mini|hochkant|Der teilweise zerstörte Wohnblock in Wolgodonsk Die Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in Russland im Jahr 1999 waren eine Serie von Bombenattentaten, bei denen 367 Menschen ums Leben kamen und über 1000 verletzt wurden. Die Terroranschläge waren der Anlass für Russland, den Zweiten Tschetschenienkrieg zu beginnen, in den Worten Putins „zur Bekämpfung von 2000 Terroristen“.Marcel Baumann: Schlechthin böse? - Tötungslogik und moralische Legitimität von Terrorismus, Seite 185, ISBN 978-3-531-17333-7 Gemäß offiziellen russischen Ermittlungsergebnissen waren die Täter tschetschenische Separatisten. Dies wurde inner- und außerhalb Russlands angezweifelt, da Indizien auf eine Verstrickung des russischen Geheimdiensts FSB deuteten. Der Versuch einer unabhängigen parlamentarischen Untersuchung wurde von der russischen Regierung blockiert und verlief ergebnislos; untersuchende Duma-Abgeordnete wurden ermordet. Im Verlauf des Krieges in Tschetschenien konnte der ehemalige FSB-Direktor Wladimir Putin als neuer russischer Präsident seine Position an der Staatsspitze konsolidieren.
Ereignisse
31. August 1999 – Moskau Die erste Bombenexplosion am 31. August 1999 in der russischen Hauptstadt betraf noch kein Wohngebäude. Sie ereignete sich in einer Einkaufspassage „Ochotny rjad“ (russisch: ) am Manege-Platz, tötete eine Person und verletzte 40 weitere.
4. September 1999 – Buinaksk Am 4. September 1999 um 21:45 Uhr explodierte eine Autobombe (2700 kg; Lkw GAZ-52; Aluminium-Pulver mit Ammoniumnitrat) in der Stadt Buinaksk (Republik Dagestan im Nordkaukasus) vor einem sechsstöckigen Wohnhaus (Lewanewski Straße 3; russisch: ), das von russischen Militärangehörigen und ihren Familien bewohnt wurde. Dabei wurden zwei Aufgänge des Hauses mit den dazugehörigen Wohnungen zerstört, wobei 64 Personen, darunter 23 Kinder, getötet und 164 verletzt wurden.
Eine Bombe in einem zweiten Lkw (ZIL-130) vor einem Krankenhaus wurde von der Polizei entschärft. Im Wagen wurden Papiere auf den Namen Issa Sainutdinow (russisch: ) gefunden.Палачей Буйнакска взяли в Баку. Segodnya.ru, 22. September 2000 (russisch).
Von offizieller russischer Seite wurden Separatisten aus Tschetschenien für den Anschlag verantwortlich gemacht, die ab dem 2. August 1999 unter der Führung von Bassajew und Ibn al-Chattab in Dagestan eingefallen waren (Dagestankrieg) und die unabhängige „Islamische Republik Dagestan“ ausgerufen hatten. In die Kämpfe waren ca. 1400 vor allem tschetschenische Kämpfer verwickelt. Es gab Hunderte von Todesopfern unter den Kämpfern und der Zivilbevölkerung.
8. September 1999 – Moskau Am 8. September 1999 um 23:58 Uhr explodierte im Erdgeschoss des neunstöckigen Wohnhauses Gurjanow Str. 19, russisch: im Südosten Moskaus (Stadtteil Petschatniki, russisch: ) eine 300–400 kg schwere Sprengladung Hexogen. Das Gebäude wurde sehr stark beschädigt (108 zerstörte Wohnungen), es starben 94 Menschen im Haus und 150 Personen wurden verletzt. Ein Anrufer bei einer russischen Nachrichtenagentur sagte, dass die Explosion eine Antwort auf die russischen Bomben auf Dörfer in Tschetschenien und Dagestan während des Dagestankrieges sei.
13. September 1999 – Moskau mini|Aufräumarbeiten in Moskau am 14. September 1999 am Anschlagsort Kaschira-Schnellstraße Fünf Tage später, am Trauertag für die Opfer des Bombenanschlages, explodierte um 5 Uhr eine Sprengladung Hexogen in einer Wohnung an der Kaschira-Schnellstraße (Kaschirskoje Chaussee, 6/3; 8 Etagen) im Süden von Moskau. Das achtstöckige Gebäude wurde total zerstört. Die Explosion schleuderte einige Betonteile des Hauses hunderte Meter weit und bedeckte die ganze Straße mit Schutt. Es starben 118 Menschen und 200 wurden verletzt. Der russische Ministerpräsident Putin erklärte daraufhin den „illegalen Kampfeinheiten“ in Tschetschenien den Krieg, obwohl die beiden Moskauer Anschläge in keiner Weise dem Schema der tschetschenischen Geiselnahmen, welche immer ein konkretes Ziel verfolgten, entsprachen. Nach Ansicht der Kritiker gab es keine Beweise für tschetschenische Täter. Das russische Militär traf dennoch Vorbereitungen für einen Einmarsch in Tschetschenien, mit dem Ziel, die Regierung abzusetzen.
