Betrugsfälle im Schach sind Fälle, in denen in der Schachwelt bewusst andere getäuscht wurden. Durch Vorspiegelung falscher Tatsachen oder Nutzung unerlaubter Hilfsmittel versuchten Schachspieler, sich einen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen. Es muss sich dabei nicht um einen Betrug im juristischen Sinn handeln.
Arten des Betrugs Elektronische Hilfsmittel bei Schachturnieren Das Verbot elektronischer Hilfsmittel bei Schachturnieren ergibt sich aus Artikel 11.3 der FIDE-Schachregeln, in denen die Verwendung von Aufzeichnungen und Analysen der Partiestellung auf anderen Schachbrettern sowie das Mitführen nichtausgeschalteter elektronischer Kommunikationsgeräte verboten wird.Siehe FIDE-Schachregeln, zum Download beispielsweise als PDF-Datei beim Deutschen Schachbund unter Der Amateur Clemens A. soll 1998 beim Böblinger Open betrogen haben, indem er sich Züge mittels eines unter langen Haaren verborgenen Mini-Ohrhörers übermitteln ließ. Seine Turnierleistung lag dabei weit über dem Ergebnis, das aufgrund seiner DWZ zu erwarten gewesen wäre, und die gespielten Züge waren mit Fritz rekonstruierbar. Zudem machte er sich verdächtig, indem er in der letzten Runde dem Großmeister Sergei Kalinitschew ein für menschliche Spieler kaum voraussehbares Matt in acht Zügen ankündigte. A. gewann das Turnier und 1660 DM Preisgeld.Hartmut Metz: Mit der Lizenz zum Schummeln, Schachkolumne, www.scrkuppenheim.de, Januar 1999 Während ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren eingestellt wurde, schloss der Bayerische Schachbund A. aus dem Verband aus.Hartmut Metz: Der Fall A., Schachkolumne, www.scrkuppenheim.de, Februar 2000 Ein Amateurspieler betrog 2002 bei einem Open, indem er auf der Toilette Pocket Fritz zur Analyse einer laufenden Partie benutzte. Der Schwindel flog auf, als der Schiedsrichter dem Verdacht nachging und über die Toilettenwand schaute.Hartmut Metz: Wie man auf dem Klo richtig bescheißt, Schachkolumne, www.scrkuppenheim.de, 11. Januar 2003 Gleich zwei Fälle ereigneten sich beim World Open 2006 in Philadelphia. Ein Spieler benutzte einen Ohrhörer, den er als Hörgerät ausgab. Ein anderer Spieler mit einem Rating von 2169, der unter anderem gegen Großmeister Ilia Smirin gewann, trug einen auffälligen Hut. Auf Anweisung der Turnierleitung musste er in den letzten beiden Runden ohne Kopfbedeckung spielen und verlor beide Partien.Robert Desjarlais: Counterplay. Berkeley 2011. S. 175 f. Der indische Spieler Umakant S., der seine Elo-Zahl innerhalb von anderthalb Jahren von 1930 auf 2484 steigerte,Rating Progress Chart, FIDE, ratings.fide.com (englisch; Ratingentwicklung in der FIDE-Datenbank) wurde im Dezember 2006 vom indischen Schachverband für 10 Jahre gesperrt. Ihm wurde nachgewiesen, bei einem Turnier in Neu-Delhi unter einer Mütze einen Bluetooth-Empfänger verborgen zu haben., The Hindu, 27. Dezember 2006 (englisch) Der französische Nationalspieler Sébastien Feller wurde zusammen mit Arnaud Hauchard und Cyril Marzolo für mehrere Jahre gesperrt, weil diese bei der Schacholympiade 2010 in Chanty-Mansijsk unerlaubte Hilfe benutzt haben sollen. Nach Ansicht des Französischen Schachverbandes analysierte Marzolo die laufende Partie, übermittelte die Züge via SMS an den Kapitän der französischen Olympiamannschaft Hauchard, welcher die Züge wiederum durch abgesprochene Signale an den Spieler Feller übermittelte. Feller kündigte Berufung an und nahm an der Europameisterschaft Ende März 2011 teil.Thomas Strobl: Harte Strafen für drei Meisterspieler in Frankreich, Deutscher Schachbund, 1. April 2011 Bei der deutschen Schachmeisterschaft 2011 fiel in der letzten Runde einem Spieler auf, dass sein Gegner, der FIDE-Meister N., ungewöhnlich oft die Toilette besuchte. Nach zwei erfolglosen Versuchen, selbst die Gründe dafür herauszufinden, informierte der Spieler einen Schiedsrichter, der nach Partieende die Taschen des Kontrahenten überprüfte und dabei ein Smartphone mit einer Stellung aus der zuvor beendeten Partie entdeckte. Daraufhin gab N. die Verwendung des Smartphones für die Partieanalyse zu.André Schulz: Feller, Natsidis und die Bedrohung des Turnierschachs. ChessBase.de, 22. Juni 2011. Abgerufen am 8. März 2012. Aufgrund mehrerer Zeugenaussagen wird vermutet, dass N. auch in vorherigen Runden unerlaubte Hilfsmittel eingesetzt hatte, weshalb nicht nur die Partie für N. als verloren gewertet, sondern auch die vor der Partie sichere IM-Norm aberkannt wurde.KARL 2/2011, S. 9–10. Während des Dubai Open im April 2015 benutzte der georgische Spieler Gajos Nigalidse ein Smartphone, das er im Papierkorb einer Toilette versteckt hatte, zur Analyse einer laufenden Partie. Er wurde daraufhin vom Turnier ausgeschlossen. Im Dezember 2015 erkannte ihm die FIDE seinen Großmeistertitel ab und verhängte außerdem eine dreijährige Sperre.Albert Silver: Nigalidze stripped of GM title, receives 3 year ban, Chessbase.com, 26. Dezember 2015 Igor Rausis wurde im Juli 2019 bei einem Smartphone-Betrug ertappt und erklärte danach das Ende seiner Karriere. Ihm wurde im Dezember 2019 der Titel des Großmeisters aberkannt.https://www.fide.com/news/246 Kirill Shevchenko trat bei der spanischen Mannschaftsmeisterschaft 2024 als Spieler für die Mannschaft Silla an und wurde aufgrund eines Betrugsverdachtes disqualifiziert. Nach Anhörung aller Parteien wurde Shevchenko von der Meisterschaft ausgeschlossen und seine Partien wurden für seine Gegner (Francisco Vallejo Pons und Bassem Amin) als gewonnen erklärt.
Identitätsbetrug Bei der Kenya Open Chess Championship im April 2023 trat der kenianische Spieler Stanley O. im Frauenturnier an. Er meldete sich unter falschem Namen an und trug eine Burka. Nachdem er vier Partien gewonnen hatte, wurde er enttarnt und vom Turnier ausgeschlossen.Victor Otieno: Shock as male chess player busted competing in women's category, Daily Nation, 8. April 2023
Regelverstöße während einzelner Schachpartien Während einer Partie werden gelegentlich regelwidrig Fehlzüge zurückgenommen. Dabei ergibt sich oft ein Beweisproblem, wenn der betreffende Spieler bestreitet, die Figur bereits losgelassen zu haben, oder sich auf die J’adoube-Regel beruft. Ist kein Schiedsrichter zugegen, steht dann meist Aussage gegen Aussage. Bekannte Fälle auf Großmeisterebene sind: Milan Matulović in seiner Partie gegen István Bilek beim Interzonenturnier Sousse 1967. Der Protest Bileks wurde abgewiesen, die Partie endete remis. Viktor Kortschnoi nahm in einer Partie gegen Josip Rukavina im Interzonenturnier Leningrad 1973 in verlorener Stellung einen Zug zurück und spielte einen anderen. Der Schiedsrichter wertete daraufhin die Partie als verloren für Kortschnoi, ohne abzuwarten, ob sein Gegner das einzügige Matt gegeben hätte.Paul Tröger: Von Böcken und dicken Hunden. Bamberger Schachverlag 1984. S. 87–88. Schachweltmeister Garri Kasparow in seiner Partie gegen Judit Polgár in Linares 1994. Der Regelverstoß wurde erst nach Ende der Partie, die von Kasparow gewonnen wurde, durch eine Videoaufzeichnung zweifelsfrei belegt.The Kasparov touch-move controversy, in Judit Polgar: History, photos and games of the greatest Woman Chessplayer ever, www.controltheweb.com (englisch) Surab Asmaiparaschwili gegen Wladimir Malachow bei der Europameisterschaft in Istanbul 2003. Dieser Fall ist deswegen bemerkenswert, weil Malachow einer Rücknahme des Zuges zustimmte. Dies wurde teilweise als faire Geste, teilweise aber auch als unsportliches Verhalten angesehen, da das Ergebnis der Partie auch die Platzierung unbeteiligter Spieler beeinflusste.
