mini|hochkant=1.2|Darstellung der männlichen Geschlechtsorgane (Gray, vor 1858) mini|hochkant=1.2|Prostata und Samenblasen
Die Prostata (von ‚Vorsteher‘, ‚Vordermann‘) oder Vorsteherdrüse ist bei allen männlichen Säugetieren zum einen eine akzessorische Geschlechtsdrüse zur Herstellung eines Teils der Spermaflüssigkeit und zum anderen ein Muskelkomplex zur Kanalumschaltung zwischen Blasenleerung und Ejakulation. Sie liegt beim Menschen unterhalb (bei Tieren entsprechend hinter) der Harnblase und umkleidet den Anfangsteil der Harnröhre bis zum Beckenboden. Sie gleicht beim Mann in Größe und Form einer Kastanie. An die Rückseite der Prostata grenzt der Mastdarm. Deshalb kann sie vom Enddarm aus mit den Fingern ertastet und beurteilt sowie in sexuellem Kontext auf diesem Weg durch Prostatamassage stimuliert werden.
Anatomie mini|Die Lage der Prostata
Die Prostata liegt subperitoneal, das heißt unter (bei Tieren entsprechend hinter) dem Bauchfell. Sie ruht auf dem Diaphragma urogenitale und schmiegt sich von kaudal (beim Menschen unten, bei Vierfüßern hinten) an den Hals der Harnblase an. Dorsal (zum Rücken hin) wird sie durch den Mastdarm begrenzt, ventral (zum Bauch hin) durch die Schambeinfuge. Mit dieser ist sie durch ein Band, das Ligamentum puboprostaticum, verbunden. Durch die Mitte der Prostata verläuft die Harnröhre. Aus diesem Grund kann es bei einer krankhaften Vergrößerung der Prostata zu Problemen beim Wasserlassen bis hin zum Blasenverschluss kommen.
Anatomisch lässt sich die Prostata in einen rechten, linken und mittleren Lappen untergliedern: Lobus prostatae dexter, Lobus prostatae sinister und Isthmus prostatae (Lobus medius). Die funktionelle Gliederung in Zonen nach McNeal unterscheidet die periurethrale Zone (um die Harnröhre herum), die Transitionalzone (Übergangszone), die zentrale Prostatazone (Innenzone), die periphere Prostatazone (Außenzone) und die drüsenfreie vordere Prostatazone.
Durch die Prostata verläuft beim Menschen außerdem der paarig angelegte Spritzkanal (lat. Ductus ejaculatorius), durch den während der Ejakulation ca. 70 % des Ejakulat-Volumens hindurchfließen, nämlich die Fraktionen aus dem gleichseitigen Nebenhoden und aus der gleichseitigen Bläschendrüse.H. Nguyen et al.: Normal Human Ejaculatory Duct Anatomy: A Study of Cadaveric and Surgical Specimens. In: The Journal of Urology. Band 155, Nr. 5, S. 1639–1642.
Innerhalb der Prostata verlaufen entlang der Harnröhre zwei langgestreckte (longitudinale) Muskelsysteme. An der Vorderseite (ventral) verläuft der Harnröhrenerweiterer (Musculus dilatator urethrae), an der Rückseite (dorsal) der Muskel zum Samenausstoß (Musculus ejaculatorius).Michael Schünke, Erik Schulte, Udo Schumacher: PROMETHEUS Innere Organe. LernAtlas Anatomie. Band 2: Innere Organe. Thieme, Stuttgart / New York 2012, ISBN 978-3-13-139533-7, S. 298, PDF.
Funktion Mechanische Funktion als Weiche Die Prostata umschließt die Harnröhre unterhalb des Blasenausgangs. Sie kann ihre innere Form verändern und wirkt wie eine Weiche, indem sie bei Erektion des Penis nur Spermienflüssigkeit aus dem Spritzkanal des Samenleiters hindurchlässt und dabei die Harnröhre am Blasenausgang verengt. Ohne Erektion hingegen behält dieser Teil der Harnröhre seinen normalen Durchmesser und bei Blasenleerung sogar eine aktive Erweiterung. Die Prostata sorgt somit dafür, dass durch die Harnröhre nur jeweils Urin oder nur Sperma fließt, niemals beides gleichzeitig.
