mini|400px|Globale territoriale Situation im 9. Jahrhundert Das 9. Jahrhundert begann am 1. Januar 801 und endete am 31. Dezember 900. Die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert wird auf 200 bis 300 Millionen Menschen geschätzt.
Das Europa dominierende Frankenreich teilte die Königsdynastie der Karolinger in mehrere Teilreiche. Aufgrund innerdynastischer Kämpfe verloren die Karolinger an Macht und Bedeutung. Parallel fuhren die Wikinger an Europas Küsten und über seine Flüsse, plünderten, betrieben Handel und ließen sich schließlich in einigen Gebieten nieder.
Das byzantinische Reich blieb trotz zahlreicher Angriffe stabil, während die Kalifen von Bagdad zunehmend Macht einbüßten. Auf dem Gebiet des Kalifats entstanden zahlreiche unabhängige muslimische Teilreiche.
Auch in Ostasien erlebten die meisten größeren Reiche ihren Niedergang. Tibet, das Reich der Uiguren und Nanzhao brachen auseinander und die koreanische Halbinsel wurde von Bürgerkriegen erschüttert. In China und Japan verlor die Zentralmacht jegliche Bedeutung.
Europa In Europa ist dieses Jahrhundert Teil des Frühmittelalters (ca. 500–1050). mini|Aufteilung des Frankenreiches durch den Vertrag von Verdun (843)
Die Franken Politische Entwicklung Zu Beginn des Jahrhunderts schloss Karl der Große seine Eroberungen zur Erweiterung des Frankenreiches, das er im vorherigen Jahrhundert zum dominierenden Reich Europas gemacht hatte, ab. Danach konzentrierte er sich, wie auch sein ihm im Jahr 814 nachfolgender Sohn, Ludwig der Fromme, auf die Stärkung der Einheit und Einheitlichkeit des Reiches. Dem stand jedoch das fränkische Prinzip entgegen, das Reich nach dem Tod eines Monarchen unter den Söhnen aufzuteilen. Der Versuch Ludwigs, einerseits alle seine Söhne und insbesondere auch seinen Sohn aus zweiter Ehe zu berücksichtigen, andererseits aber seinem Sohn Lothar eine Vorrangstellung einzuräumen, führte in den Jahren 829 bis 842 zu schweren Konflikten zwischen den Söhnen und ihrem Vater sowie zwischen den Söhnen untereinander. Obwohl er mehrfach abgesetzt wurde, kam Ludwig immer wieder auf den Thron zurück. Sein Tod löste schließlich militärische Auseinandersetzungen seiner Söhne untereinander aus, die mit dem Vertrag von Verdun des Jahres 843 vorläufig beigelegt wurden. Das Reich wurde unter den Brüdern in ein Westfrankenreich, ein Ostfrankenreich und ein Mittelreich aufgeteilt. Das Mittelreich wurde unter den Söhnen seines Herrschers Lothars wiederum geteilt. Die letzte Revision der Teilung des Frankenreichs erfolgte im Vertrag von Ribemont im Jahr 880. Der Norden des Mittelreiches wurde dem Ostfrankenreich zugeschlagen. Der Rest des Mittelreiches wurde in die Gebiete Königreich Burgund und das spätere Königreich Italien aufgeteilt. Neben diesen drei Reichen blieb das Westfrankenreich bestehen. Aus dem Westfrankenreich ging später Frankreich und aus dem Ostfrankenreich und dem Königreich Italien das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hervor. Ab dem Jahr 888 genügte das Argument, von der karolingischen Dynastie abzustammen, nicht mehr, um zum fränkischen König gewählt zu werden. Im Westfrankenreich gelangte der erste Nichtkarolinger auf den Thron.
