mini|Chiropraktiker bei der Arbeit Die Chiropraktik (von ‚Hand‘ und ‚tätig‘) ist eine alternativmedizinische Behandlungsmethode mit dem Ziel, Funktionsstörungen an den der Bewegung und Stützung des menschlichen Körpers dienenden Körperteilen, besonders der Wirbelsäule, zu finden und durch spezielle Handgriffe zu beseitigen.
Therapeutische Wirksamkeit und Wissenschaftlichkeit der Methode gegenüber anderen Therapieformen werden bestritten.Chirotherapie: Meta-Analyse sieht begrenzte Wirkung bei Kreuzschmerzen Aerzteblatt.de vom 12. April 2017Florian G. Mildenberger: Verschobene Wirbel – verschwommene Traditionen. Chiropraktik, Chirotherapie und Manuelle Medizin in Deutschland. Stuttgart 2015. Chiropraktik basiert auf mehreren pseudowissenschaftlichen Ideen.Zur Erläuterung der Beschreibung der Chiropraktik als Pseudowissenschaft siehe:
William F. Williams: Encyclopedia of Pseudoscience: From Alien Abductions to Zone Therapy. Facts on File Inc., 2000, ISBN 1-57958-207-9, S. 51.
Ursprünglich wurde in der im 19. Jahrhundert von Daniel David Palmer begründeten Chiropraktik die These vertreten, dass verschiedene, auch nicht-orthopädische Krankheiten durch eine Fehlstellung der Wirbelgelenke verursacht würden und dementsprechend durch eine manipulative Korrektur (Manipulation) der Fehlstellung geheilt werden könnten. Diese Ansicht widerspricht modernen Erkenntnissen der Anatomie, Physiologie und Pathologie des menschlichen Organismus.Max Geiser: (PDF; 190 kB) In: Schweizerische Ärztezeitung, 2007, S. 758; abgerufen am 23. Oktober 2011 ChiroSuisse, die Schweizerische Gesellschaft für Chiropraktik, fokussiert die Chiropraktik nur noch auf die Behandlung von „funktionellen, reversiblen Störungen des Bewegungsapparats“.
In Deutschland ist Chiropraktiker ein staatlich nicht anerkannter, nicht geregelter Beruf. In Österreich ist die Ausübung der Chiropraktik Ärzten und Physiotherapeuten vorbehalten. In anderen Ländern wie der Schweiz oder USA wird eine geregelte Ausbildung benötigt.
Die Manuelle Medizin geht unter anderem auch von Methoden der Chiropraktik aus.
Geschichte Bereits in der Antike wurden (bei Hippokrates und Galenos) Praktiken geschildert, mit der bloßen Hand therapeutische Effekte zu bewirken.Renate Wagner: Chiropraktik, Chirotherapie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 250. Auch Guido GuidiVidus Vidius: Chirurgia e graeco in latinum conversa. Paris 1544 (Ms. lat. 6866 der Bibliothèque nationale, Paris). beschrieb derartige „chiropraktische“ Bearbeitungen des Rückens mit den Händen, dem Gesäß oder den Füßen bei Luxationen bzw. Verkrümmungen der Wirbelsäule.Heinrich Buess, Huldrych M. Koelbing: Kurze Geschichte der ankylosierenden Spondylitis und Spondylose (= Acta rheumatologica. Nr. 22). J. R. Geigy, Basel 1964, S. 30–33. Begründer der heutigen Chiropraktik war Daniel David Palmer. Er wurde vermutlich von Jim Atkinson aus Davenport in Iowa in dieser Behandlungsmethode ausgebildet. Um sie selbst vermarkten zu können, erfand er den Namen „Chiropractic“. Seine Gründungslegende lautet hingegen: „Harvey Lillard, der Pförtner des Rayan-Blockhauses, in dem ich meine Praxis hatte, war schwerhörig. Er hörte nicht mehr das Gerattere eines Pferdefuhrwerks auf der Straße und nicht mehr das Ticken seines Weckers. Ich wollte wissen, woher diese ‚Taubheit‘ kam, da sagte er zu mir, dass er etwas Schweres gehoben habe, in einer verkrampften, gebeugten Haltung. Er hätte dann das Gefühl gehabt, dass etwas abgedrückt worden sei in seinem Rücken, und unmittelbar danach sei er taub geworden. Die Untersuchung ergab: Ein Wirbel war abgedrängt aus seiner normalen Lage. Ich dachte mir, wenn der Wirbel wieder richtig sitzen würde, dann müsste das Gehör des Mannes wieder funktionieren. Mit diesem Ziel vor Augen versuchte ich – in einem halbstündigen Gespräch –, Herrn Lillard davon zu überzeugen, dass er erlauben sollte, die Rückplatzierung vorzunehmen. Ich brachte den Wirbel in seine richtige Position, indem ich den Dornfortsatz (Proc. spin.) des Wirbels als Hebel verwendete, und kurz darauf konnte der Mann wie vorher hören. Daran war nichts Zufälliges, sondern es war die Vollendung eines bewussten Zieles, und das Resultat entsprach den Erwartungen.