Ein Bausoldat (Abkürzung BS, Synonym Spatensoldat, soldatensprachlich Spati) war ein Angehöriger der Baueinheiten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Der Dienst als Bausoldat bot den DDR-Bürgern eine Möglichkeit, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern, die es in sonst keinem anderen sozialistischen Land gab. Es handelte sich um keinen zivilen Wehrersatzdienst. Ein Dienst als Bausoldat konnte nachteilige Auswirkungen auf Ausbildungs-, Studiums- und Aufstiegschancen haben. Viele Bausoldaten trugen zur Entwicklung der Opposition in der DDR bei und gehörten aufgrund ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Gewaltlosigkeit zu den Wegbereitern der Friedlichen Revolution.

Geschichte Vorgeschichte Am 24. Januar 1962 wurde in der Deutschen Demokratischen Republik die Wehrpflicht eingeführt. Die Grundlage für die Aufstellung der Baueinheiten der NVA bildete eine Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR vom 7. September 1964.GBl. d. DDR Teil I Nr. 11 vom 16. September 1964 (Ausgabetag), S. 129, , Dass es überhaupt zu einer Sonderregelung im Umgang mit Wehrdienstverweigerern kam, beruht in erster Linie darauf, dass in den ersten beiden Jahren nach Einführung der Wehrpflicht 1.550 Wehrpflichtige ihre Einberufung verweigerten. Im März 1962 hatten zwar einmalige Staat-Kirche-Gespräche über Fragen, die sich für die Kirche und für die Gemeindemitglieder nach Verabschiedung des Wehrpflichtgesetzes ergeben haben stattgefunden, jedoch ohne Konsequenz hinsichtlich einer Regelung für mögliche Wehrdienstverweigerer. Erst nachdem bis zur Frühjahrsmusterung 1963 bereits 957 Wehrpflichtige ihre Absicht zur Verweigerung bekanntgaben, befasste sich die interne Militärführung mit dem Problem. Das Ministerium für Nationale Verteidigung beschloss eine genauere Untersuchung, deren Ergebnisse dem Ministerium durch den Chef der Verwaltung Auffüllung am 4. Mai 1963 vorgelegt wurden. Der Bericht enthält neben einer Auflistung der Gründe auch einen Vorschlag zur Lösung der Problematik der Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen: „Bei den Pioniertruppen sind außerhalb des Stellenplans Bau- und Arbeitsbataillone zu schaffen, in denen Wehrpflichtige, die den Wehrdienst mit der Waffe verweigern, die Möglichkeit haben, den Wehrdienst zu leisten, ohne dass sie eine Waffe in die Hand nehmen müssen.“ Diesem Bericht weitestgehend folgend, beschloss die Leitung des Ministeriums am 6. Juni 1963 die „Aufstellung von Arbeitseinheiten bzw. Arbeitsbataillonen für Verweigerer, bzw. solche, die sich der Ableistung des Wehrdienstes entziehen.“ Der Befehl wurde jedoch nicht sofort umgesetzt, weil sich im Herbst 1963 ein Rückgang der Verweigerer abzeichnete und so wohl die Hoffnung bestand, dass sich das Problem von alleine lösen würde. Durch einen starken Anstieg im Frühjahr 1964 wiederum beschloss man den Plan endgültig zum Herbst 1964 umzusetzen.

Baueinheiten Gemeinsam mit den Quäkern setzte sich der Religiöse Sozialist Emil Fuchs dafür ein, dass es DDR-Bürgern, die den Dienst mit der Waffe bei der Nationalen Volksarmee verweigerten, möglich wurde, ihren Dienst als Bausoldaten abzuleisten.Claus Bernet: Emil Fuchs. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XX, Spalten 551–598, Nordhausen 2002, ISBN 978-3-88309-091-7.

Auch diese Sonderform des Wehrdienstes dauerte genau wie der Dienst mit der Waffe 18 Monate. Die Uniform zeigte einen kleinen Spaten auf den Schulterklappen, sodass sich die Verweigerer untereinander als „Spatensoldaten“ oder auch „Spatis“ bezeichneten. Begriffe wie „Arbeitskompanien“ und „Arbeitsbataillone“ gehörten zu den Wortschöpfungen im Vorfeld der Entstehung des Gesetzestextes für die Bausoldatenanordnung im Jahr 1964. Um die künftigen Bautrupps sprachlich nicht in die bedenkliche Nähe zu den Strafkompanien der Wehrmacht zu rücken, fand sich für sie schließlich der unverfänglichere Begriff „Baueinheit“.Bernd Eisenfeld, Peter Schicketanz: Bausoldaten in der DDR. Die „Zusammenführung feindlich-negativer Kräfte“ in der NVA. 2011, S. 65 f. Diese sind zu unterscheiden von den „Bautruppen“ (z. B. den „Eisenbahnbautruppen“), die zwar ebenfalls im Bau eingesetzt wurden, jedoch aus regulären Wehrpflichtigen gebildet wurden.

