mini|Vogtherr d. J., Heinrich: Der Narr, um 1540 – Frnhd.: Dero Narren lache Jch Allenn / Denn nůr Jirñ Kolbñ thůn gefalleñ Deutsch: – Euer Narren lache ich allen, denn nur ihre Kolben (Marotte) tun gefallen.
Als Narr oder weiblich Närrin wird eine Person bezeichnet, welche sich töricht verhält oder sich auf lächerliche Weise irreführen oder täuschen lässt. Es gibt daneben den Narren als ein bildliches und literarisches Motiv, das auch eine enge Beziehung zur Fastnacht hat und konkrete visuelle Attribute herausbildete. Darüber hinaus spricht man vom Narren, wenn jemand diesen für ein Publikum spielt, ohne einer zu sein. Diese drei sind sehr unterschiedlich, beeinflussten sich in ihrer Entstehungsgeschichte und Wahrnehmung aber gegenseitig, so dass sie nur schwer voneinander zu trennen sind. „Durch ihre soziale Ausnahmestellung und durch ihre Losgelöstheit vom gesamten Ordo-Gefüge waren die Narren.....zwangsläufig auch in ihrem Tun und Handeln an keinerlei Normen gebunden. Darauf beruht die inzwischen sprichwörtlich gewordene Narrenfreiheit.“ Sie wird in mittelalterlichen Texten definiert als „omnem dicendi libertatem impune ferre (die Freiheit, alles zu sagen, ohne dafür bestraft zu werden)“.
Der Narr in der Gesellschaft Der Auftritt des Narren in der Öffentlichkeit hat eine kulturelle und politische Funktion. In der närrischen Jahreszeit (11. November bis Aschermittwoch) wird der Wechsel vom Narren zum König durchgespielt, im Kölner Karneval tritt ein Mann als »Jungfrau« auf, die Bürgermeister müssen in dieser Zeit den Schlüssel zur Stadt übergeben. So werden die politischen Kämpfe symbolisch – gewaltfrei und unter Lachen – noch einmal auf die Bühne gebracht: „Die Inszenierung einer verkehrten Welt, in welcher die Narren das Kommando übernahmen, überlebte … trotz offizieller Verbote der christlichen Kirche durch das Mittelalter bis in die Gegenwart.“
Künstliche und natürliche Narren Im Mittelalter unterschied man zwei Arten von Narren, die „natürlichen“ und die „künstlichen“ Narren. Als „natürliche Narren“ galten sogenannte Geisteskranke, geistig Behinderte und Missgestaltete. Die „künstlichen Narren“ waren Menschen, die sich dumm oder tölpelhaft stellten, absichtlich Scherze trieben („Schalksnarren“). Diese Menschen mussten ein gewisses Maß Intelligenz besitzen, um glaubwürdig in die Rolle des Narren schlüpfen zu können. Man erfreute sich ihrer Unterhaltung und entwickelte eine gewisse Sympathie und Bewunderung ihnen gegenüber. Zu den „natürlichen Narren“ dagegen wahrte man lieber Distanz; diesen Menschen drohte je nach Ausmaß ihrer Missbildung die Isolierung von der Gesellschaft. Manche Städte unterhielten „Stadtnarren“, die zur allgemeinen Belustigung Späße treiben durften. Ihre Entlohnung bestand meist aus erbettelten Gaben.
Im frühen Hochmittelalter waren es vor allem körperlich Behinderte oder Kleinwüchsige, Hofzwerge, die wie Raritäten zum Teil in Käfigen gehalten wurden, aus denen man auch (wie im Sprichwort) „einen Narren machte“. Die Herrscher wetteiferten darin, wer den spektakulärsten Narren in seiner Sammlung hatte. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren es zunehmend Menschen, die sich nur dumm stellten oder über besonderes künstlerisches oder humoristisches Talent verfügten, die als Unterhalter engagiert wurden. Teilweise gab es an Höfen Narrenausbilder, die auffällige Kinder aus der Umgebung zusammensuchten und sie zu Hofnarren ausbildeten.
