mini|hochkant|Ludwig Quidde, 1927

Ludwig Quidde (geboren am 23. März 1858 in Bremen; gestorben am 4. März 1941 in Genf) war ein deutscher Historiker, Publizist, Aktivist und Politiker während des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Der prominente Vertreter des Linksliberalismus und Pazifismus war ein vehementer Kritiker von Wilhelm II. und erhielt 1927 zusammen mit Ferdinand Buisson den Friedensnobelpreis für seine Leistungen als treibende Kraft in der Friedensbewegung. Für die Ziele und die Organisation des Pazifismus engagierte er sich etwa als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG). Er war Teilnehmer an und Redner bei verschiedenen internationalen Friedenskongressen sowie Organisator des 16. Weltfriedenskongresses 1907 in München.

Leben

Quidde wurde 1858 als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Ludwig August Quidde und seiner Frau Anna Adelheid Quidde, geborener Cassebohm, geboren. Der spätere Richter und Präsident der Bremer Bürgerschaft Rudolph Quidde (1861–1942) war sein Bruder.

Ausbildung und wissenschaftliche Karriere mini|hochkant=1.2|links|Ludwig Quidde (Dritter von rechts in der ersten stehenden Reihe von vorn) im Kreise seiner Abiturklasse, 1876

Ludwig Quidde besuchte von 1869 bis 1876 das humanistische Alte Gymnasium in Bremen und machte 1876 Abitur. Ab 1877 studierte er Geschichte, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Straßburg und Göttingen und wurde 1881 mit der Schrift König Sigmund und das Deutsche Reich von 1410 bis 1419 zum Doktor der Philosophie promoviert. Im selben Jahr griff er in den Berliner Antisemitismusstreit ein, in dem er sich mit der zunächst anonymen Streitschrift Die Antisemitenagitation und die Deutsche Studentenschaft gegen den studentischen Antisemitismus wandte.Göttingen 1881; neu abgedruckt in: Karsten Krieger (Bearb.): Der „Berliner Antisemitismusstreit“ 1879–1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. Teil 2, München 2003, S. 829–847. Als Schüler des Mediävisten Julius Weizsäcker wurde Quidde nach der Promotion Mitarbeiter an der Edition der Reichstagsakten (Ältere Reihe), bei der die Reichstagsdokumente des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) von 1376 an bearbeitet wurden.

1882 heiratete Quidde die Musikerin und Schriftstellerin Margarethe Jacobson (1858–1940).Zu Margarethe Quidde siehe Silke Wenzel: . In: Musik und Gender im Internet (MUGI). 7. April 2008. Der Eintrag beruft sich vor allem auf Karl Holl: Ludwig Quidde (1858–1941). Eine Biografie. Düsseldorf 2007, schreibt aber abweichend davon Margarete ohne „h“. Sie heirateten kirchlich in der evangelischen Burgkirche in Königsberg. Quiddes Biograf Karl Holl zufolge unterwarf er sich der Konvention und nahm Rücksicht auf die Erwartungen der beiden Familien, stand aber in „Distanz zum Kirchenchristentum, und seine Ehefrau teilte darin seine Ansicht“. Sie sahen sich als Agnostiker. 1890 traten beide aus der Kirche aus.

Nach dem Tod seines Vaters 1885 und der damit verbundenen umfangreichen Erbschaft stellte Quidde seine Habilitationsabsichten zugunsten der Reichstagsakten-Edition zurück und wurde 1887 zum außerordentlichen Mitglied der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt, im Herbst 1889 verantwortlicher Redakteur der Edition als Nachfolger Weizsäckers.Karl Holl: Ludwig Quidde (1858–1941). Eine Biografie. Düsseldorf 2007, S. 66 f. 1888 begründete er als Herausgeber die Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (DZG).Ludwig Quidde: Zur Einführung. In: DZG. Band 1, 1889, S. 1–9; datiert auf den 18. Oktober 1888.

mini|Ludwig Quidde mit Ehefrau Margarethe, 1888 in Venedig Im Herbst 1890 wurde Quidde zum leitenden Sekretär des Preußischen Historischen Instituts nach Rom berufen und zum Professor ernannt. Doch bereits 1892 bat er um seine Entlassung, kehrte nach München zurück und wurde in die Historische Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Er galt damals als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des spätmittelalterlichen Deutschen Reiches. In München organisierte er mit Hilfe der DZG 1893 auch den Ersten Deutschen Historikertag. Bald darauf offenbarte sich – etwa auf den folgenden Historikertagen 1894 in Leipzig und 1895 in Frankfurt am Main – der Gegensatz seiner politischen Positionen zu vorherrschenden Anschauungen der deutschen Historikerzunft.