Manipulierte Turniere und Partieabsprachen Zu den wohl häufigsten, aber nur schwer nachweisbaren, Betrugsfällen zählt das „Verkaufen“ von einzelnen Partien. Ein dokumentierter Verdachtsfall ereignete sich bei der 5. Meisterschaft der USA in New York 1880. Nach Angaben des Spielers Preston Ware bot ihm sein Gegner der letzten Runde, James Grundy, vor Partiebeginn 20 Dollar für ein Remis. Grundy hatte zu diesem Zeitpunkt im Gegensatz zu Ware noch Chancen auf Turniersieg und Preisgeld. Ware ging nach eigener Aussage auf das Angebot ein und machte in der Partie keine Anstalten, auf Gewinn zu spielen. Grundy hielt sich aber seinerseits nicht an die angeblich getroffene Absprache und nutzte das schwache Spiel seines Gegners zum Sieg aus. Der Fall kam vor das Turniergericht. Da Grundy alles abstritt und daher Aussage gegen Aussage stand, blieb das Resultat bestehen.Gene H. McCormick, Andy Soltis: The U.S. Chess Championship, 1845 – 1985. McFarland, Jefferson 1986. S. 36 f. Nach dem Kandidatenturnier 1962 erhob Bobby Fischer den Vorwurf, dass die sowjetischen Spieler durch Partieabsprachen untereinander ihre Chancen gegenüber nichtsowjetischen Spielern erhöht hätten. Dies führte dazu, dass spätere Kandidatenturniere nicht mehr als Rundenturniere, sondern als Zweikämpfe ausgetragen wurden. 2006 führten Wissenschaftler der Washington University in St. Louis eine statistische Analyse von Ergebnissen der Qualifikationsturniere zur Schachweltmeisterschaft im Zeitraum 1940 bis 1964 durch und kamen zu dem Ergebnis, dass eine 75-prozentige Wahrscheinlichkeit für diese Hypothese bestehe.Charles C. Moul, John V. Nye: Did the Soviets Collude? A Statistical Analysis of Championship Chess 1940–64, Social Science Research Network, Mai 2006 (englisch) Es kommt gelegentlich vor, dass ganze Turniere erfunden werden, die offenbar überhaupt nicht stattgefunden haben. Die dort angeblich erspielten Ergebnisse werden dann von einigen Spielern zur Verbesserung ihrer Elo-Zahl oder zur Erringung von Titelnormen benutzt. Aufsehenerregende Beispiele waren unter anderem der „Kali-Cup“ in Ungarn 2004Titelbetrug (mit FIDE-Entscheidung zum Kali-Cup 2004, englisch), ChessBase Nachrichten, 3. März 2006 und das Turnier „Helden von Tschernobyl“ in der Ukraine 2005.The fake Heroes of Chernobyl, Chess News, ChessBase.com, 3. Mai 2005 (englisch) Der rumänische Geschäftsmann Alexandru Crișan kam durch manipulierte Turniere, deren Partien nie veröffentlicht wurden, auf eine Elo-Zahl von 2635, womit er zu den 50 besten Spielern der Welt gehört hätte.Leontxo Garcia: Crisan, der Schwindler aus den Karpaten, ChessBase Nachrichten, 11. Juli 2001 Im Juli 2001 trat Crișan bei einem Großmeisterturnier in Portorož an und erzielte dort lediglich einen halben Punkt aus neun Partien, was einer Elo-Leistung von 2130 entspricht. (Turniertabelle), www.chess.gr, Juli 2001 Im September 2001 entzog die FIDE Crișan alle Titel und seine Elo-Zahl.http://de.chessbase.com/post/fide-kongre-beschle
Hochstapelei Einer der frühesten Vorwürfe betraf den arabischen Schatrandsch-Spieler Sa‘id bin Jubair (665–714). Dieser beherrschte das Blindspiel ohne Augenbinde mit abgewandter Sicht, wobei ungeklärt blieb, ob er diese Fähigkeit im Kerker perfektioniert oder, wie von Kritikern behauptet, mit einem kleinen Spiegel die Stellung eingesehen hatte.Michael Negele: Echolot: Im Reich der Blinden. Veröffentlichung in Schach 04/2014; Nachdruck auf der Internetseite des DBSB, abgerufen am 25. Mai 2014. Unter anderem Gerhard Stadelmaier und Raimondas Senkus narrten die Schachkompositionswelt über Jahre hinweg bis 1992 mit plagiierten Stücken. Stadelmaier war in den 1980ern und Senkus Anfang der 1990er Jahre aktiv. Dabei waren Spiegelungen der Kompositionen sowie bei Stadelmaier Nachbearbeitungen nach Drehungen typisch, wodurch die Vorgängersuche erschwert wurde. Stadelmaier wurde bis Anfang 1987 bei 21 von 35 Kompositionen unter anderem unter Zuhilfenahme der Albrecht-Sammlung entlarvt.Zu Stadelmaier siehe: Hans-Dieter Leiß: Der Fall Stadelmaier. Die Schwalbe 103, Februar 1987. S. 185–189.