“ mini|Chiropraktische Familienfürsorge in Schottland Palmer erklärte das vermeintlich Neue an seiner Behandlungsmethode so: „Die Grundprinzipien und die Prinzipien der Chiropraktik, die sich daraus entwickelt haben, sind nicht neu. Ich beanspruche dennoch, der Erste zu sein, der einen verschobenen Wirbel unter Verwendung der Dorn- und Querfortsätze (Proc. spin. u. trans.) als Hebel benutzt, wodurch der ausgerenkte Wirbel wieder seine normale Position erlangt. Von dieser Grundtatsache ausgehend, wurde eine Wissenschaft geschaffen, die dazu bestimmt ist, die Theorie und Praxis der Heilkunst zu revolutionieren.“ (Übersetzungen: D. Oesch)
Nach Deutschland gelangte die Chiropraktik (ebenso wie die Osteopathie) durch den am 22. Dezember 1869 in Krachen/Schlesien geborenen, vorübergehend in den USA lebenden Pastor Gustav A. Zimmer, der nach Rückkehr im Jahre 1927 in Dresden eine Ausbildungsstätte für Chiropraktik und Osteopathie betrieb, die vor allem von Heilpraktikern besucht wurde.Eine ausführliche Familienbiographie Zimmers (mit zahlreichen historischen Abbildungen) findet sich in struckmeyer-family.com: , in der auch dessen Beruf als „Doctor of Chiropractic/Osteopathy“ belegt ist. Zimmer veröffentlichte in Deutschland auch einige Bücher im Selbstverlag, darunter Chiropraktik oder Das menschliche Rückgrat als Träger und Ursache von Gesundheit und Krankheit. Nach besten amerikanischen Quellen wie auf Grund eigener Erfahrung dargestellt (Dresden 1934) und edierte die Schrift Das ist Chiropraktik! von J. S. Riley mit folgender Empfehlung unter Angabe seiner Dresdner Adresse: „Gesunden, Kranken und Nervenleidenden – Mit einem freundlichen ‚Grüß Gott!‘ – Überreicht von Gustav A. Zimmer – Amerikanischer Chiropraktiker und Osteopath – In Dresden=A.24, Nürnberger Straße 40“. Diese Broschüre erschien später im „Hedwig Zimmer’s Buchverlag für Chiropraktik und medizinlose Heilweisen“, Dresden, und wurde u. a. mit dem Aufdruck „Überreicht von Alfred Singler (Heilpraktiker, Chiropraktiker und Osteopath)“ verbreitet. Zimmer beendete seine berufliche Tätigkeit im Jahre 1938 und starb am 17. Dezember 1939. Drei der von Zimmer veröffentlichten Bücher standen auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ und wurden von den Nationalsozialisten verboten.berlin.de Die Titel der Bücher waren: Der kürzeste Weg zur Gesundheit (1933), Chiropraktik oder Das menschliche Rückgrat als Träger und Ursache von Gesundheit und Krankheit (1934) und Chiropraktik (1935) In den 1940er und 1950er Jahren befassten sich auch Mediziner wie Kurt Rüdiger von Roques (1938 von Werner Kollath in einem Brief auf die Chiropraktik als neue Therapieform aufmerksam gemacht), Werner Lempfuhl, Ludwig Zukschwerdt, Freimut Biedermann (1915–1983), Kurt Gutzeit, Albert Cramer und Karl Sell mit der Chiropraktik. Mit der 1950 von Roques erschienenen Übersetzung von Speranskis Schrift Grundlagen einer Theorie der Medizin, trug die ärztliche Chiropraktik zur Theorie der neuen Therapie bei. Nunmehr wurde nicht mehr von einer übergeordneten „Lebenskraft“ ausgegangen, sondern die Diagnostik und Therapie sollte auf der Erkennung vertebraler und neurologischer Zustände beruhen. (Die esoterische Wirkungstheorie des Lebenskraftprinzips hatte zu einer Ablehnung der Chiropraktik durch das Reichsgesundheitsamt geführt.)Florian G. Mildenberger: Arzt, Autor, Außenseiter: Kurt Rüdiger v. Roques (1890–1966). In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 135–146, hier: S. 140–143.