mini|Parthenon, 2018
Parthenon () bezeichnet den griechischen Tempel für die Stadtgöttin Athena auf der Akropolis von Athen. Als eines der berühmtesten Baudenkmäler des antiken Griechenlands und weltweit bekanntes Bauwerk beherrscht dieser Peripteros dorischer Ordnung seit fast 2500 Jahren den Athener Burghügel. Im Laufe der Geschichte Griechenlands diente dieser Tempel der Religion des antiken Griechenland auch als christliche Kirche und islamische Moschee. Die Ruine zieht jedes Jahr Millionen von Touristen aus aller Welt an.
Der Parthenon wurde im 5. Jahrhundert v. Chr. der Göttin Athena zum Dank für die Rettung der Athener und Griechen nach dem Zweiten Perserkrieg erbaut. Er ersetzte einen älteren Tempel der Athena, den sogenannten Vorparthenon, der während der persischen Eroberung Athens im Jahr 480 v. Chr. zerstört worden war. Das Gebäude diente unter anderem als Schatzkammer des Attischen Seebunds. Nach der Christianisierung wurde der Tempel im 6. Jahrhundert der Jungfrau Maria geweiht und in eine byzantinische Kirche umgewandelt. Nach der Eroberung der Athener Oberstadt mit der Akropolis im Jahr 1458 durch die Osmanen wurde der Parthenon 1460 zur Moschee umgestaltet.
Während des Großen Türkenkriegs und der Belagerung Athens durch die Venezianer explodierte 1687 ein dort eingerichtetes Munitionsdepot durch venezianischen Beschuss, wodurch der Parthenon stark beschädigt wurde. Von 1801 bis 1812 ließ der britische Lord Elgin umfangreiche Teile der Baudekoration des Parthenon nach London bringen. Im Jahr 1816 an die britische Krone verkauft und seit dem darauffolgenden Jahr im British Museum ausgestellt, hält der Streit über die Restitution dieser sogenannten Elgin Marbles (Elgin-Marmore; auch Parthenon-Marmore) bis in die Gegenwart an. Nach der griechischen Revolution und der folgenden Unabhängigkeit von den Osmanen erlangte der neugegründete griechische Staat 1832 die Kontrolle über die Akropolis. Per Gesetz erklärte er sie zur archäologischen Stätte unter behördlicher Verwaltung. Zwei Jahre später begannen Vermessungs- und Restaurierungsarbeiten am Parthenon; 1836 wurde die Apsis der frühchristlichen Kirche sowie 1842 ein kleiner Moscheebau im Inneren abgetragen. Restaurierungen erfolgten in den 1920er-Jahren und erneut ab 1986.
Der Name „Parthenon“ Der Ursprung des Namens ist nicht endgültig geklärt. Dieser scheint zunächst nur einen bestimmten Raum des Tempels bezeichnet zu haben. Einer Theorie nach war der „Parthenon“ der Raum, in dem vier ausgewählte junge Mädchen, die Arrephoroi, jedes Jahr den Peplos woben, der anlässlich der Panathenäen an Athena übergeben wurde.Jeffrey M. Hurwit: The Athenian Acropolis: History, Mythology, and Archaeology from the Neolithic Era to the Present. Cambridge University Press, Cambridge 2001, S. 161–163. Einer anderen Theorie zufolge war der Kult der Parthenos ein unabhängiger Athenakult, der zwar eng mit der Athena Polias verbunden, aber nicht gleichzusetzen war.Christopher Pelling: Greek Tragedy and the Historian. Oxford University Press, Oxford 1997, ISBN 0-19-814987-5, S. 169. Hierin übereinstimmend wird zumeist angenommen, „Parthenon“ bezeichnete den Tempel der jungfräulichen Athena. Darüber hinaus wurde vermutet, der Name spiele auf die Jungfrauen (Parthenoi) an, deren Opfer die Sicherheit der Stadt gewährte.James Whitley: The Archaeology of Ancient Greece. Cambridge University Press, Cambridge 2001, ISBN 0-521-62733-8, S. 352.
