen und literaturkritischen Ansätzen zum normativen Regelkanon, streng definiert nach der techné der Rhetorik und aufbauend auf dem Dualismus von res und verba (Stoff und sprachliche Form).
Mittelalter Poetik wurde im gesamten Mittelalter nur im Rahmen der RhetorikVgl. auch R. Brandt: Kleine Einführung in die mittelalterliche Poetik und Rhetorik. Mit Beispielen aus der deutschen Literatur des 11. bis 16. Jahrhunderts (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 460). Kümmerle Verlag, Göppingen 1986, ISBN 3-87452-695-X. behandelt, im Lehrsystem der septem artes liberales Die sieben freien Künste.
Beda Venerabilis: Ars metrica
Knappe Abhandlung der Verslehre
Matthäus von Vendôme Galfredus de Vino Salvo Gervais von Melkley Johannes de Garlandia Everardus Alemannus
Umfangreiche Lehrbücher einer rhetorisch bestimmten Ars versificatoria (Dichtkunst): Lehre von der Amplificatio (Erweiterung verstanden als die kunstvolle Aufschwellung einer Aussage über das zur unmittelbaren Verständigung Nötige hinaus) als Hauptaufgabe des Dichters und Lehre vom Ornatus (Schmuck der Rede durch rhetorische Figuren und Tropen). Weiterführung der Zwei-Stil-Lehre (ornatus facilis – leichter Stil und ornatus difficilis – schwerer, dunkler Stil) begründet auf der antiken Unterscheidung von Attizismus und Asianismus; Umdeutung der Drei-Stil-Lehre (genera dicendi „Redegattungen“ unterscheidet den stilus gravis/sublime, stilus mediocris und stilus humilis „hoher/erhabener, mittlerer und niederer/schlichter Stil“) auf das mittelalterliche Ständesystem.
Dante: De vulgari eloquentia (Über die Volkssprache)
Durchbruch des engen Rahmens der mittelalterlichen ars versificatoria durch die Hinwendung zur volkssprachlichen Dichtung.
Snorri Sturluson Snorri verfasste um 1220 seine Edda, ein Lehrbuch, das sich in erster Linie an Skalden, Dichter an isländischen und norwegischen Herrscherhöfen, richtete. Er gibt darin Beispiele für rund 100 unterschiedliche Versarten und liefert mythologisches Hintergrundwissen, da sich viele der Kenningar, für die altnordische Dichtung typische, bildhafte Umschreibungen bestimmter Begriffe oder Namen auf dieses, zum Zeitpunkt der Entstehung in christlicher Zeit nicht mehr verbreitete Wissen der heidnischen Vergangenheit unmittelbar beziehen.
Frühhumanismus (Italien) Francesco Petrarca Giovanni Boccaccio
Neubewertung und Gleichstellung der Dichtung mit der (im MA alles beherrschenden) Theologie.
Renaissance und Barock Italien Intensive Beschäftigung mit der antiken Dichtung und Rhetorik führt zur Neuentdeckung der Poetik des Aristoteles und des Horaz; es folgen zahlreiche Übersetzungen ihrer Werke:
Julius Caesar Scaliger: Poetices libri septem Antonio Sebastiano Minturno: De poeta, L'arte poetica
Uminterpretierung der Aristotelischen und Horazschen Poetiken zugunsten des normativen Regelsystems der Rhetorik: der Dichter wird als poeta doctus oder poeta eruditus gesehen, der als gelehrter und gebildeter Dichter über die Regeln der Poetik und Rhetorik verfügt, also weder aus göttlicher Inspiration (poeta vates) noch aus der Kraft der eigenen Subjektivität (Originalgenie), für ein gebildetes Publikum schafft. Die aristotelische Mimesis wird als imitatio (Nachahmung) verstanden, bei der die aristotelische Wahrscheinlichkeitslehre (Dichtung ist Fiktion beruhend auf den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit – nicht beruhend auf der Realität!) grundlegend verkannt wird; im Zuge dieser Missdeutung findet eine Flut von Nachahmungen mustergültiger klassischer Autoren (Vergil für das Epos, Seneca für das Drama) statt (imitatio veterum). Der Zweck der Dichtung sei die Dreiheit von docere et probare (belehren und argumentieren mittels des stilus humilis), delectare (unterhalten mittels des stilus mediocris) und flectere et movere (berühren und bewegen mittels des stilus gravis/sublime). Das Konzept der Katharsis wird im Sinne eines moralischen Erziehungsprogramms umgedeutet: die Tragödie soll Laster vorführen, die bei den Zuschauern Furcht und Mitleid (ursprünglich bei Aristoteles éleos und phóbos, Jammer und Schauder) erzeugt, welches wiederum zur sittlichen Läuterung führen soll. Die Lehre von den drei genera dicendi wird in der Ständeklausel verfestigt und mit dem Gesetz der Fallhöhe (je höher der soziale Rang des tragischen Helden ist, desto schlimmer und tiefer wird sein Fall vom Publikum empfunden) in die aus dem Wahrscheinlichkeitsdogma abgeleiteten Lehre von den drei Einheiten in die Tragödientheorie des Aristoteles hineingelesen.