Auslöser der inneren Formveränderungen sind in der Hauptsache die beiden Muskelsysteme entlang der Harnröhre innerhalb der Prostata, an der Vorderseite (ventral) der Harnröhrenerweiterer (Musculus dilatator urethrae) und an der Rückseite (dorsal) der Muskel zum Samenausstoß (Musculus ejaculatorius). Bei operativen Eingriffen in die Prostata, z. B. wegen Prostatavergrößerung, ist die Schädigung oder Schonung dieser beiden Muskelsysteme je nach Wahl des Verfahrens und je nach Durchführung des gewählten Verfahrens in höchstem Maße unterschiedlich, mit entsprechend unterschiedlicher Beeinträchtigung oder Bewahrung von Blasenleerung und Ejakulation.Michael Schünke, Erik Schulte, Udo Schumacher: PROMETHEUS Innere Organe. LernAtlas Anatomie. Band 2: Innere Organe. Thieme, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-540-21966-8, S. 298 (Volltext als PDF). (Siehe auch: Operationen bei Prostatavergrößerung)
Funktion als Drüse Die Prostata ist eine exokrine Drüse mit Ausführungsgängen in die Harnröhre. Sie besteht aus circa 30 bis 50 Einzeldrüsen, genauer tubuloalveolären Drüsen. Diese produzieren ein Sekret, das bei der Ejakulation in die Harnröhre abgegeben wird und sich dort mit den Spermien vermischt. Das Sekret macht beim Menschen etwa 30 % des Ejakulates aus.Theodor Heinrich Schiebler: Anatomie: Histologie, Entwicklungsgeschichte, makroskopische und mikroskopische Anatomie, Topographie. 9. Ausgabe, Springer, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-540-21966-8, S. 624. Das Prostatasekret hat einen pH-Wert von 6,4. Zum anderen enthält das Prostatasekret ein biogenes Amin zur Zellproliferation, welches bewegungsauslösend auf die Spermien wirkt. Des Weiteren wird aus den Epithelzellen der Prostata das prostataspezifische Antigen (PSA) sezerniert. Es handelt sich um eine Serinprotease, welche das Ejakulat durch Spaltung bestimmter Proteine dünnflüssiger macht. Das PSA ist ein wichtiger laborchemischer Marker für Erkrankungen der Prostata, insbesondere bei Prostatakrebs.
Blutversorgung und Lymphdrainage Die die Prostata versorgenden Arterien entspringen hauptsächlich Ästen der Arteria iliaca interna (innere Beckenarterie), besonders der Arteria vesicalis inferior (untere Blasenarterie, bei Tieren als hintere Blasenarterie, Arteria vesicalis caudalis, bezeichnet), aber auch der Arteria pudenda interna (innere Schamarterie) und Arteria rectalis media (mittlere Mastdarmarterie).
Die Venen der Prostata bilden einen Plexus (Geflecht) um ihre Seiten und ihre Basis. Dieser Plexus venosus prostatae entleert sich in die Vena iliaca interna (innere Beckenvene). Außerdem hat er nach kranial (kopfwärts) Verbindungen mit dem Plexus venosus vesicalis (Venengeflecht der Harnblase) und nach dorsal (zum Rücken) mit dem Plexus venosus vertebralis internus (inneres Venengeflecht der Wirbelsäule). Die Lymphdrainage der Prostata erfolgt durch Lymphgefäße, die sich in die Lendenlymphknoten und die Kreuzlymphknoten entleeren.
mini|300px|Die klinisch bedeutsamen Zonen innerhalb der Prostata. Anatomische Bezeichnung in englischer SpracheFairleigh Reeves, Wouter Everaerts, Declan G. Murphy, Anthony Costello: Chapter 29 - The Surgical Anatomy of the Prostate. In: Jack H. Mydlo, Ciril J. Godec: Prostate Cancer: Science and Clinical Practice. 2nd. edition, Academic Press, Amsterdam 2016, ISBN 978-0-12-800077-9, S. 253–263.
Innervation Die Prostata wird durch Sympathikus und Parasympathikus innerviert. Die sympathischen Fasern entstammen dem Plexus hypogastricus inferior. Sie innervieren die Ausführungsgänge und die glatten Muskelzellen. Die parasympathischen Fasern entstammen den Rückenmarkssegmenten S2–S5. Sie verlaufen als Nervi splanchnici pelvici ebenfalls zum Plexus hypogastricus inferior. Sie enden unter der Basalmembran des Epithels.
Feinbau Säugetiere Bei den Nichtprimaten unterscheidet man vergleichend-anatomisch einen kompakten Drüsenkörper (Corpus prostatae, fehlend bei Schafen und Ziegen) und in die Harnröhrenwand eingelagerte Einzeldrüsen (Pars disseminata, „verstreuter Teil“, fehlt bei Pferden).
Das Corpus prostatae ist bei Hunden, Katzen, Rindern, Schweinen und Pferden in einen linken und rechten Lappen unterteilt. Beim Hund ist es relativ am größten, beide Lappen verschmelzen weitestgehend und umschließen die Harnröhre vollständig, bei den anderen Tieren liegt es jeweils seitlich an der Harnröhre und in direkter Nachbarschaft zur davor liegenden Samenblasendrüse. Bei Nagetieren besteht die Prostata aus drei paarigen Lappen, wobei der am weitesten vorn gelegene Lobus cranialis meist als Koagulationsdrüse bezeichnet wird. Die anderen beiden Lappen (Lobus dorsalis und ventralis) liegen dahinter, seitlich und ober- oder unterhalb der Harnröhre. Bei Hasenartigen lassen sich beidseits zwei Lappen (Lobus dorsalis und ventralis) unterscheiden.
