Diversifikation (oder Diversifizierung) ist in der Betriebswirtschaftslehre eine Strategie von Unternehmen, durch Erweiterung oder Modifizierung der Produkte/Dienstleistungen oder der Geschäftsbereiche oder durch Risikostreuung die Gewinnchancen zu verbessern und/oder Verlustrisiken zu vermindern. Gegensatz ist die Spezialisierung bis hin zur Monostruktur.
Allgemeines Diversifikationsstrategien können auch von anderen Wirtschaftssubjekten wie Privathaushalten oder dem Staat befolgt werden. Sie betreffen dann aber nicht Produkte oder Dienstleistungen, sondern deren typische Risikosituation (Kapitalanlage bei Privathaushalten) oder bei Staaten die durch Wirtschaftspolitik herbeigeführte diversifizierte polystrukturelle Wirtschaftsstruktur, die auch vermeiden kann, dass einseitige Import- oder Exportbeziehungen (Import- oder Exportabhängigkeit von einem anderen Staat) entstehen. So ist in Deutschland die Importabhängigkeit von Primärenergieträgern wie Erdöl und Erdgas eine Frage der Diversifizierung. Meist wird jedoch die Diversifikation bei Unternehmen untersucht, wobei sich die Analysen hauptsächlich auf die Produkte/Dienstleistungen und deren Vertrieb konzentrieren. Diese „echte Diversifizierung“ ist die „bewusst verfolgte Politik einer gezielten Ausweitung des Leistungsprogramms einer Unternehmung“.Gerhard Bartels: Diversifizierung: Die gezielte Ausweitung des Leistungsprogramms der Unternehmung. 1966, S. 33.
Arten Es lassen sich folgende Arten der Diversifikation unterscheiden:Hans Jung: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 2010, S. 579 f. (books.google.de) Bei der horizontalen Diversifikation wird das Produktionsprogramm um Produkte erweitert, die in einem Zusammenhang mit den bisherigen Produkten stehen, so dass gleiche Produktionsverfahren, Rohstoffe, Technologien oder Vertriebswege genutzt werden können. Die vertikale Diversifikation betrifft vorgelagerte (Vorleistungsgüter) oder nachgelagerte Produkte nachfolgender Verarbeitungsstufen, es handelt sich um neue Produkte für neue Märkte. Sie orientiert sich an der Wertschöpfungskette und erweitert die Fertigungstiefe. Laterale oder diagonale Diversifikation ist die risikoreichste Form und stellt neue Produkte für neue Märkte her, ohne dass auf vor- oder nachgelagerte Stufen zurückgegriffen wird. In der amerikanischen Fachliteratur wird unterschieden nach:Philip Kotler, Friedhelm Bliemel: Marketing-Management. 2001, S. 129. Konzentrische Diversifizierung, bei der neue Produkte zwar technologisch nicht mit bisherigen verwandt sind, aber vorhandenen Kundengruppen dienen; konglomerative Diversifikation betrifft neue Produkte, die auf neuen Märkten angeboten werden und horizontale Diversifizierung sind neue Produkte, die sich an vorhandene Kundengruppen wenden. Diese Unterscheidung deckt sich nicht vollständig mit den Arten der deutschen Fachliteratur.
Diversifikation bei den betrieblichen Funktionen Die Diversifikation bei Unternehmen versucht innerhalb der Risikopolitik, Polystrukturen aufzubauen, die in den betrieblichen Funktionen der Beschaffung, Produktion, Finanzierung und Vertrieb eingesetzt werden können.
