mini|Hubert von Herkomer (um 1900) Sir Hubert von Herkomer (* 26. Mai 1849 in Waal, bei Landsberg am Lech, Bezirksamt Kaufbeuren, Königreich Bayern als Hubert Herkomer; † 31. März 1914 in Budleigh Salterton, Hampshire, Vereinigtes Königreich) war ein deutsch-britischer Maler und Bildhauer, Regisseur und Filmemacher und Schriftsteller. Außerdem gilt er als einer der Wegbereiter des Automobilsports in Deutschland.
Leben Kindheit Hubert Herkomer war das einzige Kind des aus Waal bei Landsberg stammenden (Kunst-)Tischlermeisters Lorenz Herkomer und seiner Frau Josephine, geb. Niggl, Schulmeisterstochter und Musiklehrerin aus dem nahegelegenen Dorf Denklingen. Er hatte die Talente beider Eltern geerbt, sein Vater hatte jedoch für seinen Sohn seit dessen Geburt eine Karriere als bildender Künstler vorgesehen. Der liberale Vater emigrierte 1851 mit seiner Frau und seiner Familie in die USA und ging zunächst nach New York, ab ca. 1853 nach Cleveland. Er kehrte aber 1857 nach Europa zurück und ließ sich in Southampton nieder.Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 15–19. Lesen und Schreiben lernte der inzwischen Achtjährige von einer der Musikschülerinnen seiner Mutter, eine öffentliche Schule besuchte er in Southampton nur sechs Monate lang: Wohl auch um Schulgeld zu sparen (die Familie lebte lange Zeit in dürftigen Verhältnissen), unterrichtete ihn danach bis zu seinem 18. Lebensjahr fast ausschließlich der Vater.Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 26 f.
Künstlerische Ausbildung Im Schuljahr 1863/64 besuchte Hubert lustlos die örtliche Kunstschule, wo er in seiner Freizeit Aquarelle seines Lehrers kopieren musste; immerhin erhielt er für eine Zeichnung nach Michelangelos Moses zuletzt eine Bronzemedaille.Wie er selbst dazu vermutet: Weil sein Studium an der Münchener Akademie zu diesem Zeitpunkt bereits vorgesehen war. Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 39.
1865 war eine Reise nach München möglich geworden, weil Lorenz Herkomer von seinem Bruder aus Amerika den Auftrag angenommen hatte, vier lebensgroße Evangelistenfiguren nach (kleineren) Figuren von Peter Vischer zu schnitzen. Vater und Sohn trafen allerdings erst eine Woche vor Beginn der großen Ferien dort ein. Hubert konnte eben noch die Zeichnung erstellen, die zur Aufnahme in die Akademie erforderlich war. Der Maler Michael Echter war von ihr so beeindruckt, dass er dem Sechzehnjährigen erlaubte, Gipsmodelle mitzunehmen und während der Ferien seine Arbeiten korrigierte. Daneben besuchten sein Vater und er eine private Aktklasse. Der Aufenthalt in München (unter bescheidensten Verhältnissen – in einem einzigen Raum wurde gekocht, geschnitzt, gezeichnet und geschlafen) musste jedoch im Frühherbst abgebrochen werden, weil der nur für sechs Monate ausgestellte Pass des in England eingebürgerten Vaters nicht in München verlängert werden konnte und eine zweimalige Reise aus finanziellen Gründen nicht in Frage kam. Die deutsche Staatsbürgerschaft wieder anzunehmen, hätte hingegen bedeutet, dass Hubert zum Militärdienst eingezogen worden wäre.Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 51. An den Aufenthalt erinnert der Herkomerplatz in München-Bogenhausen.
1866 und 1867 studierte der junge Mann für jeweils ein Semester an der South Kensington Kunstschule. Bereits im Herbst 1866 hatte er in Southampton im Freundeskreis eine Malklasse organisiert, die, als erste Kunstausstellung Southamptons, 65 Arbeiten der Gruppe ausstellte und drei verkaufte – darunter zwei Arbeiten Herkomers.Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 60. Als der Jüngling 1867 sein zweites Semester an der Kunstschule absolvierte, wurde Frederick Walkers in der Royal Academy of Arts ausgestelltes Gemälde Badende vieldiskutiert: Das Bild wurde vom Publikum je nach Einstellung als „genial fortschrittlich“ oder „unerträglich fehlgeschlagen“ eingestuft. Walker wurde damals zum jahrelang übermächtigen Vorbild Herkomers, der Walkers Entwicklung vom Zeichnen und Gravieren über das Aquarellieren zum Öl nachahmte und sich demgemäß noch an der Schule als Illustrator versuchte, allerdings ohne finanziellen Erfolg. Er kam jedoch zu dieser Zeit mit dem bereits bekannten Illustrator Luke Fildes in Kontakt, als dieser im South Kensington Museum für die London Illustrated News ein Bild kopierte.Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 68.
