mini|Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hält am 26. Juni 1963 vor 300.000 Zuhörern eine antikommunistische Rede vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin („Ich bin ein Berliner“).

Der Antikommunismus ist eine politische Grundhaltung, die sich mit jeweils unterschiedlichem Gewicht gegen die Theorien, Ideologien, die politischen Bewegungen und Gruppierungen sowie die Herrschaftsform des Kommunismus richtet.Gerhard Göhler/Klaus Roth: Kommunismus. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1993, ISBN 3-89331-102-5, S. 291. In Abgrenzung zum Antibolschewismus, der sich insbesondere gegen die Festsetzung und Ausbreitung von Verhältnissen richtete, wie sie in Sowjetrussland nach der Oktoberrevolution bzw. der Sowjetunion herrschten und oft antisemitisch motiviert war, deckt der Begriff Antikommunismus ein weitaus größeres Feld von politischen Bedeutungen ab. Der demokratische Antikommunismus versteht sich als Selbstschutz, Widerstand und Gegenmaßnahmen gegen den Kommunismus. Von kommunistischer Seite wird der Begriff zur Delegitimierung von Gegnern und Klassenfeinden gebraucht.Kurt Marko: Antikommunismus. In: Claus Dieter Kernig (Hrsg.): Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie. Bd. 1: Abbildtheorie bis Diktatur des Proletariats. Herder, Freiburg im Breisgau/Basel/Wien 1966, Sp. 238.

Als historisches und politisches Phänomen stellt der Antikommunismus keine einheitliche Weltanschauung bzw. Ideologie dar. Entscheidend und losgelöst von scheinbar nationalen Identitäten waren gesellschaftliche und wirtschaftliche Kräfte, welche unter dem Dachbegriff Antikommunismus ihre Interessen bündeln konnten. Daneben standen religiöse Überzeugungen (z. B. Katholizismus) oder in Gegnerschaft zum Kommunismus stehende politische Ideen oder Strömungen (z. B. Sozialdemokratie, Liberalismus, Konservatismus und Faschismus).

Entstehungsgeschichte

Deutscher Vormärz 1815–1848 Mit der Entstehung sozialistischer und erster kommunistischer Ideen im 19. Jahrhundert bildeten sich gleichsam die politischen Gegenbewegungen heraus. Während des so genannten Vormärz zwischen 1815 und 1848 übernahm die entstehende Arbeiterbewegung im wachsenden Maße sozialistisch formulierte Ideen, was bei Vertretern von Bürgertum und Aristokratie die Furcht vor der Zerstörung der gegebenen sozialen und politischen Ordnung auslöste.

Diese Frühformen antikommunistischer Ideologie und Politik entwickelten sich parallel zur Gründung der ersten sozialistischen Parteien weiter und erreichten ihren ersten Höhepunkt als Gegenbewegung zur russischen Revolution von 1917. Radikale Strömungen, von denen bewaffnete Aufstände ausgingen, lieferten bürgerlichen Regierungen bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert den konkreten Anlass, um die breit gefächerte sozialistische Arbeiterbewegung insgesamt mit entsprechenden Mitteln zu bekämpfen. In Frankreich kam es bei der Niederschlagung des Juniaufstands 1848 und bei dem Sieg über die Pariser Kommune im Jahr 1871 zu Massakern an Arbeitern. Damit wurde nach den Worten Thiers’ die „Zivilisation“ verteidigt. In Deutschland bestimmte die Angst des Bürgertums vor dem ‚vierten Stand‘ und den radikalen Teilen der Arbeiterbewegung wesentlich sein Verhalten während der Revolution 1848/49 mit, und später – nach der Reichsgründung – fand sie in den Sozialistengesetzen des Reichskanzlers Otto von Bismarck ihren Niederschlag.

