mini|Paul Auster (2014)
Paul Benjamin Auster [] (* 3. Februar 1947 in Newark, New Jersey; † 30. April 2024 in Park Slope, Brooklyn, New YorkWilliam Alex, Paul Auster, Prolific Author and Brooklyn Literary Star, Dies at 77, in: The New York Times, 30. April 2024 ()) war ein US-amerikanischer Schriftsteller jüdischer Herkunft, der auch als Filmregisseur, Drehbuchautor, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber arbeitete. Seine Werke wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Auster war in erster Ehe mit der Schriftstellerin Lydia Davis und in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet.
Leben Kindheit und Jugend Paul Auster wurde am 3. Februar 1947 in Newark, New Jersey geboren. Die Eltern seines Vaters Samuel waren jüdische Immigranten und stammten aus Stanislau in Galizien, dem heutigen Iwano-Frankiwsk. Auch seine Mutter Queenie Bogat war eine Nachfahrin osteuropäischer Juden aus der Ukraine und Polen. Am 12. November 1950 kam Austers Schwester Janet zur Welt. Die Geschwister wuchsen in einem mittelständischen, bildungsbürgerlichen Umfeld auf.
Bereits 1959 begann Auster, Gedichte und kleine Aufsätze zu schreiben. Mit 13 Jahren, als er seine Bar Mitzwa feierte, erwog er, Rabbiner zu werden. In seinem letzten High-School-Jahr ließen sich seine Eltern scheiden. Er und seine Schwester lebten nach der Trennung bei ihrer Mutter. Schon im frühen Jugendalter entwickelte sich Auster zu einem passionierten Bücherleser, der regelmäßig die Stadtbibliothek aufsuchte. Der Roman Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewski löste in ihm den Wunsch aus, selbst Schriftsteller zu werden.
Austers zweite Leidenschaft jener Tage galt dem Sport. Seine Mitschüler beneideten ihn wegen seiner guten Leistungen in Baseball, Basketball und Football. Er nahm regelmäßig an einem Sommerferiencamp im Norden des Bundesstaats New York teil.
1966 beendete Auster die High School. Seine Mutter war in zweiter Ehe verheiratet. Auster demonstrierte gegen den Vietnamkrieg und wurde einmal verhaftet.
Leben als Autor mini|Von Paul Auster signierte Buchseite in der Interview-Sammlung Ein Leben in Worten (2017)
Lydia Davis’ Vater, ein Englisch-Professor, brachte Auster die französischen Dichter nahe. Während eines einmonatigen Aufenthalts in Paris entdeckte Auster seine Vorliebe für die französische Sprache und Kultur. Er reiste nach Italien, Spanien und auf den Spuren von James Joyce nach Dublin. Zurück in Paris, begann er eine intensive Auseinandersetzung mit Lyrik und schrieb Drehbücher für Stummfilme. Ab 1968 entstanden erste Romanentwürfe.
Nach seiner Rückkehr in die USA studierte Auster bis 1970 Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University. Im August 1970 heuerte er durch Vermittlung seines Stiefvaters für sechs Monate als Matrose für niedere Arbeiten auf einem Tanker im Golf von Mexiko an.Von der Hand in den Mund, S. 62ff.
Von 1971 bis 1974 lebte er wieder in Paris. Dort hatte er eine Begegnung mit Samuel Beckett, der ihn sehr beeindruckte. Er arbeitete als Übersetzer, Englischlehrer und Telefonist für die New York Times. Auf Einladung eines Filmproduzenten reiste er für einen Monat als Ghostwriter für dessen Frau nach Mexiko.Von der Hand in den Mund, S. 91ff.
Zurück in den USA nahm Auster einen Lehrauftrag an der Columbia University an, übersetzte nebenberuflich französische Autoren ins Englische und arbeitete als Herausgeber französischer Literatur für amerikanische Verlage. Zu dieser Zeit arbeitete Auster fast ausschließlich als Lyriker und Kritiker; um seine Finanzen stand es schlecht. Gemeinsam mit der Schriftstellerin und Übersetzerin Lydia Davis bezog er eine Wohnung am Riverside Park mit Blick auf den Hudson; die Trauung fand am 6. Oktober 1974 statt.Paul Auster: Leben und Werk, in: Du 841, November 2013, S. 35 Im Herbst 1975 erhielt Auster ein mit 5.000 US-Dollar dotiertes Stipendium der Ingram-Merrill-FoundationVon der Hand in den Mund, S. 119. und schrieb mehrere Einakter. Im Juni 1977 wurde der gemeinsame Sohn Daniel geboren. Unter dem Pseudonym Paul Benjamin schrieb Auster 1978 den Kriminalroman Squeeze Play.Paul Auster: Leben und Werk. In: Du 841, November 2013, S. 35.Von der Hand in den Mund, S. 149.
