mini|Selknam mit ihren Umhängen aus Guanakofell mini|Indigene Völker Südpatagoniens jeweils mit alternativen Namen (o/u = „oder“) Selk’nam ist eine südamerikanische Ethnie, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Feuerland weit verbreitet war. Man fasst sie mit den benachbarten Ethnien der Yámana, Halakwulup und Haush zu den Feuerlandindigenen zusammen. Die Selk’nam waren nomadisierende Jäger und Sammler, die in kleinen Gruppen auf der Isla Grande umherzogen und sich fast ausschließlich von erjagten Guanakos und Kleintieren ernährten. Im Anschluss an die Kolonisierung und Besiedelung der Isla Grande durch Goldsucher und Schafzüchter kam es ab 1878 zu einem Genozid an den Selk’nam. Ein Großteil der Selk’nam kam so in wenigen Jahrzehnten ums Leben. Vor 2012[?] lebten noch 2761 Selk'nam, davon 294 auf Feuerland und mindestens 11 in den Vereinigten StaatenCensio Nacional de Población, Hogares y Viviendas 2010. Instituto Nacional de Estadisca y Censos/indec, Argentinien 2012 (spanisch), ISBN 978-950-896-420-5. Abgerufen am 7. Februar 2024 (PDF).

Die Sprache der Selk'nam, Ona, kam schließlich in den 1970ern zum Erliegen, jedoch gibt es in den wenigen verbleibenden Selk'nam-Gemeinden Versuche, die Sprache zu revitalisieren. Im Jahr 2015 hieß es, es gibt noch einen lebenden Selk'nam-Sprecher.www.newyorker.com

Bezeichnungen für die Gruppe Der Name Selk’nam stammt von den Angehörigen der Gruppe selbst und wird von ihnen im Sinne eines Eigennamens verwendet, es gibt keine Herleitung von einem anderen Begriff.Martin Gusinde: Die Feuerland-Indianer. Band 1: Die Selk’nam. Vom Leben und Denken eines Jägervolkes auf der großen Feuerlandinsel. Anthropos, Mödling 1931, S. 121–122. In der Literatur wird sehr oft auch der Begriff Ona verwendet, welcher auf eine geographische Bezeichnung der Isla Grande durch die südlich lebenden Yámana zurückgeht und so viel wie „nördlich“ bedeutet. Teilweise versteht man unter Selk’nam oder Shelknam auch nur die nördlichen Bewohner der Isla Grande und unterscheidet davon die Haush im südöstlichen Zipfel.John M. Cooper: The Ona. In: Julian H. Steward (Hrsg.): Handbook of South American Indians. Band 1: The Marginal Tribes. Cooper Square Publishers, New York 1944, S. 108.

Geschichte Urgeschichte Über die Vergangenheit der Selk’nam vor der Entdeckung Feuerlands durch Ferdinand Magellan ist wenig bekannt, da die Selk’nam wie alle Ethnien Südamerikas keine Schrift besaßen. Durch archäologische Forschungen konnte man zeigen, dass bereits vor 8000–12.000 Jahren Menschen auf Feuerland lebten. Wann und von wo die Vorfahren der heutigen Feuerlandindigenen (FeuerlandindianerChristina Hofmann-Randall: Die Feuerlandindianer. Anthropologische Beschreibung der ersten Entdecker. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 11, 1993, S. 261–272.) nach Feuerland kamen, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Da alle Feuerlandindigenen humanbiologische Besonderheiten teilen, gehen manche Wissenschaftler davon aus, dass alle Ethnien von einer feuerländischen Urbevölkerung abstammen und sich erst später zu Ethnien mit sehr unterschiedlichen Wirtschaftsformen, Sprachen und kulturellen Traditionen entwickelten: Denn während die Selk’nam Jäger von Landtieren waren, sammelten und jagten die Yámana und Halakwulup mit dem Kanu Meerestiere. Möglich ist aber auch eine Zwei-Routen-These: Diese sagt aus, dass die Yámana und Halakwulup Feuerland mit ihren Kanus über die Pazifikküste besiedelten, während die jagenden Selk’nam über eine Landbrücke vom Festland des heutigen Argentiniens nach Feuerland kamen, die bei einem tieferen Meeresspiegel vorhanden war. Die sprachliche Verwandtschaft der Selk’nam mit den patagonischen Indigenen nördlich der Magellanstraße stützt diese These (beide Ethnien gehören zur Sprachgruppe der Chon-Sprachen).Cooper 1994, S. 108. Zu den Yámana und Halakwulup bestehen dagegen keine linguistischen Gemeinsamkeiten.Rolando González José, Clara García-Moro, Silvia Dahinten, Miquel Hernández: Origin of Fueguian-Patagonians: An approach to population history and structure using R matrix and matrix permutation methods. In: American Journal of Human Biology. Band 14, Nr. 3, 2002, S. 308–320.