Deutsches Kaiserreich 1871–1918 mini|Reichsgesetzblatt mit dem Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie 1878

Siehe: Sozialistengesetz

Oktoberrevolution 1917 Die Machtergreifung der Bolschewiki in der russischen Oktoberrevolution und die von ihnen ausgehende massive Unterdrückung politischer Gegner führte in den Russischen Bürgerkrieg zwischen der Roten Armee und der Weißen Armee, die von einer heterogenen Gruppe aus Konservativen, Demokraten, gemäßigten Sozialisten, Nationalisten und Monarchisten unterstützt wurde. Auch ausländische Interventionsstreitkräfte (etwa deutsche „Freikorps“-Einheiten) beteiligten sich. Bereits kurz nach der Oktoberrevolution kam es zu einer großangelegten Intervention alliierter Truppen, um die Revolution nach Möglichkeit im Keim zu ersticken. Im Sommer 1918 standen mit der American North Russia Expeditionary Force und der American Expeditionary Force Siberia beispielsweise 13.000 Angehörige der US-Army in Russland.

Antikommunismus spielte auch in den westlichen Ländern eine Rolle. Die antikommunistische Welle in den Vereinigten Staaten während des Ersten Weltkriegs und danach wird als Red Scare bezeichnet. So bekämpfte der amerikanische Generalstaatsanwalt Alexander Mitchell Palmer in den sogenannten Palmer Raids tatsächliche und angebliche Kommunisten und Anarchisten in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Im Dezember 1919 wurden 249 „resident aliens“ an Bord der UST Buford nach Russland verbracht, unter ihnen Emma Goldman. Der im Bürgerkrieg durch Bolschewiki und Monarchisten ausgeführte rote und weiße Terror gegen die jeweils andere Seite und gegen die Zivilbevölkerung wurde in der Berichterstattung oft ausgebaut durch Gräuelpropaganda der Kriegsparteien.

Weimarer Republik und Zeit des Nationalsozialismus mini|Plakat gegen den Spartakusaufstand in Berlin (1919) mini|Im Wahlplakat der Christlichsozialen Partei Österreichs (1920) werden antisozialistische und antisemitische Ressentiments miteinander verbunden 1919 wurde von Großindustriellen als Reaktion auf die Novemberrevolution die gegen die politische Linke positionierte Wirtschaftsvereinigung zur Förderung der geistigen Wiederaufbaukräfte gegründet. Die Führung dort hatte Alfred Hugenberg, der über diese Schleuse der DNVP regelmäßig hohe Beträge zugehen ließ.Ernst Jünger, Friedrich Hielscher. Briefe 1927–1985, herausgegeben und kommentiert von Ina Schmidt und Stefan Breuer, Stuttgart 2005, S. 331. Hugenberg finanzierte auf diese Weise auch den von ihm kontrollierten dezidiert antisemitischen völkisch-nationalistischenMatthias von Hellfeld, Akte Europa. Geschichte eines Kontinents, München 2006. Alldeutschen Verband.

1918 wurde auch die Antibolschewistische Liga des früheren Jugendführers des Zentrum und späteren Deutschnationalen, dann Nationalsozialisten Eduard Stadtler gegründet.Gerhard Schulz, Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg: 1918–1945, Göttingen 1982, S. 70. Geleitet wurde sie von einem „Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus“. Durch die Unterstützung aus der deutschen Industrie erhielt sie „mehr als reichliche finanzielle Mittel“. Auf Vorschlag von Hugo Stinnes stellte am 10. Januar 1919 ein Konsortium von Industriellen und Bankiers der Liga eine Deckungssumme von 500 Millionen Mark zur Verfügung. Sie hatte die Aufgabe, von gemäßigten Sozialdemokraten bis zu äußersten Rechten Antikommunisten in einer „Massen- und Dachorganisation“ zusammenzuführen. Anzeigen des Generalsekretariats publizierte auch das Zentralorgan der SPD, der „Vorwärts“. Sie hatte nur ein kurzes Leben und war unter anderem Namen („Liga zum Schutz der deutschen Kultur“) dann in den 1920er Jahren ein unbedeutender Zusammenschluss.Björn Laser, Kulturbolschewismus!: Zur Diskurssemantik der „totalen Krise“ 1929–1933, Frankfurt a. M. [u. a.] 2008, S. 65.

