mini|hochkant=1.5|Sozialer Wandel und technischer Fortschritt (Tschuwaschen aus Russland)
Als sozialer Wandel – auch gesellschaftlicher Wandel genannt – werden die prinzipiell unvorhersehbaren Veränderungen bezeichnet, die eine Gesellschaft in ihrer sozialen und kulturellen Struktur über einen längeren Zeitraum erfährt. Kommt es zu tiefgreifenden Veränderungen innerhalb einer für soziale Wandlungsprozesse relativ kurzen Zeitspanne, so wird auch von Umbruch gesprochen.
Demnach umfasst dieser Begriff beispielsweise im Allgemeinen die Entwicklung der Arbeits- und Handlungssysteme, der sozialen Schichtung und Mobilität, der Religion, Familienstrukturen und sozialen Normen oder Traditionen, die Veränderungen von Institutionen oder neue Gesetze, die das gesellschaftliche Leben prägen oder gesellschaftlichen Wandel reflektieren (z. B. Urheberrecht seit dem 18. Jahrhundert, Bürgerliches Gesetzbuch seit 1900 oder modernes Sexualstrafrecht).
Das Phänomen des sozialen Wandels wird in verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen, so z. B. in der Ethnologie, Soziologie, Psychologie sowie in den Geschichtswissenschaften erforscht.
Begriffe Der Begriff „sozialer Wandel“ wird vor allem in der soziologischen Literatur verwendet und dient als Sammelbezeichnung für alle beobachtbaren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen.Das Politiklexikon. Website der Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 28. Juli 2013. Das bedeutet nicht, dass der einzelne Mensch sich innerhalb seiner Lebensspanne des sozialen Wandels stets bewusst ist.
In der Anthropologie wird eher der Begriff „Kultureller Wandel“ dem des sozialen Wandels bevorzugt, womit jegliche Art kultureller Veränderung im Zeitablauf gemeint ist, auch solche Veränderungen, die nicht direkt beobachtet werden können. Das sind beispielsweise die Ideen und Weltanschauungen der Menschen.Fuchs-Heinritz, W.; Klimke, D.; Lautmann, R.; Rammstedt, O.; Stäheli, U.; Weischer, C.; Wienold, H. (ggf. Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. Springer VS, Berlin 1981.
In diesem Sinne ist der Begriff Kulturwandel einerseits umfassender; andererseits schließt die empirische Betrachtung des Kulturwandels in Form der Kulturgeschichte oft den Wandel der Wirtschafts- und Sozialstruktur sowie die Veränderungen von Machtverhältnissen aus.
Einen Unterschied macht es, ob man den sozialen Wandel einer spezifischen Gesellschaft, also einen einmaligen historischen Fall, oder die Triebkräfte des sozialen Wandels schlechthin beschreiben will. So geht die multilineare Evolutionstheorie Gerhard Lenskis davon aus, dass es viele Pfade des sozialen Wandels in verschiedenen Gesellschaften gibt. Auch wird zwischen partiellem und totalem Wandel, also Wandel innerhalb von gesellschaftlichen Teilsystemen oder der Gesamtgesellschaft unterschieden, ferner zwischen evolutionärem, also weitgehend stetigem, und disruptivem Wandel und zwischen auf ein Entwicklungsziel ausgerichtetem (teleologischem) und ungerichtetem Wandel. Eine Sonderform radikalen sozialen Wandels ist nach Ralf Dahrendorf die Revolution. Raymond Boudon unterscheidet reproduktive soziale Prozesse (Abwesenheit von Wandel), kumulative Prozesse des Wandels und Prozesse der vollständigen Transformation.Raymond Boudon: La logique du social. Introduction à l’analyse sociologique. Hachette Littérature. 1979. Kap. V, VI.
Der Begriff des gesellschaftlichen Wandels konkurriert mit anderen Begriffen wie „Entwicklung“, „Evolution“, „Fortschritt“ oder „Modernisierung“.Stefan Immerfall: Sozialer Wandel in der Moderne. Neuere Forschungsergebnisse zum Prozeß gesellschaftlicher Modernisierung im 19. und 20. Jahrhundert. neue politische literatur, 36, 1991, S. 5–48. Die Verwendung dieser Begriffe impliziert nach der Aussage vieler Autoren eine Vorentscheidung für eine bestimmte Theorie; ganz offensichtlich ist das der Fall beim Begriff Fortschritt.Gerhild Tesak: Fortschritt. Stichwort im: Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet, utb, Stuttgart, abgerufen am 19. Februar 2016. William Fielding Ogburn hat 1922 mit seinem Werk Social Change hingegen den neutralen, theoretisch nicht vorbelasteten Begriff Sozialer Wandel eingeführt.