Erste Erfolge; Übersiedlung nach London mini|hochkant|Lonely Jane, 1868
1868 gelangen Herkomer in dem idyllische Dorf Hythe, auf der westlichen Seite des Southampton Water, unter bescheidenen Umständen erste vermarktbare Zeichnungen, die von den Brüdern Dalziel in Holz geschnitten und gedruckt wurden, weiters Aquarelle, welche die Dudley Gallery 1869 ausstellte und verkaufte.Zu diesen im Stil Walkers gemalten Aquarellen bemerkte Herkomer später, dass seine Entwürfe für Holzschnitte derselben Sujets die weitaus besseren, weil eigenständigeren, waren. Siehe dazu beispielsweise diesen. Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 65; 70.
Noch 1868 ließ der Zeichner sich trotz Bedenken der Eltern in London nieder, um möglichen Auftraggebern nahe zu sein: Zunächst bei einer befreundeten Familie, 1869 in eigener Wohnung mit einem als Atelier geeigneten Zimmer in der Smith Street, Chelsea. In diesem Jahr wurde auch sein Aquarell Leisure Hours an der Akademie angenommen und „sehr gut gehängt“. mini|hochkant=0.5|links|Zigeunerin, The Graphic 1870
Nach einer finanziell kritischen Phase, in der er sich sogar als Zitherspieler beworben hatte und das Nötigste mit Schablonenmalerei zur Ausgestaltung des South Kensington Museum verdiente, stellte er sich 1870 bei William Luson Thomas, dem Gründer der seit 4. Dezember 1869 erscheinenden illustrierten Wochenzeitung The Graphic, vor. Sein Bild wurde sofort angenommen und er selbst eingeladen, weitere Vorzeichnungen nach eigenen Ideen in gleicher Qualität in beliebiger Menge zu liefern.Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 81.
mini|hochkant|The Last Muster (Der letzte Appell), 1875
Während des nächsten Jahrzehnts war Herkomers Arbeit als Illustrator seine wichtigste und jederzeit verfügbare Einkommensquelle. Besonderen Anklang hatte 1871 sein Bild von Veteranen im Royal Hospital Chelsea gefunden, das einen während des Gottesdienstes Verstorbenen zum Thema hat. Thomas gab für sich selbst ein Aquarell davon in Auftrag. Das entsprechende Ölgemälde The Last Muster [Der letzte Appell], das von Herkomer 1875 gemalt und an der Royal Academy mit Applaus angenommen wurde, brachte seinen endgültigen Durchbruch als bedeutender Maler. Erstmals hatte er sich – damals zu seinem Leidwesen – in der Malerei von seinem Vorbild Walker gelöst.
Aus den seit 1870 fließenden Einkünften finanzierte Herkomer einen Sommeraufenthalt in der Normandie, von dem er das Bild War News [Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz] heimbrachte. 1871 wurde er in die Royal Society of Painters in Water Colours berufen, wo er danach häufig ausstellte. 1873 lernte er den Maler Mansel Lewis kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Mansel kaufte auch Herkomers erstes Ölgemälde After the Toil of the Day. 1880 gründete Herkomer zusammen mit anderen Künstlern die Society of Painter-Etchers and Engravers, um die Radierung (Etching) und den Kupferstich (Engraving) als anerkannte Kunstformen zu etablieren.