Die SPD stand bei der Verteidigung der Weimarer Republik gegen ihre Feinde von rechts und von links in einer klaren Gegnerschaft gegen die KPD. Auf die kommunistischerseits seit Mitte der 1920er Jahre erhobenen Vorwurf des Sozialfaschismus antworteten Sozialdemokraten mit dem Gegenvorwurf des Linksfaschismus: Bei einer Rede auf einer Gaukonferenz des Reichsbanners 1930 in Eßlingen beschimpfte etwa der damalige Regionalfunktionär Kurt Schumacher die Kommunisten als „rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten“Wolfgang Benz: Der Kampf gegen den Nationalsozialismus vor 1933, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung, H. 243 (2003), online. und „stehende Heere der sowjetischen Außenpolitik“Willy Albrecht, Kurt Schumacher, Bonn 1985, S. 25.. „Der Faschismus“, so Karl Kautsky 1930, sei „nichts als das Gegenstück“ des Kommunismus, „Mussolini nur der Affe Lenins.“ Otto Wels und Rudolf Breitscheid bezeichneten Faschisten und Kommunisten als „Zwillingsbrüder“ (1931).Mike Schmeitzner: Der Totalitarismusbegriff Kurt Schumachers, in: ders. (Hrsg.): Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2004, S. 249–282, hier S. 255.

Für die NSDAP wurde der Antikommunismus erst später einer ihrer zentralen Ideologeme. In seinen politischen Anfängen hatte Adolf Hitler den Hauptgegner noch in den kapitalistischen angelsächsischen Mächten gesehen, die er teilweise mit dem Judentum gleichsetzte. Furcht vor dem Kommunismus äußerte er auch nach dem Sieg der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg nicht. Den Bolschewismus hielt er damals noch für ein Mittel der Entente, unabhängige Staaten ihrer Plutokratie zu unterwerfen. Das 25-Punkte-Programm der NSDAP vertrat einen entschieden antikapitalistischen Antisemitismus.Brendan Simms: Antisemitism and Anti-(International) Capitalism in the Early Thought of Adolf Hitler, 1919–1924. In: Antisemitism Studies 7, no. 1 (2023), S. 137–140. Als Gefahr verstand Hitler Marxismus und Bolschewismus erst in seiner 1924 und 1925 entstandenen Programmschrift Mein Kampf, die er als Versuch des verhassten Judentums ansah, die Weltherrschaft zu erringen, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte. Außerdem flossen noch geostrategische Überlegungen zu einem angeblich notwendigen Lebensraum im Osten in seinen Antikommunismus ein.Wolfgang Wippermann: Antibolschewismus. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1997, S. 364. In seiner Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf am 26. Januar 1932 versprach er den anwesenden Großindustriellen die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und warb um Unterstützung für seine Partei. Die deutschen Wirtschaftsführer spendeten aber erst nach einem Treffen mit Hitler am 20. Februar 1933 hohe Geldsummen zur Finanzierung der NSDAP.Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 260–268 und S. 393–396.

1936 schlossen sich das NS-Regime und die japanische Militärdiktatur zum antikommunistischen Antikominternpakt zusammen. In den folgenden Jahren traten nahezu alle nichtdemokratisch verfassten Staaten Europas bei: das faschistische Italien (1937), das gerade bei der Niederschlagung der Republik in Spanien erfolgreiche Franco-Regime (1939), die ungarische Militärdiktatur (1939), die bulgarische „Königsdiktatur“ unter einem „Zaren“ (1941), das faschistische Ustascha-Regime in Kroatien (1941), das klerikal-faschistische Tiso-Regime in der Slowakei, das antisemitische Militärregime von Ion Antonescu in Rumänien, das mit dem NS-Regime kooperierende Finnland, dessen Regierung eine Koalition aus bürgerlich-konservativen Kräften mit der faschistischen Vaterländischen VolksbewegungAgilolf Keßelring, Die Nordatlantische Allianz und Finnland 1949–1961. Perzeptionsmuster und Politik im Kalten Krieg, München 2009, S. 165. war (1941) sowie das besetzte Dänemark.Claudia Prinz, Der Antikominternpakt, Deutsches Historisches Museum, 15. Oktober 2015.