Die Ausführungsgänge der Prostata münden seitlich des Samenhügels in den Beckenteil der Harnröhre.
Mensch mini|Histologischer Schnitt durch die Prostata
Der Querschnitt der Prostata kann in drei Zonen unterteilt werden, die sich in den Ausführungsgängen der Drüsen unterscheiden: die periurethrale Mantelzone, die Innenzone und die Außenzone. Die Ausführungsgänge der Drüsen in der inneren Zone enden direkt in die Harnröhre. Die Drüsen in der äußeren Zone sammeln ihr Sekret in gemeinsamen Ausführungsgängen, bevor sie in der Harnröhre enden. Diese Einteilung ist bei der Entstehung von Tumoren von Bedeutung (s. unten).
Die Ausführungsgänge (Ductuli prostatici) der Prostatadrüsen in der Prostata münden im Sinus prostaticus beidseits des Colliculus seminalis (Samenhügel) der Harnröhre. Ihr Drüsenepithel ist funktionsabhängig entweder einschichtiges Plattenepithel oder mehrreihiges hochprismatisches Epithel. Der Hohlraum (Lumen) der Drüsen enthält Concretio prostatica, konzentriertes geschichtetes Sekret.
Das Drüsenepithel setzt sich aus drei Zelltypen zusammen: am häufigsten sind basale und luminale sekretorische Zellen, die unterschiedliche Keratin-Subtypen exprimieren und sich dadurch unterscheiden lassen. Luminale Zellen zeichnen sich zudem durch die Expression von prostataspezifischem Antigen und Androgenrezeptor aus. Sehr viel seltener kommen als dritter Typ neuroendokrine Zellen vor, die anhand der von ihnen produzierten Neuronenspezifischen Enolase und verschiedener Neuropeptide identifiziert werden können. Stammzellen in der basalen Zellschicht bilden vermutlich die Vorläufer aller dieser Zelltypen.
Zwischen den Drüsen liegen glatte Muskelzellen, die sich bei der Ejakulation zusammenziehen und so das Sekret ausstoßen, und Bindegewebe mit elastischen Fasern, das sogenannte Stroma myelasticum prostatae.
Außen wird die Prostata von einer Bindegewebskapsel, der Capsula prostatica umschlossen.
Physiologie In der Prostata wird ein Teil der Samenflüssigkeit produziert, die bei der Ejakulation ausgestoßen wird. Dieses Sekret (Prostatasekret) bildet zusammen mit den Samenzellen aus dem Hoden, dem Sekret der Samenblase (vesicula seminalis) und dem Sekret der Bulbourethraldrüse das Sperma.
Das Sekret der Prostata ist leicht sauer (pH-Wert etwa 6,4), dünnflüssig und trübe und gibt dem Sperma den charakteristischen Geruch. Das Sekret enthält zahlreiche Enzyme, die die Spermien für die Befruchtung benötigen.
Das Polyamin Spermin fördert die Beweglichkeit und die Befruchtungsfähigkeit der Samenzellen. Weiterhin sind im Prostatasekret Phosphatase, Zitronensäure, Cholesterin und Zink enthalten.
Als Corpora amylacea oder Prostatakörperchen werden Beimengungen von Prostatasekret im Harnsediment bezeichnet.
Ontogenetische Entwicklung Das Epithel (Deckgewebe), das die Harnröhre umgibt, ist entodermalen Ursprungs. Im Gegensatz dazu sind das Bindegewebe und die glatte Muskulatur, die dieses umgibt, mesodermalen Ursprungs. Das Epithel beginnt beim menschlichen Embryo gegen Ende des dritten Schwangerschaftsmonats zu proliferieren (sich zu vermehren) und dringt in das umgebende Gewebe ein. Aus den so entstandenen Knospen bildet sich bei männlichen Ungeborenen unter Einfluss der männlichen Sexualhormone Testosteron und Dihydrotestosteron (DHT) die Prostata.
Die Paraurethraldrüse der Frau wird zwar von manchen Autoren als der männlichen Prostata homologes Organ angesehen, die ontogenetischen Ähnlichkeiten und Unterschiede sind jedoch noch ungeklärt und Gegenstand weiterer Forschung.R. Toivanen, M. M. Shen: Prostate organogenesis: tissue induction, hormonal regulation and cell type specification. In: Development. Band 144, Nr. 8, April 2017, S. 1382–1398, , PMID 28400434, (Review).