Das Haus Sayn-Wittgenstein ist ein Geschlecht des früheren deutschen Hochadels. Es regierte im Heiligen Römischen Reich mehrere selbständige Grafschaften bzw. Fürstentümer reichsunmittelbar und war mit Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat des Reichstags vertretenDas Haus hatte im Reichsfürstenrat Anteil an der Kuriatstimme der Wetterauischen Grafenbank (während des 18. Jahrhunderts mit zwei Anteilen für Wittgenstein und Berleburg).. Um 1806 wurden diese Territorien mediatisiert und verloren somit ihre Unabhängigkeit; danach gehörten die Linien des Hauses zu den Standesherren des Deutschen Bundes.

Im Mannesstamm geht das Haus Sayn-Wittgenstein auf das Haus Sponheim zurück. Durch Heirat erwarb das Geschlecht, das in der Grafschaft Sponheim regierte, 1246 die Grafschaft Sayn mit Sitz auf Burg Sayn von dem gleichnamigen, ausgestorbenen Grafengeschlecht. Es folgten mehrere Erbteilungen und 1361 kam, ebenfalls im Erbweg, die Grafschaft Wittgenstein mit Sitz auf Burg Wittgenstein hinzu, deren Herren, die Grafen von Battenberg und Wittgenstein, ebenfalls erloschen waren.

Seit 1605 bzw. 1635 ist das Geschlecht in vier Linien Sayn-Wittgenstein-Berleburg, Sayn-Wittgenstein-Sayn, Sayn-Wittgenstein-Hohenstein und Sayn-Wittgenstein-Homburg geteilt. Die drei Letzteren sind 1636, 1743 und 1948 erloschen. Ihre Nachfolge traten jüngere Zweige der Berleburger Linie an.

Genealogie Grafen von Sponheim mini|hochkant|links|Wappen der Sponheimer Siegfried I. von Sponheim († 1065), der erste urkundlich nachweisbare Namensträger der Sponheimer (historisch oft auch Spanheimer genannt), kam im Gefolge des Salier-Kaisers Konrad II. aus Rheinfranken nach Kärnten. Durch Heirat mit der Sieghardinger Erbtochter Richgard von Lavant († 1072) kam er zu reichen Besitzungen in Tirol und Kärnten. Sein Sohn Engelbert I. wurde 1090 zum Markgrafen von Istrien ernannt. Engelberts jüngster Sohn Heinrich erlangte 1122 die Herzogswürde im Herzogtum Kärnten und die Herrschaft über die Markgrafschaft Verona, welche die Sponheimer beide bis 1269 innehatten.

Gottfried III. von Sponheim (* vor 1183–1218) heiratete 1202 Adelheid von Sayn († 1263), eine der beiden Schwestern und Erbinnen des letzten Grafen von Sayn, Heinrich III. Nach dessen Tod 1246/47 fielen Teile der Grafschaft Sayn an Gottfrieds Sohn Johann I., den Begründer der Linie Sponheim-Starkenburg, sein Bruder Heinrich I. von Heinsberg begründete die Linie Sponheim-Heinsberg und der jüngste Bruder, Simon I., die Linie Sponheim-Kreuznach. Johann I. von Sponheim-Starkenburg hatte einen Sohn Gottfried I. (1266–1284), unter dessen Söhnen 1294 eine Erbteilung stattfand: Johann II. erbte die Grafschaft Sayn und begründete die Linie der Grafen von Sayn-Sayn; sein Bruder Engelbert I. erbte Vallendar und aus mütterlichem Erbe die Herrschaft Homburg mit Schloss Homburg und begründete die Linie der Grafen von Sayn-Homburg. Die letztere Linie erbte 1361 die Grafschaft Wittgenstein und begründete damit das Haus Sayn-Wittgenstein. Die rheinische Hauptlinie des Sponheimer Grafengeschlechts (in Sponheim) starb im 15. Jahrhundert aus, doch die Grafen von Ortenburg bilden eine ebenfalls bis 1805 reichsunmittelbar regierende und bis heute existierende Seitenlinie des Sponheimer Mannesstammes.

Grafen von Sayn (bis 1246) mini|hochkant|links|Wappen der Grafen von Sayn Nach der wahrscheinlich im 10. oder 11. Jahrhundert erbauten Burg Sayn bei Bendorf nannte sich ein Grafengeschlecht, die Grafen von Sayn, das zum ersten Mal 1139 urkundlich belegt ist. Die Grafen erwarben nach und nach Güter im Westerwald, wo sie um 1180 das Schloss und nachfolgend die Stadt Hachenburg gründeten, ferner an der Sieg und am Niederrhein. Auch stifteten sie 1222 das Zisterzienserkloster Marienstatt. Die genauen Ursprünge der ersten Grafen von Sayn liegen noch im Dunkeln, aber eine Abstammung vom Haus Nassau ist wahrscheinlich.

