Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui ist ein Theaterstück von Bertolt Brecht, geschrieben 1941. Es kann dem epischen Theater zugeordnet werden und besteht aus 17 Szenen. In einer Parabel werden die Machtergreifung und der Machtausbau Adolf Hitlers in die Gangsterwelt transferiert. Vorbild war das sich damals entwickelnde Verbrechermilieu in den USA. Die Hauptfigur Arturo Ui soll im Wesentlichen Hitler darstellen, hat jedoch auch Züge von Gangsterboss Al Capone.
In den handelnden Personen sind unschwer ihre Vorbilder zu erkennen: neben Hitler sind es Dollfuß, Goebbels, Göring, Röhm, van der Lubbe, von Hindenburg, von Papen.
Entstehung Walter Benjamin notierte unter der Jahreszahl 1934 ein Gespräch mit Brecht, aus dem ersichtlich wird, dass dieser sich mit dem Ui-Stoff beschäftigte.Walter Benjamin: Versuche über Brecht. Neu durchgesehene und erweiterte Ausgabe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-10172-2, S. 160. So entstanden zunächst der Tuiroman und eine titellose Erzählung, die später als Wenige wissen heute ... bzw. Die Geschichte des Giacomo Ui herausgegeben wurde. Darin wird der Dachdecker Giacomo Ui aus Padua als Satire auf Adolf Hitler gezeigt.
Brecht schrieb das Stück dann im März 1941 im finnischen Exil in nur drei Wochen nieder, grundlegende Änderungen hat er danach nicht mehr vorgenommen, abgesehen von dem Schluss. Auf der letzten Seite des Manuskripts hat Brecht das Datum der Fertigstellung und den Namen der Mitarbeiterin notiert: 29.4.41 und M. Steffin.
Das Stück schrieb Brecht mit der Intention, dass es in den USA aufgeführt werden sollte, wo Brecht im Juli 1941 eintraf. Obwohl er im September mit Erwin Piscator und Berthold Viertel Kontakt aufnahm, gelangte es nicht zur Aufführung.Jan Knopf (Hrsg.): Brecht Handbuch. J.B.Metzler, Stuttgart 2001, Band 1, S. 459 f. Piscator hatte eigens eine Übersetzung anfertigen lassen und bei deren Probelesungen am Dramatic Workshop in New York eine ernüchternde Resonanz verzeichnet:
mini|hochkant=1|Ekkehard Schall als Ui beim Gastspiel des Berliner Ensembles in Paris, 1960 Als englische Titel waren That wellknown racket oder The gangsterplay we know angedacht. In der beigefügten Kopie des Schreibens eines Broadway-Produzenten an Piscator klingt deutliche Enttäuschung über das neue Werk an. Brecht nahm später Änderungen vor u. a. strich er „aufhaltsame“ aus dem Titel; in den meisten Ausgaben ist der Begriff jedoch enthalten. Erst nach Brechts Tod wurde das Stück am 10. November 1958 in Stuttgart in der Inszenierung von Peter Palitzsch uraufgeführt, mit Wolfgang Kieling in der Titelrolle. Ekkehard Schall spielte seit 1959 den Ui über 500 Mal in der ersten DDR-Inszenierung beim Berliner Ensemble, die 1974 aufgezeichnet wurde. 1982 folgte unter Anna Procházkovás Leitung eine tschechoslowakische TV-Produktion. 1960 inszenierte Jean Vilar das Werk auch in Paris, außerdem wurde es vom Berliner Ensemble 1966 in Venedig gezeigt. In der Übersetzung von George Tabori kam es 1963 erstmals in den USA, konkret in New York City, auf die Bühne. 1975 folgte auch eine Inszenierung in Chicago.
Inhalt Die Besitzer treffen sich in der Bank, um zu beraten, wie sie aus der Absatzkrise des Karfiolgeschäfts herauskommen. Es ist die Rede von Arturo Ui, der angeboten hat, ihr Geschäft durch Gewalt und Drohungen anzukurbeln. Der Trust lehnt Uis Hilfe einstimmig ab und erhofft sich eine Stadtanleihe für Kaianlagen von dem Gastwirt und angesehenen Politiker Dogsborough. Dieser durchschaut jedoch, dass der Karfioltrust nicht vorhat, die Kaianlagen zu bauen, und lehnt den Antrag ab. Butcher und Flake planen daraufhin eine Intrige gegen Dogsborough.
Flake kann den Reedereibesitzer Sheet davon überzeugen, seine Reederei billig an den Karfioltrust zu verkaufen, welche um einen Spottpreis an den zunächst unwilligen, aber letztlich begeisterten Dogsborough weiterverkauft wird. Durch den Erwerb der Reederei wird nun Dogsborough ein Mitglied des Trusts und setzt deswegen nun doch eine Stadtanleihe für den Bau von Kaianlagen durch. Die Mitglieder des Karfioltrusts, Dogsborough eingeschlossen, verbrauchen die Anleihe, ohne Kaianlagen zu bauen, und veruntreuen so die städtischen Gelder.
Arturo Ui ist der Verzweiflung nahe, weil er den Gemüsehandel der Stadt Chicago gern in seine Gewalt brächte. Sein Leutnant Roma schlägt vor, die Gemüseladenbesitzer gewaltsam zur Schutzgeldzahlung an Ui zu zwingen. Aus Angst vor der Polizei lehnt Ui dies jedoch ab.
Ui erfährt von der Veruntreuung der Stadtanleihe durch Dogsborough und erpresst diesen mit der Drohung, den Skandal aufzudecken. Er fordert, Dogsborough solle vor der Stadt für ihn bürgen, damit Ui die Polizei nicht fürchten muss.
Es wird eine Untersuchung gegen Dogsborough beantragt. Um ihn zu decken, entschließt sich der Trust, dass Sheet die Folgen des Skandals auf sich nehmen soll. Sheet wird tot aufgefunden, der Anklagevertreter O’Casey schöpft Verdacht und möchte genau über die Besitzverhältnisse der Reederei Bescheid wissen. O’Casey will nun von Bowl, dem alten Prokuristen von Sheet, mehr über die Besitzverhältnisse erfahren. Dieser wird jedoch auf dem Weg zum Gericht erschossen.
Arturo Ui trifft sich mit einem Schauspieler, der ihm beibringen soll, wie man zu einer großen Menge von Leuten redet und auf diese eine gute Wirkung erzielt. Ui trifft sich weiterhin mit einigen Gemüsehändlern und bietet ihnen seinen Schutz an. Hook, ein Gemüsehändler, kritisiert Ui. Wenig später wird verkündet, dass der Speicher von Hook brennt. Es ist offensichtlich, dass Uis Männer den Brand gelegt haben. Die anderen Gemüsehändler stimmen dem Schutzangebot von Ui zu. Aufgrund des Brandes kommt es zum Speicherbrandprozess. In diesem wird Fish angeklagt. Während des Verfahrens fällt der Verdacht zeitweise auf Ui und seine Gangsterbande. Dieser Verdacht kann jedoch unterdrückt werden. Ui hat bereits das Gericht manipuliert, alle Zeugen eingeschüchtert und die Presse unter seine Gewalt gebracht. Damit Hook nicht gegen Uis Gefolgsleute aussagen kann, wird dieser zwischen zwei Verhandlungen verprügelt. Auch der Angeklagte Fish wird manipuliert: Ein Arzt gibt ihm Wasser. Kurz nachdem er dieses getrunken hat, sackt er in sich zusammen. Dogsborough verfasst sein Testament, in dem er Ui, Roma, Giri und Givola der Brandstiftung und des Mordes beschuldigt.
Es treten nun Machtkämpfe unter den Leuten Uis auf, Roma bedroht Givola und Giri mit einer Waffe und fordert Ui auf, die Machtverhältnisse zu klären. Ui sieht sich als Führer und verweist auf neue Pläne, er möchte seinen Einfluss auf die Vorstadt Cicero ausdehnen. Uis Vertrauter Roma befürchtet ein Komplott gegen ihn, er verabredet sich mit Ui in der Garage des Hotels, in dem Ui residiert. Roma und seine Männer warten in der Garage auf Ui, der erscheint, um Roma umzubringen, da er ihm im Weg steht. Givola erschießt Roma, der selbst im Tod nicht erkennt, dass Ui ihn verraten hat. Seine Gefolgsleute werden ebenfalls liquidiert.
Ui trifft sich mit Betty und Ignatius Dullfeet, er möchte das Vertrauen von Dullfeet bekommen. Ignatius Dullfeet tritt aber für die Freiheit von Cicero ein, verschleiert kommt es bei dem Gespräch auch durch, dass Dullfeet beseitigt werden soll. Letztlich wird Dullfeet ermordet, der Trust ist damit nicht einverstanden. Ui möchte nun Betty Dullfeet zu einer Zusammenarbeit überreden, sie lehnt jedoch eine Kooperation ab. Es entsteht Empörung der Gemüsehändler Chicagos und Ciceros gegen Ui und sein Vorgehen. Betty Dullfeet, in Verzweiflung versunken, hat sich nun doch von Ui zu einer Zusammenarbeit überreden lassen. Ui gibt sich in einer Rede selbst als Nachfolger Dullfeets aus und möchte Cicero nun endlich unter seinen Schutz nehmen. Er kündigt eine Volksabstimmung an, in der die Leute Ciceros über die Freiheit ihres Gebiets selbst bestimmen können. Arturo Ui droht zugleich auch allen Personen, die sich gegen ihn entscheiden. Durch die Drohungen stimmen die Bewohner von Cicero für ihn.