In der Beschaffung können Abhängigkeiten von einem einzigen Lieferanten oder Zulieferer durch Diversifikation abgebaut werden, wodurch das Risiko fehlender Redundanzen idiosynkratischer Geschäftsbeziehungen vermindert oder beseitigt wird. Mit Rückwärtsintegration wird diversifiziert, wenn beispielsweise ein Automobilhersteller einen Zulieferer von Einzelteilen durch Unternehmenskauf erwirbt; dies ist eine Diversifikation durch Rückwärtsintegration.Gerry Johnson, Kevan Scholes, Richard Whittington: Strategisches Management - Eine Einführung. 2011, S. 331. (books.google.de) Die Umstellung der Produktion von einem Einproduktunternehmen zum Mehrproduktunternehmen verringert das Produktionsrisiko im Produktionsprozess. Hierbei können Verbundeffekte mit Kostensenkungen auftreten, „wenn die Kosten der gemeinsamen Produktion zweier Produkte geringer sind als die einer getrennten Produktion“.David J. Teece: Economies of Scope and the Scope of the Firm. In: Journal of Economic Behavior and Organization. vol. 3, 1980, S. 224. Eine Erhöhung der Gesamtproduktion durch ein zweites Produkt führt zu sinkenden Stückkosten, etwa durch Vermeidung zusätzlicher Rüstkosten oder Verwendung gemeinsamer Bauteile.Philip Beckmann: Der Diversification Discount am deutschen Kapitalmarkt. 2006, S. 41. (books.google.de) Die Diversifikation ist der riskanteste Bestandteil der Produkt-Markt-Matrix nach Harry Igor Ansoff. Ein mögliches Maß zur Messung der Diversifikation ist der Berry-Index. Die Finanzierung wird diversifiziert durch die Aufteilung des Kapitalbedarfs oder Kapitalüberschusses auf mehrere unterschiedliche Gläubiger (Kreditgeber) bzw. Schuldner (Kreditnehmer).Matthias Bank, Wolfgang Gerke: Finanzierung: Grundlagen für Investitions- und Finanzierungsentscheidungen im Unternehmen. 2016, S. 210. (books.google.de) Dieser Diversifikationseffekt lässt sich erreichen etwa durch Kapitalerhöhung, um die Abhängigkeiten von einzelnen Gläubigern in der Fremdfinanzierung zu vermindern oder beim Fremdkapital durch Umschuldung auf viele Kreditgeber. Im Vertrieb kann durch Kundenakquise die Abhängigkeit von Großabnehmern gemildert werden oder die Verteilung der Produkte/Dienstleistungen auf verschiedene Märkte wie regionale oder nationale Streuung und Export.Konrad Liessmann: Gabler Lexikon Controlling und Kostenrechnung. 1997, S. 150 f. (books.google.de) Selbst beim Export ist eine Diversifikation möglich, um Abhängigkeiten zu einzelnen Importeuren oder einzelnen Staaten (Länderrisiko) zu vermeiden. Durch Vorwärtsintegration wird im Vertrieb diversifiziert, wenn etwa ein Produzent eine eigene Absatzkette aufbaut und sich dadurch von nachgelagerten Handelsstufen befreit.Ralf T. Kreutzer: Praxisorientiertes Marketing. 2010, S. 164. (books.google.de)
Energiediversifikation Die Energiesicherheit eines Staates hängt auch von seiner Energiediversifikation ab, also dem Anteil einzelner Energieträger an der gesamten Energieerzeugung. Deutschlands eigene Energiereserven sind gering. Deshalb ist das Land in besonders hohem Ausmaß auf Importe angewiesen.Weltenergierat: Energie in Deutschland. 2018, S. 111. Ein guter Energiemix muss nicht nur für die Verwendung verschiedener Primärenergiearten, sondern auch beim Import gegeben sein. Die deutsche Importabhängigkeit betrug 2017 etwa 70 %, wobei fossile Energieträger sogar bei 98 % (Erdöl) und 93 % (Erdgas) lagen, während erneuerbare Energien und Braunkohle zu je 100 % aus dem Inland stammten.Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 03/2018, S. 4. Nur bei den letzteren besteht Autarkie mit hohem Selbstversorgungsgrad. Die Abhängigkeit von Energielieferanten ist besonders hoch bei Erdgas und Erdöl. Die Rohöleinfuhren stammten 2017 zu 49 % aus Osteuropa/Asien, zu 23 % aus West- und Mitteleuropa (überwiegend Nordsee), zu 19 % aus Afrika, zu 7 % aus dem Nahen Osten und zu 2 % aus Amerika.Weltenergierat: Energie in Deutschland. 2018, S. 117. Hier ist die Energiepolitik gefordert, den Energiemix durch weitere Diversifizierung zu verbessern, um Energiesicherheit zu gewährleisten.
