200pxLateinamerika Die Lateinamerikanische Schuldenkrise (auch Lateinamerikakrise, ) war eine in den 1980er Jahren kulminierte Zahlungs- und Verschuldungskrise zahlreicher Volkswirtschaften Lateinamerikas und der Karibik. Ihren unmittelbaren Ausgangspunkt bildete die Einstellung des mexikanischen Schuldendienstes im August 1982. In der Folge gerieten unter anderem Brasilien, Argentinien, Venezuela, Chile, Peru, Ecuador und Bolivien in vergleichbare Zahlungsschwierigkeiten. Die mit der Krise verbundene Phase stagnierender oder rückläufiger wirtschaftlicher Entwicklung wird in der spanisch- und portugiesischsprachigen Literatur als „verlorenes Jahrzehnt“ (década perdida) bezeichnet. Die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL/ECLAC) beziffert das durchschnittliche jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Region während der 1980er Jahre auf 1,7 Prozent, während die Reallöhne zwischen 1980 und 1990 um 34 Prozent fielen. Nach der Einschätzung der Exekutivsekretärin der CEPAL, Alicia Bárcena, benötigte die Region 14 Jahre, um das Pro-Kopf-BIP-Niveau von vor der Krise wieder zu erreichen, und 25 Jahre, um frühere soziale Indikatoren wiederzuerlangen.
Wirtschaftlicher Hintergrund Importsubstituierende Industrialisierung Seit den 1950er Jahren hatten zahlreiche lateinamerikanische Staaten ein Entwicklungsmodell der binnenmarktorientierten Industrialisierung verfolgt, das auf die Substitution von Industrieimporten durch eigene Produktion hinter hohen Zollschranken abzielte. In einer Darstellung des Wirtschaftshistorikers Edwin Williamson wird das Modell als Ursache struktureller wirtschaftlicher Verzerrungen beschrieben, die in den 1980er Jahren zutage traten. Die nationale Industrie sei zu lange überprotektioniert worden und habe es nicht geschafft, effizient und wettbewerbsfähig zu werden. Die Preise von Industriegütern hätten zum Teil das Dreifache des Weltmarktpreises betragen. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) stellt in einer Übersicht fest, dass die Verschuldungskrise direkt mit dem lateinamerikanischen Entwicklungsmodell nachholender Industrialisierung verknüpft gewesen sei und eine einseitige Betrachtung als reine Zahlungsbilanzkrise zu kurz greife.
Petrodollar-Recycling und Kreditexpansion der 1970er Jahre Mit dem ersten Ölpreisschock von 1973 und dem zweiten von 1979 stiegen die Deviseneinnahmen der erdölexportierenden Staaten drastisch an. Die Stiftung Wissenschaft und Politik beziffert die OPEC-Einnahmen im Zeitraum 1970 bis 1979 auf rund 3.000 Milliarden US-Dollar, die die binnenwirtschaftliche Aufnahmefähigkeit der Erzeugerländer überstiegen und daher in erheblichem Umfang bei internationalen Banken angelegt wurden. Diese als „Petrodollar“ bezeichneten Mittel leiteten westliche Geschäftsbanken, insbesondere die großen US-amerikanischen Geldmarktbanken, in Form von überwiegend variabel verzinsten und in US-Dollar denominierten syndizierten Krediten an Entwicklungs- und Schwellenländer weiter. Die Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) beziffert die gesamte ausstehende Auslandsverschuldung Lateinamerikas Ende 1970 auf etwa 29 Milliarden US-Dollar, Ende 1978 auf etwa 159 Milliarden US-Dollar und Ende 1982 auf rund 327 Milliarden US-Dollar. Die jährliche Wachstumsrate der Verschuldung lag damit bei nahezu 24 Prozent.
Ein wesentliches Merkmal der Kreditstruktur bestand darin, dass etwa zwei Drittel der ausstehenden Schulden an den variablen London Interbank Offered Rate (LIBOR) gebunden waren, der sich in der Regel alle sechs Monate anpasste. Jeder Anstieg des LIBOR um einen Prozentpunkt erhöhte den Schuldendienst aller Entwicklungsländer nach Schätzungen der Weltbank um rund 2 Milliarden US-Dollar. Die acht größten US-Geldmarktbanken hielten Ende 1978 Forderungen gegenüber Lateinamerika in Höhe von ungefähr 36 Milliarden US-Dollar, was im Durchschnitt rund 208 Prozent ihres Kapitals und ihrer Reserven entsprach. 1982 betrugen die Forderungen der neun größten US-Geldmarktbanken gegenüber Lateinamerika 176 Prozent ihres Kapitals und die gesamten Forderungen gegenüber Entwicklungsländern fast 290 Prozent ihres Kapitals.
