Wissenschaft und Technik in der Sowjetunion waren formal durch die marxistisch-leninistische Weltanschauung geprägt. Einerseits erzielten die sowjetischen Wissenschaftler und Ingenieure Spitzenleistungen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich, andererseits waren speziell die Geistes- und Sozialwissenschaften in der Sowjetunion einer Reihe von politischen Tabus unterworfen und unterlagen der Zensur. Dies betraf auch die Biologie und Physik.

Allgemein Im sowjetischen Selbstverständnis galt der dialektische Materialismus als einzig wirklich wissenschaftliche Philosophie und rüstete die Naturwissenschaft in den sozialistischen Ländern mit einer wahrhaft wissenschaftlichen Methodologie aus. Jede andere Philosophie wurde als antiwissenschaftlich abgelehnt. Die sowjetischen Wissenschaftler waren vom Glauben an eine unendliche menschliche Erkenntnisfähigkeit erfüllt und die Wissenschaft wurde zum Tempel des sowjetischen Denkens. Die technischen Erfolge, vornehmlich der Raketen- und Weltraumforschung galten als Triumphe der kommunistischen Philosophie.Siegfried Müller-Markus: Sowjetphilosophie in der Krise. Sonderbeilage der Schweizer Monatshefte Juli 1962, S. 1 f.

Die technikgläubige Sowjetunion hat sich immer als Staat der Technik und Ingenieure gefeiert, die die Naturgewalten bezwangen. So verkörperte der sogenannte „Neue Mensch“ eine Idealbiographie und ein ideales bolschewistisches Bewusstsein. Er oder sie war ein Arbeiterkind, welches sich im Bürgerkrieg spontan der Bolschewiki angeschlossen hatte, in den 1920er Jahren beim Wiederaufbau des Landes geholfen hatte, und aus Dank zu einem Ingenieurstudium abgeordnet worden war und nun auf einer der Großbaustellen den Sozialismus aufbaute.

Während im Westen die Jurisprudenz als Allzweckberuf für die Führung von Unternehmen, Behörden und Regierungen galt, war es in der Sowjetunion der Ingenieur.Susanne Schattenberg: Geschichte der Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zum Untergang. München 2022, S. 47 und 115. Dan Wang bezeichnet solche Staaten dementsprechend als Anwaltsgesellschaft oder Ingenieursstaat.

Laut Wang sind das Preußen des 19. Jahrhunderts, Nazi-Deutschland und das moderne China weitere Beispiele für autokratische Systeme, die wissenschaftliche und technologische Spitzenleistungen erbracht haben.

Geschichte der sowjetischen Wissenschaft

Vorrang für Industrialisierung und Technik Nach 1917 beschleunigte sich die wissenschaftlich-technische und wirtschaftliche Entwicklung Sowjetrusslands und verstärkten sich Industrialisierung, Technisierung und Alphabetisierung des zuvor vorwiegend bäuerlich geprägten zaristischen Landes in allen Sowjetrepubliken.

„Kommunismus gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung“, dieser bekannte Ausspruch von Lenin brachte die Ziele der nächsten Jahre zum Ausdruck, die einhergingen mit einem Fortschritt in allen Bereichen der sowjetischen Wissenschaften und Technik, deren Leistungen und Ergebnisse am wenigsten noch durch die Elektrifizierung des 230 Millionen-Staates charakterisiert wurden.

Ungeachtet starker Hemmnisse, wie Bürgerkrieg, Dürrekatastrophen und der ausländischen Militärinterventionen in den 1920er Jahren mit Millionen Opfern, des Stalinismus in den 1930er Jahren, unter dem viele Wissenschaftler zum Beispiel durch Haft in Sondergefängnissen leiden mussten, konnte die UdSSR aufgrund ihrer industriell-technischen Entwicklung innerhalb weniger Jahre wirtschaftlich und militärisch zu einer mit Deutschland und den Vereinigten Staaten vergleichbaren Weltmacht aufsteigen. Auch im und nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Sowjetunion bis zu ihrer Auflösung 1991 eine wissenschaftlich-technische Großmacht.

Militärtechnisch war die Nachkriegszeit durch das Wettrüsten mit den Vereinigten Staaten geprägt, die atomare, biologische, chemische und konventionelle Aufrüstung, die Wasserstoffbombe und die Atom-U-Boote.