Von seinen ab etwa 1881 entstandenen zahlreichen Porträts sind insbesondere eines seiner ersten, das des Kriegsberichterstatters Archibald Forbes und als Gegenstücke die Bilder einer jungen Engländerin (Miss Katharine Grant, The Lady in White) und einer Amerikanerin (Mrs. Sealbee, of Boston, The Lady in Black), 1884 und 1886 zu nennen. The Lady in White trug ihm noch im selben Jahr auf der Berliner Ausstellung die große goldene Medaille ein und wurde dann in mehreren europäischen Städten vorgestellt.Herkomer erklärte, dass er das Porträt seines Freundes Forbes gemalt habe, um nicht (nach The Last Muster und einem einzigen Porträtauftrag, nämlich 1879 durch den alten Dekan des King’s College, Cambridge, Lord Stratford de Redcliffe,) als „Maler alter Männer“ etikettiert zu werden, nachdem er sich 1881 entschieden hatte, sich weitgehend der Porträtmalerei zu widmen. Während etwa des folgenden Jahrzehnts erlebte die Porträtmalerei in England eine Hausse, die damals noch wenigen Porträtisten waren überbeschäftigt. Bereits während der Arbeit an Forbes’ Porträt kamen weitere ähnliche Aufträge. The Lady in White wiederum sei bald erforderlich geworden, um zu widerlegen, Herkomer könne keine schönen Frauen malen. Das Bild entstand im selben Jahr, in dem er sich glücklich mit Lulu verheiratete. Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 1. Macmillan, London 1910, S. 118 f., 129 f., 133 ff.
Von 1885 bis 1894 war Herkomer Slade Professor of Fine Art an der Universität Oxford.
Ehen Hubert von Herkomer war dreimal verheiratet. 1873 heiratete er Anna Weise († 1883) aus Berlin, aus dieser Ehe stammen Sohn Siegfried (1874–1939) und Tochter Elsa (1877–1938). 1884 heiratete er Lulu Griffiths (* 1849), Tochter des Gutsbesitzers Thomas Griffiths in Stanley House, Ruthin, die jedoch bereits 1885 verstarb. Am 2. September 1888 heiratete Herkomer im Mutterturm in Landsberg seine dritte Frau, seine Schwägerin Margaret Griffiths (1857–1934), wofür er die bayrische Staatsbürgerschaft annehmen musste und in Landsberg eingebürgert wurde.Ein englisches Gesetz verbot damals Witwern, ihre Schwägerinnen zu heiraten. Herkomer hatte ab dieser Zeit bis zu seinem Tod beide Staatsbürgerschaften. S. Hubert von Herkomer: The Herkomers. Band 2. Macmillan, London 1911, S. 22 ff. Aus dieser Ehe stammen Sohn Lorenz (1889–1922) und Tochter Gwenddydd (1893–1927).Hartfrid Neunzert (Hrsg.): Sir Hubert von Herkomer (= Kunstgeschichtliches aus Landsberg am Lech. Nr. 5). 1988, ISSN 0931-2722, S. 14–16.
Projekte Schule für Malerei Herkomer eröffnete 1883 in Bushey in Hertfordshire, wo er seit 1873 wohnte, eine zweisemestrige Schule für Malerei, die er unentgeltlich bis 1904 leitete. Sie bestand aus zwei Malklassen und einer Einführungsklasse. Die Schule verkörperte seine Vision einer sehr freien, nicht-akademischen Ausbildung, in der die Studenten gefördert werden sollten, sich selbst und die ihnen gemäßen Stile zu finden, statt des Stils des Lehrers zu entsprechen. Überzeugt, dass junge Menschen schwerlich eine Beziehung zur Antike fänden, verzichtete er beispielsweise auf das bis dahin für Anfänger zwingende Zeichnen nach Abgüssen antiker Plastiken und ließ seine Studenten von Beginn an auch nach lebenden Modellen zeichnen und nach dem Vorbereitungskurs auch Akt malen.
mini|Herkomers Führungsstil, Punch 1883
All dies stand in krassem Widerspruch zu damaliger akademischer Tradition. Herkomers unkonventioneller aber reichlich autoritärer Führungsstil, der von Müttern mancher Studentinnen heftig kritisiert wurde, war Thema einer Karikatur der Zeitschrift Punch:No one to sit or stand [Niemand darf sitzen oder stehen] ist unter „Rules“ zu lesen – eine Anspielung auf Herkomers Forderung Stand by your work [Doppelbedeutung Stehe beim Arbeiten, aber eher Stehe zu Deiner Arbeit]. Der „selbstgemachte“ Besen, die eingesteckte Regelsammlung und der Bettlerhut vervollständigen die Kritik.