Die ursprünglichen Grafen von Sayn starben 1246 mit dem Tode von Heinrich III. aus. Seine Schwester Adelheid war mit Gottfried III. von Sponheim verheiratet und brachte die Grafschaft Sayn als Erbe an die Grafen von Sponheim. Einige Besitzungen fielen dann an Gottfrieds zweiten Sohn Heinrich von Sponheim-Heinsberg, Herrn der Herrschaft Heinsberg. Der Enkel Gottfrieds III. durch seinen ältesten Sohn Johann I. (ebenfalls mit Namen Gottfried) gründete schließlich die jüngere Linie der Grafen von Sayn (des Stammes Sponheim).

Grafen von Wittgenstein (bis 1361) mini|Laasphe mit dem Schloss Wittgenstein mini|hochkant|links|Wappen der Grafen von Battenberg und Wittgenstein Der Name der Burg Wittgenstein (Widechinstein), oberhalb der Stadt Laasphe gelegen, wird erstmals im Jahre 1174 urkundlich erwähnt. Der Graf von Battenberg nannte sich damals nach seinen beiden Burgen Werner von Battenberg und Wittgenstein. Die Grafen von Wittgenstein waren somit ein Zweig der Grafen von Battenberg, die sich bis 1238 mal von Battenberg und mal von Wittgenstein nannten und deren Besitz um Battenberg (Eder) und Wittgenstein lag. Mit dem Bau der Burg Wittgenstein um 1187 dehnten sie ihr Herrschaftsgebiet bis an die Lahn aus.

Im Jahre 1238 wurde die Grafschaft Battenberg und Wittgenstein unter den Enkeln des Grafen Werner I. geteilt: Widekind II. erhielt die Battenberger Besitzungen und Siegfried I. erhielt die Burg Wittgenstein und die Stadt Laasphe. 1295 unterstellte sich Wittgenstein der Lehnsherrschaft der Erzbischöfe von Köln.Köbler, Gerhard: "Historisches Lexikon der Deutschen Länder", S. 799 Graf Siegfried I. erwarb vom Kloster Grafschaft zudem Eigentumsrechte an dem Ort Berleburg, der 1322 in den Alleinbesitz von Siegfried II. von Wittgenstein überging. 1361, nach dem Erlöschen der Wittgensteiner in männlicher Linie, erbten die Grafen Eberhardt und Heinrich von Sayn, Söhne des Salentin von Sayn-Homburg (des Stammes Sponheim) und der Adelheid von Wittgenstein, die Grafschaft Wittgenstein.

Grafen von Sayn-Sayn und von Sayn-Wittgenstein (ab 1361) Die Besitzungen wurden ab 1361 in zwei Linien weitergeführt: die Besitzungen um Sayn, Altenkirchen und Hachenburg in der Linie Sayn-Sayn, die Besitzungen um Homburg sowie das Wittgensteiner Erbe um Laasphe und Berleburg in der Linie Sayn-Wittgenstein.

Folgende Grafen regierten die Grafschaft Wittgenstein in der Nachfolge: Salentin von Sayn, Graf zu Wittgenstein (um 1310–1392) Johann IV. von Sayn, Graf zu Wittgenstein (gest. um 1436) Georg von Sayn, Graf zu Wittgenstein (um 1400–1472) Eberhard von Sayn, Graf zu Wittgenstein (1440–1494) und sein Bruder Johann, der später in den geistlichen Stand übertrat Wilhelm von Sayn, Graf zu Wittgenstein (1488–1570) und sein Bruder Johann (1489–1551). Ludwig der Ältere von Sayn, Graf zu Wittgenstein (1532–1605)

Seit 1500 zählte die Grafschaft Wittgenstein zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis, während die Grafschaft Sayn zum Oberrheinischen Reichskreis gehörte. In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Reformation in der Grafschaft eingeführt.Grafschaft Wittgenstein bei hoeckmann.de

1606 starb die Linie Sayn-Sayn, die seit 1294 die eigentliche Grafschaft Sayn besessen hatte, in der männlichen Linie aus. Ihr letzter Vertreter, Heinrich IV., hatte schon 1605 die Grafschaft seiner einzigen Verwandten vermacht, seiner Nichte Anna Elisabeth, die mit dem dritten Sohn des Grafen Ludwig von Sayn-Wittgenstein, Wilhelm III., verheiratet war, so dass die beiden Linien für kurze Zeit wieder vereint wurden.

