Die Hypochondrie (von für den „Bereich unter den Rippen“) oder Krankheitsangststörung bezeichnet eine Zwangsspektrumstörung. Die Betroffenen beschäftigen sich beharrlich mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden, obwohl sich dafür kein angemessener, objektiver Befund finden lässt. Zudem kann die Hypochondrie bzw. die Krankheitsangststörung auch im Rahmen anderer psychischer Störungen auftreten.

Wortherkunft Die ursprüngliche Wortschöpfung erfolgte durch Galenos: Der Begriff hängt mit dem griechischen Begriff für „Knorpel“ zusammen. Gemeint sind die Rippenknorpel, unter () welchen man den Ursprung der Gemütskrankheiten bzw. des malum hypochondriacum vermutete. Man ging davon aus, dass die Milz, humoralpathologisch das Hauptorgan für die „Schwarze Galle“,Konrad Goehl: Guido d’Arezzo der Jüngere und sein ‚Liber mitis‘. 2 Bände. Horst Wellm, Pattensen (Han.) 1984, jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 32), ISBN 3-921456-61-4, hier: 101 und 108. für diese Art von Beschwerden verantwortlich sei, weshalb die Hypochondrie vormals „Milzsucht“ genannt wurde.

Alltagsgebrauch des Begriffs Im Alltagssprachgebrauch wird der Begriff Hypochondrie unklar definiert gebraucht und ist negativ besetzt. Hypochonder wird auch als abfällige Bezeichnung eines wehleidigen oder um seine Gesundheit besorgten Menschen bezeichnet, der vermehrt auf Veränderungen von Körperfunktionen achtet und auch geringfügige Körpersignale als möglichen Ausdruck schwerer Erkrankungen interpretiert. Man spricht laienhaft auch von einer eingebildeten Krankheit (siehe Molière, Der eingebildete Kranke). Dies ist vor allem in Hinblick auf von echter, klinischer Hypochondrie Betroffene problematisch, da diese Menschen nicht wehleidig, sondern schwer psychisch erkrankt sind und mitunter auch erheblich belastende Symptome verspüren können.Catherine Belling: A Condition of doubt. The meanings of Hypochondria. New York 2012.

Zusammenhänge Eine übertriebene Selbstbeobachtung kann auch bei psychisch gesunden Menschen zu Fehlwahrnehmungen und häufigen Arztbesuchen führen, wobei auch ausführliche und wiederholte Untersuchungen keine körperliche Ursache der Beschwerden ergeben. Die leicht zugänglichen Möglichkeiten, sich über Internetportale zu Krankheitssymptomen zu erkundigen, führt zu neuen Formen der Krankheitsangst, wie zum Beispiel zur so genannten „Cyberchondrie“. Da Betroffene oft durch intensives Recherchieren im Internet eine Symptomverstärkung erleben, hat sich im ärztlichen Fachjargon auch der Begriff Morbus Google eingebürgert.Lajos Schöne: Morbus Google. In: Zahnärztliche Mitteilungen, 5. Februar 2014; abgerufen am 18. Juni 2014

Während eine Hypochondrie vom Betroffenen selber ausgeht, wird es als Disease Mongering (Krankheitserfindung) oder Pathologisierung bezeichnet, wenn harmlose Erscheinungen von Dritten als Erkrankung fehldiagnostiziert werden, häufig auch aus eigennützigen und geschäftlichen Interessen.

Definition Anders als in der Alltagssprache, ist die Hypochondrie im medizinischen Sinne klar definiert. Entsprechend der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD-10) wird das Krankheitsbild als Hypochondrische Störung klassifiziert. Im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5, das seit Mai 2013 Gültigkeit besitzt, wurde die hypochondrische Störung durch die Diagnosen Somatic Symptom Disorder (deutsch: Körpersymptomstörung) und Illness Anxiety Disorder (deutsch: Krankheitsangststörung) ersetzt. Diese beiden Diagnosen berücksichtigen, dass es zwei bisweilen unabhängig voneinander auftretende Seiten hypochondrischer Symptomatik gibt, namentlich medizinisch unerklärliche Symptome (somatoforme Komponente) und Krankheitsangst (Angstkomponente).DSM-5 redefines hypochondriasis

