miniatur|Bronzetafel am Denkmal des Kniefalls Der Kniefall von Warschau ereignete sich am 7. Dezember 1970 in Warschau, der Hauptstadt der Volksrepublik Polen. Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt besuchte die Stadt, um dort den Vertrag zu unterzeichnen, der das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik regeln sollte. Teil des Staatsbesuchs war eine Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos. Dort sank Brandt unerwartet auf die Knie, eine Geste, die als Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verstanden wurde.
Vorbereitung des Staatsbesuches mini|Grabmal des unbekannten Soldaten in Warschau, 2016 Vor Abschluss des Warschauer Vertrags bestanden zwischen der Bundesrepublik und Polen keine diplomatischen Beziehungen. Aus diesem Grund liefen die Vorbereitungen von Brandts Staatsbesuch über die Handelsvertretungen der beiden Staaten. Ein erster Programmentwurf, den der Leiter der polnischen Handelsvertretung, Wacław Piątkowski, am 24. November mit der Protokollabteilung des Auswärtigen Amts abstimmte, enthielt noch keinen Besuch einer Gedenkstätte. Erst eine Woche später schlug Piątkowski, wohl aus eigenem Antrieb, vor, dass Brandt einen Kranz am Grabmal des unbekannten Soldaten in Warschau niederlegen könne.
Brandt nahm den Vorschlag auf, bestand aber darauf, entweder auch am Denkmal der Helden des Ghettos einen Kranz niederlegen zu dürfen oder ganz auf die Zeremonie zu verzichten. Die Niederlegung des Kranzes im ehemaligen Ghetto sollte nach Brandts Wunsch in einem schlichten Rahmen erfolgen. Die Polen stimmten Brandts Wunsch nach zwei Kranzniederlegungen zu. Für die Kranzniederlegung am Grabmal des unbekannten Soldaten schlugen sie ein Zeremoniell vor, das auch schriftlich festgehalten wurde. Beim Ghetto-Denkmal verzichteten sie, auch auf deutsche Nachfrage, darauf.Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. 2005, S. 19–22.
Kurz vor dem Besuch fragte der Zentralrat der Juden in Deutschland im Bundeskanzleramt an, ob man an die Teilnahme eines jüdischen Vertreters am Staatsbesuch gedacht habe. Dieses teilte daraufhin mit, dass es nie Pläne gegeben habe, in der Begleitdelegation „einen repräsentativen Querschnitt [der] pluralistischen Gesellschaft und der Gruppen bundesdeutscher Bevölkerung […] zu vereinen“. Es seien deshalb auch keine religiösen Institutionen, also auch nicht die Kirchen, eingeladen worden. Allerdings flogen Vertreter der katholischen und evangelischen Jugenddachverbände mit nach Warschau.Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. 2005, S. 86.
Laut Hermann Schreiber vom Spiegel hatte Brandt ursprünglich vorgehabt, Heinz Galinski, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, nach Warschau mitzunehmen, dies jedoch aus Gründen der Diplomatie verworfen. In einer Erklärung vom 4. Dezember brachte der Zentralrat sein Befremden über die Nichtberücksichtigung in der Delegation zum Ausdruck und forderte eine Erklärung der Bundesregierung, gab darin aber fälschlicherweise an, die Kirchen seien eingeladen worden. Kritik lösten die Einladungen aber auch von Seiten der Opposition aus. So war der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Gerhard Stoltenberg, am 3. Dezember der Meinung, sie führten zu einer „gefährlichen Verwischung der Grenzen von Staat und Gesellschaft“ sowie zur „Politisierung von Institutionen und Organisationen, die im Interesse unserer freiheitlichen Ordnung unabhängig und überparteilich bleiben müssen.“Gerhard Stoltenberg: Die Bundesregierung will unabhängige Organisation für ihre Ostpolitik einschalten. Aufforderungen zur Teilnahme an Vertragsunterzeichnung lösen Beunruhigung aus. In: Alexander Behrens (Hrsg.): „Durfte Brandt knien?“. 2010, S. 29–30, hier: 30.
