Das Alte Testament (abgekürzt AT) ist der erste Teil der Christlichen Bibel und basiert hauptsächlich auf den 24 Büchern der hebräischen Bibel, sowie Apokryphen. Es ist eine Sammlung alter religiöser jüdischer Schriften in hebräischer und teilweise in aramäischer Sprache. Der zweite Teil der christlichen BibelArtikel Bibel II/III, Theologische Realenzyklopädie. Band 6, Walter de Gruyter, 1. Auflage, Berlin 1980, S. 29 und 43., das Neue Testament (abgekürzt NT), ist in griechischer Sprache verfasst. Die Auswahl und Anordnung der biblischen Bücher wurde bis 350 n. Chr. festgelegt.
Bezeichnungen Die Bezeichnung Altes Testament rührt von , Übersetzung von hebräisch בְּרִית berîtUnter anderem . bzw. griechisch διαθήκη diathēkēUnter anderem . „Bund“ her. Als Altes Testament bezeichnet die christliche Theologie seit etwa 180 n. Chr. einen Teil der heiligen Schriften des Christentums. RöselMartin Rösel: Bibelkunde des Alten Testaments. Die kanonischen und apokryphen Schriften. 11. durchgesehene Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 20121, ISBN 978-3-525-56867-5, S. 1 meint, dass der Begriff „Altes Testament“ auf zurückgeht, wo die griechische Bezeichnung für den Tanach verwendet wird.
Die Urchristen fanden Tora, Propheten und sonstige jüdische heilige Schriften als noch unabgeschlossene Bibel vor. Sie nannten sie aber nicht „Altes Testament“, sondern verwendeten dieselben oder ähnliche Begriffe wie das damalige Judentum: „die Schrift“ oder „die Schriften“ (griech. γράμμα gramma, γραφή graphē), manchmal abgekürzt „das Gesetz“ (griech. νόμος nomos für hebr. תוֹרָה Tora), meist aber „das Gesetz und die Propheten“ oder „Mose und die Propheten“, einmal auch „Gesetz, Propheten und Psalmen“ analog zur seit etwa 100 v. Chr. üblichen Dreiteilung des jüdischen Bibelkanons.Artikel Bibel II/III, Theologische Realenzyklopädie Band 6, Walter de Gruyter, 1. Auflage, Berlin 1980, S. 9 f.
Das lateinische testamentum (abgeleitet von testari, „bezeugen“) ist eine ungenaue Übersetzung des griechischen Begriffs διαθήκη (diathēkē), das in der Septuaginta die letzte mündliche oder schriftliche Willenserklärung eines Sterbenden im Sinne einer Verfügung bezeichnet. Im NT bezeichnet der Begriff nie die jüdischen heiligen Schriften insgesamt. Paulus von Tarsus bezog διαθήκη (diathēkē) in auf Gottes Willensoffenbarung am Berg Sinai, deren Überlieferung im Synagogengottesdienst regelmäßig mündlich vorgelesen wurde. Er stellte ihr Gottes endgültigen Versöhnungswillen gegenüber, der sich im stellvertretenden Gerichtstod Jesu Christi am Kreuz realisiert und so Gottes Bund mit dem Volk Israel erfüllt und erneuert habe. Selbstverständliche Voraussetzung der Gegenüberstellung von altem und neuem Bund war für alle Urchristen die Identität JHWHs, des Gottes Israels, mit dem Vater Jesu Christi, und die unverbrüchliche Geltung seiner Segenszusage an Abraham, zum „Vater vieler Völker“ zu werden , die Jesus Christus zu erfüllen begonnen habe .Artikel Bibel II/III, Theologische Realenzyklopädie Band 6, Walter de Gruyter, 1. Auflage, Berlin 1980, S. 27.
Melito von Sardes bezeichnete um 170 erstmals alle schriftlichen Zeugnisse vom Heilswillen Gottes vor dem Auftreten Jesu Christi im Unterschied zu den apostolischen Schriften (auf Griechisch) als „Altes Testament“.Artikel Bibel II/III, Theologische Realenzyklopädie Band 6, Walter de Gruyter, 1. Auflage, Berlin 1980, S. 28. Die Übersetzung von diathēkē mit dem lateinischen Wort testamentum ist erstmals um 200 bei Tertullian belegt.
