mini|Büste des Thukydides, Gipsabguss im Puschkin-MuseumZum Original in Holkham Hall siehe mit umfangreichen Literaturhinweisen. mini|Statue vor dem Wiener Parlamentsgebäude Thukydides (; * vor 454 v. Chr.; † wohl zwischen 399 v. Chr. und 396 v. Chr.) war ein aus aristokratischen Verhältnissen stammender athenischer Stratege und einer der bedeutendsten Historiker der griechischen Antike. Seine bis heute ungemein einflussreiche Geschichte des Peloponnesischen Krieges (der Originaltitel ist nicht überliefert) blieb zwar unvollendet, begründete aber in methodischer Hinsicht eine dem Ideal neutraler Wahrheitssuche verpflichtete Geschichtsschreibung, die einem objektiv-wissenschaftlichen Anspruch genügen will.Thukydides 1,20–22.

Bedeutsam für Thukydides’ Auffassung der geschichtlichen Wirkkräfte sind insbesondere seine Annahmen zur Natur des Menschen und zu den Motiven menschlichen Handelns, die auch die politischen Verhältnisse grundlegend beeinflussen. Den Sinn seiner Aufzeichnungen sah er darin, der Nachwelt „ein Besitztum für immer“Thukydides 1,22: (auch „Werk für die Ewigkeit“) zu hinterlassen. Als markantestes Beispiel für den langfristigen Erfolg dieses Vorhabens erwies sich die Unterscheidung zwischen diversen kurzfristigen Anlässen des Peloponnesischen Krieges und dessen langfristigen Ursachen, die er in der grundsätzlichen Rivalität zwischen den damaligen griechischen Großmächten, der Seemacht Athen und der Landmacht Sparta, sah. Ebenfalls bis in die Gegenwart bedeutsam ist der machtpolitisch exemplarische Melierdialog.

Die heutige Forschung ist sich uneins darüber, inwieweit Thukydides seinem eigenen Anspruch auf Objektivität gerecht geworden ist. Teilweise in Zweifel gezogen wird unter anderem seine Darstellung der Rolle des Perikles bei der Entstehung des Peloponnesischen Krieges.

Lebensstationen Eine auch nur in den Grundzügen annähernd vollständige Lebensbeschreibung des Thukydides ist wegen des Mangels an Quellen nicht möglich. Das Wenige, was als gesichert gelten kann, beruht auf Eigenbezeugungen von Thukydides, die er an vier Stellen seines Werkes über den Peloponnesischen Krieg ohne autobiographische Absicht hat einfließen lassen.Thukydides 1,1; 2,48; 4,104–107; 5,26 Einzelne Hinweise finden sich bei Plutarch. Eine erste überlieferte Auseinandersetzung mit seiner Lebensgeschichte datiert ca. ein Jahrtausend später; weitere obskure Kurzviten standen seiner Epoche noch ferner.Holger Sonnabend: Thukydides. Hildesheim 2004, S. 9. Eklatante Lücken und verbleibende Ungewissheiten sind folglich wesentliche Merkmale des folgenden Überblicks.

Herkunft und Werdegang Thukydides wurde spätestens 454 v. Chr. geboren, weil er mindestens 30 Jahre alt sein musste, um das Strategenamt bekleiden zu können, das er 424 v. Chr. innehatte. Das attische Bürgerrecht besaß er wie sein Vater auf Grund seiner Zugehörigkeit zum Demos Halimos der Phyle Leontis an der Westküste Attikas. Väterlicherseits gab es eine thrakische Abstammungslinie, denn der Vater trug den thrakischen Namen Oloros und vererbte dem Sohn Besitzungen in Thrakien sowie die Nutzung der dortigen Goldbergwerke.Antonios Rengakos in: Thukydides: Der Peloponnesische Krieg. Griechisch–Deutsch, übersetzt von Michael Weißenberger, mit einer Einleitung von Antonios Rengakos. De Gruyter, Berlin und Boston 2017, S. 7 f. Thukydides verfügte demnach über beträchtliches Vermögen und konnte sich daher schließlich ganz seinen historischen Studien widmen.

