mini|Vittorio Klostermann (1901–1977) Der Verlag Vittorio Klostermann mit Sitz in Frankfurt am Main ist ein Wissenschaftsverlag mit Schwerpunkt Geisteswissenschaften, insbesondere Philosophie.
Geschichte Gründung des Verlags und das Programm bis 1945 Im Jahr 1924 trat der 22-jährige Verlagsbuchhändler Vittorio KlostermannMichael Klostermann: Vittorio Klostermann. In: Neue Deutsche Biographie. Band 12, Duncker & Humblot, Berlin 1980, ISBN 3-428-00193-1, S. 125 (online). in die Firma Universitätsbuchhandlung und Verlag Friedrich Cohen in Bonn ein. Er übernahm zunächst Aufgaben im Antiquariat, wenig später auch im Verlag. Nach dem Tod Fritz Cohens 1927 übertrug dessen Witwe Hedwig Bouvier Klostermann die Leitung der geisteswissenschaftlichen Verlagsabteilung.
Zwischen 1928 und 1930 erschienen dort unter anderem Werke von Hans Lipps, Günther Anders, Friedrich Dessauer, Martin Heidegger und Karl Mannheim. Durch die Weltwirtschaftskrise geriet die Cohen’sche Firma jedoch in ökonomische Schwierigkeiten, die verlegerische Arbeit musste im Wesentlichen eingestellt werden. Klostermann verließ 1930 deshalb das Unternehmen, um sich selbständig zu machen.
Bereits am 1. Oktober des Jahres gründete er in Frankfurt am Main einen Verlag und ein Antiquariat unter eigenem Namen. Dabei boten ihm die zahlreichen Autoren-Kontakte, die er bei Cohen geknüpft hatte, einen breiten Grundstock.Vittorio E. Klostermann (Hrsg.): Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1930–2000: Verlagsgeschichte und Bibliographie. Klostermann, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-465-03106-7, S. 15, 16. Die erste Veröffentlichung des Verlags war Jugend ohne Goethe des Germanisten Max Kommerell.Michael Klostermann: Vittorio Klostermann. In: Neue Deutsche Biographie. Band 12, Duncker & Humblot, Berlin 1980, ISBN 3-428-00193-1, S. 125 (online). In den Jahren nach der Gründung waren es aber überwiegend Philosophen, mit denen Klostermann zusammenarbeitete. Vor allem durch die Beratertätigkeit Martin Heideggers und den engen Kontakt zu den „Marburgern“ in seinem Umfeld entwickelte sich die phänomenologische Ausrichtung des philosophischen Programms. Sie bleibt mit Namen wie Otto Friedrich Bollnow, Walter Bröcker, Eugen Fink, Hans-Georg Gadamer, Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Hans Lipps, Herbert Marcuse und anderen verknüpft.Vittorio E. Klostermann (Hrsg.): Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1930–2000: Verlagsgeschichte und Bibliographie. Klostermann, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-465-03106-7, S. 12.
Das in der Anfangszeit fehlende wissenschaftliche Lektorat kompensierte Klostermann durch intensiven Briefwechsel mit den Autoren. Bis 1938 trug der Verlag sich nicht selbst, das Antiquariat war nötig, um Verlagskosten und Lebensunterhalt zu decken.Vittorio E. Klostermann (Hrsg.): Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1930–2000: Verlagsgeschichte und Bibliographie. Klostermann, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-465-03106-7, S. 16–18.