Karl der Große und Ludwig der Fromme stärkten die im 8. Jahrhundert etablierte Grafschaftsverfassung und banden die Amtsträger, die weitgehende Vollmachten insbesondere als Heerführer und Richter hatten, an den König. Amtsträger, die zumeist aus dem hohen Adel stammten, waren Grafen, Äbte und Bischöfe. Dies spiegelte die politische Struktur wider, die keine Trennung von Kirche und weltlichem Reich kannte. Äbte und Bischöfe nahmen neben geistlichen Aufgaben auch im starken Maße weltliche Aufgaben wahr. Andererseits interpretierte der König sein Handeln religiös. Durch schriftliche Anweisungen, Kapitularien, deren Befolgung von Königsboten kontrolliert wurde, versuchten sie einheitliche Praktiken im gesamten Frankenreich herzustellen. Mit den Auseinandersetzungen ab dem Jahr 830 hörte diese Praxis auf. Im Laufe des 9. Jahrhunderts wurden immer mehr Grafenämter erblich. Durch Ämterhäufungen und Erfolge bei der Abwehr äußerer Feinde entstanden größere Machtgebilde, die Herzogtümer. Diese Zwischengewalten, deren genaue Entstehung und Charakter umstritten ist, erlangten zum Ende des Jahrhunderts quasi königliche Machtbefugnisse. Wurden diese Gebilde im Ostfränkischen Reich in die Reichsverwaltung eingegliedert, so erlangten sie im Westfränkischen Reich eine gegenüber dem König weitgehend selbstständige Stellung.
Zusätzlich zu den innerdynastischen Kämpfen, die sich auch nach dem Jahr 843 fortsetzten, waren die fränkischen Teilreiche von äußeren Feinden bedroht. Die Wikinger unternahmen regelmäßig Beutezüge in das Frankenreich, wobei sie über die Flüsse tief ins Landesinnere vorstießen. Der Widerstand, der den Wikingern entgegengebracht wurde, war nicht nachhaltig und wurde oft als lokale Selbsthilfe organisiert. Weitere Angriffe erfolgten von Slawen an der Ostgrenze und durch muslimische Nordafrikaner, von den Franken auch Sarazenen genannt, in Italien und Südfrankreich. Für die Abwehr äußerer Angriffe in den Grenzgebieten, den Grenzmarken, waren im Frankenreich die Markgrafen zuständig, die weitreichende Amtsvollmachten hatten. Diese Basis nutzen sie im Verlauf des 9. Jahrhunderts aus, um ihre Herrschaftsgebiete innerhalb der Reichsgrenzen zu erweitern.
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Gesellschaft und Wirtschaft In diesem Jahrhundert setzte sich der Bevölkerungsanstieg des 8. Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa fort, so dass für die letzte Hälfte des 8. und das gesamte 9. Jahrhundert eine Verdoppelung der Bevölkerung angenommen wird. Kriege, Hungersnöte und Krankheiten wirkten dem Anstieg entgegen und verlangsamten ihn zum Ende des Jahrhunderts. Die Bewohner des Frankenreiches hatten nach überstandener Kindheit eine Lebenserwartung von 44 bis 47 Jahren, wobei die Kindersterblichkeit hoch war.
Die Gesellschaft gliederte sich in Freie und Unfreie, wobei der jeweilige Status erblich war. Die Unfreien waren von einem Herren abhängig, der ihnen Schutz zu gewähren hatte, jedoch in vielen Lebensbereichen über sie bestimmen konnte. Die Rechte und Pflichten des Unfreien und seines Herren waren jedoch im Einzelfall sehr verschieden. Aus den Freien hob sich der Adel heraus, der durch Ämter privilegiert war. Im 9. Jahrhundert fand verstärkt ein Prozess der Herrschaftsintensivierung des Adels zu Lasten der übrigen Freien statt. Viele Kriegsdienste und immer aufwendigere Waffen und Rüstungen, die sie selber stellen mussten, waren für die Freien eine zunehmende Belastung. So hielten es zahlreiche Freie für wirtschaftlich günstiger unfreie Pächter eines Grundherrn zu werden, um von den Kriegslasten befreit zu werden.
Die Gesellschaft war stark agrarisch geprägt. Der weitaus größte Teil der Menschen wohnte in kleinen Dörfern auf dem Land. Die meisten Städte, die auf römische Gründungen zurückgingen, lagen in West- und Südeuropa. Reichtum begründete sich im Wesentlichen auf Landbesitz. Der Grund und Boden gehörte meistens Großgrundbesitzern, wie Königen, Adeligen, Bischöfen oder Klöstern. Die Art und Weise, wie dieser Landbesitz bewirtschaftet wurde, war regional unterschiedlich. In den Kerngebieten des Frankenreiches setzte sich die Grundherrschaft durch. Neben den wirtschaftlichen Rechten übte der Grundherr auch die Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt auf seinem Grundbesitz aus. Eine weitverbreitete Form der Grundherrschaft war die Villikation. Einen Teil des Grundbesitzes verpachteten die Grundherren an unfreie und freie Pächter, die ihn eigenverantwortlich bewirtschafteten. Den Herrenhof bewirtschafteten sie selbst mit Hilfe von Unfreien und durch die Frondienste der Pächter. In immer mehr Gebieten setzte sich die Anbaumethode der Dreifelderwirtschaft durch und führte zusammen mit der Einführung des Wendepfluges zu Ertragssteigerungen. Ferner führte die flächendeckende Einführung der Wassermühle zu Arbeitserleichterungen. Die Menschen ernährten sich überwiegend von Getreideprodukten, ferner von Milchprodukten und Gemüse.
Das fränkische Reich umfasste viele unterschiedliche Volksgruppen. Weder die Sprache noch die Sitten und Gebräuche waren einheitlich. Wurden im Westfrankenreich romanische Dialekte gesprochen, sprachen die Menschen im Ostfrankenreich germanische Volkssprachen. Die sprachliche Trennung wird in den Straßburger Eiden sichtbar, ein Dokument das sowohl in einer romanischen Sprache als auch einem fränkisch germanischen Dialekt geschrieben wurde. Obwohl man das gesamte Jahrhundert an der Idee des einheitlichen Frankenreiches, das in Teilreiche untergliedert wurde, festhielt, kam es zu einer zunehmenden Entfremdung des westlichen vom östlichen Reichsteil.
Wikinger und Britische Inseln mini|Reiserouten und Siedlungsgebiete der Wikinger mini|Britannien um 878 In Skandinavien siedelten im 9. Jahrhundert viele kleine Bauerngemeinschaften, die zu zahlreichen Fürstentümern gehörten. Seit den 790er Jahren unternahmen einige Gruppen aus diesen Gemeinschaften regelmäßig Fahrten mit den von ihnen konstruierten Wikingerschiffen an die Küsten und über die Flüsse Europas. Zweck dieser Fahrten waren zuerst Raubzüge aber dann auch Handel und schließlich die Besiedlung neuen Landes. Diese Gemeinschaften nennt man Wikinger und den Zeitraum, in dem sie regelmäßig Fahrten unternahmen folglich die Wikingerzeit. Schiffe vom Typ der Wikingerschiffe wurden in Skandinavien konstruiert, gebaut und hauptsächlich von Wikingern benutzt. Mit ihnen konnten sie sowohl auf hoher See als auch in seichten Küstengewässern und auf Flüssen fahren. Sowohl ihr Segel als auch ihre Ruder konnten ihnen als Antrieb dienen. Ihre Ziele lagen im Frankenreich, in Irland und England. Sie unternahmen aber auch Beutezüge auf die iberische Halbinsel. Viele Überfälle wurden durch dänische Wikinger an den Küsten des Frankenreiches und Englands durchgeführt, wobei sie ab den 830er Jahren vermehrt Flüsse herauf fuhren. Andere Wikingergruppen fuhren über die Flüsse Osteuropas vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer. Bei diesen Fahrten nahm der Handel, unter anderem mit Byzanz, eine große Rolle ein. Ein Teil der Wikinger ließ sich an den Flüssen nieder und gründete kleine Herrschaften. Diese Wikinger wurden von den einheimischen Slawen Rus genannt, wovon sich der Name Russland ableitet. Im 10. Jahrhundert stieg das in diesem Jahrhundert gegründete Reich der Kiewer Rus zur Regionalmacht auf.
Auch in anderen Gebieten Europas ließen sich Wikinger ab den 860er Jahren dauerhaft nieder. So siedelten sie auf den britischen Inseln und auf Island.
Zu Beginn des Jahrhunderts teilten sich mehrere Königreiche unterschiedlicher Größe die britische Insel, wobei im heutigen Schottland und Wales die Kleinkönigreiche überwogen. Im Süden der Insel konnte das Königreich Wessex in der ersten Jahrhunderthälfte die Vorherrschaft zulasten des Königreiches Mercia erringen. War England zunächst nur den Raubzügen der Wikinger ausgesetzt, so eroberten sie vom heutigen Dänemark aus ab dem Jahr 866 ein großes Gebiet im Osten und der Mitte der britischen Insel, das Danelag genannt wird. Der ab dem Jahr 871 regierende König von Wessex, der später Alfred der Große genannt wurde, einte alle verbliebenen angelsächsischen Königreiche, drängte die Wikinger zurück und zwang ihnen einen Friedensvertrag auf. Der König, der heute als erster König Englands gilt, betrieb in seinem Reich eine Kulturförderung nach dem Vorbild des fränkischen Reiches.
Iberische Halbinsel mini|Die iberische Halbinsel um 814