Die Religionsphilosophie ist eine philosophische Disziplin, die die Erscheinungsformen und den theoretischen Gehalt von Religion bzw. Religionen zum Gegenstand hat. Sie versucht, systematisch und rational auf Fragen nach der Vernünftigkeit religiöser Aussagen, nach Wesen und Formen von Religionen und ihrer praktischen Bedeutung im Leben des Menschen Antwort zu geben. Sie kann sich auch als Religionskritik oder als sprachphilosophische Analyse der Form religiöser Sprachen manifestieren.

Die Schwerpunkte der historisch entwickelten Religionsphilosophien sind dabei unterschiedlich. Einige verfolgen ein hermeneutisches Ziel und wollen verständlich machen, was das Eigentümliche der Religion ist. Dabei gehen sie von der Betrachtung einer bestimmten Religion aus, die sie aus einer Innenperspektive adäquat zu erfassen versuchen. Andere Ansätze stellen die Überprüfung der von Seiten der Religion erhobenen Geltungsansprüche in den Vordergrund. Sie prüfen, ob mit religiösen Aussagen überhaupt sinnvolle Behauptungen aufgestellt werden und ob diese sich rechtfertigen lassen. Reduktionistische Ansätze versuchen, die Religion als Produkt externer Faktoren (Lebenswille, Triebkonflikte, evolutionsbiologische Mechanismen etc.) zu deuten. Solche Ansätze stehen in einem engen Zusammenhang mit der Religionskritik, da sie davon ausgehen, dass sich religiöse Geltungsansprüche nicht als solche einlösen lassen und Religion prinzipiell ersetzbar ist.

Inwieweit es überhaupt das Ziel der Religionsphilosophie sein kann, zu allgemeinen Aussagen zu kommen, ist umstritten. So bezeichnet Ludwig Wittgenstein das „Streben nach Allgemeinheit“Ludwig Wittgenstein: Das Blaue Buch. In: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe, Bd. 5, Frankfurt a. M. 1984, S. 37. als eine der Krankheiten des Verstandes, deren Ursache in „unserer Voreingenommenheit für die naturwissenschaftliche Methode“ liege.Ludwig Wittgenstein: Das Blaue Buch. In: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe, Bd. 5, Frankfurt a. M. 1984, S. 39. William James spricht von der „Vielfalt der religiösen Erfahrung“; ihr entspreche eine Vielfalt an Möglichkeiten, sie zu reflektieren.Ricken, Friedo (2003): Religionsphilosophie. Kohlhammer (S. 17) ISBN 978-3-17-011568-2.

Religionsphilosophie Abgrenzung zu anderen Disziplinen +Nachbardisziplinen der Religionsphilosophie Wie die Religionsphilosophie befassen sich auch die beiden wissenschaftlichen Disziplinen Religionswissenschaft und Theologie mit Religionen, religiösen Aussagen und Phänomenen.Zum Folgenden vgl. Franz von Kutschera: Vernunft und Glaube. S. 2–16.

Die Religionswissenschaft ist eine historische und empirische Disziplin. Sie beschreibt und erklärt religiöse Anschauungen, lässt aber die Frage offen, ob sie richtig sind. In ihrem historischen Teil untersucht sie als Religionsgeschichte Entwicklung, Inhalte und Erscheinungsformen der einzelnen Religionen sowie die Einflüsse verschiedener Religionen aufeinander. In ihrem systematischen Teil geht es ihr um generelle religiöse Phänomene und ihre Zusammenhänge, um das Wesen von Religion im Allgemeinen und Typen von Religionen, religiöser Erfahrungen und Praktiken. Ferner diskutiert sie die Frage, ob es allgemeine Gesetze oder Tendenzen für die Entwicklung von Religionen gibt. Zur systematischen Religionswissenschaft zählen außerdem Theorien über das Entstehen religiöser Anschauungen und über deren Abhängigkeit von psychischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen. Als Teildisziplinen der systematischen Religionswissenschaft können die Religionspsychologie und die Religionssoziologie angesehen werden. Während die Religionspsychologie sich mit der psychologischen Seite des religiösen Lebens und Erlebens und deren Bedingungen befasst, beschäftigt sich die Religionssoziologie mit den gesellschaftlichen Faktoren der Entwicklung von Religionen, ihre Wechselbeziehungen mit sozialen Lebensformen und die Struktur religiöser Gemeinschaften und Institutionen. Die Religionspolitologie, welche das Verhältnis von Religion und Politik erforscht, versteht sich dagegen als ein Teilbereich der politikwissenschaftlichen Disziplin Politische Theorie und Ideengeschichte.