Kniefall mini|Denkmal der Helden des Ghettos, 2013 Am 7. Dezember 1970 legte Brandt zunächst am Grabmal des unbekannten Soldaten einen Kranz nieder. Hier war eine Ehrenkompanie angetreten, und etwa 2000 polnische Bürger nahmen an der Veranstaltung teil. Danach besuchte er das Ghetto-Ehrenmal, um auch dort einen Kranz niederzulegen. Hier standen nur zwei Soldaten, die Zuschaueranzahl lag bei 300 bis 400.Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. 2005, S. 16–17.
Nachdem Brandt, wie bei solchen Angelegenheiten üblich, die Schleifen des Kranzes gerichtet hatte, trat er einen Schritt zurück und sank dann in einer einzigen Bewegung auf die Knie. Die Hände vor dem Bauch gefaltet, verharrte er etwa vierzehn Sekunden in dieser Position und stand dann wieder in einer einzigen Bewegung auf.Der Kniefall von Warschau – Versuch einer Rekonstruktion. 7. Dezember 2020 (Geschichtsblog FEShistory) Danach begab sich die Delegation zum Radziwiłł-Palais, dem Amtssitz des Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz, zu Gesprächen zwischen Brandt und Cyrankiewicz, in deren Anschluss der Warschauer Vertrag unterzeichnet wurde.Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. 2005, S. 17–18.
Reaktionen Bundesrepublik Der Kniefall wurde in der deutschen Presse fast durchweg positiv aufgenommen. Wie der Soziologe Christoph Schneider herausarbeitete, ähnelten sich viele Berichte bundesdeutscher Zeitungen und Zeitschriften in ihrer Darstellung des Vorgangs. Jeweils in drei Teilen werde die Atmosphäre vor, während und nach dem Kniefall beschrieben. Zunächst als kalt, dunkel und unheilvoll charakterisiert, dominierten am Ende Symbole der Wärme und Genesung.Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Zur Geschichte einer Charismatisierung. 2004, S. 203–205. Beim Kniefall würden vor allem die Spontanität und Authentizität hervorgehoben.Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Zur Geschichte einer Charismatisierung. 2004, S. 206. Mit dem Motiv der Erlösung werde das Ereignis in einen christlich-religiösen Zusammenhang gestellt.Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Zur Geschichte einer Charismatisierung. 2004, S. 211–214. So schrieb Hermann Schreiber, später häufig zitiert, im Spiegel vom 14. Dezember:Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Zur Geschichte einer Charismatisierung. 2004, S. 212–213.
Die konservative Presse stand der Ostpolitik Brandts sehr ablehnend gegenüber. Über den Kniefall berichteten sie dennoch meist respektvoll.Klaus-Dieter Hein-Mooren: Spontan oder geplant? Bemerkungen zu Willy Brandts Kniefall in Warschau. 2004, S. 747. Einige wenige kritische Stimmen zum Kniefall fanden sich in der Welt. Am 20. Dezember erschien in der Welt am Sonntag ein Gastbeitrag von Alfred Wolfmann, Deutschlandkorrespondent der israelischen Tageszeitung Jedi’ot Acharonot und bekennender Gegner der sozialliberalen Regierung unter Brandt. Er könne beim Kniefall keine Ergriffenheit empfinden, angesichts der Tatsache, dass Brandt zwar auf Wunsch der antisemitischen polnischen Machthaber keinen Juden nach Warschau mitgenommen habe, dafür aber der wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittene Ernst Achenbach als Vertreter des Bundestags zur Delegation gehört habe. Das Knien vor einem jüdischen Mahnmal sei außerdem wenig taktvoll, denn der Kniefall sei kein jüdischer Brauch. Zudem kritisierte Wolfmann, dass Brandt in seiner Fernsehansprache die jüdischen Opfer nicht erwähnt habe.Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. 2005, S. 137–138. Am 9. Januar 1971 folgte in der Welt ein weiterer Artikel, in dem der Kniefall als „Akt freiwilliger Selbsterniedrigung“ mit dem Gang nach Canossa verglichen wurde und als „eine Geste zur falschen Zeit, am falschen Ort vor den falschen Zeugen und unter einer falschen Voraussetzung“ sowie als „Kotau vor dem Kommunismus“ bezeichnet wurde. An der „Aufrichtigkeit der Geste“ und der „Untadeligkeit ihrer Gesinnung“ bestehe aber trotzdem kein Zweifel.Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Ritual, Ereignis und Erzählung. 2006, S. 62.