Diversifikation im Finanzwesen Kreditinstitute können im Vertrieb beispielsweise durch Finanzinnovationen diversifizieren. Eine Risikodiversifizierung des Kreditrisikos kann im Kreditgeschäft erreicht werden, indem Klumpenrisiken durch Granularität des Kreditportfolios beseitigt werden. Weitere Diversifizierung gibt es durch Risikoüberwälzung im Kredithandel, Sicherung durch Credit Default Swaps oder der Verbriefung. Universalbanken sind diversifizierter als Spezialbanken, weil sie viele Bankgeschäftsarten mehreren Zielgruppen anbieten. Investmentgesellschaften und Kapitalanlagegesellschaften dürfen Mittel nur nach dem Grundsatz der Risikomischung anlegen (vgl. KAGB, KAGB), was auf alle Anleger übertragen werden kann. Bei Versicherern bezieht sich die Diversifikation nicht nur auf neue Versicherungsarten, sondern auch auf die Erschließung neuer Vertriebswege (etwa Versicherungsmakler, Versicherungsvermittler, Allfinanz mit Kreditinstituten oder Direktvertrieb).Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth, Alfons Weiß: VersicherungsAlphabet (VA). 2001, S. 173. (books.google.de) Auch Versicherungen müssen gemäß Abs. 1 Nr. 7 und 8 VAG ihre Anlagen in angemessener Weise so mischen und streuen, dass eine übermäßige Abhängigkeit von einem bestimmten Vermögenswert oder Emittenten oder von einer bestimmten Unternehmensgruppe oder einem geographischen Raum und eine übermäßige Risikokonzentration im Portfolio als Ganzem vermieden werden und Vermögensanlagen bei demselben Emittenten oder bei Emittenten, die derselben Unternehmensgruppe angehören, nicht zu einer übermäßigen Risikokonzentration führen dürfen.
Diversifikation bei Geld- und Kapitalmarktanlagen Der Anleger kann bei der Kapitalanlage in Finanzprodukten diversifizieren, wenn er sein Vermögen nicht in ein einziges Finanzprodukt investiert, sondern auf unterschiedliche Anlageformen (z. B. Wertpapiergattungen wie Aktien, Anleihen, Investmentfonds usw.) sowie auf verschiedene Finanzdienstleister oder Emittenten – möglicherweise mit Sitz in verschiedenen Ländern – verteilt.
Hintergrund dieser verbreiteten Anlagestrategie ist die Risikodiversifikation, d. h. die Vermeidung eines möglichen Totalverlustes durch gleichzeitiges Investieren von Teilbeträgen in alternative, unterschiedlich riskante Anlageformen, so dass das Gesamtvermögen in diverse Finanzprodukte gestreut wird. Der gewünschte Effekt der Risikominderung wird dadurch bewirkt, dass zwei oder mehr Wertpapiere, die untereinander eine niedrige Korrelation aufweisen, miteinander in einem Portfolio kombiniert werden. Die so gewonnene Vermögensstruktur weist insgesamt ein geringeres Risiko auf als die jeweiligen Einzelpapiere. Voraussetzung für diesen Effekt ist, dass die zugrundeliegenden Wertpapiere nicht 100 % positiv korreliert sind; sie besitzen zueinander einen Korrelationskoeffizienten, welcher kleiner als 1 ist.
Beispiel Ein bestimmter Anlagebetrag wird nicht ausschließlich in Aktien eines Herstellers von Sonnenschirmen investiert, sondern anteilig auch in Aktien eines Produzenten von Regenschirmen – wie das Wetter auch wird, es wird nicht alles auf eine einzige Karte gesetzt. Jeder Emittent für sich alleine mag eine gute Rendite generieren und individuelle Risiken aufweisen, doch gemeinsam in einem Portfolio wird die Rendite bei deutlich geringerem Risiko erzeugt. Auf diese Weise gehen Investmentfonds und sogar Hedgefonds vor.
Die Risikodiversifikation in Abhängigkeit vom Korrelationskoeffizienten Rendite und Risiko stehen statistisch in der Portfoliotheorie in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander (Risiko-Ertrags-Verhältnis). Vereinfachend kann es als Aktien/Renten-Verhältnis in einem Wertpapierdepot bezeichnet werden. Als Risiko gilt die Varianz bzw. die Standardabweichung der Wertpapiere bzw. des Portfolios. Ein varianzminimales Portfolio lässt sich in Abhängigkeit vom Korrelationskoeffizienten herleiten. Wenn alle Wertpapiere im Portfolio zu 100 Prozent korreliert sind, gewichtet man das Wertpapier mit dem kleineren Risiko stärker.
Risiko der Anlagen Ein gebräuchliches Maß für das Kursrisiko eines börsennotierten Wertpapiers ist seine Volatilität, ausgedrückt als Standardabweichung – dies ist das sogenannte zweite Moment der Wahrscheinlichkeitsverteilung. Es kommen auch Momente höherer Ordnung als Risikomaße in Frage. Die Schiefe (drittes Moment) misst die Abweichung vom Erwartungswert der Normalverteilung. Man unterscheidet zwischen Rechts- und Linksschiefe. Darüber hinaus existiert die Kurtosis (viertes Moment). Sie misst die Werte am jeweiligen Ende der Normalverteilungskurve. Mit dem Auftreten von Hedgefonds gewinnen Risikomaße höherer Momente an Bedeutung, da deren Renditeverteilungen meist mit traditionellen Risikomaßen unzureichend erfasst sind.