Das Attribut „alt“ wurde in der Substitutionstheologie des christlichen Antijudaismus im Sinne von „überholt“, „abgelöst“, „aufgehoben“ und „nicht mehr gültig“ gedeutet. Damit war die Abwertung des Judentums verbunden, die im christianisierten Europa oft in seine Unterdrückung und Verfolgung mündete. Seit 1945 wird dies zunehmend theologisch kritisiert. Um diese Abwertung zu vermeiden und die gemeinsame Grundlage beider Religionen zu betonen, wird der Tanach bzw. das AT auch Erstes Testament genannt.
Aufbau Im Zuge der Kanonisierung des Tanach zum christlichen Alten Testament wurde seine Dreiteilung und die Tora (der Pentateuch) unverändert beibehalten, aber einige Einzelbücher des zweiten und dritten Teils wurden anders zu- und angeordnet, andere kamen zu diesen beiden Teilen dazu.
In den meisten christlichen Kanonlisten des 2. bis 4. Jahrhunderts wurden die Nevi’im (Propheten) aufgeteilt und einige der Ketuvim (Schriften) zwischen „vordere“ und „hintere“ Propheten gerückt. Damit wurden erstere als Geschichtsbücher von den Schriftpropheten abgerückt. Die Bücher Rut, Esra, Nehemia und Chronik, die im Tanach zu den Schriften gehören, rückten in den zweiten Hauptteil und wurden dort annähernd historisch richtig eingeordnet: Das Buch Rut steht nun gemäß seinen Anfangs- und Schlussversen zwischen den Büchern Richter und Samuel, da seine Handlung zur Richterzeit spielt und Ruts Sohn als Großvater von König David galt. Da Esra und Nehemia auf die Exilszeit folgten, wurden ihre Bücher hinter die Chronik gerückt, die ihrerseits die Königszeit fortsetzt. Ihnen folgen die Bücher Tobit, Judit, Ester und Makkabäer gemäß den in ihnen beschriebenen, aufeinanderfolgenden Zeiten und Themen. Damit entstand eine zusammenhängende Beschreibung der Geschichte des Volkes Israel von der Landnahme bis zur Wiederherstellung eines eigenen jüdischen Staates, in dem die Tora und der Tempelkult wieder Geltung hatten. Diese wurde eher als abgeschlossen und vergangen gelesen, nicht als von unabgegoltener prophetischer Verheißung bestimmte und geöffnete Zukunft.
Hinter die Geschichtsbücher rückten die noch übrigen Ketuvim. Die Salomo zugeschriebenen Schriften Sprichwörter, Kohelet und Hoheslied wurden um die Weisheit Salomos und Jesus Sirach ergänzt. Das Buch Hiob rückte vor die Psalmen an die erste Stelle: Denn Hiob galt wegen seiner an die Erzväter erinnernden Gottergebenheit als älter als die König David zugeschriebenen Psalmen. Diese Gebetssammlung beginnt mit Klage und endet mit dem Lob der Gottesherrschaft: Darin fanden die Christen die Verwandlung der Zweifel und Anklage Hiobs in die endzeitliche Freude über den Sieg Jesu Christi ausgedrückt.
Die Klagelieder Jeremias wurden folgerichtig zum Prophetenbuch Jeremia, das Buch Daniel zu den „großen“, die Zukunft der ganzen Welt betreffenden Propheten gestellt. Es wurde also nicht als weisheitliche, sondern apokalyptische Schrift, die frühere prophetische Verheißungen fortführt, betrachtet. Indem die Prophetenbücher an den Schluss rückten, wurden sie für die Christen zur Verheißung Jesu Christi.
Schriften, die für das Judentum, seine Feste und seinen Gottesdienst aktuell blieben, hatten für die Christen seit der Tempelzerstörung (70 n. Chr.) dagegen eher paradigmatische, allegorische und typologische Bedeutung.Erich Zenger: Der vierteilige Aufbau des Ersten Testaments. In: Einleitung in das Alte Testament, Kohlhammer, 2006, 6. Auflage, S. 28 f.
Kanonisierung Dem Urchristentum galten die heiligen Schriften des Judentums als Wort Gottes und Jesus von Nazareth als ihr Messias. Aber im ersten nachchristlichen Jahrhundert hatten weder die Juden, noch Judenchristen bzw. Frühchristen einen „alttestamentarischen Kanon“ oder „kanonisierten Tanachsiehe auch die Entstehung des dreiteiligen Kanons im Tanach“. Die Textsammlungen unterschieden sich in der Reihenfolge, als auch den Inhalten, also Auswahl der Schriften, die den Gemeinschaften heilig waren. Aber auch der Text der einzelnen Schriften war noch nicht einheitlich.Amy-Jill Levine, Marc Zvi Brettler: Hebräische Bibel und Altes Testament. Warum Juden und Christen die gleichen Texte unterschiedlich lesen. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-438-05494-4, S. 12.