Anfang 1979 starb sein Vater; mit der Erbschaft konnte Auster seine Tätigkeit als Schriftsteller absichern. Mit der literarischen Annäherung an die Person seines Vaters in Die Erfindung der Einsamkeit erfolgte die Wendung zur Prosa. Sein Sohn erkrankte schwer an Asthma; im selben Jahr trennten sich Auster und seine erste Frau. Im Februar 1981 begegnete er bei einer Dichterlesung Siri Hustvedt, der ältesten Tochter eines Professors für norwegische und amerikanische Geschichte und der in Norwegen geborenen Ester Vegan. Die beiden wurden ein Paar, zogen bald darauf zusammen und heirateten im Juni 1982. Auster nahm schließlich eine Professur in Princeton an. Im Juli 1987 wurde die Tochter Sophie geboren;Paul Auster: Leben und Werk. In: Du 841, November 2013, S. 35. Namensgeberin war Sophie Fanshawe aus der New-York-Trilogie.
Nach dem Erfolg von Stadt aus Glas erschienen in jährlichem Rhythmus weitere literarische Werke – Prosa, Lyrik, Übersetzungen, Drehbücher, Autobiographisches und eine Biographie. Die Familie bezog ein Haus in Park Slope, einem Stadtteil von Brooklyn; um 1992 kauften Auster und seine Frau ein „gepflegtes Reihenhaus“ nahe dem Prospect Park, ebenfalls in Park Slope,Judith Liere, NEUER ROMAN "4 3 2 1". Paul Auster, der Blitz und die ewige Macht des Zufalls, in: Stern, 12. Februar 2017 (online) wo er bis zu seinem Tod lebte.
Zu Weihnachten 1990 veröffentlichte die New York Times in ihrem Feuilleton Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte, die als Hörbuch auch von Wayne Wang gelesen wurde. Nach ersten Treffen zwischen Auster und dem Regisseur wurden 1994 die Filme Smoke und Blue in the Face – Alles blauer Dunst gedreht. Auster begann einen künstlerischen Dialog mit Sophie Calle, der zu dem gemeinsamen Buch Double Game führte.
1998 wurde Austers Sohn Daniel für schuldig befunden, aus der Tasche eines toten Dealers 3000 Dollar gestohlen zu haben, und zu fünf Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Am 15. April 2022 wurde Daniel Auster wegen des Verdachts festgenommen, die tödliche Vergiftung seiner zehn Monate alten Tochter mit Fentanyl und Heroin verschuldet zu haben. Daniel starb wenige Tage danach durch eine Überdosis Drogen; er war 44 Jahre alt.
Ein anderes einschneidendes Erlebnis, das wie viele andere biografische Details in Austers Literatur Einzug fand, war ein schwerer Autounfall in Brooklyn, bei dem Siri Hustvedt 2002 aus dem Wrack geschnitten werden musste.
Paul Auster gilt als einer der führenden Autoren der zeitgenössischen amerikanischen Literatur. Er war für zwei Amtszeiten (2005 bis 2007) Vize-Präsident des PEN American Center und saß jahrelang in dessen Kuratorium. Besonderes Renommee genoss er in Deutschland und Frankreich, wo seine Verkaufszahlen höher liegen als in den USA. Nach Angabe des deutschen Nachrichtenmagazins Focus verdiente Auster mit dem Verkauf seiner Bücher zu Lebzeiten etwa 20 Millionen Dollar.Focus, Nr. 06/19, 2. Februar 2019: „Die ewige Tochter“ Artikel von Sebastian Goddemeier über Sophie Auster, Musikerin und Tochter von Paul Auster, zum Thema „berühmte Eltern“. Focus Magazin Verlag GmbH, München. S. 82
Im Dezember 2022 wurde bei Auster Lungenkrebs diagnostiziert, und er wurde vorübergehend im New Yorker Memorial Sloan Kettering Cancer Center behandelt. Er starb im April 2024 im Alter von 77 Jahren in seinem Haus in Brooklyn an den Folgen der Erkrankung.Medienberichte: Paul Auster ist tot, Süddeutsche Zeitung, 1. Mai 2024.