1934 verlegte Klostermann die „Einführung in die Philosophische Anthropologie“Andreas Lischewski (Hrsg.): Person und Bildung: Überlegungen im Grenzgebiet von Philosophischer Anthropologie und Bildungstheorie im Anschluß an Paul Ludwig Landsberg. Rodopi, 1998, S. 530. des kurz zuvor ins Exil gegangenen Paul Ludwig Landsberg. Ab 1937 brachte Klostermann Hanns W. Eppelsheimers „Handbuch der Weltliteratur“ herausPetra Kipphoff: Zum Tode von Hanns W. Eppelsheimer: Geordnete Erinnerung. In: Die Zeit, Ausgabe 35/1972 (online)., was ein Risiko für den Verlag darstellte, weil in dem Werk dem Regime missliebige Autoren wie Heinrich Heine und Karl Marx aufgeführt wurden. Der Autor, Sozialdemokrat und mit einer Jüdin verheiratet, war 1933 als Direktor der Darmstädter Landesbibliothek entlassen worden.Klaus G. Saur: Rezension zu Ulrich Hohoff, Wissenschaftliche Bibliothekare als Opfer der NS-Diktatur. Ein Personenlexikon. In: Bibliothek. Forschung und Praxis. Band 42, Heft 2, 2018, S. 389–390 (online). Im Jahr 1939 formulierte der Chef des Sicherheitshauptamtes in Berlin „zahlreiche Bedenken politischer und weltanschaulicher Art“ gegen den Verlag.Bundesarchiv, Bestandssignatur: NS 21/1805, Klostermann Vittorio, Folie 2876. 1944 verlor Klostermann die Zulassung, im selben Jahr wurden bei einem Luftangriff auf Freiburg die dorthin ausgelagerten Buchbestände des Verlags zerstört.
1945 erhielt der Verlag die Lizenz Nr. 14 der amerikanischen Militärregierung und konnte neu beginnen. Klostermann hatte den Militärbehörden eine Liste von Titeln übergeben, die während des „Dritten Reiches“ verboten oder unerwünscht waren.Vittorio E. Klostermann (Hrsg.): Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1930–2000: Verlagsgeschichte und Bibliographie. Klostermann, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-465-03106-7, S. 35.
Das Verlagsprogramm seit 1945 Philosophie Zum bekanntesten Verlagsprojekt wurde die 1975 begonnene Martin Heidegger Gesamtausgabe: 99 der auf 102 Bände veranschlagten Ausgabe sind bis zum Jahr 2024 erschienen. Die Publikation der Schwarzen Hefte (Band 94 ff.) ab 2014 hat die Diskussion um Heideggers Position während der NS-Zeit neu entfacht. Eine Bibliographie der Universität Siegen zu den Schwarzen Heften verzeichnet für die Jahre 2013 bis 2016 knapp 1.000 Einträge. Heideggers Nachlassverwalter und der Verlag gerieten wegen ihrer Editionspraxis in die Kritik: Wie war es möglich, dass erst jetzt, 38 Jahre nach Beginn der Gesamtausgabe, massive antijüdische Äußerungen Heideggers an die Öffentlichkeit gelangten? Zur Klärung der Vorwürfe wandte sich Verleger Vittorio E. Klostermann an die Herausgeber und bat um Aufklärung über eventuelle Glättungen oder Streichungen in den von ihnen herausgegebenen Heidegger-Bänden. In die daraufhin aufflammende Debatte mischte sich der Verleger u. a. mit Stellungnahmen und Leserbriefen ein.
Der ursprünglich phänomenologische Schwerpunkt des philosophischen Verlagsprogramms wurde in den 80er Jahren erweitert; die Publikationen des Verlags decken seither fast alle Richtungen des Fachs ab, von der Philosophiegeschichte bis zur Analytischen Philosophie, von Werner Beierwaltes, Kurt Flasch und Dieter Henrich bis Maurizio Ferraris, Andreas Kemmerling und Wolfgang Künne. Im Jahr 2019 übernahm Klostermann die Fortsetzung – nach einer Unterbrechung von 18 Jahren – der im Wiener Springer-Verlag gegründeten Wiener Ausgabe der Schriften Ludwig Wittgensteins.
Rechtsgeschichte Den größten Anteil am rechtshistorischen Verlagsprogramm nehmen mit über 450 Bänden seit 1967 die Publikationen des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte ein. Die umfangreichste Reihe des Instituts sind mit 346 Bänden (Stand Februar 2024) die Studien zur europäischen Rechtsgeschichte. Seit 1995 erscheint zudem eine auf 32 Bände ausgelegte Dokumentation zur Geschichte der Grundgesetzes, begründet und bis zu seinem Tod 2021 herausgegeben von dem Verfassungsrechtler Hans-Peter Schneider. Seit 2012 publiziert der Verlag die Schriftenreihe „Recht als Kultur“ des Käte-Hamburger-Kollegs in Bonn.
