mini|Werbeanzeige der Firma H. Nettelbeck in: „Braunschweigsches Adreß-Buch für das Jahr 1879“ mini|Mumme-Brauerei Steger, Werbung von 1899 Die Braunschweiger Mumme ( oder Mumia), meist nur Mumme genannt, war ursprünglich je nach Brauart ein schwach bis stark alkoholhaltiges Bier aus Braunschweig. Seine Entstehungsgeschichte reicht bis in das Spätmittelalter zurück.
Fiktion und Wirklichkeit Entgegen landläufiger Meinung ist die Bezeichnung „Mumme“ nicht auf einen Braunschweiger Bürger Christian Mumme zurückzuführen. Begünstigt durch das 1736 erschienene Werk De Mumia Brunsvicensium des in Wolfenbüttel tätigen Arztes Franz Ernst Brückmann, entstanden zahlreiche Legenden um dieses alte Getränk, die teilweise noch kolportiert werden. Nach Brückmann soll besagter Christian Mumme, angeblich Bierbrauer in Braunschweig, die Rezeptur des Getränkes entweder um 1492 oder 1498 verbessert haben.Ernst A. Roloff: Heimatchronik der Stadt Braunschweig. Archiv für Deutsche Heimatpflege, Bonn 1955, S. 175. Zu dieser Zeit soll die Wirkung dieses Starkbiers, dem zahlreiche Gewürze beigemischt wurden, im wahrsten Sinn des Wortes „umwerfend“ gewesen sein.
Legendenbildung Brückmanns Veröffentlichung förderte die bereits seit Jahrhunderten vorhandenen Geschichten und Legenden um die Braunschweiger Mumme, deren Bekanntheitsgrad weit über die Stadtgrenzen hinausging und deren Bedeutung für die Wirtschaft Braunschweigs in der frühen Neuzeit groß war, folglich verdrängten diese Geschichten vorrangig die Tatsachen. Und Brückmanns Buch hat dazu beigetragen, die Braunschweiger Mumme folkloristisch zu verklären.Gerd Spies: Das Mummetor. Miszellen. Band 25. Städtisches Museum Braunschweig, Braunschweig 1976, S. 1. Unterstützt wurde er vom Kupferstecher A. Beck, der ab 1742 entsprechendes Bildmaterial zur Illustration beisteuerte. Brückmanns Mumme-Geschichten und Becks Bilder fanden in der Folge Eingang in das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung und wurden schließlich von nachfolgenden Generationen als historische Tatsachen angesehen. Erst 1911 gelang es dem Braunschweiger Historiker und Direktor des Städtischen Museums, Heinrich Mack, in seinem Werk Zur Geschichte der Mumme. Insbesondere des Mummehandels im 17. Jahrhundert nachzuweisen, dass es sich bei einem Großteil der tradierten Geschichten tatsächlich um Legenden handelte, wie bezüglich der Person des Christian Mumme, den Erzählungen über dessen Haus, über das Mumme-Kind sowie die Mumme-Probe.
Haus des Christian Mumme mini|Angebliches Brauhaus des Christian Mumme Laut Brückmann soll Christian Mumme sein Bier in dem mit 1463 datierten und bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg tatsächlich vorhandenen Fachwerkhaus am Alten Petritore 2 gebraut haben. Als Beleg für die Authentizität diente eine Illustration, wie die noch vorhandene geschnitzte Holzfigur eines Mannes mit einem Passglas, die am Haus befestigt war.Andreas Döring: Wirth! Nochmal zwo Viertel Stübchen! Braunschweiger Gaststätten & Braunschweiger Bier damals. Braunschweig 1997, S. 16 Mack gelang es anhand historischer Dokumente zweifelsfrei nachzuweisen, dass nicht einmal der Familienname Mumme für dieses Haus belegt ist.
Christian Mumme wurde in Braunschweig niemals urkundlich erwähnt. Dass er der Erfinder des nach ihm benannten Getränks gewesen sein soll, erscheint insofern verwunderlich, als dieses Getränk der Exportschlager des mittelalterlichen Braunschweigs war. Hätte dieser Christian Mumme wirklich existiert und das Getränk erfunden, wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit in den Annalen der Stadt verzeichnet worden. Ein weiteres Indiz für die Existenz des Bieres vor 1492 stammt aus dem Jahre 1425, als der Hessische Landgraf bei einem Besuch in Braunschweig zwei Fässer Mumme verzehrt haben soll.