Theorien des sozialen Wandels Moderne Theorien des sozialen Wandels gehen von einer zeitlichen Abfolge von Strukturformen und Strukturprinzipien aus,Wolfgang Schluchter: Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): Tübingen 1979, ISBN 3-16-541532-3, S. 13. im Gegensatz zu älteren Evolutions- und Fortschritts-Theorien, welche den Geschichtsablauf quasi-teleologisch mit einer unilinearen Entwicklung darstellen.
Aspekte des sozialen Wandels, die die Neuentstehung oder Aufgliederung von sozialen Positionen, Lebenslagen und/oder Lebensstilen betreffen, werden als Soziale Differenzierung bezeichnet.
Die Bestimmung der Ursachen von sozialem Wandel ist recht komplex. Versuche, den Wandel monokausal durch einen einzelnen Faktor zu erklären (z. B. durch technische Entwicklung, ökonomische Basis, Kultur, Religion etc.), gelten heute als ungeeignet. Man geht vielmehr von einer weitreichenden Interdependenz der sozialen Handlungsfelder und Bereiche aus, wobei einzelne Bereiche anderen Bereichen vorauseilen können.
Frühere Theorien des gerichteten Wandels Für Auguste Comte beruhte der soziale Wandel vor allem auf der zunehmenden Nutzung wissenschaftlicher Methoden in allen Lebensbereichen, für Karl Marx in Widersprüchen zwischen den Produktivkräften einer Gesellschaft und ihren Eigentums- und Klassenverhältnissen (den von ihm so genannten Produktionsverhältnissen). Soziologen und Kulturtheoretiker des späten 19. Jahrhunderts zogen oft Darwins Evolutionstheorie zur Erklärung des sozialen Wandels heran. So verglich Herbert Spencer den sozialen Wandel von Gesellschaften mit der Entwicklung lebender Organismen. Émile Durkheim sah als wichtigste Triebkraft und Ausdrucksform des sozialen Wandels den Anstieg der gesellschaftlichen Komplexität an. William Fielding Ogburn prägte den Begriff „sozialen Wandel“ und führt ihn auf technische Erfindungen zurück. Für Talcott Parsons bestand sozialer Wandel vor allem im Wandel einer normativen Kultur. Der Wandel führte zu Störungen des Gleichgewichts zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen, die die Stabilität des Gesamtsystems gefährden und neuen Wandel nach sich ziehen. Insgesamt ist nach Parsons dieser Prozess als Modernisierungsprozess anzusehen, der mehr Wohlstand und Bildung für alle mit sich bringt.
Konfliktorientierte Theorien Alle genannten Theorien ignorierten weitgehend Machtaspekte. Moderne mehrdimensionale Theorien des sozialen Wandels haben gemeinsam, dass sie ihr Augenmerk auf Interessengegensätze, Konflikte und Entwicklungsrückstände und die dadurch erzeugten sozialen Spannungen richten.