In der breiteren Öffentlichkeit wurde Quidde mit einem Schlag bekannt durch die im Frühjahr 1894 veröffentlichte kurze Studie Caligula – Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn, die mit über 30 Auflagen zu einem der erfolgreichsten Pamphlete der wilhelminischen Ära wurde: Einem aufmerksamen Leser konnte kaum entgehen, dass es sich bei der vorgeblich althistorischen Untersuchung (die auch durchaus bleibenden Eindruck im Fach Alte Geschichte hinterließ) zugleich um eine notdürftig verhüllte Satire auf den damaligen Kaiser Wilhelm II. handelte. Quidde schrieb zwar über den römischen Kaiser Caligula, doch die Bezüge auf Wilhelm II. waren mehr als deutlich. Die erst von der Kreuzzeitung mit dem Vorwurf der Majestätsbeleidigung zum Skandal aufgebauschte Angelegenheit führte zum jähen Abbruch von Quiddes wissenschaftlicher Laufbahn. Seine Ächtung als Historiker durch die deutschen Fachkollegen erzwang auch die Einstellung der DZG mit einem letzten Band für 1894/1895.Karl Holl: Ludwig Quidde (1858–1941). Eine Biografie. Düsseldorf 2007, S. 96 f. Juristisch war Quidde wegen des Caligula nichts nachzuweisen;Allerdings wurde die Caligula-Schrift später oft fälschlich als Grund der dreimonatigen Gefängnisstrafe genannt, so etwa in dem Nachruf Ludwig Quidde tot. In: Aufbau, 14. März 1941, S. 9. Inhalt nicht mehr abrufbar, kein Archivlink vorhanden am 3. Mai 2025 aber bald nach dem Skandal wurde er wegen der Äußerung, es sei eine „Lächerlichkeit und politische Unverschämtheit“, eine Gedenkmedaille auf Kaiser „Wilhelm den Großen“ zu stiften, der Majestätsbeleidigung angeklagt und zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt, die er in München-Stadelheim verbüßte.Karl Holl: Ludwig Quidde (1858–1941). Eine Biografie. Düsseldorf 2007, S. 98 f.

Einstieg in Politik und Friedensbewegung Quiddes geerbtes Vermögen ermöglichte es ihm, sich nun ganz auf Politik und Pazifismus zu konzentrieren. Außerdem engagierte er sich im Kampf gegen die Vivisektion. Im Jahr 1898 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Margarethe den „Münchener Verein gegen Vivisektion und sonstige Tierquälerei“. Gemeinsam mit ihr veröffentlichte er auch die Schrift Anleitung zur Verständigung über die Vivisektionsfrage. Zudem nahm Quidde an den internationalen Antivivisektions-Kongressen in Frankfurt am Main (1903), London (1909) und Zürich (1912) teil.Magnus Schwantje: Ludwig Quidde als Vivisektionsgegner. Zu seinem 70. Geburtstage. (PDF-Datei; 1,49 MB). In: Mitteilungen des Bundes für radikale Ethik, e. V. Nummer 17, Mai 1928. Bereits 1893 war er in die 1868 gegründete Deutsche Volkspartei (DtVP) eingetreten, die seiner antimilitaristischen, antipreußischen, demokratischen und pazifistischen Orientierung entsprach. Die DtVP, die ihre Hochburgen vor allem in Süddeutschland hatte, setzte sich als eine der größeren bürgerlich-demokratischen Parteien gegen die Nationalliberale Partei für föderale Strukturen im Deutschen Reich ein, stand in Opposition zur Vorherrschaft Preußens und engagierte sich für eine Stärkung des Reichstages und demokratischere Verhältnisse in Deutschland. Quidde hob sich mit seiner antimonarchischen und republikanischen Haltung auch innerhalb der Partei ab. Er unterstützte die DtVP in ihrer Bereitschaft zur punktuellen Zusammenarbeit mit der damals noch marxistisch ausgerichteten Sozialdemokratie.

