mini|hochkant|Werbung für das Desinfektionsmittel Lysoform für Kriegsverwundete (1917)

Desinfektion macht einen wesentlichen Teil der antiseptischen Arbeitsweise aus. Laut dem Deutschen Arzneibuch (DAB) bedeutet Desinfektion: „totes oder lebendes Material in einen Zustand versetzen, dass es nicht mehr infizieren kann“.

Zur Desinfektion können chemische oder physikalische Verfahren eingesetzt werden. Es gibt verschiedene Listen mit geprüften Desinfektionsmitteln und -verfahren, in denen diese nach verschiedenen Einsatzbereichen aufgeführt sind: Hygienische und chirurgische Händedesinfektion, Hautantiseptik, Flächen-, Instrumenten-, Wäsche- und Raumdesinfektion sowie Desinfektion von Abfällen. Diese Maßnahmen gehören zum Teil zur Basishygiene.

Technisch wird zwischen Desinfektion und Sterilisation unterschieden. Von Desinfektion spricht man bei einer Keimreduktion in einem festgelegten Testverfahren mit bestimmten Prüfkörpern um einen Faktor von mindestens 10−5, das heißt, dass von ursprünglich 1.000.000 vermehrungsfähigen Keimen (sogenannten koloniebildende Einheiten (KbE)) nicht mehr als zehn überleben (Ausnahme: Wäschedesinfektionsverfahren: Keimreduktion um einen Faktor von mindestens 10−7). Auch zur Konservierung werden desinfizierende Verfahren angewandt.

Maßeinheit für Keimreduktion Eine log10-Stufe ist eine Maßeinheit für Keimreduktion um jeweils eine Zehnerpotenz: Eine log10-Stufe reduziert die vorhandene Keimmenge um 90 %; von der Ursprungspopulation 100 haben lediglich zehn überlebt. Das Händewaschen mit Seife entspricht zwei log10-Stufen und reduziert damit die Keimzahl um 99 %. Eine Desinfektion wird erst mit etwa vier bis sieben log10-Stufen erreicht.; abgerufen am 21. Februar 2019.

Desinfektionsplan Der Desinfektionsplan regelt die Einzelheiten der Reinigung, Desinfektion und Sterilisation mit detaillierten Indikations-, Produkt- und Dosierangaben sowie Einwirkzeiten. Er ist Teil des Hygieneplans, den Gesundheitseinrichtungen aus Infektionsschutzgründen vorhalten müssen. In Gesundheitseinrichtungen mit sehr geringem Leistungsumfang kann der Reinigungs- und Desinfektionsplan die Minimalvariante eines Hygieneplans darstellen.

Chemische Desinfektionsmittel mini|hochkant|Moderner, berührungsloser Desinfektionsmittelspender mini|C4 Feindesinfektionsmittel für Händedesinfektion mit Benzalkoniumchlorid und Formaldehyd des VEB Leuna-Werke (DDR).

Desinfektionsmittel sind chemische Substanzen zur Flächen-, Instrumenten- oder Hautdesinfektion sowie zur Wasserentkeimung. Je nach Krankheitserreger (z. B. Bakterien, Viren, Pilzen, Sporen) spricht man diesbezüglich von Bakteriziden, Viruziden (siehe auch Virusinaktivierung), Fungiziden und Sporiziden (siehe auch Biozid und antimikrobielle Substanzen). Sie sind zu unterscheiden von Arzneimitteln wie Antibiotika, Virustatika und Antimykotika, auch wenn diese teilweise ebenfalls oberflächlich eingesetzt werden können.

Oxidationsmittel als Wirkstoffe Alle Stoffe, die als Oxidationsmittel Sauerstoff abspalten, sind bakterizid und wirken sowohl gegen behüllte wie auch unbehüllte Viren. Gegen Pilze, Sporen und Tuberkuloseerreger sind sie nur teilweise und in begrenztem Umfang effektiv (siehe folgende Tabelle). Wirkstoff Sporen AnwendungPeressigsäuresporizidOberflächen, InstrumenteChlordioxidschnell sporizidOberflächen, Instrumente, WasserWasserstoffperoxidlangsam sporizidOberflächen, Instrumente, Wasser, Haut, SchleimhautNatriumhypochloritsporizidOberflächen, Instrumente, Wasser, HautChlorlangsam sporizidWasser, InstrumenteOzonlangsam sporizidWasser, Instrumente; Ozon für FahrzeugeChloramin TsporizidOberflächen, Wasser, Instrumente, Haut, SchleimhautIodlangsam sporizidHaut, Schleimhaut