Die beiden Anschläge in Moskau waren laut der Journalistin Katrin Eigendorf von Putin inszeniert.Katrin Eigendorf bei Markus Lanz, Sendung vom 30. März 2022, ab Min. 27, www.zdf.de, Markus Lanz Unter westlichen Fachleuten wird die Theorie, dass der russische Geheimdienst FSB in die Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser verwickelt ist, von David Satter, dem ehemaligen Korrespondenten der Financial Times in Moskau, in seinem Buch Darkness at Dawn: the Rise of the Russian Criminal State (Yale University Press) vertreten.
Nach Recherchen der französischen Journalisten Jean-Charles Deniau und Charles Gazelle wurden die Explosionen vom FSB durchgeführt, um eine Rechtfertigung für die Fortsetzung des Tschetschenienkrieges zu haben, der wiederum Putin half, die Kommunisten bei den Präsidentschaftswahlen am 26. März 2000 zu schlagen.
Der ehemalige Geheimagent und spätere Privatermittler Michail Trepaschkin und zwei weitere Zeugen sollen in einer Phantomzeichnung des Mannes, der den Keller in einem der zerbombten Häuser angemietet hatte, den FSB-Agenten Wladimir Romanowitsch erkannt haben.Kim Murphy: Russian Ex-Agent's Sentencing Called Political – Investigator was about to release a report on 1999 bombings when he was arrested. Los Angeles Times vom 20. Mai 2004
16. September 1999 – Wolgodonsk Der russische Entschluss für eine Intervention in Tschetschenien wurde durch eine weitere Explosion einer Autobombe am 16. September 1999 verstärkt. Diese Explosion fand vor einem neunstöckigen Wohnhaus in der südrussischen Stadt Wolgodonsk (Donregion) statt, wobei 17 Personen getötet wurden.
Russland reagierte mit dem Einsatz seiner Luftstreitkräfte gegen Stellungen von tschetschenischen Aufständischen, Erdölraffinerien und andere Gebäude in Tschetschenien. Bis Ende September war klar, dass es sich nicht um einzelne Angriffe handelte, sondern ein Krieg in Tschetschenien entbrannt war – der zweite Tschetschenienkrieg. Im Oktober 1999 marschierten dann russische Truppen in Tschetschenien ein.
22. September 1999 – Vorfall in Rjasan Am Abend des 22. Septembers 1999 beobachtete ein Bewohner eines 13-stöckigen Wohnhauses in der Nowsojolow-StraßeWorld Socialist Web Site, Julie Hyland: Observer behauptet Beteiligung des russischen Geheimdienstes an Bombenanschlägen in Moskau, 21. März 2000, als Memento gespeichert am 22. Juni 2013 in der Stadt Rjasan zwei Männer, die schwere Säcke aus einem, wie sich später herausstellte, zuvor gestohlenen Auto in den Keller schleppten. Die lokale Polizei (Miliz) wurde gerufen und Tausende von Bewohnern der umliegenden Wohnungen wurden evakuiert sowie die Straßen abgesperrt. Laut Sprengmeister Juri Tkatschenko wiesen Gasproben im Keller auf den gleichen Sprengstoff Hexogen hin, der auch bei den Moskauer Anschlägen verwendet worden war. Putin, der vom 25. Juli 1998 bis August 1999 Direktor des FSB war, bekam in Russland daraufhin den Spitznamen „Herr Hexogen“.Alexandr Nemets, Thomas Torda: newsmax.com, 19. Juli 2002 (englisch).Alexandr Nemets, Thomas Torda: newsmax.com, 23. Juli 2002 (englisch).
Putin lobte am 24. September die Polizei und die aufmerksame Bevölkerung. Bis zu diesem Zeitpunkt zweifelte niemand an einem terroristischen Anschlag. Am gleichen Tag erläuterte der Chef des FSB, Nikolai Patruschew, zum Missfallen der lokalen FSB-Abteilung, sein Vorgehen. Die Sprengvorrichtung im Keller des Wohnhauses sei nur eine Attrappe gewesen, sie habe bloß Zucker enthalten. Der FSB habe nur eine „Übung“ durchgeführt und das verwendete Gasanalysegerät hätte eine Fehlfunktion gehabt.David Satter: The Shadow of Ryazan. National Review, 30. April 2002 (englisch).