Zu den Konflikttheorien des sozialen Wandels kann vor allem die Theorie Karl Marx’ gezählt werden; zu ihren Vorläufern ist das Werk Thomas Hobbes’ zu rechnen, der das Streben nach Macht als Quelle gesellschaftlicher Veränderungen ansieht. Zwar postuliert auch Marx, dass es eine bestimmte Entwicklungsrichtung des gesellschaftlichen Wandels gibt, aber er sieht, dass jedes neue Stadium mit neuen Formen von sozialer Ungleichheit verbunden ist, die durch massive Konflikte überwunden werden muss. Vilfredo Pareto erklärte sozialen Wandel mit der Zirkulation der Eliten. Auch Lewis Coser sieht in den Konflikten zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen in jeder Gesellschaft eine Haupttriebkraft des sozialen Wandels. Für Max Weber hängen informelle Macht- bzw. institutionalisierte Herrschaftsausübung und sozialer Wandel implizit zusammen: Formen traditionaler Herrschaft zielen eher auf Verhinderung sozialen Wandels, legale Herrschaftsformen kanalisieren ihn durch Regeln und institutionelle Satzungen, charismatische Herrscher hingegen können weitreichenden sozialen Wandel initiieren. Schon Margaret Mead hatte hervorgehoben, dass die ersten Schritte des sozialen Wandels nie auf demokratische Weise eingeleitet werden. Ralf Dahrendorf sah den sozialen Wandel hervorgerufen durch den „Antagonismus von Anrechten und Angebot“, der sich im sozialen Konflikt „zwischen fordernden und saturierten Gruppen“ entlädt.Ralf Dahrendorf: Der moderne soziale Konflikt. DVA, Stuttgart 1992, S. 8. Lewis Mumford sieht den Beginn der Zivilisation – und des beschleunigten sozialen Wandels – in der frühen Jungsteinzeit, als die Menschen, die durch Arbeit Wissen erlangten und über die Rohstoffe zur Herstellung technischer Geräte verfügten, ihre Macht über andere entdeckten. Im Laufe der Zeit ersetzten die Bedingungen dieser Minderheit – die durch Herrschaft, Kontrolle und Vermehrung von Reichtum gekennzeichnet waren – die ursprünglichen herrschaftslosen (segmentären) Ordnungsmuster. Die so entstandenen Klassengesellschaften entwickelten neue materielle Bedürfnisse und Wertvorstellungen. Daraus entstand soziale Ungleichheit als „Motor“ des sozialen Wandels.
Den Konflikttheorien zufolge setzt sozialer Wandel immer dann ein, wenn im Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung soziale Spannungen entstehen, und ist mit Elitenwechsel verbunden. Herrschende soziale Klassen oder Schichten erleiden dadurch einen Statusverlust, ihre Legitimation leidet. Stattdessen treten neue Elitegruppen auf, die größere innovative Fähigkeiten zeigen. Auch äußere Einflüsse wie ein verlorener Krieg können diesen Statusentzug bewirken.Bettina Eckl, David Prüm: Einführung in Entwicklungsländerstudien, Teil III: Entwicklungsstrategien. Kapitel 31: Entwicklungstheorien. Hochschule der Medien, Stuttgart 1998/99.
In Prozessen des sozialen Wandels spielt auch der Generationenkonflikt eine wichtige Rolle. Mit dem Satz „Ich bin, weil ich etwas bewirke“ drückte Erich Fromm die Ansicht einer Reihe von Forschern aus, die darin den eigentlichen Antrieb zu jeglichem Wandel sehen. Es sei ein existentielles, genetisch verankertes Bedürfnis des Menschen, etwas aktiv zu bewirken, zu verändern, zu hinterlassen – der primäre Ausdruck des freien Willens.Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Reinbek 1977, S. 184. Nach Veränderung streben insbesondere die Heranwachsenden beim Lösungsprozess von den Eltern (Adoleszenz) und sozial benachteiligte Menschen.Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Beck, München 2013. Insofern sind unterschiedliche Generationen unterschiedlich aktive Träger des sozialen Wandels.
Strukturelle und kulturalistische Theorien des sozialen Wandels Für Margaret Mead beginnt sozialer Wandel immer mit neuen Ideen Einzelner, die von kleinen Gruppen in kleinen Welten übernommen werden. Auch Bronisław Malinowski trennte noch nicht scharf zwischen dem Wandel einer Kultur und dem einer Gesellschaft, der sich aus der Unzufriedenheit mit einer aktuellen Situation oder unerträglichen Formen des Ungleichgewichts einer Gesellschaft ergibt.
Mit Alfred Radcliffe-Brown setzte in den 1950er Jahren eine deutlichere Unterscheidung der Begriffe des sozialen und kulturellen Wandels ein. Als entscheidend für den sozialen Wandel galten in den 1950er bis 1970er Jahren vor allem die technologische Entwicklung und das kapitalistische Wirtschaftswachstum, die im Strukturwandel der Wirtschafts-, Regional- und Sozialstruktur ihren Ausdruck fanden (z. B. Urbanisierung, Demokratisierung, These von der Mittelstandsgesellschaft). Die Dominanz dieser Modernisierungstheorien führte dazu, dass der Blick sich vor allem auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen richtete und die Beiträge der individuellen Akteure und ihrer Sinndeutungssystemen vernachlässigt wurde.