mini|Schulterstück der Bausoldaten

Die Landstreitkräfte erhielten anfangs vier Baupionierbataillone, Luft- und Seestreitkräfte (Volksmarine) jeweils eines. Sie boten Platz für 256 waffenlose Wehrdienstleistende. Die übrigen Mitglieder waren reguläre Soldaten der Pioniertruppe. Die Mannschaften der Kompanien bestanden jedoch jeweils entweder vollständig aus unbewaffneten Bausoldaten oder aus herkömmlichen bewaffneten Pionieren. Bis 1973 wurden diese Einheiten auch zum Bau von militärischen Anlagen eingesetzt. Nach erneuten Beschwerden der Kirchen erhielten zumindest die Wehrdienstverweigerer vergleichsweise „zivile“ Aufgaben in militärischen Einrichtungen als Gärtner, Krankenpfleger in Militärkrankenhäusern oder Küchenhelfer. Insbesondere in den letzten Jahren der DDR arbeiteten viele Bausoldaten aber auch in Großbetrieben, die unter Arbeitskräftemangel litten, beispielsweise in der Chemischen Industrie oder in Braunkohlentagebauen. Die Bedingungen der Bausoldaten verschärften sich, indem sie nun zumeist in größeren Einheiten zusammengefasst wurden, etwa in Merseburg und Prora: Im heute sogenannten Block V der einst geplanten KdF-Ferienanlage, im Kern um 1950 zur Großkaserne um- und ausgebaut, waren in den 1980er Jahren bis zu 500 Bausoldaten zeitgleich stationiert. Prora wurde damit zum größten und wegen des Hafenbaus in Mukran auch weithin berüchtigtsten Bausoldatenstandort in der DDR.

Bereits kurz nach der Gründung der Baueinheiten wuchs der Bedarf an Arbeitskräften dieser Art schnell an. 1966 wurden vier weitere Bataillone aufgestellt. In diesen Einheiten dienten jedoch keine unbewaffneten Wehrdienstgegner, ebenso wie in vielen der in den folgenden Jahrzehnten aufgestellten Baupioniereinheiten.

Friedensbewegung und Ende der Baueinheiten In der Friedensbewegung wurde in den 1980er Jahren zunehmend die Forderung nach einem zivilen Ersatzdienst oder sozialen Friedensdienst erhoben. Erst die Regierung von Hans Modrow reagierte auf diese Forderung und ersetzte mit der Verordnung (VO) über den Zivildienst in der DDR vom 20. Februar 1990GBl. d. DDR Teil I Nr. 10 vom 28. Februar 1990 (Ausgabetag), S. 79, , die Bestimmungen zum Wehrersatzdienst als Bausoldat. Diese VO trat am 1. März 1990, dem Tag der Nationalen Volksarmee, in Kraft. Bereits zum 1. Januar 1990 waren die Baueinheiten aufgelöst und 1500 Bausoldaten entlassen; den verbliebenen wurde der Wechsel zum Zivildienst freigestellt, sodass die letzten Bausoldaten Anfang Oktober 1990, wenige Tage vor der Wiedervereinigung, aus der NVA entlassen wurden, obwohl deren Dienstzeit erst elf Monate betrug.

Es war ein bewusster politischer Akt der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière, im April 1990 den ehemaligen Bausoldaten und Pfarrer Rainer Eppelmann als Minister für Abrüstung und Verteidigung, also letzten Verteidigungsminister der DDR, zu berufen und ihn mit der Vorbereitung der Auflösung der NVA zu beauftragen. Von der Armeeführung wurde dies ohne öffentlich merklichen Widerstand hingenommen. Unter Eppelmann wurde 1990 ein großer Aktenbestand des Militärischen Nachrichtendienstes der NVA vernichtet, worunter sich auch zahlreiche Akten über Bausoldaten befanden. Das erschwert die Aufarbeitung.Stefan Wolter: Asche aufs Haupt! Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen der DDR-Geschichte von Prora auf Rügen. (= Schriftenreihe Denk-MAL-Prora. Band 6). Halle 2012, ISBN 978-3-86237-888-3, S. 52 und Hendrik Liersch: Ein FREIwilliger Besuch als Bausoldat in Prora. 2. Auflage. Berlin 2003, S. 14.