Sprengmeister Tkatschenko bestand jedoch weiter darauf, dass es eine echte Bombe war. Er sagte, dass die Sprengvorrichtung einen Timer, eine Energieversorgung und Zünder hatte, die ausschließlich Militärausrüstungen waren und offensichtlich von Profis vorbereitet waren. Das Gasanalysegerät testete die Dämpfe aus den Säcken unzweideutig als Hexogen. Laut Tkatschenko stand es außer Frage, dass das Gasanalysegerät keine Fehlfunktion gehabt habe, da es regelmäßig gewartet wurde. Der Polizist, der als Erster am Tatort eintraf und die Bombe entdeckte, bestand auch darauf, dass dieser Vorfall keine Übung gewesen sei und dass schon dem Augenschein nach die Substanz in der Bombe kein Zucker war.
Dennoch wurde das Ergebnis der ersten Sprengstoffanalyse staatlicherseits widerrufen, da es wegen einer Verschmutzung des Analyseapparates durch vorangegangene Tests ungenau gewesen sei. Die angeblich Zucker enthaltenden Säcke der „Übung“ seien auf einem Artillerieübungsplatz getestet worden und nicht explosiv gewesen – wobei u. a. der Autor Edward Lucas fragte, wozu Zucker getestet werden müsse und warum der FSB ein gestohlenes Auto benutzte.Edward Lucas: Der Kalte Krieg des Kreml: Wie das Putin-System Russland und den Westen bedroht. 2008, ISBN 978-3-570-50095-8.
Der Observer berichtete, er habe Beweise, dass die Bombe wirklich Sprengstoff und einen Zünder enthielt, und brachte eine Fotografie, die den Zünder darstellen sollte, der auf 05:30 Uhr eingestellt war. Tkatschenko erklärte dem Observer: „Es war eine echte Bombe. Sie war scharf gemacht.“
Dieser Vorfall gilt heute als erster Hinweis darauf, dass die Bombenanschläge in Moskau vom FSB organisiert worden sein könnten.John Sweeney: Take care Tony, that man has blood on his hands. The Guardian, 12. März 2000 (englisch).
Offizielle Untersuchung mini|hochkant|Gedenkkapelle in Moskau (Petschatniki) am Ort der Explosion Nach den Ergebnissen der offiziellen Untersuchung wurden die Bombenanschläge auf die Wohnhäuser von Ibn al-Chattab und Abu Umar, einem arabischen Kämpfer, der in Tschetschenien kämpfte, geplant und organisiert. Beide wurden später getötet. Die Planung wurde in al-Chattabs Guerillalagern „Kaukasus“ in Schatoi () und „Taliban“ in Avtury (auch: Aleroy, ) in Tschetschenien durchgeführt. Am 4. Mai 2000 tötete ein russisches Spezialkommando bei einem Angriff aus dem Hinterhalt auf einen tschetschenischen Rebellen-Trupp in der Nähe des Dorfes Avtury 19 Personen.
Die offizielle russische Untersuchung ergab, dass die Operation für Bombenanschläge auf die Wohnhäuser von Achemez Gotschijajew (dem Turkvolk der Karatschaier angehörend) geführt wurde. Der Sprengstoff wurde in Urus-Martan (Tschetschenien; russisch: ) in einer Düngemittelfabrik vorbereitet. Dazu wurden Hexogen, TNT, Aluminium-Pulver und Salpeter mit Zucker gemischt. Von dort wurde er an ein Nahrungsmittellager in Kislowodsk verfrachtet, das von Yusuf Krymschachalow – einem Onkel eines der mutmaßlichen Terroristen – geführt wurde. Ein weiterer Verschwörer (Ruslan Magajajew) hatte einen Lastkraftwagen der Marke KAMAZ gemietet, in dem die Säcke für zwei Monate gelagert wurden. Nachdem die Planungen abgeschlossen waren, wurden die Teilnehmer in verschiedene Gruppen aufgeteilt, um den Sprengstoff in verschiedene Städte zu bringen. Die meisten Beteiligten waren keine ethnischen Tschetschenen.
Nach der offiziellen russischen Version wurden die Terroranschläge ausgeführt, um die Aufmerksamkeit der russischen Streitkräfte von Dagestan abzulenken, wo zu dieser Zeit Kämpfe zwischen russischen Streitkräften und 1400 eingedrungenen separatistischen Kämpfern aus Tschetschenien (angeführt von Bassajew und Ibn al-Chattab) stattfanden.
Die folgenden Personen lieferten demnach den Sprengstoff, lagerten ihn oder gewährten anderen Verdächtigen Zuflucht: Moskauer Bombenanschläge – 8. und 13. September 1999. Achemez Gotschijajew (nicht verhaftet, wird vom FSB gesucht)Sabine Rennefanz, Katja Tichomirowa: Kalter Krieg an der Themse. Berliner Zeitung, 21. November 2006. Denis Saitakow (in Tschetschenien getötet)