Literatur und Literaturwissenschaft Ein Schwerpunkt im Bereich Literaturwissenschaften sind die Thomas Mann Studien, die 1991 vom Francke-Verlag übernommen wurden.
Mit der Jünger-Debatte, dem Jahrbuch der Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft, nahm der Verlag 2017 eine alte Programmlinie wieder auf. Sie geht auf Vittorio Klostermanns Ehefrau Helena zurück, die in den 1930er-Jahren eine Zeitlang Geschäftsführerin des Verlags war.Helena Klostermann, Personalfragebogen Reichstheaterkammer: siehe Sie hatte 1939 in Überlingen Bekanntschaft mit den Brüdern Jünger geschlossen. Die Schriften Friedrich Georg Jüngers erschienen seit 1943 bei Klostermann, die von Ernst Jünger zwischen 1949 und 1963.Vittorio E. Klostermann (Hrsg.): Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1930–2000: Verlagsgeschichte und Bibliographie. Klostermann, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-465-03106-7, S. 18.
Die im Jahr 1972 von Eckhard Heftrich mit Paul Oskar Kristellers Ficino-Buch wiederbegründete Reihe Das Abendland erscheint seit 2018 unter der Herausgeberschaft von Dirk Werle.
Im Jahr 2020 übernahm der Verlag die Nexus-Reihe und die Frankfurter Hölderlin-Ausgabe des Stroemfeld-Verlags;Jochen Hieber: Sie krönt das Jahr. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Juli 2020. ab 2024 erscheint die von Roland Reuß und Peter Staengle ursprünglich ebenfalls bei Stroemfeld herausgegebene Historisch-Kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte Franz Kafkas bei Klostermann.
Zeitschriften und Datenbanken Es erscheinen zwei literaturwissenschaftliche Datenbanken im Verlag, die Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft sowie die Bibliographie der französischen Literaturwissenschaft. Der Verlag gibt acht wissenschaftliche Zeitschriften heraus, darunter die Romanischen Forschungen (gegründet 1848, seit 1947), die Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (seit 1954) mit den dazugehörigen Sonderbänden, die Zeitschrift für philosophische Forschung (gegründet 1946, seit 1990) und die Zeitsprünge (seit 1997). 2017 wurde die Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis von Stroemfeld übernommen.
Die Zeit nach dem Tod des Gründers Der Verlag galt zu Lebzeiten seines Gründers als ein an Klostermanns Person gebundener Ein-Mann-Verlag. Nach seinem Tod am 29. August 1977 führten die beiden Söhne Klostermanns die Verlagsgeschäfte weiter. Der ältere Sohn Michael Klostermann verstarb 1992, seitdem leitet der jüngere Bruder Vittorio Eckard Klostermann den Verlag;Vittorio E. Klostermann (Hrsg.): Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1930–2000: Verlagsgeschichte und Bibliographie. Klostermann, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-465-03106-7, S. 10, 37. ab 2006 gemeinsam mit Anastasia Urban.
Am 8. April 2024 wurde bekannt, dass der Verlag an die Nomos Verlagsgesellschaft verkauft wird. Der Verlag behält seine Eigenständigkeit mit dem Verlagssitz Frankfurt am Main.
Auszeichnungen 2019 Deutscher Verlagspreis 2020 Hessischer Verlagspreis 2021 Deutscher VerlagspreisDeutscher Verlagspreis – Preisträger 2021
Literatur Vittorio E. Klostermann (Hrsg.): Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1930–2000: Verlagsgeschichte und Bibliographie. Klostermann, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-465-03106-7 (). Vittorio E. Klostermann: Verlegen im Netz: zur Diskussion um die Zukunft des wissenschaftlichen Buches. Klostermann, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-465-02938-0.
Weblinks
Offizielle Verlagswebsite Die Korrespondenzen des Verlags mit seinen wichtigsten Autoren befinden sich seit 2002Jahresbericht der Deutschen Schillergesellschaft (2002), S. 489. im Deutschen Literaturarchiv in Marbach; sie sind öffentlich zugänglich.
Einzelnachweise
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