Später verteidigte die Alte Kirche ihre Geltung als Offenbarungszeugnisse gegen christliche Minderheiten, die diese Geltung ablehnten. Der Bibelkanon des Alten Testaments unterscheidet sich deshalb zwischen den christlichen Konfessionen: Während der Protestantismus 39 Bücher aus dem Griechischen Alten Testament anerkennt, behielten Katholizismus und Orthodoxie 46 Bücher und der orthodoxe Kanon bis zu 51 Bücher aus dem Griechischen Alten Testament.
Seit der Trennung des Christentums vom Judentum entwickelte sich der christliche Gnostizismus, der das Alte Testament als Dokument einer verworfenen, überholten und antichristlichen Religion betrachtete und aus dem eigenen Glauben ausschloss. Marcion stellte die Schöpfung durch den bösen, materialistischen Gott Israels der Erlösung durch den guten, spirituellen Geist Jesu dualistisch einander gegenüber und stellte darum einen von allen jüdischen Einflüssen gereinigten Bibelkanon vor.
Ab 150 erteilte die werdende Kirche solchen Versuchen eine Absage, indem sie das „Alte Testament“ in der durch die Septuaginta überlieferten Form als vollgültiges Gotteswort übernahm und ihrem Neuen Testament voranstellte. Dies folgte der Auffassung der Urchristen, wonach der Glaube an Jesus Christus Gottes Bund mit Israel bekräftigte, nicht ablöste. Damit wurde es theologisch unmöglich, Leben, Lehre, Tod und Auferstehung Jesu Christi von der Erwählung Israels zu trennen. Die Kirche legte damit selber eine normative Instanz für die Auslegung des Neuen Testaments fest, auf die spätere Reformanläufe in Religion und Politik sich berufen konnten. Schon früh gab es verschiedene Übersetzungen von Teilen der Septuaginta ins Lateinische, die heute unter dem vielgestaltigen Begriff Vetus Latina summiert werden. Seit 385 erfolgte die vollständige Übersetzung der Septuaginta von Hieronymus ins Latein, die Vulgata, die die alten Übersetzungen dann verdrängte und im Katholizismus maßgebend wurde.
Historisch-kritische Forschung Die alttestamentliche Wissenschaft ist eine Teildisziplin der Theologie. Sie widmet sich der philologisch-historischen Erforschung des Alten Testaments. Sie umfasst folgende Sachbereiche: Alttestamentliche Literaturgeschichte (Einleitungswissenschaft) Exegese (Auslegung) der alttestamentlichen Texte soziale, politische und religiöse Geschichte des Volkes Israel Theologie des Alten Testaments Alttestamentliche Hermeneutik (Lehre vom „Verstehen“)
Als Hilfswissenschaften sind der alttestamentlichen Wissenschaft zugeordnet: Hebraistik Judaistik Archäologie der Region Palästina und umliegender Gebiete Orientalistik
Ein Wissenschaftler auf dem Gebiet des Alten Testaments wird Alttestamentler genannt.
Auslegungsgeschichte Patristik In der Patristik prägte Augustinus von Hippo den von den Reformatoren wieder aufgegriffenen, berühmten Satz:
Gemeint ist, dass Jesus Christus und sein Erlösungswerk am Kreuz bereits im Alten Testament angedeutet werden. Dafür werden nicht nur einzelne Passagen wie Psalm 22 oder Jesaja 53 herangezogen, sondern auch der Sinn des gesamten Alten Testaments, das zeigen möchte, dass der Mensch – selbst, wenn er es versucht – Gottes Gebote nicht halten kann (vgl. z. B. ; , Galaterbrief). Damit wird das Neue Testament als Fortsetzung des Alten gesehen, ohne das es keine Wurzel und Basis hätte.
Im gleichen Sinn ist folgende Aussage :
Substitutionstheologie Wo die auf das Diesseits bezogenen Hoffnungen und Verheißungen Israels neuplatonisch und allegorisch umgedeutet wurden, dort eignete sich das Christentum zur neuen Herrschaftsreligion des Römischen Reiches.
Um 130 n. Chr. entstand die Substitutionstheologie, die behauptet, dass Gott seit der Kreuzigung von Jesus seinen Bund mit Israel aufgehoben und ihn auf die Kirche übertragen habe. Sie bewirkte eine kirchlich-dogmatische Enterbung des Judentums, rief in Krisenzeiten Pogrome an Juden hervor und rechtfertigte diese während des Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein.