Von einer Frühgeburt spricht man bei der Geburt eines Säuglings vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche (SSW). Manchmal werden auch die Betroffenen (sogar lebenslang) als Frühgeburten bezeichnet; ihre Eigenschaft heißt Frühgeburtlichkeit. Eine übliche Schwangerschaft dauert 40 Wochen (280 Tage nach der letzten Regelblutung). Bei frühgeborenen Kindern – oft „Frühchen“ genannt – dauert sie weniger als 260 Tage; gerechnet vom ersten Tag der letzten Menstruation. Sie wiegen in der Regel weniger als 2500 Gramm.
Der bis 2010 frühestgeborene überlebende Mensch in Europa kam nach nur 152 Tagen (21 Wochen und fünf Tagen) zur Welt und wog 460 g bei einer Größe von 26 cm. Im Dezember 2018 wurde im Sharp Mary Birch Hospital in San Diego Saybie mit einem Gewicht von knapp 245 g als das weltweit bislang wohl leichteste überlebende Neugeborene nach Geburtseinleitung in der 23. Schwangerschaftswoche geboren.Leichtestes Baby der Welt verlässt Klinik. In: FAZ, 31. Mai 2019, S. 6.Baby überlebt mit nur 245 Gramm. In: Neue Westfälische, Bielefelder Tageblatt, 1./2. Juni 2019; dpa-Meldung.
Laut der 2012 erschienenen Studie „Born too soon“ der WHO wird eins von zehn Babys weltweit zu früh geboren. Die Zahl ist dabei in nahezu allen Ländern steigend.who.int (PDF; 518 kB) Dies gilt auch für Industrienationen, was auf das steigende Alter der Mütter bei der Geburt zurückzuführen ist. In Deutschland lag die Frühgeborenenrate bei 9,2 %. Pro Jahr werden in Deutschland rund 63.000 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren. Bei 8.000 davon handelt es sich um Frühstgeborene, die vor der 30. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. Mit rund sechs Prozent lag die Frühgeburtenquote in Deutschland 2024 im internationalen Vergleich weiterhin relativ hoch, konnte aber stetig reduziert werden, wobei es für beides noch keine Erklärung gibt.
Frühgeburten sind Gegenstand der Neonatologie, eines Zweigs der Kinderheilkunde (Pädiatrie).
Begriffe Sehr kleine Frühgeborene (VLBW = Very Low Birth Weight) sind Babys, die weniger als 1500 Gramm wiegen und in der Regel unreifer als 32 SSW sind, als extrem kleine Frühgeborene (ELBW = Extremely Low Birth Weight) bezeichnet man Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1000 Gramm.
Bei Frühgeborenen unterscheidet man ferner Babys, die unüblich klein und unüblich leicht für die Schwangerschaftsdauer (Schwangerschaftsalter) sind. Diese nennt man hypotrophe Frühgeborene oder Small-for-gestational-age-Babies (SGA-Babys). Daneben gibt es Frühgeborene, die unüblich groß und unüblich schwer für die Schwangerschaftsdauer (Schwangerschaftsalter) sind. Sie werden als hypertroph bezeichnet. Man nennt sie auch Large-for-gestational-age-Babies (LGA-Babys).J. Steidinger, K. J. Uthike: Frühgeborene – Von Babys, die nicht warten können. Rowohlt, Hamburg 1995, ISBN 3-499-18504-0.
Ursachen In vielen Fällen lässt sich keine exakte Ursache für die verfrühten Wehen und/oder einen vorzeitigen Blasensprung finden, die zu einer Frühgeburt führen. In der Literatur werden mögliche Auslöser beschrieben, die entweder mütterliche, fetale oder sozioökonomische Gründe haben.M. Glöckner: Ärztliche Handlungen bei extrem unreifen Frühgeborenen: Rechtliche und ethische Aspekte. Springer, 2007.
Die häufigste Ursache sind urogenitale Infektionen der Mutter. Ebenso können Schwangerschaftskomplikationen (z. B. eine Plazentainsuffizienz, Anämien oder eine Gestose) eine Frühgeburt verursachen. Darüber hinaus werden psychosoziale Auslöser genannt. Dazu zählt etwa chronischer Stress aus einer Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie und Haushalt.C. Mändle, S. Opitz-Kreuter: Das Hebammenbuch: Lehrbuch der praktischen Geburtshilfe. 5. Ausgabe. Schattauer Verlag, 2007.