Giambattista Marino Emanuele Tesauro Il cannocchiale Aristotelico
Die Poetik des literarischen Manierismus versteht sich als Gegenbewegung zur klassizistischen Renaissance-Poetik. Gefordert wird eine Befreiung von klassizistischen Regeln und dem Wahrscheinlichkeitsdogma zugunsten der poetischen Einbildungskraft. Besonders beliebt ist die überreiche Verwendung von Tropen, Metaphern und Concetti (spitzfindige Wendungen), um die Wirklichkeit in der uneigentlichen, aber phantasievollen und auch intellektuellen Sprechweise in das Bizarre, Groteske, Phantastische und Traumhafte zu steigern, zu verzerren und schließlich aufzulösen.
Die Kontroverse zwischen klassizistischen und manieristischen Poetiken spaltet die italienische Dichtung und Dichtungslehre in einen traditionellen klassizistisch, (attizistisch) und einen progressiven, experimentierfreudigen (asianistisch) Typus; selbige Kontroverse findet sich auch in der sogenannten Querelle des Anciens et des Modernes in Frankreich wieder.
Frankreich Auch hier zunächst die klassizistische Orientierung an antiken Vorbildern und an der italienischen Dichtung und Dichtungstheorie.
Thomas Sebillet und die Dichter der Pléiade: Joachim du Bellay Deffence et Illustration de Langue Françoyse, 1549 Jacques Peletier du Mans Art poëtique Pierre de Ronsard Abrégé de l'Art Poétique François, 1565 Jean Vauquelin de La Fresnaye L’Art poétique de Vauquelin de la Fresnaye: où l’on peut remarquer la Perfection et le Défaut des Anciennes et des Modernes Poésies entrepris en 1574 à la demande d’Henri III. Publié 1605 Georges de Scudéry Apologie du théâtre, 1649 François Hédelin La Pratique du théâtre, 1657 René Rapin Réflexions sur la poétique d'Aristote et sur les ouvrages des poétes anciens et modernes, 1674 Nicolas Boileau Art poétique, 1669–1674
Allen Werken ist der normative Charakter, die klassizistische Tragödientheorie mit der Ständeklausel, die Lehre von den drei Einheiten mit der moralisch-pädagogischen Umdeutung der Katharsis gemeinsam. Die Dichtung muss sich generell nach dem Gebot der raison (Vernunft), der vraisemblance (Wahrscheinlichkeit) und der bienséance (Angemessenheit) richten; ihr Zweck besteht in der Verbindung von utilité (Nutzen) und plaisir (Gefallen). Die Mimesis wird als Naturnachahmung (imitatio naturae) verstanden.
Pierre Corneille Trois discours sur le poème dramatique, 1660
Eine erste Relativierung der sogenannten doctrine classique zeichnet sich hier ab.
Charles Perrault Querelle des Anciens et des Modernes, 1688–1696
Wird als Auslöser der eigentlichen Gegenbewegung gegen den Klassizismus angesehen, da er die erste Person war, die die ewige Gültigkeit der antiken Muster bestritt.
England Philip Sidney The Defense of Poesie, An Apology for Poetry
Vertritt den klassizistischen Standpunkt, doch konnte er sich angesichts der offenen Form der Dramen Shakespeares nie ganz durchsetzen.
John Dryden Of Dramatick Poesy: An Essay Alexander Pope Essay on Criticism
Hier versuchen die Autoren einen vermittelnden Standpunkt zwischen dem klassizistischen Regelkanon und der These von der Einmaligkeit und Individualität eines jeden einzelnen Kunstwerks zu finden und zu formulieren.
Deutscher Sprachraum Die italienische und französische Poetik der Renaissance bildet zusammen mit den vermittelnden niederländischen Poetiken von Daniel Heinsius De tragoediae constitutione und Gerhard Johannes Vossius De Artis Poeticae Natura, Ac Constitutione Liber, Poeticarum Institutionum Libri Tres und De Imitatione cum Oratoria, tum praecipue Poetica den Ausgangspunkt für die deutsche Poetik, die bis zur Aufklärung mit Johann Christoph Gottsched als letztem normativen Regelpoetiker klassizistisch bleibt.