mini|Max Dortu Johann Ludwig Maximilian Dortu, vielfach auch Max Dortu (* 29. Juni 1826 in Potsdam; † 31. Juli 1849 in Freiburg im Breisgau) nahm in der Revolution von 1848/49 am bewaffneten Kampf für die Errichtung einer Republik in Deutschland teil. Bekannt wurde Dortu als Urheber der Bezeichnung „Kartätschenprinz“ für den Prinzen von Preußen, den späteren König und Kaiser Wilhelm I., und wegen seiner Hinrichtung durch die preußische Militärjustiz.
Leben Herkunft und Ausbildung mini|hochkant|Die 1948 an Maximilian Dortus Geburtshaus in der Potsdamer Dortustraße 28/29 angebrachte Gedenktafel
Dortu war Sohn des Justizrats Ludwig Wilhelm Dortu (1794–1858)Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 7: Supplement A–K. Winter, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-8253-6050-4, S. 254–255. aus Berlin. Der Vater hatte an den Befreiungskriegen teilgenommen und war Mitglied der Jenaer Urburschenschaft. Nachdem er in Hamburg ein Vermögen gemacht hatte, heiratete er 1825 die Potsdamer Bürgertochter Pauline Schlinke (1802–1861), die wie er einer Hugenottenfamilie entstammte. Die Familie ließ sich in Potsdam nieder, nachdem Ludwig Dortu hier zwei Häuser am Stadtkanal gekauft hatte. (In eines davon zog später die Dortu-Grundschule.) Er wurde in die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung gewählt, wo er am 6. März 1848 ein Reformprogramm vorlegte, das Pressefreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit sowie ein Ende der Polizeiwillkür beinhaltete.Ildiko Röd: „Ich sterbe für die Freiheit“. Vor 165 Jahren fand die Hinrichtung des Revolutionärs Max Dortu statt. In: MAZ vom 11. Juli 2014, Seite 18.
Ihr einziges Kind war Maximilian Dortu. In Potsdam legte er nach dem Besuch einer Privatschule an der Grand École (im 21. Jahrhundert die Potsdamer Abendschule in der Friedrich-Ebert-Straße) 17-jährig sein Abitur ab. Danach begann Max an der Berliner Universität Rechtswissenschaft zu studieren, während er gleichzeitig bis Oktober 1845 seinen Wehrdienst als Einjährig-Freiwilliger im Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 in Berlin ableistete. Dortu, der aus Gesundheitsgründen leicht als dienstuntauglich hätte gelten können, begründete seine freiwillige Meldung mit der „ernsten Pflicht eines jeden preußischen Untertanen“, sich dem Militärjahr nicht entziehen zu dürfen.Haeckel zitiert aus dem Bewerbungsgesuch, S. 42. Im Oktober 1845 wurde er im Rang eines Unteroffiziers des 24. Landwehrregiments entlassen.
Anschließend immatrikulierte sich Dortu für das Wintersemester 1845/46 an der Heidelberger Universität. Dort schloss er sich sofort der Burschenschaft Alemannia an.Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 1: A–E. Winter, Heidelberg 1996, ISBN 3-8253-0339-X, S. 217. Noch im Jahr 1845 spaltete sich unter Karl Blind von der Alemannia der radikaldemokratische Neckarbund ab, dem auch Dortu beitrat. Blind war der Ansicht, dass die Burschenschaft den „sozialen, insbesondere den kommunistischen Bestrebungen zu geringe Aufmerksamkeit schenke“.Zum Neckarbund siehe Georg Heer: Die Zeit des Progresses. Von 1833–1859, Carl Winter, Heidelberg 1929, S. 46f. (= Herman Haupt (Hrsg.): Geschichte der Deutschen Burschenschaft, Band 3) Im Neckarbund lernte Dortu die späteren Revolutionäre Gustav Struve, Karl Mittermaier, Gustav Adolph Schlöffel, Ludwig Eichrodt und die Gebrüder Hexamer kennen.