Kurz vor seinem Eintritt in die DtVP hatte Quidde die Partei im Reichstagswahlkampf 1893 unterstützt, indem er – zunächst anonym – die Schrift Der Militarismus im heutigen Deutschen Reich. Eine Anklageschrift. Von einem deutschen Historiker veröffentlichte. 1894 trat Quidde der im Dezember 1892 gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) beiBurkhard Gutleben: Ludwig Quidde Forum; abgerufen am 21. August 2014. und wurde bald regelmäßiger Teilnehmer der Sitzungen des Rates des Internationalen Friedensbüros.

Von 1894 bis 1900 war er Herausgeber der demokratischen Tageszeitung Münchner Freie Presse, in der er 1898 die sozialkritische Artikelserie Arme Leute in Krankenhäusern veröffentlichte. 1895 wurde Quidde Vorsitzender des bayerischen Landesausschusses der DtVP und erarbeitete ein neues Parteiprogramm, in dem die Parlamentarisierung, eine Justiz- und Heeresreform sowie der Ausbau föderaler Strukturen gefordert wurden. In führender Funktion in der bayerischen DtVP, seit 1902 im Münchener „Kollegium der Gemeindebevollmächtigten“,„Kollegium der Gemeindebevollmächtigten“ war die damalige Bezeichnung des Stadtrates von München. wurde er 1907 erstmals in den bayerischen Landtag gewählt, wo er bis 1918 Abgeordneter blieb. Inzwischen hatte sich 1910 die Deutsche Volkspartei mit der Freisinnigen Volkspartei und der Freisinnigen Vereinigung zur Fortschrittlichen Volkspartei zusammengeschlossen, woran Quidde nur widerstrebend teilnahm, da er sich durch die Vereinigung an den Rand gedrängt sah.

mini|hochkant=2.6|Weltfriedenskongress 1907 in München: Bertha von Suttner (sitzende Reihe, Zweite von links), rechts daneben Ludwig Quidde, hinter ihm seine Frau Margarethe Ab 1899 leitete Quidde die deutsche Delegation an den Weltfriedenskongressen. Er setzte sich für die deutsche Teilnahme an der Haager Friedenskonferenz 1899 und die Beendigung des Zweiten Burenkrieges (1899–1902) ein.

1907 organisierte er den 16. Weltfriedenskongress in München. 1913 veröffentlichte er einen Entwurf zu einem internationalen Vertrage über Rüstungsstillstand anlässlich des 20. Weltfriedenskongresses in Den Haag. Im Mai 1914, kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde er zum Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt und blieb trotz der nie verstummenden Kritik der radikalpazifistischen Kräfte bis 1929 in diesem Amt.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Quidde als Kriegsgegner in seiner Partei und Landtagsfraktion bald zum Außenseiter. Er hielt sich zwischen Ende 1914 und 1918 trotz des Krieges häufig im neutralen Ausland auf, in den Niederlanden und später vor allem in der Schweiz, um die 1914 abgebrochenen Kontakte mit Pazifisten in anderen kriegführenden Staaten wiederherzustellen. Er wurde aus Berlin ausgewiesen; seine Post wurde beobachtetMichael Sontheimer: Abrechnung mit der Monarchie. In: Spiegel Geschichte. 3/2013, S. 112–114. und zeitweise observiert. Im April 1915 nahm er an einer Tagung des neu gegründeten niederländischen Anti-Oorlog-Raad (Anti-Kriegs-Rat) in Den Haag teil.Wolfgang Benz: Der „Fall Muehlon“. Bürgerliche Opposition im Obrigkeitsstaat während des Ersten Weltkriegs. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4/1970, S. 345 (pdf).

Pazifismus in der Weimarer Republik Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Quidde während der revolutionären Umbruchssituation in Bayern wie auch im gesamten Deutschen Reich (vgl. Münchner Räterepublik und Novemberrevolution) 1918 Vizepräsident des Provisorischen Bayerischen Nationalrates und 1919 Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in der Weimarer Nationalversammlung.Rede Quiddes in der Nationalversammlung am 12. Mai 1919. In: Verhandlungen des Reichstages. Band 327: Verhandlungen der verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung. Berlin 1920, S. 1107–1110 (39. Sitzung). Die DDP war nach dem Krieg aus der Mehrheit der Fortschrittlichen Volkspartei und dem linken Flügel der Nationalliberalen Partei hervorgegangen und 1919/20 zusammen mit der SPD und der Zentrumspartei an der „Weimarer Koalition“, der ersten Regierung der Weimarer Republik, beteiligt.