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Legalisierung einer bereinigten Fassung des Heilpraktikergesetzes vom 17. Februar 1939 nahm der Nürnberger Heilpraktiker Willi Schmidt seine im Jahre 1938 begonnene kollegiale Fachfortbildung wieder auf, darunter von 1951 an auch in Chiropraktik. Kurt Rüdiger von Roques gründete im Dezember 1953 die Forschungs- und Arbeitsgemeinschaft Chiropraktik (FAC) und wurde zu deren gewähltem Vorsitzenden.Florian G. Mildenberger: Arzt, Autor, Außenseiter: Kurt Rüdiger v. Roques (1890–1966). 2017/2018, S. 141. Im Jahre 1959 übernahm Schmidt die Leitung der Arbeitsgemeinschaft für Chiropraktik und Osteopathie in der DH mit Arbeitskreisen in allen Landesverbänden, einem jährlichen zentralen Fachfortbildungskongress in Bad Homburg und der Herausgabe von insgesamt 92 Ausgaben der Fortbildungsblätter der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chiropraktoren und Osteopathen in der DH, die von 1959 bis 1971 erschienen.Alle in diesen Fortbildungsblättern erschienen Fachbeiträge sind veröffentlicht in dem Buch von Willi Schmidt: Die Kunst der Chiropraktik und Osteopathie – Aufsätze und Vorträge zu Theorie und Erfahrung einer manuellen Ganzheitstherapie, Marczell-Verlag München 1984, ISBN 3-88015-093-1, das der Berufsverband Deutsche Heilpraktiker Landesverband Bayern e. V. (heute Heilpraktikerverband Bayern e. V.) zum zehnten Todestag von Willi Schmidt herausgab. Darin enthalten ist ein biographischer Aufsatz des Heilpraktikers Norbert Seidl (eines Schülers von Willi Schmidt) unter dem Titel Der Heilpraktiker Willi Schmidt zum 10. Todestag.Vgl. auch Karl Heinz Heine: Arbeitstagung des Arbeitskreises Berlin der Ärztlichen Forschungs- und Arbeitsgemeinschaft für Chiropraktik (FAC) – Frühjahr 1957. In: Hippokrates. Zeitschrift für praktische Heilkunde und für die Einheit in der Medizin. Band 28, 1957, S. 655–656. Im Jahre 1952 veröffentlichte der Hamburger Heilpraktiker Werner Peper D. C., Absolvent der amerikanischen Palmer School of Chiropractic das Buch Technik der Chiropraktik.Karl F. Haug Verlag, Saulgau/Wttbg., Rezension in Naturheilpraxis 1952, S. 223.
Techniken der Chiropraktik
mini|hochkant|Adjustierung Adjustierung: Diese Adjustierung wird durch speziell erlernte Handgriffe erzielt. Sie haben das Ziel, in der Chiropraktik so bezeichnete Subluxationen an der Wirbelsäule (an den Zygapophysialgelenken) wieder aufzuheben und damit den Druck auf die Spinalnerven (lateral) oder das Rückenmark (medial) zu beseitigen. Gelingt dies, dann verschwänden die Schmerzen in kurzer Zeit, z. B. bei einer Ischialgie (Ischiasreizung). Traktion: Bei der Traktion werden die Gelenkpartner durch Zug voneinander entfernt. Dies führe unter anderem zu Druckminderung, Entlastung und Schmerzlinderung. Außerdem verbessere sich durch die Dehnung der Bänder und der Gelenkkapsel die Beweglichkeit. Translatorisches Gleiten, auch Mobilisation genannt: Um das verlorengegangene Gelenkspiel, und somit auch die Beweglichkeit, wiederherzustellen, werden die Gelenkanteile parallel gegeneinander bewegt. Weichteilbehandlung: Durch Dehn- und Entspannungstechniken soll die Muskulatur so verlängert werden, dass sie sich dem neugewonnenen Gelenkspiel anpasst. Reflextechniken: Unter Ausnutzung von Nervenreflexen solle die Spannung der Muskulatur und die Schmerzwahrnehmung beeinflusst werden. Mittels Reflextherapien könne auch auf das zentrale Nervensystem eingewirkt werden, z. B. auf das vegetative Nervensystem und auch auf kognitive Bereiche.
Chiropraktik in Deutschland