Teilnehmer der Märzrevolution in Potsdam und Berlin Im Herbst 1847 kehrte Dortu an die Universität in Berlin zurück, wo er im März 1848 die erste der drei Staatsprüfungen innerhalb der Juristenausbildung ablegte. Am Potsdamer Stadtgericht begann er ein Referendariat als Auskultator. Zugleich unterstützte Dortu die revolutionäre Bewegung. Er trat dem Potsdamer Politischen Verein bei, wurde bald dessen wichtigster Sprecher und arbeitete mit Schlöffel in Berlin zusammen. Am 12. Mai gab er in einer Rede dem Prinzen von Preußen, dem Exponenten der militant-reaktionären Partei am Hofe, Wilhelm, den berühmt gewordenen Beinamen Kartätschenprinz. Dortu meinte, dieser hätte bei den Kämpfen in Berlin am 18. und 19. März 1848 die Truppen kommandiert, den Einsatz von Kartätschen befohlen und damit „Hochverrat am Volke“ begangen.Formulierungen Dortus, zitiert bei Haeckel, S. 51. Dortu wurde deshalb wegen persönlicher Beleidigung des Prinzen von Preußen im Juni 1848 zu fünfzehn Monaten Festungsarrest verurteilt und seiner Stellung enthoben.Gegenüber Gustav Rasch berichtete Dortu, er sei zu sechs Monaten Festungsarrest verurteilt worden. Nach dessen Erinnerungen zitiert bei Gass, S. 81f. Nach Darstellungen, die auf Gerichtsakten zurückgehen, (Haeckel, S. 45 und Staroste: Tagebuch über die Ereignisse in der Pfalz und Baden im Jahre 1849. Ein Erinnerungsbuch für die Zeitgenossen und für Alle, welche Theil nahmen an der Unterdrückung jenes Aufstandes. Band II, Verlag der Riegel’schen Buch- und Musikalienhandlung (A. Stein), Potsdam 1853, S. 232) hat das Gericht Dortu zu 15 Monaten Festungsarrest verurteilt. Bis zu seiner vorzeitigen Freilassung im Oktober 1848 war er in der Berliner Hausvogtei inhaftiert. Zur Entlassung kam es, weil Dortu in die zweite Instanz gegangen war. Danach hielt er sich in Potsdam auf. Der Politische Verein delegierte Dortu zum Zweiten Demokratischen Kongress, der vom 26. bis 30. Oktober 1848 in Berlin stattfand, wenige Tage vor dem gegenrevolutionären Umschwung.
Als am 9. November 1848 konterrevolutionäre Truppen unter General Wrangel Berlin besetzt hatten, brachte Dortu am 12. November durch revolutionäre Ansprachen in Potsdam und Nowawes Arbeiter, „aber auch wohlbekleidete Männer“ dazu, den Gleiskörper der Berlin-Potsdamer Eisenbahn zu beschädigen und den elektrischen Telegrafen zu unterbrechen. Die zur Unterstützung Wrangels bestimmten Potsdamer Truppen mussten nun, statt ungehindert nach Berlin zu fahren, ein Stück zu Fuß gehen.Gass zitiert einen Bericht der „Berlinischen Nachrichten“ vom 15. November 1848, S. 75f. Für Dortu hatte der Sabotageakt einen Haftbefehl samt Steckbrief des Potsdamer Stadtgerichtes vom 18. November 1848 zur Folge. Er entzog sich einer erneuten Festnahme durch eine Flucht nach Belgien.
Im französischen Exil Nach einem Zusammenstoß mit der Brüsseler Polizei entwich Dortu im Januar 1849 nach Paris. Er verkehrte in Emigrantenkreisen, wo er sich mit Gustav Rasch befreundete und Ernst Dronke sowie Arnold Ruge kennenlernte. Aus Mitteln zum Unterhalt, die sein Vater ihm schickte, unterstützte Dortu notleidende Flüchtlinge aus Deutschland. Er lebte eher ungesellig und widmete sich militärischen Studien. Dortu war von der im Februar 1849 gegründeten Römischen Republik begeistert und wollte an ihrer Verteidigung gegen eine drohende Konterrevolution teilnehmen. Er ließ sich von Giuseppe Mazzini persönlich für eine Offiziersstelle in deren Armee anwerben. Im April in Marseille angekommen, musste Dortu wegen der erfolgreichen gegenrevolutionären Invasion Frankreichs in Italien seinen Plan aufgeben.
Kämpfer in der Badischen Revolution mini|Ausbruch der Militärrevolte in Rastatt am 13. Mai 1849
Inzwischen nahm die Badische Revolution und der Pfälzische Aufstand in der Reichsverfassungskampagne die Form bewaffneter Kämpfe an. Mitte Mai war ganz Baden in den Händen der Aufständischen. Auf Veranlassung des vertriebenen Großherzogs Leopold, der Bundeshilfe beantragt hatte, marschierte eine Reichsarmee zur Niederschlagung der Revolution an den Grenzen auf. Sie setzte sich überwiegend aus preußischen Truppen zusammen und stand unter dem Oberbefehl des Prinzen von Preußen. Der Aufstand in Baden, das schon in den Jahren 1847 und 1848 als Schauplatz revolutionärer Bestrebungen bekannt geworden war, wurde „eine Sache der ganzen radikalen Linken in Deutschland, ja in Mitteleuropa; von überall her kamen radikale Freischärler und Flüchtlinge.“So Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800–1866. Bürgerwelt und starker Staat. C. H. Beck, München 1983, ISBN 3-406-09354-X, S. 662.