Mumme-Kind Ein weiteres Beispiel für eine Fiktion ist das so genannte „Mumme-Kind“. Ein Kupferstich Becks stellt das Kind als einen extrem übergewichtigen jungen Mann dar, der an seiner Vorliebe für Mumme gestorben sein soll. Er hätte sich im wahrsten Sinn des Wortes zu Tode getrunken. Die Bildunterschrift lautete:
Mumme-Probe Eher unter die Anekdoten fällt die Mumme-Probe, die auch für andere Biere als Legende besteht. Süße und Zähflüssigkeit der Braunschweiger Mumme waren ihr Qualitätsmerkmal, weshalb es der Maßstab für die Güte der Mumme und damit für ihre Rezeptur sein sollte. Man ging dabei wie folgt vor: Auf einen Stuhl oder Schemel wurde ein wenig Mumme gegossen und verstrichen. Anschließend musste sich jemand darauf setzen und sofort wieder aufstehen. Klebte die Sitzgelegenheit nun an seinem Gesäß, war die Mumme-Qualität einwandfrei.
Rechnung von 1390 Mack stieß bei seinen Recherchen zum Ursprung des Getränks auf eine Rechnung der Stadt Braunschweig für das Fest ihres Schutzpatrons St. Au(c)tor aus dem Jahre 1390. Diese Rechnung war für „mumm“ ausgestellt. So ist es mehr als zweifelhaft, dass sich „Mumme“ wirklich von dem Namen eines Christian Mumme herleitete, denn die Rechnung entstand 102 Jahre vor dessen angeblicher Rezepturverbesserung. Darüber hinaus deutet eine „Verbesserung“ darauf hin, dass schon vorher „etwas“ von minderer Qualität vorhanden gewesen sein muss. Die Jahreszahlen 1492 und 1498 dürften sich eher an historischen Ereignissen wie der Entdeckung Amerikas (1492) oder der Entdeckung des Seewegs nach Indien (1498) orientiert und somit ebenfalls zur Legendenbildung beigetragen haben.
Herzog Erichs Leibtrunk Im Jahr 1901 erschien im Illustrierten Unterhaltungsblatt, einer Beilage zur Thorner Ostdeutschen Zeitung eine kleine Anekdote von J. D. Hansen, die er als „Historische Erzählung“ bezeichnete. Darin erfährt man mehr über den besagten Brauer Christian Mumme und seinen angeblichen Schwiegersohn Kurt Broyhan (Cord Broyhan). Broyhan sei ein Braugehilfe in der Brauerei Mumme gewesen und stammte aus Hannover. Er hatte sich in Mechthild, die Tochter des Meisters und dessen Frau Gertrud, verliebt und wollte sich alsbald in Hannover als Brauer selbständig machen. Als er 1520 um die Hand der Tochter anhielt, wurde er schroff abgewiesen. Er verließ Braunschweig und begann sein eigenes Bier zu brauen. Im August 1521 war er mit einem Wagen voller Bier auf dem Weg nach Braunschweig, wo er auf den Wagen Mummes traf, der Bier nach Hannover liefern wollte. Als es beinahe zum Handgemenge zwischen ihnen kam, näherte sich ein Reitertrupp, der vom Herzog Erich von Braunschweig-Wolfenbüttel angeführt wurde. Sofort gebot er ihnen Einhalt. Er ließ sich nun beide Biere zur Probe reichen und befand beide Sorten für gut. Um den Streit beizulegen, ließ er sich zuletzt einen Krug reichen, in dem beide Biersorten halb und halb gemischt wurden. Dies sei ein wahrer Genuss, urteilte der Herzog und sprach: Daraufhin schlossen sie sich zusammen und richteten in beiden Städten je eine Niederlage der anderen Biersorte ein. Die Erzählung scheint frei erfunden und in ein historisches Gewand verpackt worden zu sein, da Broyhan sein Handwerk in Hamburg erlernte, sein Bier erst im Mai 1526 braute und sich Herzog Erich seit März 1520 in Memel befand.
Mumme als Gattungsbezeichnung Mack wies weiterhin nach, dass die Bezeichnung „Mumme“ in Braunschweig zunächst eine Art Allgemeinbezeichnung für „dunkles Bier“ war,Ernst A. Roloff: Heimatchronik der Stadt Braunschweig. Archiv für Deutsche Heimatpflege, Bonn 1955, S. 176. im Gegensatz zu der Bezeichnung „Weißbier“ für ein Bier hellerer Farbe. Auch wurden in Braunschweig bereits früh fünf verschiedene Mumme-Sorten gebraut, denen allen ihre dunkelbraune Färbung durch starken Malzgehalt sowie die Dickflüssigkeit gemein waren. In einem Edikt von 1571 wird „Mumme“ synonym zu Rotbier verwendet und ausdrücklich von hellem Bier unterschieden.
Rezeptur Aufgrund ihrer vielhundertjährigen Geschichte, der verschiedenen Brau- und Zubereitungsarten sowie der verschiedenen Brauer ist es unmöglich, eine allgemeingültige Rezeptur oder Zusammensetzung anzugeben. Grundzutaten waren auf jeden Fall Gerste, Hopfen und Weizen in unterschiedlicher Menge, wobei genauere Angaben nicht möglich sind.