Nach Kolumbus Die ersten Europäer kamen auf der Weltumsegelung von Ferdinand Magellan im Jahre 1520 nach Feuerland. Allerdings hatte der portugiesische Flottenführer, nach dem die Magellanstraße benannt ist, keinen direkten Kontakt mit Selk’nam oder anderen Feuerlandindigenen. Die Besatzung erkannte lediglich den Rauch zahlreicher Feuer und nannte die Inselgruppe südlich der Meerenge entsprechend „Feuerland“. Der erste Kontakt zwischen Europäern und Selk’nam fand auf der Expedition von Pedro Sarmiento de Gamboa statt, der 1580 auf der Isla Grande landete und die Bucht Bahía Gente Grande, Bucht des großen Volkes nannte. Auch auf weiteren Reisen wurde die außerordentliche Körpergröße der Selk’nam erwähntJean-Paul Duviols: The Patagonian 'giants'. In: Colin McEwan (Hrsg.): Patagonia. Natural History, Prehistory and Ethnography at the Uttermost End of the Earth. Princeton University Press, Princeton 1997, S. 127–139. und selbst Quellen aus dem 20. Jahrhundert sprechen noch von einer überragenden Körpergröße.Gusinde 1931, S. 1127.

In den nächsten Jahrhunderten fanden die meisten Kontakte zwischen Seefahrern und Bewohnern Feuerlands mit den benachbarten Yámana und Halakwulup statt, da die Isla Grande wenig natürliche Häfen für die Segelschiffe bot. Weil die Versuche der Europäer scheiterten, die Ufer der Magellanstraße zu besiedeln, war dieser begrenzte Kulturkontakt für die Selk’nam bis ins 19. Jahrhundert ohne schwerwiegende Folgen. Die Berichte der Europäer über die Selk’nam unterscheiden sich in der Wahrnehmung des Fremden kaum von denen anderer südamerikanischer Ethnien: Teilweise sprachen die Reisenden von einer materiellen und geistigen Armut der dort Lebenden, eine Sichtweise, die durch das raue Klima, die schwierigen Lebensbedingungen und die exponierte Lage „am Ende der Welt“ befördert wurde. Andere Berichte schwärmten von ihnen und machten sie zu „Edlen Wilden“. Tendenziell wurden die Selk’nam wegen ihrer Größe und ihrer Übereinstimmung mit europäischen Schönheitsidealen positiver beschrieben als die Yámana und Halakwulup, die nicht nur kleiner waren, sondern einen für den Europäer sehr unangenehmen Geruch ausströmten, weil sie sich oft gegen die Kälte mit Robbenfett oder Walfischtran einrieben.

Völkermord mini|Julio Popper neben einem ermordeten Selk’nam Ab etwa 1850 begann die dauerhafte Besiedelung der Isla Grande durch Einwanderer aus Argentinien, Chile und Europa. In den folgenden Jahrzehnten wurde ein Großteil der dort lebenden ca. 2000 Selk’nam entweder von den Einwanderern ermordet oder kam indirekt durch Hunger oder Krankheiten zu Tode. Als erstes kamen die Goldsucher, die teilweise äußerst gewaltsam gegen die Selk’nam vorgingen, da es noch kaum eine polizeiliche Kontrolle auf der Insel gab. Bekannt wurde insbesondere die Mordbande um Julio Popper. Ab 1878 expandierte die Schafzucht in die unbewaldete Pampa der nördlichen Isla Grande, was für die Selk’nam eine existentielle Bedrohung ihrer Lebensgrundlage bedeutete. Die Selk’nam wehrten sich und griffen die Farmer an oder jagten deren Schafe (die sie als Weiße Guanakos bezeichneten).Gusinde 1931, S. 158. Der Konflikt zwischen Schafzüchtern und Selk’nam eskalierte am Ende des 19. Jahrhunderts: Von vielen Schafzüchtern wurde eine Prämie von einem Pfund Sterling Kopfpreis pro Ermordung eines Selk’nam ausgesetzt. Das Londoner Anthropologische Museum bezahlte einmal gar acht Pfund Sterling für den Kopf eines Feuerländers.Gusinde 1931, S. 160. Die chilenischen Unternehmer Mauricio und Sara Braun,Volker Skierka: Im Wilden Süden. In: Manfred Bissinger, Will Keller (Hrsg.): Merian – Chile – Patagonien. Nr. 2/49. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1996, ISBN 3-455-29602-5, S. 74–83. José Menéndez und dessen Gutsverwalter Alexander McLennan leisteten der Vernichtung der Selk’nam weiteren Vorschub.