Durch das Wettrüsten bekam die Verteidigungsindustrie den unerbittlichen Druck des Wettbewerbs von außen am direktesten zu spüren. V.A. Trapeznikov, Direktor des Instituts für Kontrollprobleme, schrieb dazu in einem Prawda-Artikel vom Oktober 1985:

Pionierleistungen in der Raumfahrt Siehe auch: Meilensteine und Erstleistungen der sowjetischen Raumfahrt

In der Raumfahrttechnik war die Sowjetunion zwischen 1957 und etwa 1968 weltweit führend und erbrachte auch noch später zahlreiche historische Pionierleistungen, z. B.: mini|351x351px|S1.5400 (GRAU-Index 11D33): das erste Raketentriebwerk, welches das Hauptstromverfahren verwendet mini|268x268px|Gondel des Wolga-Ballons, von der aus Jewgeni Andrejew 1962 den bis dahin tiefsten Freifallsprung durchgeführt hat (24.500 m), Zentrales Museum der Luftstreitkräfte der Russischen Föderation; siehe auch: Stratosphärensprung erste Interkontinentalrakete R-7 (1957) erster Erdsatellit Sputnik 1 am 4. Oktober 1957. Er löste im Westen den sogenannten Sputnik-Schock und den vorgezogenen Start von Explorer 1 (1. Febr. 1958) aus. erste Tiere im All 1957 (Hündin Laika, die nach wenigen Stunden starb) erster Vorbeiflug am Mond 1959 mit der Sonde Lunik 1 erste harte Landung auf dem Mond mit der unbemannten Sonde Lunik 2 1959 erste Mondumrundung und Fotografie von dessen Rückseite mit der Lunik 3 1959 erster Mensch im All, Kosmonaut Juri Gagarin am 12. April 1961 erste Frau im All, Walentina Tereschkowa 1963 erster Ausstieg eines Menschen in den Weltraum, Woschod 2 1965 erste weiche Mondlandung 1966 mit der unbemannten Sonde Luna 9 erste Raumstation Saljut (ab 1969) erstes unbemanntes Roboter-Fahrzeug auf dem Mond (Lunochod 1) 1970 erste unbemannte Rückführung von Mondgestein, Luna 16 1970 erste weiche (Raumfahrzeug funktionstüchtig) Landung auf der Venus mit Venera 7 1970 erste weiche Landung auf dem Mars mit Mars 3 1971 erste permanent bewohnte Weltraumstation Mir (ab 1986). Diese Erfolge wurden im Kalten Krieg – wesentlich intensiver als jene der USA – auch als Propagandaerfolg ausgeschlachtet und teilweise auf wichtige Staatsbesuche hin terminiert. Häufig waren die Erfolge auch Ausdruck einer unter Zeitdruck stehenden Aufholjagd, wie etwa der Bau des ersten, später als Leninski Komsomol bekannt gewordenen sowjetischen Atom-U-Bootes, das seinem amerikanischen Gegenstück hinterherhinkte.

Nach dem Tode Stalins (1953) durften auch bislang tabuisierte Forschungsgebiete wie die Mendel’sche Vererbungslehre, die Soziologietheorien von M. N. Petrowskij oder der sprachwissenschaftliche Strukturalismus wieder behandelt werden. Dennoch galt es für sowjetische Wissenschaftler als gefährlich, westliche Forscher offiziell zu zitieren. Auch die Geschichtsforschung wurde bis 1991 mit historischen Tabus belegt, die sowohl die frühmittelalterliche Geschichte Russlands (Waräger) als auch die jüngere Zeitgeschichte (Massaker von Katyn) betrafen.

Ganze Städte mit Wissenschaftlern und Technikern entstanden, wie das Kernforschungszentrum Dubna, das Sternenstädtchen, Akademgorodok in Sibirien und das Wissenschaftszentrum in Tschernogolowka bei Moskau mit dem Landau-Institut für Theoretische Physik. Solche Wissenschaftsstädte galten teilweise als Sperrgebiet.

Entgegen der gelegentlich gehörten Meinung waren in der UdSSR und DDR weder die Kybernetik noch die Evolutionstheorie verboten.

Meilensteine der Wissenschaft und Technik in der UdSSR mini|Besatzungsmitglieder der Nordpol-1, der ersten Eisdriftstation. Das Flugzeug (TB-3) war das erste, das den Nordpol erreichte. Dies war gleichzeitig der erste bekannte Einsatz eines Bremsschirms bei einem Flugzeug. 1954: Bau und Betrieb des weltweit ersten Kernkraftwerks in Obninsk bei Moskau (Leistung: 5 MW) Am 5. Dezember 1957 lief der weltweit erste Atomeisbrecher vom Stapel mit dem Namen Lenin; er wurde ab Dezember 1959 für zivile Zwecke eingesetzt.mini|Arktika: das erste Überwasserschiff, das den Nordpol erreicht (1977) 1958 wurde der erste Computer (Setun) entwickelt, der mit ternären Zahlen rechnete. Entdeckung der Superkavitation und Bau des ersten funktionsfähigen Überschallantriebs unter Wasser nach diesem Prinzip. Als erstes einsatzfähiges System wurde 1977 der Torpedo Schkwal (russisch Шквал) nach etwa zehnjähriger Entwicklung von der Marine der Sowjetunion in Dienst gestellt; seine Maximalgeschwindigkeit beträgt 370 km/h. 1970: erste gesteuerte Kernfusion mit Tokamak-3 1971: Fertigstellung des weltweit ersten MHD-Generators „U-25“ mit circa 50 MW Leistung. Einspeisung in das Moskauer Stromnetz sowie Verwendung in der Forschung.Info zu U-25 auf Books.Nap.edu (englisch)