Jodtinktur wurde 1908 von Antonio Grossich (1849–1926) zur Desinfektion der Patientenhaut vor Operationen in die Chirurgie eingeführt.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 59. Wasserstoffperoxid (H2O2) ist als dreiprozentige wässrige Lösung zur Desinfektion von Haut und Schleimhaut geeignet, weil es nur Organismen an der Oberfläche tötet, im Gewebe hingegen durch Katalase/Peroxidase zersetzt wird. In höheren Konzentrationen (meist 30 %) wird es in Medizin, Pharmazie und Lebensmittelherstellung zur Sterilisation von Instrumenten und Behältern eingesetzt. Die Begasung von Räumen und raumlufttechnischen Anlagen zu Dekontaminationszwecken mit H2O2 kann bei Erfüllung bestimmter Anforderungen eine wirksame Alternative zum Einsatz von Formaldehydgas darstellen.Detlef Reichenbacher, Marc Thanheiser, Dominique Krüger: Aktueller Stand zur Raumdekontamination mit gasförmigem Wasserstoffperoxid. (PDF). In: Hyg Med, 2010, 35 , S. 204–208; abgerufen am 9. Juni 2015.

Weitere Wirkstoffe Wirkstoff Bakterien Tuberkulose Sporen Pilze Viren AnwendungAldehyde (Formaldehyd, Glutaraldehyd/1,5-Pentandial)bakterizidtuberkulozidsporizidfungizidviruzid (behüllt und unbehüllt)Raum-, Geräte- und FlächendesinfektionEthylenoxidbakterizid?sporizidfungizidviruzidOberflächen, Instrumente, thermolabile Arzneimittel, (PDF, 125 kB). FLUGS-Fachinformationsdienst am Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Stand März 2004, S. 3. LebensmittelAlkohole (bspw. Ethanol, 1-Propanol)bakterizidtuberkulozidwirkungslosfungizidteilweise viruzid (nur behüllt)Haut, Schleimhaut, Oberflächen, InstrumentePhenole (Chlorxylenol, Triclosan)bakterizid/bakteriostatisch?wirkungslosfungizidviruzid (variabel)Haut, Schleimhaut, Oberflächen, InstrumenteStickstoffverbindungen (z. B. quartäres Ammoniumsalz bspw. Benzalkoniumchlorid)bakterizid (eingeschränkt bei Gram-negativen)?wirkungslosfungistatischteilweise viruzidHaut, SchleimhautWeitere Detergentien (bspw. auch Tenside wie Cetyltrimethylammoniumbromid)bakterizid (variabel)?wirkungslosfungistatischwirkungslosHaut, SchleimhautChlorhexidinbakteriostatisch?wirkungslosfungistatischvirustatischHaut, SchleimhautGuanidinderivate (bspw. Cocospropylendiaminguanidiniumacetat)bakterizid?sporizidfungizidvirustatischOberflächen, RäumeOctenidin (Octenidindihydrochlorid, oft in Kombination mit Phenoxyethanol)bakterizidtuberkulozidwirkungslosfungizidviruzidHaut, SchleimhautPolyhexanidebakterizidtuberkulozidwirkungsloswirkungslosviruzid (behüllt und unbehüllt)Haut, SchleimhautKupfer, organische Quecksilberverbindungen, SilberbakterizidwirkungsloswirkungsloswirkungsloswirkungslosSilber: Infektionsprophylaxe in Wundauflagen, Beschichtung von Kathetern, Wasserentkeimung Legende: / /

Auch viele Tenside, insbesondere kationische Tenside wie Benzalkoniumchlorid haben eine biozide Wirkung.

Sporizide Ein Wirkstoff, der Sporen keimunfähig machen kann, ist ein sporizider Wirkstoff bzw. ein Sporizid. Zu den Sporiziden gehören die in der Tabelle aufgeführten Wirkstoffe wie Peressigsäure, Wasserstoffperoxid, Ozon und Natriumhypochlorit. Es sind stark reagierende bzw. schnell zerfallende Oxidationsmittel. Sie müssen gegen Wärme und Licht geschützt aufbewahrt und chemisch stabilisiert werden, falls sie nicht gleich nach der Herstellung zur Desinfektion eingesetzt werden sollen.

Wasserstoffperoxid bildet mit Peressigsäure und Essigsäure eine „schnell“ sporizide Mischung, die durch die Essigsäure stabilisiert wird. Solche Mischungen werden nur im professionellen Bereich – Reinraumtechnik – eingesetzt. Als Beimischung zu Alkoholen kann Wasserstoffperoxid deren Wirkung bei der Händedesinfektion verbessern.

Sporizide Desinfektionsmittel benötigen eine Mindesteinwirkzeit, um die panzernde Hülle der Spore zu durchdringen. Diese erforderliche Einwirkdauer ist dann das Maß für seine Effizienz als Sporizid.Dieser Abschnitt beruht hinsichtlich chemischer Einzelheiten wieder auf , in Hinsicht auf Sporen auf: Jörg Dressler, Peter Koger: Sporen und Sporizide – der besondere Zweikampf im Sterilbereich. Steriltechnik 1/2003, GIT Verlag, Darmstadt, S. 29–32.