Dortu reiste mit einer Schweizerschar über Genf nach Karlsruhe, wo er Ende Mai 1849 eintraf. Dort setzten sich radikale Kräfte durch, die über die Forderung nach Anerkennung der Reichsverfassung hinausgingen und eine deutsche Republik anstrebten. Der aus der Haft befreite Gustav Struve empfahl Dortu dem Chef der Volkswehr Johann Philipp Becker mit den Worten „... eine ideale Natur, löwenkühn im Kampfe, ungestüm und begeistert auf der Rednertribüne, voll der edelsten Vaterlandsliebe jederzeit“.Zitat bei Gass, S. 106. Becker, der an der Spitze der entschlossenen Demokraten stand, die rasche militärische Maßnahmen gegen die nahende Konterrevolution forderten, ernannte Dortu zum Stabsadjutanten im Generalkommando der Volkswehr. Am 5. Juni 1849 gehörte Dortu zu den Gründern des Klubs des entschiedenen Fortschritts um Gustav Struve, Johann Philipp Becker und Samuel Erdmann Tzschirner.
Nachdem Mitte Juni der preußische Einmarsch von der Pfalz aus in Baden begonnen hatte und Karlsruhe geräumt werden musste, wurde am Unterlauf der Murg von Gernsbach bis Steinmauern in großer Eile eine Verteidigungsstellung, die Murglinie, eingerichtet. Am 17. Juni 1849 wurde Dortu von Becker zum Militärkommandanten des Amtsbezirks Gernsbach ernannt und erhielt den Auftrag, im Rang eines Majors die revolutionären Streitkräfte an der Murglinie bei Gernsbach zu organisieren. Die drohende militärische Niederlage und die nachlassende Kampfmoral der Bevölkerung förderten seine Bereitschaft, mit energischen und radikalen Maßnahmen den Fortbestand der revolutionären Regierung zu sichern. So war er am 24. Juni maßgeblich an der Geiselnahme im Murgtal beteiligt, die sich gegen konservative Beamte und Geistliche, welche als Anhänger der großherzoglichen Regierung bekannt waren, richtete. Dortus exzessives Durchgreifen gegen tatsächliche oder vermeintliche Reaktionäre im Murgtal führte schließlich zu seiner Ablösung und Versetzung an die Murglinie bei Rastatt. Am 28. und 29. Juni kommandierte Dortu während der Abwehrgefechte am Niederwald zwischen Rastatt und Ötigheim ein 330 Mann starkes Bataillon der Freiburger Volkswehr.Staroste: Tagebuch über die Ereignisse in der Pfalz und Baden im Jahre 1849. Ein Erinnerungsbuch für die Zeitgenossen und für Alle, welche Theil nahmen an der Unterdrückung jenes Aufstandes. Band II, Verlag der Riegel’schen Buch- und Musikalienhandlung (A. Stein), Potsdam 1853, S. 5 und 233 Nach den verlorenen Gefechten bei Gernsbach und Rastatt und dem Zusammenbruch der Murglinie zog sich ein Teil der Revolutionsarmee in die Festung Rastatt zurück und wurde am 30. Juni dort von preußischen Truppen eingeschlossen. Der größere Teil der Revolutionstruppen versuchte sich, schon in Auflösung begriffen, in den südlichen Landesteil zu retten. Nun wurde Freiburg zur Hauptstadt der Badischen Republik.
Gefangennahme mini|Im Amtsgericht Freiburg verbrachte Dortu seine letzten Tage (Zustand im 21. Jahrhundert)
Anfang Juli 1849 lösten sich in Freiburg die Reste der Revolutionsarmee, ohne eine Entscheidungsschlacht geführt zu haben, durch Desertion, Abmarsch in die Schweiz oder Übertritt zum Großherzog auf, während in der Stadt die herzogstreue Partei die Oberhand gewann. Nur die Kolonne Sigel war noch in der Lage, geordnet ins Höllental zu entweichen. Sigel und ein Mitglied der Revolutionsregierung hatten Dortu am 3. Juli die Zusammenziehung und Ausrüstung sämtlicher Wehrpflichtiger des ländlichen Bezirks um Freiburg („Landamt Freiburg“) übertragen. Am 4. Juli verbreitete Dortu rings um Freiburg drohende Aufrufe und ging energisch ans Werk.