Die verwandtschaftlichen Beziehungen nach Thrakien legen noch in anderer Hinsicht die Zugehörigkeit des Thukydides zu herausgehobenen Kreisen der attischen Gesellschaft nahe. Oloros hieß auch jener thrakische König, dessen Tochter Hegesipyle den bei Marathon siegreichen Feldherrn Miltiades heiratete und deren politisch in Athen lange Zeit höchst einflussreicher Sohn Kimon nach Plutarch mit Thukydides verwandt war.Plutarch, Kimon 4 Das Interesse für Staatsangelegenheiten, Machtfragen und Militäroperationen, das Thukydides’ Darstellung des Peloponnesischen Krieges kennzeichnet, könnte ihm also schon von Hause aus zugewachsen sein. Sein spätantiker Biograph Markellinos sieht in ihm einen Schüler des Philosophen Anaxagoras, des Sophisten Antiphon und vermutet, er habe auch Vorträge Herodots gehört.Will, 2015, S. 66, bestätigend: „Er bekundet jedenfalls schon im Vorwort ein frühes Interesse an dem neuen Metier, das später Geschichtsschreibung heißen sollte. Die Auseinandersetzung mit Herodot, dem niemals mit Namen genannten Vorbild, das zu übertreffen der Stachel war, der ihn antrieb, ist aber vermutlich auf das Werk beschränkt.“

Bereits unmittelbar bei Ausbruch des Peloponnesischen Krieges, so betont Thukydides gleich eingangs seines Werkes, sei ihm die beispiellose Bedeutung dieser kriegerischen Auseinandersetzung der griechischen Großmächte bewusst gewesen, und so habe er sofort mit Aufzeichnungen des Geschehens begonnen.Thukydides 1,1 Ein weiteres Mal erwähnt Thukydides sich selbst im Zusammenhang mit der Schilderung der Attischen Seuche, die unter den in ihren Mauern von den Spartanern eingeschlossenen Athenern 430 v. Chr. ausbrach und verheerend um sich griff; an ihr erkrankte auch er.Thukydides 2,48 Seine anschauliche und sachverständige Darstellung der Krankheit ist heute eine wichtige Quelle für Medizinhistoriker. Bemerkenswert ist nicht nur Thukydides’ kenntnisreiche Beschreibung der Seuche, sondern auch sein Wissen um die gewonnene Immunität der Überlebenden gegen eine spätere Wiederansteckung:

Um welche Krankheit es sich handelte, ist allerdings umstritten. Über 200 Veröffentlichungen zum Thema bringen zumindest 29 Möglichkeiten (von Ebolafieber bis Typhus) ins Spiel.M. J. Papagrigorakis, C. Yapijakis, P. N. Synodinos, E. Baziotopoulou-Valavani: DNA examination of ancient dental pulp incriminates typhoid fever as a probable cause of the Plague of Athens. In: International journal of infectious diseases: IJID : official publication of the International Society for Infectious Diseases. Band 10, Nummer 3, Mai 2006, S. 206–214, doi:10.1016/j.ijid.2005.09.001, PMID 16412683. Thukydides’ genaue Schilderung des oft als Pest gedeuteten Geschehens entfaltete beträchtliche Nachwirkungen, in der Antike zum Beispiel in De rerum natura bei Lukrez und im 20. Jahrhundert bei Camus in seinem Roman Die Pest.Will, 2015, S. 244

Stratege im Archidamischen Krieg Für das Jahr 424 v. Chr. wurde Thukydides in das Zehnerkollegium der Strategen gewählt, in eine militärische Führungsposition also, die zugleich als letztes politisch bedeutendes Wahlamt der Attischen Demokratie fungierte. Die zehn Kollegen übten das Amt unter Aufgabenteilung parallel aus. Thukydides sah sich vor die Aufgabe gestellt, das thrakische Amphipolis vor der Übernahme durch den spartanischen Feldherrn Brasidas zu schützen, der um die Stadt einen Belagerungsring errichtet hatte und die Übergabe erzwingen wollte. Die Bürgerschaft von Amphipolis tendierte unterschiedlich; aber zunächst waren die zur Verteidigung Entschlossenen noch in der Überzahl, sodass Thukydides, der eine halbe Tagesreise entfernt auf Thasos stationiert war, mit sieben Trieren zu Hilfe eilte.Thukydides 4,104