Aus einem zerschossenen Lkw klettert eine Frau verletzt heraus, sie schimpft über Ui und seine Gefolgsleute und beschuldigt sie des Mordes. Sie wird niedergeschossen.
Im Epilog lehrt Brecht: "Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert Und handelt, statt zu reden noch und noch. So was hätt' einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch Dass keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."
Nach jeder Szene tauchen Textblöcke auf, in denen passend zu den Szenen historische Ereignisse aus dem Deutschland der späten 1920er und frühen 1930er Jahre erwähnt werden.
Interpretation Hintergrund Der Zeitrahmen, der den Bezug zur Wirklichkeit setzt, reicht von 1929 bis 1938, in einer späteren Fassung bis 1941.Jan Knopf (Hrsg.): Brecht Handbuch. J.B.Metzler, Stuttgart 2001, Band 1, S. 461. Es geht um den Aufstieg Adolf Hitlers bis zur Machtübernahme in Österreich. Brecht verwendete dabei die Parabelform, um die einzelnen Stationen von Hitlers Machtaufstieg in Deutschland darzustellen.
Mit Hilfe des epischen Theaters und seiner Verfremdungseffekte konnte Brecht sein Stück, das er selbst als „Historienfarce“ (= ein derb-komisches Werk mit geschichtlichem Hintergrund) bezeichnete, so verfassen und vorstellen, dass er den Bürgern sowohl die brutale Vorgehensweise Hitlers schildern konnte, als auch den Zuschauer am Ende des Stückes zum Nachdenken über das Geschehen hinaus zu bringen. Der Zuschauer sollte sich nicht von Geschehnissen mitreißen lassen, sondern sich mit kritischer Distanz eine Meinung über die Situation bilden.
In einem 1948 veröffentlichten „Nachwort“ setzte sich Brecht mit dem Vorwurf auseinander, es sei nicht zulässig, „große Verbrecher dem Gelächter preiszugeben“. Erstens halte er, so Brecht, Hitler nicht für einen „großen Verbrecher“, sondern für einen „Verüber großer politischer Verbrechen“, und zweitens zeige der „kleinbürgerliche“ Respekt der Überlebenden, wie wichtig es sei, den Bann, in den Hitler viele Menschen auch nach 1945 noch ziehe, durch Gelächter zu brechen.
Darstellung von Hitlers Aufstieg
Den Aufstieg Hitlers stellt Brecht allegorisch durch Parallelen zwischen der Hauptfigur Arturo Ui und Adolf Hitler dar. Die Ordnung folgt dem Diskurs, d. h. der Handlung, des Bühnenstücks:
Arturo Ui Adolf HitlerZu Beginn wartet Ui auf seine Chance, an die Macht zu gelangen, er steht im Hintergrund und baut seine Macht aus. Hitler versucht „legal“ an die Macht zu gelangen, er zieht die Wirtschaft auf seine Seite.Ui übernimmt die Führung und ordnet die Machtverhältnisse. Gegner werden ausgeschaltet, er möchte expandieren. Er missbraucht seine Macht. Hitler schaltet alle seine Gegner, sowohl inner- als auch außerparteilich, aus. Er übernimmt die Führung und festigt seine Macht. Hitler möchte, dass Österreich zum Deutschen Reich hinzukommt.
Die Rolle des Titels „Der aufhaltsame Aufstieg ...“
Der Titel macht deutlich, dass der Aufstieg Uis (und im übertragenen Sinne der Aufstieg Hitlers) aufhaltsam – also zu verhindern – gewesen wäre. Im Laufe des Stücks wird klar: Der Protagonist hätte ohne die eindeutig eigennützige Hilfe Anderer nie seinen Aufstieg vollziehen können. Von Glücks- und Schicksalsfällen begünstigt, hätte Adolf Hitler – wie auch Arturo Ui – an vielen entscheidenden Stationen aufgehalten werden können.Deutsch an Gymnasien Bayern Kollegstufe
Die Verfremdung
Das Stück spielt im Chicago der Prohibitionszeit, wobei selbst das absurd wirkende Thema eines Gemüsemonopols der Mafia reale Vorbilder hat. Bertolt Brecht orientierte sich am Amerika der damaligen Zeit, er erkannte in den kriminellen Verhältnissen dort eine gewisse Ähnlichkeit zu Deutschland. Er wollte durch diese Verfremdung den Menschen den Zusammenhang zwischen Politik, Wirtschaft und Faschismus näher bringen.