Eine Sporizidie wird nach der EN Norm 13704 mit Sporen von Bacillus subtilis getestet. Damit ein Wirkstoff bzw. Desinfektionsmittel als sporizid eingestuft werden kann, muss eine 3-log-Reduktion bei Sporen hervorgerufen werden.

Testverfahren für chemische Desinfektionsmittel Die Prüfungen und Testverfahren für Desinfektionsmittel sind sehr zahlreich und unterscheiden sich erheblich in ihren rechtlichen Vorgaben und Durchführungen voneinander.

Je nach Einsatzgebiet und Wirkspektrum kommen explizite genormte Verfahren zum Einsatz. (z. B. als Biozide in der Human- und Veterinärmedizin oder der Lebensmittelindustrie, sowie als Pestizide Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft)

Tiefergehend wird bspw. separiert nach:

der Anwendung (auf der Haut- u. Schleimhaut, Oberflächen, Instrumenten, im Trinkwasser, als Medizinprodukt oder Arzneimittel etc.) der Form (Spray, fertige Lösung, getränkte Tücher, Pulver, Gel, Schaum etc.) der Applikationsmethode (Sprüh- oder Wischdesinfektion, Luftfiltration, Vernebelung etc.)

Nach EU Biostoffverordnung Nr. 388/2012 bietet die EN 14885 einen Überblick über zu erfüllende Normen im bioziden (Humanen) Einsatzbereich. Bei der Auswahl des richtigen Mittels und der Art der Anwendung sollte unbedingt fachlicher Rat eingeholt werden, um gesundheitlich schädigende Wirkungen zu vermeiden und die Wirksamkeit des Mittels sicherstellen zu können!

Zur Prüfung von Flächendesinfektionsmitteln werden nach der Europäischen Norm CEN TC 216 WG1 und WG3 Testorganismen eingesetzt.

Auslobung Testorganismen Phase 2 Stufe 1 Phase 2 Stufe 2 Bakterizid Pseudomonas aeruginosa, Staphylococcus aureus, Enterococcus hirae EN 13727 EN 13697 Fungizid, Levurozid Candida albicans, Aspergillus brasiliensis EN 13624 EN 13697 Mykobakterizid Mycobacterium terrae, Mycobacterium avium EN 14348 EN 14563 sporizid Sporen von Bacillus subtilis EN 13704 – Tuberkulozid Mycobacterium terrae EN 14348 – Viruzid Poliovirus, Adenoviridae, Murines Norovirus EN 14476 –

In der Phase 2 / Stufe 1 werden in einem quantitativen Suspensionsversuch zunächst in-vitro unter praxisnahen Bedingungen auf nicht-porösen Oberflächen die mikrobioziden Eigenschaften geprüft. Diese Tests werden ohne den Einfluss manueller oder maschineller Reibung und Druck durchgeführt und geben noch keine Auskunft über die Wirksamkeit bei praktischer Anwendung. Sie bilden allerdings die Grundlage für die Durchführung der folgenden Phase 2 / Stufe 2 Testverfahren.

In der Phase 2 / Stufe 2 wird die vom Hersteller ausgelobte Wirksamkeit für die praktische Anwendung im Einsatzgebiet geprüft. Dazu muss das Mittel in der EU nachweisen, ob es in Kombination mit einem Wischtuch in der Lage ist, eine mit einem Test-Keim kontaminierte Probefläche ausreichend zu desinfizieren. (EN 16615)

Entsorgung

Für die korrekte Entsorgung von Desinfektionsmitteln ist deren Konzentration relevant. In gebrauchsfertigen Lösungen, wie bspw. Flüssigkeiten, Sprays oder Tüchern, die für die Hand- oder Hautdesinfektion genutzt werden, ist der desinfizierende Wirkstoff stark verdünnt. Gleiches gilt für Gebrauchslösungen, die bei der Flächen- oder Instrumentendesinfektion z. B. in Krankenhäusern, Arztpraxen oder Pflegeeinrichtungen angewendet werden. Für die korrekte Entsorgung sind vorhandene Herstellerinformationen laut Sicherheitsdatenblatt zu berücksichtigen. Bei den gebrauchsfertigen, stark verdünnten Lösungen findet meist die Abfallschlüsselnummer 180107 (Chemikalienabfälle) Anwendung.

Anders verhält es sich bei Konzentraten: diese müssen als gefährlicher Abfall entsorgt werden. Die Sammlung muss in dicht verschlossenen Spezialbehältern erfolgen. Der Transport ist nach Gefahrgutrecht zu organisieren. Die Entsorgung erfolgt mit der Kennzeichnung als gefährlicher Abfall mit Sammel- bzw. Einzelentsorgungsnachweis.

Probleme beim Einsatz von chemischen Desinfektionsmitteln

Resistenzen