Brasidas habe, so Thukydides, im Wissen um den Einfluss des anrückenden Gegners in Thrakien, seine Bemühungen um die Einnahme von Amphipolis verstärkt und den Bewohnern der Stadt so attraktive Bleibe- oder wahlweise Wegzugskonditionen zugesichert, dass sie ihm die Stadt tatsächlich übergaben, bevor Thukydides am Abend eintraf. Dem blieb bei seinem Ankommen nur noch die Sicherung der benachbarten Siedlung Eion am Strymon, die nach seiner Einschätzung andernfalls am nächsten Morgen ebenfalls an Brasidas gefallen wäre.Thukydides 4,105f. Gleichwohl lasteten die Athener den Verlust von Amphipolis, des wichtigen Stützpunkts in der Nord-Ägäis, ihrem Strategen Thukydides als schuldhaftes Versagen an und fassten einen Beschluss zu seiner Verbannung. Unsicher ist, ob er die Verurteilung überhaupt abwartete oder ob er ihr durch freiwilliges Fernbleiben von Athen bereits zuvorkam.

Der Historiker schildert dieses Geschehen, aus dem zwei Jahrzehnte erzwungenen Fernbleibens von Athen für ihn folgten, ebenso nüchtern und scheinbar unbeteiligt wie die übrigen Begebenheiten des Peloponnesischen Krieges, ganz so, als habe der Chronist Thukydides mit dem Strategen Thukydides nichts zu tun.Will, 2015, S. 229. „Indes war Brasidas in Sorge wegen der Flottenhilfe von Thasos, hatte auch vernommen, daß Thukydides die Nutzung der Goldbergwerke in diesem Teil Thrakiens besaß und daher einer der mächtigsten Männer des Festlandes war; so eilte es ihm, die Stadt womöglich vorher zu besetzen, denn wenn Thukydides erst da wäre und die Menge in Amphipolis wieder auf Entsatz hoffe durch die Bundestruppen, die er vom Meer und aus Thrakien heranbringen würde, so würde der Anschluß nicht mehr zustande kommen.“ (Thukydides 4,105) Seinem spartanischen Kriegskontrahenten Brasidas aber zollte Thukydides – wie sonst nur ganz wenigen – höchstes Lob für das, was er für Sparta leistete:Will, 2015, S. 124. „Denn damals gleich bewog er durch sein gerechtes und maßvolles Auftreten in den Städten die meisten zum Abfall [von Athen] […] und für den nachmaligen Krieg nach den sizilischen Ereignissen machte nichts so wie Brasidas’ edle Haltung und Einsicht von damals, die die einen aus Erfahrung kannten, die andern dem Gerücht glaubten, die Verbündeten Athens begierig auf Sparta.“Thukydides 4,81

Langjährig verbannter Geschichtsforscher Über die mit der Verbannung verbundene grundlegende Wendung im eigenen Leben berichtet Thukydides im Zuge seiner chronologisch angelegten Darstellung der Kriegsereignisse zunächst aber gar nicht. Er bringt sie erst mit großer zeitlicher Verzögerung zur Sprache, neun Jahre nach dem Fall von Amphipolis und seinem Weggang aus Athen, als er die Wiederaufnahme offener Feindseligkeiten, die den Nikiasfrieden ablösten, mit einer Überleitung zu seiner Schilderung des Kriegsfortgangs verbindet. Dabei fehlt auch jeder Hinweis auf die konkreten Umstände seiner Abberufung als Stratege und auf die der Verbannung zugrunde liegende Anklage, Verhandlung und Entscheidung:

Es ist möglich, dass Kleon, den Thukydides sehr negativ schildert, an der Verbannung maßgeblich beteiligt war.Vgl. die Bemerkung in der Thukydidesvita des Marcellinus (Vita Thuk. 46). Darüber, wo und wie Thukydides die 20 Jahre in Verbannung verbracht hat, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Angenommen wird, dass er die meiste Zeit auf seinen thrakischen Besitzungen verbrachte. Den zitierten Hinweis in seinem Geschichtswerk, er habe infolge der Verbannung Näheres zu beiden Kriegsparteien erforschen können, hat man teilweise so verstanden, dass er reisend viele Vor-Ort-Recherchen durchgeführt habe. Dafür sprächen etwa seine eingehenden Kenntnisse der politischen Verhältnisse in Korinth. Wegen seiner detaillierten Schilderung der Umstände des Ausschlusses der Spartaner von den Olympischen Spielen 420 v. Chr. wird teils auch seine persönliche Anwesenheit in Olympia zu dieser Zeit für wahrscheinlich gehalten. Ebenso möglich ist aber, dass ihm jeweils Informanten für die einzelnen Begebenheiten zur Verfügung standen.