Kennzeichnend für die hypochondrische Störung nach ICD-10 ist die Tatsache, dass der Patient fürchtet, an einer bestimmten Krankheit (z. B. Krebs) zu leiden. Das Klagen über körperliche Symptome steht nicht im Vordergrund. Typischerweise haben die Betroffenen bereits viele medizinische Untersuchungen hinter sich und wechseln häufig den Arzt („Doctor Hopping“ oder „Doctor Shopping“ genannt). Je nach Ausprägungsgrad der Symptomatik ist der Betroffene mehr oder weniger durch den Arzt überzeugbar, dass seine Befürchtungen unbegründet sind. Je schwerer die Symptomatik, desto weniger ist dies möglich.Robert Ernest Hales et al.: The American Psychiatric Publishing textbook of psychiatry. Arlington 2008. Bei schweren Verläufen kann es zu überwertigen Ideen und hypochondrischem Wahn kommen.

Im angelsächsischen Wissenschaftsbetrieb wird Hypochondrie bzw. bestimmte Formen dieser Erkrankung, entgegen der sonst üblichen Einordnung als somatoforme Störung, dem so genannten „Zwangsspektrum“ zugeordnet (). Dies insbesondere dann, wenn nicht die Beobachtung von Körpersignalen im Vordergrund steht, sondern die obsessive Angst zu erkranken.José A. Yaryura-Tobias, Fugen A. Neziroglu: Obsessive-compulsive disorder spectrum: pathogenesis, diagnosis, and treatment. Häufig kommen bei dieser Ausprägung auch die für Zwangsstörungen so typischen Zweifel zur Geltung, z. B. an der Kompetenz des Arztes oder diesen richtig verstanden zu haben. Die Einordnung bestimmter hypochondrischer Symptombilder in das Spektrum der Zwangskrankheiten ist jedoch mehr von akademischem Interesse, da beide Erkrankungen mit derselben Form der Verhaltenstherapie und denselben Medikamenten (vor allem SSRI) behandelt werden können.

Häufigkeit Es gibt Schätzungen, wonach jeder 20. Patient unter Symptomen leidet, die sich aus medizinischer Sicht in ihrer Schwere der Beeinträchtigung nicht erklären lassen. Die Prävalenz der Hypochondrie im Sinne einer echten klinischen Störung liegt jedoch deutlich niedriger und liegt in der Allgemeinbevölkerung bei etwa 0,05 %. Menschen mit unterschwelliger Hypochondrie oder andauernden starken Krankheitssorgen machen etwa 2–3 % der Bevölkerung aus.Don R. Lipsitt: Hypochondriasis: Modern Perspectives on an Ancient Malady. Oxford University Press, Cambridge 2001. Nach den Ergebnissen einer großen WHO-Studie zählt Deutschland international zu den Spitzenreitern für hohe Krankheitsangst. Die Krankheit tritt bei Frauen und Männern etwa gleich häufig auf.

Diagnose

ICD-10 Nach dem Diagnosemanual ICD-10 ist das vorherrschende Kennzeichen der Hypochondrie eine beharrliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden. Normale oder allgemeine Körperwahrnehmungen und Symptome werden von den Betroffenen oft als abnorm und gefährlich interpretiert. Dabei stehen meist nur ein oder zwei Organe oder Organsysteme im Vordergrund. Komorbide Symptome der Depression und Angst finden sich häufig und können dann zusätzliche Diagnosen rechtfertigen.

Diagnostische Kriterien:

Folgende Kriterien (A bis D) müssen vorliegen, um die Diagnose einer hypochondrischen Störung zu rechtfertigen.

Entweder 1. oder 2.: Eine mindestens sechs Monate anhaltende Überzeugung, an höchstens zwei schweren körperlichen Krankheiten (von denen mindestens eine speziell von den Patienten benannt sein muss) zu leiden. Anhaltende Beschäftigung mit einer vom Betroffenen angenommenen Entstellung oder Missbildung (dysmorphophobe Störung), Die ständige Sorge um diese Überzeugung und um die Symptome verursacht andauerndes Leiden oder eine Störung des alltäglichen Lebens und veranlasst die Patienten, um medizinische Behandlungen oder Untersuchungen (oder entsprechende Hilfe von Laienheilern) nachzusuchen. Hartnäckige Weigerung, die medizinische Feststellung zu akzeptieren, dass keine ausreichende körperliche Ursache für die körperlichen Symptome bzw. Entstellungen vorliegt. Vorübergehende Akzeptanz der ärztlichen Mitteilung allenfalls für kurze Zeiträume bis zu einigen Wochen oder unmittelbar nach einer medizinischen Untersuchung spricht nicht gegen diese Diagnose. Ausschlussvorbehalt: Die Störung tritt nicht ausschließlich während einer Schizophrenie oder einer verwandten Störung (ICD-Code F2, insbesondere ICD-Code F22) oder einer affektiven Störung (ICD-Code F3) auf.