Weitere besondere Leistungen Medizin der sowjetische Forscher Wladimir Petrowitsch Demichow entwickelte 1937 das erste künstliche Herz der Welt, führte 1946 die weltweit erste Herztransplantation durch und 1948 die erste Lebertransplantation (jeweils an Hunden) die sowjetische Antwort auf die Antibiotika war die Phagentherapie, die am Eliava-Institut für Phagenforschung in Tiflis entwickelt wurde. Phagenpräparate kamen massenhaft beim sowjetischen Militär zum Einsatz. Entdeckung des Antibiotikums Gramicidin S durch Georgi Gause 1942 Lehre des Nervismus

Technik mini|Das 6-m-Teleskop des Selentschuk-Observatoriums war das größte Spiegelteleskop seiner Zeit. 1920: Theremin Entwicklung der Luftbetankung durch Alexander Procofieff De Seversky Erfindung des Unterwasserschweißens durch Konstantin Chrenow 1932. 1933: Entdeckung des für die moderne Kommunikationstechnik elementaren Abtasttheorems durch Wladimir Kotelnikow Entwicklung und Vervollkommnung des Turbinenbohrers für Erdölbohrungen (Turbodrillverfahren) durch den sowjetischen Ingenieur Matwei Alkinowitsch Kapeljuschnikow, von 1922 bis 1955. erste praktische Einführung der Untertagevergasung Maksutov-Teleskop (1942) 1948: erste Offshore-Bohrinsel (Neft Daşları) der BESM war 1952 der schnellste Computer Europas 1953: erster Kernwaffentest, bei dem ein fester Fusionsbrennstoff (Lithium-6-deuterid) verwendet wurde (RDS-6s, Sloika-Design) Druschba-Pipeline 1962: AVL-Baum 1967: Fernsehturm Ostankino Entwicklung der Tarnkappentechnik durch Pjotr Jakowlewitsch Ufimzew weltweit erstes Verfahren zum Strangguss von Stahl Duga (Kurzwellensignal) 1974: Kaissa, Gewinner der ersten Computerschachweltmeisterschaft 1976: Ekran, weltweit erstes Satellitenfernsehen 1979/1989: tiefste Bohrung (Kola-Bohrung) Kalina-Kreisprozess

Physik Kirlianfotografie Mikrotron Elektronenspinresonanz Flusskompressionsgenerator Entdeckung der Elemente des Periodensystems: Rutherfordium (1964), Nobelium (1966), Dubnium (1967), Seaborgium (1974) durch das Vereinigte Institut für Kernforschung mit dem Teilchenbeschleuniger Synchrophasotron in Dubnamini|Synchrophasotron in Dubna 1970 Entdeckung der Efimov-Zustände durch Witali Jefimow Excimerlaser (1970) Hallantrieb (1971) Reflektron (1973) Elektronenkühlung (1974) Vorhersage des Sunjajew-Seldowitsch-Effekts

Mathematik Kolmogorow-Komplexität die bei der Datenkompression Verwendung findet

Pflanzenforschung Theorie von den geographischen Genzentren der Kulturpflanzen und Formulierung des „Gesetzes der homologen Reihen“ durch Nikolai Iwanowitsch Wawilow in den 20er Jahren, der in den 20er und 30er Jahren, mittels 40 internationaler Expeditionen, die weltweit größte Sammlung von Proben kultivierter und wildförmiger Pflanzen aufbaute.Susanne Heim (Hrsg.): Autarkie und Ostexpansion. Pflanzenzucht und Agrarforschung im Nationalsozialismus. Göttingen 2002, S. 93 und 100.

Nobelpreisträger mini|Tscherenkow, 1958 mini|Kapiza, 1964 mini|Sacharow, 1989 Zahlreichen sowjetischen Wissenschaftlern wurde neben anderen internationalen Preisen der Nobelpreis zuerkannt, wie zum Beispiel:

Nobelpreis für Physik 1958: Pawel Tscherenkow, Ilja Frank und Igor Tamm „für die Entdeckung und Interpretation des Tscherenkow-Effekts“ 1962: Lew Landau „für seine bahnbrechenden Theorien über kondensierte Materie, besonders das flüssige Helium“ (Suprafluidität)