Im Unterschied zur Religionswissenschaft gibt es viele Theologien. Eine Theologie bezieht sich immer auf eine bestimmte Religion. Der Theologe beschreibt, erläutert und systematisiert nicht nur wie der Religionswissenschaftler die Glaubensinhalte der betreffenden Religion, sondern vertritt diese und macht selbst religiöse Aussagen. Die Aufgabe einer Theologie ist es, die Glaubensinhalte der betreffenden Religion zu erhellen und zu entfalten. Sie bemüht sich um eine begriffliche Klärung und Bestimmung von Glaubensinhalten und verwendet dabei wissenschaftliche Methoden. In ihrer wissenschaftlichen Form ist sie vor allem eine Erscheinung des Christentums, das sich in der Auseinandersetzung mit Philosophie und Wissenschaften entfaltete. Auch in der Theologie gibt es systematische und historische Teildisziplinen. Die historische Theologie befasst sich mit den Texten und dem theologischen Gehalt der biblischen Schriften, mit Kirchen-, Dogmen- und Theologiegeschichte und arbeitet wie die Geschichtswissenschaft mit der historisch-kritischen Methode. Sie bewegt sich im Bereich deskriptiver Aussagen und steht daher der historischen Religionswissenschaft nahe. Zu den Disziplinen der systematischen Theologie gehören die Dogmatik, die Moraltheologie und die Fundamentaltheologie.

Anders als die Religionswissenschaft ist die Religionsphilosophie keine rein empirische Disziplin. Eine ihrer wichtigsten Fragen ist vielmehr die nach der Vernünftigkeit von Religion und Glauben. Im Unterschied zur Theologie ist für sie die Antwort auf diese Frage grundsätzlich offen. Zwar bemüht sich auch die Fundamentaltheologie um eine rationale Durchdringung des Glaubens, doch geschieht dies in ihr in der Form einer Rechtfertigung. Im Gegensatz zur Religionsphilosophie wird in der Theologie in letzter Instanz immer der Glaube und nicht die Vernunft als Maßstab des zu Glaubenden angesehen.

Typen von Religionsphilosophien Die historisch vertretenen Religionsphilosophien können nach Winfried Löffler in fünf Grundtypen klassifiziert werden, wobei faktisch bei vielen Autoren Motive aus mehreren dieser Typen einfließen:Vgl. Winfried Löffler: Einführung in die Religionsphilosophie. S. 25–27. Analyse und Artikulation religiöser Befindlichkeiten (zum Beispiel Friedrich SchleiermacherSchleiermacher: Der christliche Glaube, Berlin 1984 (1811/22), Ludwig WittgensteinWittgensteins Bemerkungen zur Religionsphilosophie sind verstreut in vielen seiner Werke. Vgl. dazu: Andreas Koritensky: Wittgensteins Phänomenologie der Religion, Stuttgart 2002): es wird die besondere Art von Lebens- und Weltgefühl, die für die oder eine bestimmte Religion prägend ist, untersucht Frage nach dem Wesen der Religion (zum Beispiel Rudolf OttoRudolf Otto: Das Heilige, München 2004 (1917), Georg Wilhelm Friedrich HegelGeorg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Religion (gehalten 1821–1831, erste posthume Publikationen 1832 und 1840), Frankfurt 1986, Martin HeideggerHeidegger: Phänomenologie der religiösen Lebens (Gesamtausgabe Band 60), Frankfurt 1995): es wird versucht, die Komplexität des Phänomens Religion zu verstehen und eine Art „Wesen“ herauszuarbeiten Analyse der religiösen Sprache: Untersuchung der Eigenart der religiösen Sprache und ihrer Unterschiede zu anderen Sprachverwendungsweisen Klärung des Verhältnisses zwischen religiösen und anderen Erklärungen (zum Beispiel Richard SwinburneSwinburne: Die Existenz Gottes, Stuttgart 1987 (The Existence of God, 1979, 2. veränderte Auflage 2004), Wittgenstein): es wird die Eigenart religiöser Erklärungen und ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen Erklärungsweisen näher herausgearbeitet Verteidigung der Vernünftigkeit oder Unvernünftigkeit der Religion: es wird die Frage der Vernünftigkeit religiöser Erklärungen untersucht. Positionen, die diese bestreiten, werden häufig unter dem Stichwort „Religionskritik“ zusammengefasst. Als klassische Themen gehören hierher die Gottesbeweise und die Theodizee-Frage