Die Bevölkerung war hinsichtlich des Kniefalls gespalten, wie eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für den Spiegel direkt nach dem Ereignis zeigt. Von den 500 Befragten hatten 84 Prozent vom Kniefall über Presse oder Fernsehen erfahren. Von diesen wiederum hielten ihn 41 Prozent für angemessen, 48 Prozent hingegen für übertrieben, die restlichen 11 Prozent äußerten keine Meinung. Bei den unter 30-Jährigen sowie den Menschen über 60 waren Zustimmungsraten für den Kniefall etwas höher als die Ablehnung (46 % zu 42 % bzw. 47 % zu 41 %), bei der Altersgruppe dazwischen überwog hingegen deutlich die Ablehnung (54 % gegenüber 37 %). Der Spiegel resümierte dazu, dass anscheinend die Weisheit des Alters sowie Unbefangenheit der Jugend „das Verständnis wecken [kann] für eine Geste, die so ungewöhnlich ist wie das Geschehen, dem sie galt.“
Polen Die polnischen Gastgeber Brandts reagierten sehr zurückhaltend auf den Kniefall. In offiziellen Reden, Gesprächen und Pressekonferenzen wurde der Kniefall nicht erwähnt.Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. 2005, S. 26. Nur Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz, der selbst im KZ Auschwitz inhaftiert gewesen war, erwähnte am Morgen des 8. Dezember in einem persönlichen Gespräch mit Brandt, dass seine Frau sehr bewegt von dem Kniefall gewesen sei. Zitiert in: Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. 2005, S. 27. Die Zurückhaltung der polnischen Politik setzte sich auch in der Berichterstattung der staatlich kontrollierten polnischen Medien fort. Das Fernsehen zeigte ihn nur kurz in den Nachrichten, in den Zeitungen erschien nur ein kleines Foto. Es zeigt einen polnischen Soldaten im Vordergrund und Brandt nur im Hintergrund, das Denkmal ist nicht zu erkennen. So erweckt es den Eindruck, Brandt knie vor dem Soldaten. In späteren Veröffentlichungen wurde das Foto auf Brandts Brusthöhe abgeschnitten, sodass nicht mehr erkennbar war, dass Brandt kniete. Statt des Kniefalls hob die polnische Presse Brandts Verneigung vor dem Grab des unbekannten Soldaten besonders hervor.Krzysztof Ruchniewicz: „Noch ist Polen nicht verloren“. 2007, S. 67–68. Adam Krzemiński (Der Kniefall. 2000) und Radosław Supranowicz (Warschauer Vertrag vom 07.12.1970. 2003) berichten stattdessen, das Foto sei zunächst nur in der auf Jiddisch publizierenden Zeitung Folks-Sztyme erschienen, erst später hätten andere Zeitungen das Foto gezeigt.
Für diese Zurückhaltung werden mehrere Gründe angeführt. Zum einen unterlag seit der antisemitischen Kampagne während der März-Unruhen 1968 die Erinnerung an die polnisch-jüdische Geschichte und den Holocaust einer strengen Zensur. Zum anderen widersprach das Bild des knienden Kanzlers der antideutschen Stimmung in der polnischen Bevölkerung und den Klischees der „revanchistischen Bedrohung“ aus dem Westen sowie des ewigen deutschen „Drangs nach Osten“, die von den polnischen Machthabern propagiert worden waren.Adam Krzemiński: Der Kniefall. 2000, S. 1086. Radosław Supranowicz: Warschauer Vertrag vom 07.12.1970 und dessen Aufnahme in der deutschen und polnischen Publizistik der damaligen Zeit. 2003, S. 207.