Einige Studien weisen darauf hin, dass eine nicht diagnostizierte beziehungsweise nicht therapierte Zöliakie (Synonyme: einheimische Sprue, Gluten-sensitive Enteropathie) ebenfalls für Frühgeburten und weitere Probleme in der Schwangerschaft verantwortlich sein kann und in diesem Zusammenhang eine immer noch unterschätzte Ursache darstellt.P. Martinelli u. a.: Coeliac disease and unfavourable outcome of pregnancy. In: Gut, BMJjournals, 2000, 46(3), S. 332–335. PMID 1727862C. Ciacci u. a.: Celiac disease and pregnancy outcome. In: Am J Gastroenterol., 1996, 41(5), S. 972–978. PMID 8625771 In neueren Untersuchungen konnte außerdem gezeigt werden, dass auch Parodontitis eine Ursache von Frühgeburten und/oder einem niedrigen Geburtsgewicht sein kann. Rauchen vor und in der Schwangerschaft kann Auslöser von Frühgeburten sein. Eine internationale Studie der Weltgesundheitsorganisation (2014) zeigt, dass Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden (wozu wohl auch Arbeitsstätten zählen) in Europa und Nordamerika die Zahl der Frühgeburten in diesen Ländern deutlich haben sinken lassen.Internationale Studie: Rauchverbote bewirken weniger Frühgeburten. Spiegel Online, 28. März 2014.Effect of smoke-free legislation on perinatal and child health: a systematic review and meta-analysis. In: The Lancet, 28. März 2014.
Laut einer schwedischen Studie begünstigen bariatrische Operationen spätere Frühgeburten und ein niedriges Geburtsgewicht.N. Roos, M. Neovius, S. Cnattingius, Y. Trolle Lagerros, M. Saaf, F. Granath, O. Stephansson: Perinatal outcomes after bariatric surgery: nationwide population based matched cohort study. In: BMJ, 2013, 347, S. f6460–f6460, doi:10.1136/bmj.f6460. Ursache dafür können Versorgungsengpässe des Föten mit Nährstoffen aufgrund eines verkleinerten Magens oder eines verkürzten Darmes darstellen.
Neben Auslösern seitens der Mutter kann es ebenso Ursachen geben, die vom Fötus selbst ausgehen. Dazu zählen Fehlbildungen, Chromosomenanomalien, Mehrlingsschwangerschaften oder Rhesus-Inkompatibilität.
Auch die Hitzeexposition im Rahmen der KlimakriseArthur Hoffmann: Zur Einleitung der künstlichen Frühgeburt durch heiße Vollbäder. In: Centralblatt für Gynäkologie, 7. August 1886, Band 10, Nr. 32, S. 513–515. erhöht das Entbindungsrisiko für schwangere Frauen. Dies führt zu einer kürzeren Schwangerschaft, was zu späteren gesundheitlichen und kognitiven Problemen des Kindes führen kann. Basierend auf einem Vergleich der Geburtenraten und Wetterdaten in den USA von 1969 bis 1988 konnten die mit Hitze verbundenen Schwangerschaftsprobleme quantifiziert werden. Extreme Hitze verursacht eine Zunahme der Geburten am Tag der Hitzeexposition und am folgenden Tag und zusätzliche Geburten wurden um bis zu zwei Wochen beschleunigt. Es wird geschätzt, dass durchschnittlich 25.000 Säuglinge pro Jahr aufgrund von Hitzeeinwirkung früher geboren wurden, mit einem Gesamtverlust von mehr als 150.000 Schwangerschaftstagen pro Jahr. Klimaprojektionen deuten auf zusätzliche Verluste von 250.000 Schwangerschaftstagen pro Jahr bis zum Ende des Jahrhunderts hin.A. Barreca, J. Schaller: The impact of high ambient temperatures on delivery timing and gestational lengths. In: Nat. Clim. Chang., 2019; doi:10.1038/s41558-019-0632-4
Probleme des Frühgeborenen Die unreifen Organe führen zu verschiedenen Problemen. Besonders bedeutend und überlebensentscheidend ist das Ausmaß der Lungenreife.
Atemnotsyndrom, IRDS (infant respiratory distress syndrome), Surfactantmangel-Syndrom
mini|Intubiertes Frühgeborenes nach Geburt in der 26. Schwangerschaftswoche
Die unreife Lunge produziert bei einem IRDS nur in geringem Maße Surfactant. Dadurch kollabieren Lungenbläschen, die dann am Gasaustausch nicht teilnehmen können. Sauerstoffmangel und Atemnot sind die Folgen. In den zusammengefallenen Lungenbläschen sammeln sich Blutproteine an, und es entstehen für IRDS typische hyaline Membranen. Zur Behandlung wird das Frühgeborene intubiert und künstlich beatmet. Über den Beatmungsschlauch kann Surfactant in die Lunge eingebracht werden. Zur Vorbeugung können vor der Geburt Kortikoide gegeben werden, die die Lungenreife fördern.