Religion Definitionsprobleme

Zur Definition des Begriffes „Religion“ und verwandter Begriffe können grundsätzlich essentialistische und funktionalistische Herangehensweisen unterschieden werden. Essentialistische Definitionsversuche gehen davon aus, dass so etwas wie ein gemeinsames „Wesen“ von Religion existiert. Als ein solches Wesen wurde unter anderem vorgeschlagen: der Bezug auf einen Gott oder Götter (Günter LanczkowskiGünter Lanczkowski: Einführung in die Religionsphilosophie, Darmstadt 1980) der Glaube an geistige, übermenschliche Wesen (Edward B. Tylor, Melford E. Spiro) eine heilige oder sakrale Sphäre, wobei das Heilige auch in irgendeiner Form erfahrungsmäßig zugänglich ist (Nathan Söderblom, Rudolf Otto, Gustav Mensching)

Essentialistische Definitionsversuche sind in der Regel abendländischen Religionsvorstellungen angelehnt. Es ist jedoch umstritten, ob diese für alle Religionen verallgemeinerbar sind. Dies gilt zum Beispiel für die Vorstellung eines Gottes als transzendentes Gegenüber oder für religiöse Praktiken wie das Gebet. Bezieht man sich nur auf die Phänomene, die tatsächlich allen Religionen gemeinsam sind, erhält man einen zu abstrakten Religionsbegriff, der für religionsphilosophische Analysen kaum mehr brauchbar ist.Vgl. Winfried Löffler: Einführung in die Religionsphilosophie. S. 12ff.

Der Gefahr solcher Engführungen suchen funktionalistische Definitionsversuche zu entgehen. Diese fragen nicht nach dem „Wesen“ von Religionen, sondern danach, welche Funktion sie im Leben des Einzelnen und der menschlichen Gemeinschaften haben. Als Beispiele werden vor allem psychische und gesellschaftliche Stabilisierungsfunktionen genannt (Karl Marx, Émile Durkheim, Bronisław Malinowski, Talcott Parsons etc.). Kritiker werfen solchen Konzeptionen vor, dass sie oftmals der Erfahrung widersprechen, da Religionen auch ausgesprochen destabilisierende und harmoniestörende Wirkungen haben können.Vgl. Winfried Löffler: Einführung in die Religionsphilosophie. S. 13.

Merkmale von Religionen Nach Franz von Kutschera kann „Religion“ verstanden werden als „ein Komplex von Lehren und Anschauungen, Normen, Haltungen und Praktiken, von gefühlsmäßigen Einstellungen, sprachlichen Ausdrucksformen, Symbolen und Zeichen, die das Leben einer Gemeinschaft bestimmen und sich in Institutionen ausprägen“.Franz von Kutschera: Vernunft und Glaube. S. 212. Der gemeinsame Bezugspunkt dieses „Komplexes“ ist das Transzendente.

Religiöse Anschauungen Die wichtigste Komponente einer Religion bilden dabei religiöse Anschauungen. Kutschera gliedert diese in Annahmen und Sichtweisen.Franz von Kutschera: Vernunft und Glaube. S. 212ff. Annahmen stellen die objektive Seite einer Anschauung dar. In ihnen werden – zum Beispiel in den zentralen Formeln des Glaubensbekenntnisses oder in theologischen Doktrinen – Aussagen über den Gegenstand formuliert. Sichtweisen dagegen bestimmen einen Gegenstand unter subjektiven Aspekten. Sie sind Weisen seines Erfahrens, die sich mit Worten zwar umschreiben, aber nicht vollständig auf den Begriff bringen lassen. Eine Sichtweise ist immer mit einer Deutung verbunden; in sie gehen auch bestimmte Annahmen über die Gegenstände ein, wie sich umgekehrt auch Annahmen aus Sichtweisen ergeben. Religiöse Anschauungen sind dadurch charakterisiert, dass die empirische Welt und das menschliche Leben im Kontext einer umgreifenden, größeren Wirklichkeit gesehen werden. Dieser wird ein höherer Realitätsgrad zugesprochen, weswegen sie als die letztlich maßgebliche Realität für alle Phänomene des menschlichen Lebens, der Geschichte und der Natur aufgefasst wird.