Närrische Schriften und Reden im Umfeld der Kirchen Auch die Päpste Paul II., Julius II. und Leo X. haben Hofnarren beschäftigt, Hadrian IV. lehnte sie ab. Auch kirchliche Institutionen (Papst, Kardinäle, Bischöfe, Priester und Mönche) missbrauchen die Macht und werden daher von satirischen Schriftstellern unter dem Deckmantel närrischer Kritik kommentiert. Zu ihnen gehört Thomas Murner aus Straßburg, der 1520 eine Streitschrift gegen die Verkäuflichkeit der weltlichen Obrigkeit und die Torheit der Theologen verfasste ebenso wie Johann Geiler von Kaysersberg, Professor für Theologie in Freiburg (1476) und Domprediger in Straßburg (1478). Er predigte häufig in Bezug auf Sebastian Brants Narrenschiff. Johannes Pauli, ein Franziskanermönch aus dem Elsass veröffentlichte 1522 unter dem Titel „Von Schimpff und Ernst“, Kurzgeschichten „zur Besserung der Menschen“.
Im Straßburger Münster war in der Nähe des Schwalbennestes der Orgel eine für die Kirchenbesucher deutlich sichtbare lebensgroße mechanische Puppe angebracht (der Rohraffe, auch: Roraffe), die vom Orgelpult aus hin und her bewegt werden konnte. Gelegentlich versteckte sich ein Mann mit weittragender Stimme hinter dieser Figur in der Orgel und „führte gotteslästerliche Reden und deklamierte Spottverse auf die geistliche und weltliche Obrigkeit… ganz besonders an Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes und der Heiligen Weisheit.“
In den Akten des Pariser Konzils von 1212 werden Geistliche erwähnt, die gleichzeitig als Hofnarren tätig sind: Sie gehen ihrer Standesrechte verlustig, wenn sie das länger als ein Jahr tun.
Etymologie Die Herkunft des deutschen Wortes Narr (mhd. narre, ahd. narro) ist nicht sicher geklärt. Der Romanist Friedrich Christian Diez hat eine Ableitung vom spätlat. Wort nārio in der Bedeutung von Nasenrümpfer, Spötter empfohlen.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. de Gruyter, Berlin / New York 1975, Lemma Narr.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007, Lemma Narr. Es existieren eine Reihe von Bezeichnungen, die teilweise synonym genutzt werden, aber nicht immer deckungsgleich sind: z. B.: Tor, Schalk, Schelm, Gaukler. Das betrifft auch die Begriffsgeschichte in nicht-deutschsprachigen Kulturen. Andere Autoren vermuten, dass das Wort Narbe die sprachliche Wurzel mit dem Begriff Narr teilt und somit etwas Eingeschrumpftes, Verkrüppeltes, also auch den geistig beschränkten Menschen meint. Auch verwachsene Früchte an Bäumen werden Narren genannt.
Entstehungsgeschichte mini|Insipiens um 1250, Ausschnitt aus einer Initiale in einer frz. Handschrift. Während Psalm 110 den Stab zum Attribut des Königs erklärt, erscheint der Narr hier mit einer Art Keule. In der anderen hält er ein Brot, das sich auf den gleichen Psalm bezieht. mini|Abbildung aus dem Narrenschiff: Die Narren werden vom Antichrist, dem der Teufel ins Ohr flüstert, mit herabgeworfenen Geldsäcken angelockt, worauf diese kentern. Die Christen in sant peters schifflin werden von Petrus gerettet. Der Umstieg vom Narrenschiff in das Kirchenschiff war die ritualisierte Erwartung an die Fastnachtnarren.
Das Motiv des Narren ist biblischen Ursprungs. Das Buch der Psalmen nennt ihn in der lateinischen Version noch Insipiens (wörtlich: einsichtslos, unverständig, töricht, lernunfähig, unverbesserlich):
In den deutschen Übersetzungen finden wir für Insipiens die Benennung Narr. Luther nutzt in seiner Übertragung noch die Bezeichnung T[h]or.
Die Textstelle markiert den Beginn eines Psalms, weshalb in den Handschriften häufig eine illustrierte Initiale eingefügt wurde, die den Insipiens darstellt. Anhand dieser Darstellungen in verschiedenen Bibelausgaben über mehrere hundert Jahre hinweg kann die visuelle Entwicklung des Narrentypus mit der Entstehung und Veränderung seiner spezifischen Attribute belegt werden.
Der biblische Kontext zeigt aber auch, wie die Idee des Narren in ihrem Anfang zu verstehen war. Der Insipiens ist das Gegenteil vom Sapiens (siehe auch: Homo Sapiens), dem weisen Menschen, der an späterer Stelle des gleichen Buches erwähnt wird:
Demzufolge lebe der weise Mensch in der Erkenntnis Gottes. Dem Narren fehle diese Gotteserkenntnis.