Patienten mit Hypochondrie haben im Gegensatz zu anderen psychosomatischen Patienten mehr Ängste und falsche Überzeugungen über Krankheiten, eine höhere Aufmerksamkeit auf Körperempfindungen, häufiger Furcht vor dem Tod und mehr Misstrauen gegenüber den Meinungen von Ärzten. Dies, obwohl sie mehr medizinische Behandlungen im Vergleich mit den anderen Patienten aufsuchten. Hypochondrie lässt sich auch in folgenden drei Dimensionen beschreiben:

Verhalten: Beschäftigung mit dem eigenen Körper Emotion: Krankheitsangst Kognition: Überzeugung vom Vorhandensein einer Krankheit, obwohl sich der eigenen Gesundheit medizinisch rückversichert wird

ICD-11 Nach der seit 2022 gültigen ICD-11 wird die „Krankheitsangststörung“ (Code 6B23) unter der Unterkategorie „Zwangsstörung oder verwandte Störungen“ wie folgt beschrieben:

Subgruppen Spezifische monosymptomatische Formen der Hypochondrie sind:Henry E. Adams, Patricia B. Sutker (Hrsg.): Comprehensive Handbook of Psychopathology. 3. Auflage. Kluwer, NY 2001, ISBN 0-306-46490-X, S. 237. Bromosis (von lateinisch bromus „Gestank“): Vorstellung, man würde einen üblen Geruch verströmen; Parasitosis: Vorstellung, man wäre von Parasiten (speziell Würmern oder Spinnen) befallen, die im Körper wachsen, speziell bei unter der Haut wachsenden Parasiten (Differentialdiagnostisch vom Dermatozoenwahn zu unterscheiden). Dysmorphophobie: Vorstellung, man sei missgebildet, entstellt oder allgemein abstoßend hässlich; Nosophobie: Beim Nosophobiker steht die generalisierte Angst vor Krankheiten im Vordergrund, auch unabhängig von wahrgenommenen Symptomen. Im Umgang mit den Krankheitssorgen lassen sich zwei Erscheinungsbilder unterscheiden: Manche Patienten gehen überdurchschnittlich oft zum Arzt, andere hingegen meiden diesen oder entwickeln sogar eine regelrechte Phobie gegen Ärzte.

Differenzialdiagnosen Da auch andere psychische Krankheiten Symptome aufweisen können, die der klassischen Hypochondrie sehr ähnlich sind, sollte die Diagnose einer eigenständigen hypochondrischen Störung erst nach ausführlicher Differenzialdiagnostik gestellt werden. Auch die Abgrenzung zu den anderen somatoformen Störungen (oder eben zu tatsächlich vorhandenen, aber von der Diagnostik nicht erfassten, nur vom Patienten „gefühlten“, ErkrankungenFerdinand Sauerbruch, Hans Rudolf Berndorff: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 258–261.) ist von Bedeutung. Vor der Diagnose einer Hypochondrie muss daher ausgeschlossen werden, ob nicht andere Störungen vorliegen, welche die Symptome besser erklären bzw. ob Begleiterkrankungen vorliegen. Hypochondrie als Symptom kann unter anderem im Rahmen folgender psychischer Erkrankungen auftreten:Fugen Neziroglu: Body Dysmorphic Disorder, Hypochondriasis, Hoarding, and other OCD Spectrum Disorders; Comparing and Contrasting Treatments with OCD. Ph.D., ABPP Bio-Behavioral Institute, Great Neck NY.

Depression Wahnstörung Zwangsstörung Schizophrenie Angststörung Konversionsstörung

Krankheitsverlauf und Prognose