Nierenunterfunktion Die unreife Niere produziert keinen Urin. Deshalb sammeln sich im Blut Substanzen an, die ansonsten durch den Urin ausgeschieden würden. Darunter ist das Kalium von besonderer Bedeutung, da ein erhöhter Kaliumwert im Blut (Hyperkaliämie) zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen kann. Die beiden Nachnieren nehmen zu Beginn der zweiten Schwangerschaftshälfte ihre Funktion auf; die Glomeruli produzieren den Primärharn, die Tubuli scheiden den Sekundärharn aus.Jan Langman: Medizinische Embryologie. 5. Auflage. Thieme-Verlag, Stuttgart 1977, ISBN 3-13-446605-8, S. 175. Das getrunkene Fruchtwasser wird so wieder ausgeschieden. Auch Embryos und Föten ohne Nieren (bilaterale Nierenagenesie) oder mit funktionslosen Nieren (absolutes Nierenversagen) entwickeln sich bis zur Geburt normal, weil sie ihre harnpflichtigen Stoffe über die Plazenta in den maternalen Kreislauf abgeben.Jürgen Sökeland: Urologie. 10. Auflage. Thieme-Verlag, Stuttgart, New York 1987, ISBN 3-13-300610-X, S. 4. Vor der Entbindung fungiert der Mutterkuchen also gewissermaßen als Nierendialyse, und zwar unabhängig von Gesundheit oder Krankheit. Die glomeruläre Filtrationsrate von 1 kg schweren Frühgeburten liegt bei 0,2 ml/min.Markus Daschner: Tabellarium Nephrologicum. 3. Auflage. Shaker Verlag, Aachen 2009, ISBN 978-3-8322-7967-7, S. 67. Bei Frühgeburten und auch bei reifen Neugeborenen ist diese Niereninsuffizienz physiologisch.
Hirnblutungen Zur intrazerebralen Blutung kommt es bei Frühgeborenen besonders unter einem Reifealter von 32+0 Schwangerschaftswochen. Mit zunehmender Unreife steigt das Risiko. Das Risiko für eine höhergradige Blutung (s. u.) beträgt in Deutschland etwa 5–6 % für Kinder <32 Schwangerschaftswochen und etwa 25 % für Kinder <26 Schwangerschaftswochen.(Hessische Neonatalerhebung 2005) Eine Ansammlung von kleinen Gefäßen (germinale Matrix), welche sich unterhalb der beiden Seitenventrikel (inneren Hirnwasserräumen) befindet, ist bei Frühgeborenen besonders kritisch. Diese Gefäße können begünstigt durch verschiedene Faktoren einreißen. Dadurch kommt es zu einer Blutung. Eine leichte Blutung (Grad 1) bleibt lokal begrenzt. Eine milde Blutung (Grad 2) ergießt sich in die Hirnwasserräume der Seitenventrikel und füllt sie bis zu 50 % aus. Eine schwere Blutung (Grad 3) füllt die Seitenventrikel zu über 50 % aus. Kommt es durch die Blutung zu einer Verlegung der durch das Gebiet der kleinen Gefäße (germinalen Matrix) führenden drainierenden Venen, so kann es zu einer weiteren schweren Blutung im Nervengewebe des Gehirns kommen (früher: Grad 4). Grad-1- und Grad-2-Blutungen haben eine günstige Prognose. Ab einer Grad-3-Blutung ist mit Behinderungen zu rechnen (vorwiegend motorisch). Im akuten Blutungsfall kann es zu einem Schock durch den Blutverlust kommen, im weiteren Verlauf kann das Blut den Abfluss des Hirnwassers behindern. Ein Hydrocephalus ist die Folge.Volpe: Neurology of the Newborn.
Zur Verminderung des Blutungsrisikos wird die Gabe von Thrombozyten diskutiert. Bei normaler Thrombozytenzahl im Blut des Frühgeborenenkindes konnte mit einer Thrombozytentransfusion keine Verbesserung erzielt werden. 73 % aller Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1000 g entwickeln aber während ihres Aufenthaltes auf der Neugeborenenstation eine Thrombozytopenie. Bei einer Thrombozytopenie mit unter 50.000 Thrombozyten pro mm³ Blut wird die Gabe von Thrombozytenkonzentrat empfohlen. Die Datenlage ist allerdings widersprüchlich.
Nekrotisierende Enterokolitis Die Darmbewegungen (Peristaltik) sind beim Frühgeborenen noch nicht regelrecht. Es kann zum Aufstau im Darm kommen. In diesem Milieu wachsen Bakterien, die eine Ursache für die Darmentzündung, die nekrotisierende Enterokolitis (NEC) sein können. Im Röntgenbild können Luftbläschen in der Darmwand gesehen werden (Pneumatosis intestinalis). Bei Darmdurchbruch gelangt Luft in die Bauchhöhle.
Persistierender Ductus arteriosus