Der Narr und der Teufel sind darum in der Wahrnehmung eng miteinander verwandt und werden gemeinsam als Gegenspieler Gottes verstanden. Vor allem in der Fastnacht komplettieren sich die beiden Figuren gegenseitig. Das geht zurück auf Augustinus, der Anfang des 5. Jahrhunderts seine Schrift Vom Gottesstaat verfasste. Dieser stehe, so Augustinus, in bleibendem Gegensatz zum sogenannten civitas terrena bzw. diaboli (dem irdischen Reich unter der Herrschaft des Teufels).
Um 1400 übertrugen Theologen dieses Modell auf die Fastnacht, in der der Teufel los sei, während in der Fastenzeit die Menschen wieder gottgefällig leben. In der Folge trugen die Menschen zur Fastnacht Teufels-Verkleidungen, die teilweise aus den Requisiten der Kirche entliehen wurden, die zu Prozessionszwecken gedient hatten. Mitunter wurden aber auch ganz neutrale Masken (sogenannte Glattlarven) genutzt, die eher freundlich erschienen. Dahinter, so die Vorstellung, verberge sich aber niemand anderes als der Teufel selbst. Um 1500 kam dann neben den Teufeln und Verführern der Narr als weiterer Figurentypus hinzu.
Narrenattribute
mini|hochkant|Narrenspiegel am Rathaus von Nördlingen
Im weiteren Verlauf des Mittelalters veränderte sich diese Figur hin auf eine Karikatur der Menschen in der Gesellschaft, nicht zuletzt der Herrscher. Jetzt trug sie ein, in den mittelalterlichen Kleiderordnungen nicht vorgesehenes farbiges Kleid, oft ein Mi-Parti, das mit Schellen behängt war, oder ein graues Gewand, das an das Fell des Esels erinnern sollte. Die Keule hatte sich als Gegenstück zum Zepter zur Marotte weiterentwickelt, an der sich ein kleines Köpfchen befindet, später wahlweise zum Spiegel, einem Zeichen, dass der Narr verblendet und blind für Gott sei. Oftmals wird die Figur mit einer Gugel, einer zipfeligen Mütze oder Kappe dargestellt, die ebenfalls mit Schellen behangen ist. Ein angedeuteter Hahnenkamm und Eselsohren gehörten genauso dazu. Die Kappen sind die Gegenstücke fürstlicher Kronen.
Die Kleidung realer Menschen wie Hofnarren und Menschen mit geistigen Behinderungen wurden zeitweise mit Narrenattributen versehen, um anderen erkennbar zu machen, dass sie diese nicht ernst nehmen oder vorsichtig sein sollten. Im Sachsenspiegel, dem ältesten deutschen Rechtstext, ist ein geistig Behinderter abgebildet, der einen anderen schlägt. Er trägt illustrativ das Narrenkleid. Der Sachsenspiegel sagt, dass diese Menschen rechtlich nicht belangt werden sollen, sondern deren Vormund.Cod. pal. germ. 164: Heidelberger Sachsenspiegel, 13r. Weitere Verlinkungen mit Versionen der Handschrift unter: Universitätsbibliothek Heidelberg, Bibliotheca Palatina- digital
Hofnarr
Griechische und römische Antike Die Ursprünge der Institution des Hofnarren liegen bereits in der griechischen und römischen Antike. Erste Beschreibungen finden sich in Xenophons Satire Symposion: Dort gehört der Komödiant (gelotopoios), der die Gäste nachahmt, ihnen ständig widerspricht oder sie auf andere Weise belustigt, zum Programm eines gelungenen Abends.Fiona Hobden: How to be a good symposiast and other lessons from Xenophon’s Symposium. In: The Cambridge Classical Journal. Band 50, 2004, S. 121–140. Philipp II. von Makedonien, der Vater Alexanders des Großen, unterhielt eine „Gesellschaft der Sechziger“, deren Aufgabe es war, provozierende Sprüche zu verfertigen. Daher entstand „das Sprüchwort, wenn einer etwas Lächerliches gesagt hatte: Dieses haben die Sechziger gesagt.“ Lukian berichtet Szenen mit dem Spaßmacher Satyrion, „einem hässlichen Kerl mit einem geschorenen Kopfe und noch einigen wenigen übrig gebliebenen Haaren“. Im Dialog Der in die Enge getriebene Zeus schildert er eine Diskussion zwischen Zeus und Kyniskos, der dem Gott ständig widerspricht.