Die Kreditvergabe wurde durch die damalige wirtschaftliche Expansion lateinamerikanischer Staaten und durch den Verlust inländischer Geschäftsfelder seitens der US-Banken begünstigt. L. William Seidman, späterer Vorsitzender der FDIC, stellte im Rückblick fest, die Schwierigkeiten der Banken hätten begonnen, als sie ihre großen Firmenkunden in den frühen 1970er Jahren an den Markt für Geldmarktpapiere verloren hätten. Die Ford-Regierung habe die großen Banken ermutigt, das Petrodollar-Recycling als nützlich und gewissermaßen als „patriotische Pflicht“ zu betrachten.
Warnungen vor der Krise Trotz der rapide steigenden Verschuldung blieben explizite Warnungen zunächst vereinzelt. 1977 kritisierte Arthur F. Burns, der Vorsitzende des Federal Reserve Board, in einer Rede an der Columbia University die Geschäftsbanken für die Übernahme übermäßiger Risiken bei der Kreditvergabe an Dritte-Welt-Länder. Der Senatsausschuss für auswärtige Beziehungen des US-Kongresses hielt im selben Jahr fest, die Stabilität des US-Bankensystems und damit des internationalen Finanzsystems sei durch die massive Kreditvergabe nach den Ölpreiserhöhungen möglicherweise gefährdet. The Wall Street Journal bemerkte 1981, es existiere ein „neuer Berg“ von 500 Milliarden US-Dollar an Schulden der Entwicklungsländer, der für einige Analytiker „eine Kettenreaktion von Zahlungsausfällen, Bankenzusammenbrüchen und einer allgemeinen Depression wie in den 1930er Jahren“ befürchten lasse. Gleichwohl wurde der Glaube an die Wahrscheinlichkeit einer systemischen Krise nicht weithin geteilt. Noch 1979 bezeichnete ein Leitartikel in der Finanzfachzeitschrift American Banker die Verschuldungssituation als ein „großes Nicht-Problem“.
Verschärfung der Lage 1979–82 Volcker-Schock mini|hochkant|Paul A. Volcker (um 1990) Am 6. Oktober 1979 verkündete der neue Vorsitzende des Federal Reserve Board, Paul A. Volcker, nach einer außerplanmäßigen Sitzung des Federal Open Market Committee eine Umstellung der US-Geldpolitik. Fortan sollte das Geldmengenwachstum begrenzt werden, statt die Zinssätze direkt zu steuern. In der Folge stiegen die kurzfristigen US-Zinsen Anfang 1981 auf rund 20 Prozent, und die LIBOR-Sätze, an die der Großteil der lateinamerikanischen Schulden gekoppelt war, lagen 1981 und 1982 im Durchschnitt bei 15,8 Prozent, verglichen mit 10,2 Prozent im Jahr 1980. Der Schweizer Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann beschrieb die Folgen: „Es kam zu einer heftigen globalen Rezession, und in Lateinamerika und Osteuropa brach wegen der hohen Zinsen eine dramatische Schuldenkrise aus“, weil sich diese Länder in Dollar verschuldet hatten und die „horrende Zinslast“ nicht mehr bedienen konnten. Die taz berichtete, Volcker habe die Kreditzinsen „drakonisch nach oben“ geschraubt, so dass sie zeitweise über 20 Prozent lagen, und damit die Konjunktur „abgewürgt“. Die Folge sei die „Schuldenkrise“ gewesen, die „vor allem für Lateinamerika ein verlorenes Jahrzehnt bedeutete“.
Dollar-Aufwertung und Rohstoffpreisverfall Parallel zum Zinsanstieg wertete der US-Dollar gegenüber anderen Leitwährungen stark auf. Nach FDIC-Angaben stieg sein Wert 1981 um 11 Prozent und im Verlauf von 1982 um weitere 17 Prozent gegenüber den stärksten Währungen. Da die Masse der lateinamerikanischen Schulden in US-Dollar denominiert war, erhöhte sich die reale Schuldenlast der Schuldnerländer zusätzlich. Gleichzeitig löste die weltwirtschaftliche Rezession einen Rückgang der Rohstoffpreise für Mineralien und Agrarprodukte aus, was die Exporterlöse und damit die Fähigkeit zur Devisenbeschaffung schmälerte. Die Kombination aus steigenden Zinsen, aufwertendem Dollar und sinkenden Exporterlösen führte dazu, dass viele lateinamerikanische Staaten ihre Schuldendienstquoten nicht mehr aufrechterhalten konnten.