Neben den Schafzüchtern und Goldsuchern kamen Missionare, darunter ab 1887 auch die Salesianer Don Boscos. Nach Protesten gegen den Genozid gingen die Behörden dazu über, die Selk’nam in Gruppen zusammenzutreiben. Sie wurden oft in ein provisorisches Lager am Hafen von Punta Arenas oder nach Ushuaia verschleppt. Viele kamen schließlich auf eine Missionsstation auf die Isla Dawson.Gusinde 1931, S. 161–165. So wurden die Missionare trotz bester Absichten zum Beschleuniger des Genozids. Sie griffen in die kulturelle Selbstverwaltung der Selk’nam ein und etablierten zahlreiche westliche Traditionen, die nicht immer hilfreich für das Überleben im Feuerland waren.Gusinde 1931, S. 179–188. 1911 lebten noch etwa 300 Selk’nam in Reservaten, aber eine Masern-Epidemie im Jahre 1925 tötete den Großteil dieser Menschen. 1966, 1969 und 1974 starben drei letzte bekannte Selk’nam: Esteban Yshton, Lola Kiepje und Ángela Loij.

Gegenwart Heute spüren die Medien immer wieder Nachfahren der Indigenen auf, die allerdings weder Sprache noch Traditionen der Selk’nam in ihre westliche Lebensweise übernommen haben. Seit 2004 leben einige Nachfahren auf 35.000 Hektar Land, das sie von der argentinischen Regierung zugeteilt bekommen haben. Sie haben sich zur Comunidad Indígena Rafaela Ishton zusammengeschlossen, um Traditionen und Kultur der Selk’nam zu revitalisieren.Klaus Bednarz: Am Ende der Welt – Reise durch Feuerland und Patagonien. Dokumentation des WDR, 2004.

In Punta Arenas widmet sich das 1893 gegründete Museo Salesiano Maggiorino Borgatello u. a den ethnischen Spuren.

Kultur der Selk’nam

Die Kultur der Selk’nam ist vor allem durch den deutschen Ethnologen Pater Martin Gusinde überliefert, der in einem über 1000 Seiten starken Band die Kultur der Selk’nam detailliert beschrieben hat. Dem Ethnologen wurde für den religiösen Teil seines Buches eine einseitige Beschreibung vorgeworfen,Fritz Bornemann: P. Martin Gusinde S. V. D. (1886–1969). Ein biographische Skizze. In: Anthropos. 65, 1970, S. 749–750.Konrad Theodor Preuß: Gusinde Martin. Die Selk’nam. […] [Rezension]. In: Anthropos. Band 27, 1932, S. 661–662.Anton Quack: Mank'ácen – der Schattenfänger. Martin Gusinde als Ethnograph und Fotograf der letzten Feuerland-Indianer. In: Anthropos. Band 85, Nr. 1–3, 1990, S. 154–155, hier sind weitere Kritiker aufgeführt. die sich dem Forschungsinteresse seines Instituts, dem Wiener Anthropos-Institut unterworfen habe. Außerdem weiß man heute, dass Gusindes Beschreibung der Selk’nam von zahlreichen zeitgenössischen Ideen unreflektiert beeinflusst wurde. Dennoch ist sein Buch von unschätzbarem Wert, denn er war der erste und der letzte Ethnologe, der die Selk’nam-Kultur in ihrer Ganzheit beschrieben hat. Eine knappe und brauchbare Zusammenfassung der Kultur, die sich auch, aber nicht nur auf Gusindes Monographie stützt, findet sich bei Cooper (1944). Eine nahezu vollständige Bibliographie aller Texte (vorwiegend Reiseberichte) zu den Feuerlandindianern stellt Cooper (1917) dar. Die jüngsten und bisher letzten ethnographischen Forschungen hat Anne Chapman ab 1964 durchgeführt und 1982 publiziert. Spätere Veröffentlichungen, wie z. B. die Aufsatzsammlung von McEwan (1997), stützen sich lediglich auf Sekundärquellen.

Ernährung mini|Selk’nam bei der Jagd