Grafen und Fürsten zu Sayn-Wittgenstein von 1605 bis 1806 Ludwig I. (1532–1605), Graf von Sayn zu Wittgenstein, vereinte beide Grafschaften, Sayn und Wittgenstein, in einer Hand. Aber schon 1605 teilte er sein Erbe auf seine drei Söhne auf: mini|hochkant|Wappen der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg im Wappenbuch des Westfälischen Adelsmini|hochkant|Wappen der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein-Ludwigsburg im Wappenbuch des Westfälischen Adels Der älteste Sohn, Georg (1565–1631) erbte den nördlichen Teil der Grafschaft Wittgenstein mit Sitz in Berleburg sowie die Reichsherrschaft Homburg. Er begründete die Linie der Grafen zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, die 1792 zu Reichsfürsten erhoben wurden. Bekannt wurde Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1934–2017) als Ehemann der Prinzessin Benedikte von Dänemark. Sein Nachfolger als heutiger Linienchef und Besitzer von Schloss Berleburg ist der Sohn Gustav (* 1969). Von der Berleburger Linie spaltete sich Mitte des 17. Jahrhunderts eine Nebenlinie ab. Rechtlich gesehen wäre Graf Georgs erstgeborener Sohn Graf Ludwig Casimir (1598–1643) der Erbe aller berleburgischen Territorien gewesen, aber sein Bruder Ernst machte ihm das Vermächtnis des Vaters streitig. Ludwig Casimir gab 1635 nach und übertrug die Reichsherrschaft Homburg im Dillenburger Vergleich an Graf Ernst (* 1599), der somit eine eigene Dynastie Sayn-Wittgenstein-Homburg (1635–1743) begründete. Mit der homburgischen Eigendynastie begann auch der Um- und Ausbau von Homburg zu einem Barockschloss, welches die kleine Herrschaft fast in den finanziellen Ruin trieb. Ebenso spalteten sich im frühen 18. Jahrhundert die gräflichen Nebenzweige von Karlsburg und Ludwigsburg ab, begründet durch Karl Wilhelm zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Karlsburg (1693–1749) und Ludwig Franz II. zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg (1694–1750), die beiden jüngeren Brüder des regierenden Berleburger Grafen Casimir (1687–1741). Der Ludwigsburger Zweig wurde 1834 in den preußischen Fürstenstand erhoben und stiftete die jüngere Linie Sayn-Wittgenstein-Sayn (siehe unten). Der zweite Sohn, Wilhelm III. (* 1569), war in erster Ehe mit der Gräfin Anna Elisabeth von Sayn, Erbin der 1606 ausgestorbenen Linie Sayn-Sayn, verheiratet. Er begründete 1605 die (ältere) Linie der Grafen zu Sayn-Wittgenstein-Sayn mit Sitz in Sayn. Diese Linie starb aber schon 1636 mit Graf Ernst aus und seine Witwe, Louise Juliane, wurde von Verwandten ihres Mannes vertrieben. Nachdem sie das Erbe mit dem Westfälischen Frieden 1648 zurückerlangt hatte, teilte es sie 1652 in die Grafschaft Sayn-Hachenburg und die Grafschaft Sayn-Altenkirchen auf, die über ihre beiden Töchter dann an andere Häuser fielen.Daniel Schneider: Die Landesteilung der Grafschaft Sayn in Sayn-Altenkirchen und Sayn-Hachenburg. In: Nassauische Annalen 133 (2022), S. 119–133. mini|hochkant|Sayn-Wittgenstein-Hohenstein Der dritte Sohn, Ludwig II. (* 1571, regierte 1607–1634), erbte den südlichen Teil der Grafschaft Wittgenstein mit Schloss Wittgenstein in Laasphe. Er begründete die Linie der Grafen zu Sayn-Wittgenstein-Wittgenstein. Seitdem Johann VIII. 1647 die Grafschaft Hohnstein im Harz als brandenburgisches Lehen erhalten hatte, nannte sich die Linie Sayn-Wittgenstein-Hohenstein; aber schon 1699 zog der brandenburgische Kurfürst die Hohnsteiner Grafschaft wieder ein, jedoch behielten die in Wittgenstein weiter regierenden Grafen den Namen bei. 1801 wurden sie zu Reichsfürsten erhoben. Die Wittgenstein-Hohensteiner Linie erlosch 1948. Der letzte Fürst, August (1868–1948), teilte sein Erbe zwischen verschiedenen Verwandten auf. Sein Adoptivsohn Christian Heinrich Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1908–1983) aus der Berleburger Linie und nach ihm dessen Sohn Bernhart (* 1962) führen im privaten Verkehr den historischen Titel Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein. Dessen Wohnsitz ist heute das Herrenhaus Schwarzenau, nachdem Schloss Wittgenstein zur Internatsschule umgewandelt wurde.