Aufarbeitung der Geschichte Die Impulse zur Aufarbeitung der Geschichte kamen aus den eigenen Reihen. Einen zentralen Erinnerungs- und Bildungsort gibt es nicht. Parallel zu den Bauvorbereitungen für eine Jugendherberge am ehemaligen Bausoldatenstandort Prora gründete der Berliner Historiker und Buchautor Stefan Wolter im Jahr 2008 den gemeinnützigen Verein Denk-MAL-Prora. Mit Zeitzeugen (darunter mehrheitlich ehemalige Bausoldaten), Wissenschaftlern und Sympathisanten, kämpfte er gegen die einseitige und verfälschende öffentliche Darstellung Proras als „ehemaliges KdF-Bad“ und setzte sich gegen politische Widerstände für den Erhalt baulicher Strukturen aus der DDR-Zeit ein. Aufgrund der Ignoranz der DDR-Geschichte und der Zerstörung ihrer Spuren vor Ort besetzte Stefan Wolter zuvor (2007) einen ehemaligen Klubraum der Bausoldaten mit einem Wandgemälde, an dem sich die Geschichte der Opposition erzählen lässt.denk-mal-prora.de Für diesen Ort schrieb die Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin im Jahr 2010 ein Bildungszentrum aus, das in Zusammenhang mit dem Bau der Jugendherberge Prora (eröffnet 2011) verwirklicht werden sollte. Dahinter stand, wie sich Jahre später herausstellte, keine ernsthafte Absicht. Auch die Auswahl der Trägerschaft war eine politische Entscheidung, die sich gegen die Ambitionen der Zeitzeugen richtete. Wolters Forderung, im künftigen Bildungszentrum neben der Geschichte der Proraer Bausoldaten die gesamte Geschichte der Waffen- und Wehrdienstverweigerung in der DDR darzustellen, haben zudem weder die Politik noch die Betroffenen selbst aufgegriffen.denk-mal-prora.de (PDF; 710 kB) Am 30. August 2010 gab Wolter das Ende des Vereins in einer Presseerklärung bekannt, in der es heißt: „Für den Vereinsgründer geht mit der Auflösung des Denk-MAL-Prora e. V. ein doppeltes Trauma zuende.“ Im November desselben Jahres gelang es Stefan Wolter, im Auftrag des Denk-MAL-Prora eine Erinnerungstafel für die Proraer Bausoldaten auf dem Gelände der heutigen Jugendherberge Prora zu installieren.Prora erinnert an Bausoldaten der NVA. mz-web.de, 23. November 2010, abgerufen am 8. Juli 2021. Dieser Akt und die vorausgehenden Diskussionen um bauliche Relikte aus der Zeit der militärischen Nutzung des Geländes veränderten schließlich die Wahrnehmung des Ortes, „von einem NS-Erinnerungsort zu einem Ort mit doppelter Vergangenheit“ (Politische Memoriale e. V.).polmem-mv.de Homepage der Landesfachstelle für Gedenkstättenarbeit MV, zuletzt aufgerufen am 5. Dezember 2012. Seither gibt es die politische Willensbekundung, die Geschichte der Bausoldaten zu vermitteln. (PDF; 23 kB) Allerdings werden die Räume der Jugendherberge unter dem Slogan „aus grau wird bunt“ weitgehend frei von der Nutzungsgeschichte gehalten, allenfalls wird auf die NS-Planungsgeschichte reflektiert. Nach wie vor spielen Zeitzeugen zur DDR-Geschichte so gut wie keine Rolle in Prora.Stefan Wolter: Asche aufs Haupt! Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen der DDR-Geschichte von Prora auf Rügen. 2012. Die Nutzungsgeschichte des einst größten Standortes der DDR-Bausoldaten sowie den Prozess der Annäherung an diese dokumentiert die Schriftenreihe Denk-MAL-Prora.

mini|Gedenktafel am Mehrzweckgebäude der Jugendherberge Prora

Die Kaserne in Merseburg wurde 2008 zum großen Teil abgerissen. Auf dem Gelände ist jetzt der Gewerbepark Geusa ansässig. Am 22. Dezember 2011 beschloss der Senat der Hochschule Merseburg, dem Stadtrat vorzuschlagen, einem Platz auf ihrem Campus den Namen „Platz der Bausoldaten“ zu geben. Am 2. Juli 2014 wurde an diesem Platz eine Erinnerungstafel für die Bausoldaten feierlich eingeweiht. Dabei nahmen die Medien auch Prora auf Rügen in den Blick, wohin – für die Betroffenen meist überraschend – wiederholt ein Austausch von Bausoldaten vorgenommen worden war.proraer-bausoldaten.de

Bausoldatenkongresse und Rezeption