Werk mini|hochkant|Paul Auster (2008)
Weltbekannt wurde Auster durch seine Serie experimenteller Kriminalromane, die gesammelt als Die New-York-Trilogie (1987) veröffentlicht wurden. Nach dem bescheidenen Erfolg seines Prosa-Debüts Die Erfindung der Einsamkeit wurde Stadt aus Glas zunächst von 17 Verlagen abgelehnt, gelangte dann aber auf die Nominierungsliste für den Edgar Allan Poe Award. Die Trilogie enthält die Geschichten City of Glass – Stadt aus Glas (1985), in der es um einen Krimiautor geht, der im Laufe der Erzählung verschiedene Identitäten annimmt. Ghosts – Schlagschatten (1986) handelt von einem Detektiv namens Blue, der einen Mann namens Black für seinen Kunden White beobachtet. The Locked Room – Hinter verschlossenen Türen (1986) ist die Geschichte eines Autors, der das Leben eines anderen Schriftstellers für eine Biographie aufarbeitet und dabei anfängt, dessen Leben zu leben. Jeder der drei Romane wirkt zu Beginn wie eine klassische Kriminalgeschichte. Die Beobachtungen und Nachforschungen der Protagonisten münden jedoch nicht in der Aufklärung eines Kriminalfalles oder der Erledigung eines Auftrags, sondern sie reflektieren und veranschaulichen letztendlich ihr persönliches Schicksal und führen im weiteren Verlauf der Handlung zur Selbsterkenntnis. Austers Kriminalromane sprengen den gewöhnlichen Rahmen dieses Genres. Die Form dient der Darstellung und Analyse existentieller Probleme und Fragen nach der menschlichen Identität.
In Paul Austers Werk gibt es starke Bezüge zu den amerikanischen Transzendentalisten des 19. Jahrhunderts, namentlich Nathaniel Hawthorne und Henry David Thoreau. Es finden sich Einflüsse des Poststrukturalismus im Sinne von Jacques Derrida und der Psychoanalyse von Jacques Lacan.
Auster variiert in seinen Büchern die Frage des Verhältnisses von natürlicher Ordnung zur symbolischen Ordnung der Dinge. Die Transzendentalisten glauben an eine Trennung der Gegensätze, zugleich aber auch an die Möglichkeit der Rückführung zueinander. Lacans Theorie besagt, dass wir die Welt durch Sprache wahrnehmen und strukturieren. Auch unser Unbewusstes konstituiert sich durch Sprache, so dass ein fundamentaler Mangel in der Wahrnehmung der Welt entsteht. Bereiche, die nur gespürt werden können, entziehen sich der sprachlichen Festlegung. Austers Protagonisten sind oft Schriftsteller und Suchende, die sich der scheinbaren Unordnung der Welt und dem Chaos der Ereignisse ausgeliefert fühlen. Die Figuren und mit ihnen ihr Schöpfer er-schreiben sich ihre Rückkehr in geordnete Verhältnisse. Das Finden und Erfinden von Strukturen, sei es im Schreiben imaginärer Bücher und Biografien, sei es im Konstruieren und Auflösen von komplexen Handlungsplots, trotzt dem Zufall als schicksalhaftem Element. Der Autor findet buchstäblich sein Heil in der Sprache.
In seinem Roman 4 3 2 1 (Rowohlt 2017) erzählt er kunstvoll eine Lebensgeschichte in vier Variationen –, jeweils nach getroffenen existenziellen Entscheidungen.Gabriele von Armin: Paul Auster: „4321“. Über eine Gesellschaft in Aufruhr. Rezension im Deutschlandradio vom 31. Januar 2017, abgerufen am 31. Januar 2017.
Wiederkehrende Motive Selbstreferenz In fast allen Romanen Austers gibt es Querverweise. Der Autor selbst sieht seine Bücher als Teile derselben Landkarte. Bestimmte Charaktere tauchen mehrfach auf oder sind miteinander verwandt; Daniel Quinn, der Protagonist aus Stadt aus Glas, ist beispielsweise der Onkel von Jim Nashe aus Die Musik des Zufalls. David Zimmer aus Das Buch der Illusionen ist Marco Stanley Foggs Zimmergenosse. Der Name von Paul Benjamin, der Hauptfigur in Smoke, ist Austers frühes Pseudonym für seinen Kriminalroman. Die Erzählung Reisen im Skriptorium ist voller Bezüge zu anderen Büchern Austers. Zufall