Kapitalflucht Zusätzlich zur Verschlechterung der externen Bedingungen floss in den Jahren vor dem Krisenausbruch erhebliches privates Kapital aus der Region ab. Nach Darstellung der FDIC schätzte die Weltbank, dass zwischen 1979 und 1982 aus Argentinien, Mexiko und Venezuela zusammen fast 70 Milliarden US-Dollar abflossen, was 67 Prozent der Bruttokapitalzuflüsse entsprach. Laut Donald R. Lessard & John Williamson habe die Weltbank den Kapitalabfluss aus Mexiko allein auf 27 Milliarden US-Dollar beziffert, was nahezu einem Drittel der mexikanischen Auslandsverschuldung von 1982 entsprach. US-amerikanische und europäische Banken seien dabei „voll involviert“ gewesen, indem sie einerseits hochverzinsliche Kredite an lateinamerikanische Regierungen vergaben und andererseits lukrative Einlagen lateinamerikanischer Privatpersonen einsammelten, die häufig indirekte Empfänger eben jener Kredite gewesen seien.
Ausbruch der Krise: Mexiko im August 1982 mini|300px|Wechselkurs US-Dollar / Mexikanischer Peso 1972–2022 mini|300px|right|Mexikanische Inflation 1970–2022 Im Jahr 1981 verloren beide Säulen der mexikanischen Außenfinanzierung an Tragfähigkeit. Der Ölpreis fiel, und die globalen Zinsen stiegen. Der Mexikanische Peso verlor rund 40 Prozent seines Werts gegenüber dem US-Dollar. Das größte mexikanische Industriekonglomerat, die Grupo Alfa, wurde zahlungsunfähig. Im Juli 1982 stellten die rund 500 Gläubigerbanken Mexikos noch einmal 2,5 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Im August lehnten sie weitere Finanzierungen ab. Daraufhin konnte Mexiko seinen Schuldendienst nicht mehr leisten. Finanzminister Jesús Silva-Herzog Flores informierte am 12. August 1982 den Vorsitzenden der Federal Reserve, den US-Finanzminister und den Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), dass Mexiko seinen am 16. August fälligen Verpflichtungen aus einer überwiegend in US-Dollar denominierten Verschuldung von rund 80 Milliarden US-Dollar nicht nachkommen könne. Das Entschuldungsnetzwerk erlassjahr.de – Entwicklung braucht Entschuldung e. V. bezeichnet diesen Schritt als Beginn dessen, „was als ‚Schuldenkrise der Dritten Welt‘ in die Geschichte einging“.
Einen Monat später, im September 1982, wurde unter Präsident José López Portillo zudem das mexikanische Bankensystem verstaatlicht. Die wirtschaftshistorische Forschung behandelt die Auslandsschuldenkrise und die Bankenverstaatlichung als parallele, jedoch miteinander verknüpfte Ereignisse, wobei die Verstaatlichung nach neueren Analysen die Schuldenverhandlungen erschwerte, da sie das wahrgenommene Risiko erhöhte, dass die Regierung die Verbindlichkeiten der mexikanischen Banken nicht übernehmen könne.
Regionale Ausbreitung Dominoeffekt und Umschuldungen Die mexikanische Zahlungseinstellung löste auf den internationalen Finanzmärkten einen massiven Vertrauensverlust gegenüber der gesamten Region aus. Nach Angaben der FDIC hatten bis Oktober 1983 insgesamt 27 Länder mit Bankschulden von zusammen 239 Milliarden US-Dollar ihre Schulden umgeschuldet oder befanden sich in entsprechenden Verhandlungen. 16 dieser Länder lagen in Lateinamerika. Die vier größten lateinamerikanischen Schuldner – Mexiko, Brasilien, Venezuela und Argentinien – schuldeten Geschäftsbanken zusammen etwa 176 Milliarden US-Dollar, was rund 74 Prozent der gesamten ausstehenden Schulden der betroffenen Entwicklungsländer gegenüber Banken entsprach. Von diesem Betrag entfielen nach Angaben der FDIC ungefähr 37 Milliarden US-Dollar auf die acht größten US-Banken, was rund 147 Prozent ihres damaligen Kapitals und ihrer Reserven entsprach und damit die Gefahr einer systemischen Bankenkrise aufwarf.
Edwin Williamson gibt die geschätzte Gesamtauslandsverschuldung Lateinamerikas im Jahr 1982 mit 315,3 Milliarden US-Dollar an, wobei über 270 Milliarden US-Dollar auf nur fünf Länder entfielen: Brasilien (87,5 Milliarden), Mexiko (85,5 Milliarden), Argentinien (43,6 Milliarden), Venezuela (31 Milliarden) und Chile (17 Milliarden US-Dollar).