Die älteste Überlieferung des Namens „Parthenon“, die sich zugleich auf das gesamte Bauwerk bezog, stammt von Demosthenes aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., während der Tempel im 5. Jahrhundert v. Chr. schlicht ho naos (attisch: ho neos), der Tempel, genannt wurde. Seine Architekten Iktinos und Kallikrates sollen in ihrer Abhandlung über den Tempel den Bau Hekatompedos ‚Hundertfüßer‘ genannt haben. Plutarch schließlich erwähnt das Gebäude als Hekatompedon Parthenon.Plutarch, Perikles 13.4.
Vorparthenon Das erste Vorhaben für den Bau eines Tempels am Ort des späteren Parthenon wurde bald nach der Schlacht bei Marathon in Angriff genommen. Hierfür wurde die Akropolis in der Nähe ihrer Kuppe massiv angeschüttet und ein breites Plateau geschaffen. Die Fundamente des Tempels wurden zwischen 1885 und 1890 von Panagiotis Kavvadias freigelegt und durch Wilhelm Dörpfeld archäologisch untersucht.Wilhelm Dörpfeld: Der ältere Parthenon. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts Abteilung Athen. Band 17, 1892, S. 158–189; Wilhelm Dörpfeld: Die Zeit des älteren Parthenon. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts Abteilung Athen. Band 27, 1902, S. 379–416. Von diesem Fundament waren zwei Steinlagen aus Poros und eine abschließende aus Karrha-Kalkstein erhalten. Auf ihnen erhob sich der Unterbau, die Krepis, des späteren klassischen Parthenon. Das Fundament war etwas schmaler und weiter nach Norden verschoben, was deutlich machte, dass es einem anderen Bau gedient haben musste. Reste der ursprünglich darauf befindlichen Säulentrommeln wurden später in der Umfassungsmauer der Akropolis nördlich des Erechtheions verbaut.
Dieser in der Wissenschaft „Vorparthenon“ genannte Tempel war anscheinend noch nicht vollendet, als die Perser im Jahr 480 v. Chr. Athen eroberten und sämtliche Gebäude auf der Akropolis zerstörten.Herodot, Historien 8, 53. Die damit verbundene Datierung des Baubeginns in die Zeit vor 480 v. Chr. wurde jedoch schon früh bezweifelt, stellt sich doch die Frage, warum die Athener über 30 Jahre mit dem Beginn der Wiederherstellung gewartet haben sollen. So kam die These auf, dass der Vorparthenon erst in den 460er- oder 450er-Jahre unter Kimon geplant und begonnen worden sei, also nach den Zerstörungen der Akropolis durch die Perser.Panagiotis Kavvadias, Georg Kawerau: Die Ausgrabung der Acropolis vom Jahre 1885 bis zum Jahre 1890. 1906; Heiner Knell: Perikleische Baukunst. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979, ISBN 3-534-08019-X, S. 6–11. Nach Kimons Tod 449 seien die Arbeiten nicht fortgesetzt worden; sein Nachfolger und innenpolitischer Gegner Perikles habe ihn abtragen lassen, um sich und die von ihm vertretene demokratische Partei mit einem eigenen Bau zu manifestieren. Demzufolge sei der Parthenonbau ein Niederschlag der innenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen der oligarchischen und der demokratischen Partei.Heiner Knell: Perikleische Baukunst. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979, S. 6–11. Gegen die späte Datierung ist jedoch einzuwenden, dass sich an den Steinen des Vorparthenon noch Brandschäden nachweisen lassen.Gottfried Gruben: Die Tempel der Griechen. 5. Auflage. Hirmer, München 2001, ISBN 3-7774-8460-1, S. 171–172. Als Argument, dass die Athener über 30 Jahre mit dem Beginn des Parthenonneubaus gewartet haben könnten, wird der Eid von Plataiai angeführt, bei dem die Griechen schworen, von den Persern zerstörte Tempel nicht wieder aufzubauen. Von diesem Eid wären die Athener erst durch den Kalliasfrieden im Jahr 449 v. Chr. entbunden worden.Peter Siewert: Der Eid von Plataiai. München 1972, S. 98–102; Gottfried Gruben: Die Tempel der Griechen. 