Krünitz’ Oeconomische Encyclopädie zählt 1773 unter Verweis auf weitere Quellen und in Abhängigkeit von der Zubereitungsphase, wie der Gärung oder auch dem Sieden folgende angebliche Bestandteile auf: Bohnen, Rinde, Spitzen von Tannen und Birken, Cardobenedictenkraut, Blüten von Sonnentau, Holunder und Thymian, Pimpinelle, Betonien, Majoran, Polei, Kardamom, Hagebutten, Alant, Gewürznelken, Zimt und sogar Eier. Zur Erzielung der dunkelroten bis -braunen Färbung soll auch Kirschsaft zugesetzt worden sein.
Der Wahrheitsgehalt dieser Angaben muss allerdings angezweifelt werden, da einige Bestandteile auch als Gerüchte verbreitet wurden, um den Ruf der Braunschweiger Mumme und damit ihren Absatz zu schädigen.
Exportschlager des ausgehenden Mittelalters Aus dem Braunschweigischen Bierbuch von 1723: Dank ihres hohen Alkohol- und Zuckergehaltes war Mumme in der frühen Neuzeit eines der wenigen Nahrungsmittel, das auch über längere Zeit hinweg genießbar blieb und damit lange Reisen überstand. Aufgrund ihrer Zusammensetzung eignete sie sich vor allem als Proviant für die langen See- und Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts.
Um die Haltbarkeit des Getränks weiter zu verlängern, wurde der Alkoholgehalt verdoppelt und es entstand die „Schiff-Mumme“ oder „Segelschiff-Mumme“, im Gegensatz zur „schlechten“ einfachen „Stadt-Mumme“. Die Konsistenz der Schiff-Mumme soll eher der von Öl als der eines (heutigen) Bieres geähnelt haben. Selbst in den Tropen – Mumme wurde in speziell dafür hergestellten Fässern „in beide Indien“ (also Westindien und Ostindien) exportiert – verdarb das Bier nicht und trug so dazu bei, gefürchtete Mangelerkrankungen langer früher Schiffsreisen – wie Skorbut – zu verhindern. Aus dieser Zeit stammt das noch verwendete Markenzeichen auf den Getränkebehältnissen (bis in die 1970er Jahre Flaschen, seither Dosen): Ein ovales Siegel mit einem weißen Segelschiff (Dreimaster) auf blauem Grund.
Auf diese Weise hatte das Getränk während vieler Jahrzehnte Konjunktur und wurde in der vorindustriellen Zeit wesentlicher Exportschlager der Stadt Braunschweig. Zunächst wurde die Mumme über Land nach Celle gebracht, von da auf der Aller weiter transportiert, um schließlich über Häfen wie Hamburg (nachweislich ab 1531), Lübeck und Bremen in alle Welt (so nach Dänemark, Großbritannien, die Niederlande, Schweden oder ins Baltikum) exportiert zu werden, was Neider auf den Plan rief. Die Hansestadt Bremen reagierte 1603: Um einerseits von der Beliebtheit der Mumme zu profitieren und andererseits die eigenen Biere zu schützen, erhoben die Bremer einen exorbitanten Zoll auf das Getränk. Die Abgaben für die Durchfuhr über die Weser betrugen vor 1600 etwa 8 Schilling pro Fass, danach sogar 16 Schilling. 1608 beschwerten sich die Bremer Brauer, dass der Export ihrer Biere nach Ostfriesland um 90 % eingebrochen sei, da Mumme getrunken werde, was vor Jahren noch völlig unüblich gewesen sei. Dies wiederum wollte sich die Stadt Braunschweig nicht gefallen lassen (1613 wurden zirka 5000 Fässer nach Bremen geliefert). So kam es, dass man sich 1614 auf einen geringeren Zoll sowie auf die Überlassung des Mumme-Verkaufsrechts an die Bremer einigte. 1649 schließlich hob Bremen sein Durchfuhrverbot auf und Braunschweig konnte sein Produkt wieder selbst vertreiben.
Die Mumme hatte jedoch einen „Nachteil“ – ihren Geschmack. Damals war Maltose wie noch immer wesentlicher Bestandteil der Rezeptur. So wurde das Getränk zwar haltbar, aber auch äußerst süß, klebrig und zähflüssig. Anfang des 17. Jahrhunderts gab es keine (haltbare) Alternative, so überwog der Vorteil der Haltbarkeit den geschmacklichen Nachteil.
Niedergang mini|Werbeanzeige der Firma H. Nettelbeck in: „Braunschweigisches Adreß-Buch für das Jahr 1893“ mini|Werbung der Brauerei Nettelbeck von 1910
Protektionismus und Wirtschaftsspionage