5. Auflage. Hirmer, München 2001, S. 162. Die nicht ganz sachgerecht durchgeführten Ausgrabungen des 19. Jahrhunderts erlauben keine endgültige Entscheidung dieser Frage. Die Mehrheit der Parthenon-Forscher hält am Baubeginn des Vorparthenon nach der Schlacht bei Marathon, also nach 490 und vor 480 v. Chr., fest.Gottfried Gruben: Die Tempel der Griechen.5. Auflage. Hirmer, München 2001, S. 171–172. Zur Diskussion siehe auch: William Bell Dinsmoor: The Date of the Older Parthenon. In: American Journal of Archaeology. Band 38, 1934, S. 408–48; Wilhelm Dörpfeld: Parthenon I, II, III. In: American Journal of Archaeology. Band 39, 1935, S. 497–507; William Bell Dinsmoor in: American Journal of Archaeology. Band 39, 1935, S. 508–509
Die aufgehende Architektur des Vorparthenon sollte, den erhaltenen Säulentrommeln nach zu urteilen, aus pentelischem Marmor ausgeführt werden. Bei der Errichtung des späteren Parthenon wurden gegenüber dem Plan des Vorparthenon erhebliche Änderungen vorgenommen. Die Säulenringhalle (Peristasis) des Vorparthenon besaß 6 Säulen auf den Frontseiten, wie zu dieser Zeit im griechischen Mutterland üblich, war hingegen mit 16 Säulen auf den Langseiten altertümlich langgestreckt. Dem Parthenon gab man bei annähernd übernommener Gesamtbreite und deutlich verkürzter Gesamtlänge eine Ringhalle von 8 auf 17 Säulen, so dass die Grundrissproportion dem Ideal der Zeit entsprach. Der Kernbau (Naos) des Vorparthenon war im Verhältnis zur Gesamtbreite des Baus deutlich schmaler. Die Fronten von Pronaos und Opisthodom besaßen daher sicher nur drei Joche und somit entweder zwei Säulen in antis oder prostyle viersäulige Vorhallen. Der Parthenon sollte sechssäulige prostyle Naosfronten erhalten. Die Cella des Vorparthenon wies eine übliche dreischiffige Gliederung auf, die durch zwei Säulenreihen im Innern gebildet wurde. Im Westen schloss, wie beim Parthenon beibehalten, ein annähernd quadratischer Raum an, dessen Decke von vier Säulen gestützt wurde.
Aufbau mini|hochkant|Abenddämmerung am Parthenon mini|Parthenon, Grundriss Der Parthenon wurde auf Initiative Perikles’, eines der führenden Politiker im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr., errichtet. Die Bauaufsicht führte der Bildhauer Phidias, der die bildhauerischen Arbeiten überwachte und zum Teil selbst ausführte. Die entwerfenden Architekten des Tempels waren Iktinos, der später auch den Apollontempel bei Bassae errichtete, und Kallikrates, der später für den Niketempel auf der Akropolis verantwortlich zeichnete. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen 447 v. Chr. und endeten 438 v. Chr., die Arbeiten an der Baudekoration dauerten aber noch bis mindestens 433 v. Chr. an. Insgesamt war die Bauzeit für damalige Verhältnisse ungewöhnlich kurz. Einige Aufzeichnungen über die Bau- und Materialkosten sind erhalten geblieben, die beispielsweise als teuerste Posten die Transportkosten für den 16 Kilometer entfernt abgebauten pentelischen Marmor nach Athen ausweisen.zu den Urkunden: Inscriptiones Graecae I3 1, 1981, 431ff. Nr. 436–461. Im Parthenon wurde der 454 v. Chr. nach Athen gebrachte Schatz des Attischen Seebunds verwahrt. Plutarch vermittelt uns ein eindrucksvolles Bild von der Bandbreite der Fachkräfte, die benötigt wurden, um den Tempel in so kurzer Zeit zu errichtenPlutarch, Perikles 12, 13.: Zimmermänner, Schmiede, Steinmetze, Vergolder, Weichmacher des Elfenbeins, Maler, Sticker, Dreher, Gehilfen, Vorarbeiter, Kauf- und Seeleute und Steuermänner, Fuhrleute und Pferdezüchter, Seil- und Tuchmacher, Lederarbeiter, Straßenbauer und Minenarbeiter.
Ringhalle