mini|alternativtext=|Martin Luther (Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren, 1528, Sammlung Lutherhaus Wittenberg) rahmenlos|150px|zentriert|klasse=skin-invert-image

Martin Luther (* 10. November 1483 in Eisleben, Grafschaft Mansfeld; † 18. Februar 1546 ebenda) war ein deutscher Augustinereremit und Theologieprofessor, der zum Urheber der Reformation wurde. Er sah in Gottes Gnadenzusage und der Rechtfertigung durch Jesus Christus die alleinige Grundlage des christlichen Glaubens. Auf dieser Basis wollte er damalige Fehlentwicklungen der römisch-katholischen Kirche beseitigen und sie in ihrer ursprünglichen Gestalt nach dem Evangelium wiederherstellen („re-formieren“). Entgegen Luthers Absicht kam es im Lauf der Reformation zu einer Kirchenspaltung, aus der evangelisch-lutherische Kirchen und weitere Konfessionen des Protestantismus entstanden.

Die Lutherbibel, Luthers Theologie und Kirchenpolitik trugen zu tiefgreifenden Veränderungen der europäischen Gesellschaft und Kultur in der Frühen Neuzeit bei. Nicht zuletzt hat Luther die Entwicklung der neuhochdeutschen Sprache entscheidend beeinflusst.

Leben Herkunft, Name, Geburtsjahr mini|Luthers Eltern Hans und Margarethe Luther (Lucas Cranach der Ältere)

Luther war der erste Sohn des Hüttenmeisters Hans Luder (1459–1530) und seiner Frau Margarethe Lindemann (1459–1531). Die Eltern hatten um 1479 geheiratet und waren nach Eisleben gezogen, wo der Vater eine Hütte pachtete. Seine Familie führte ihren Nachnamen in verschiedenen Varianten.Horst Herrmann: Martin Luther, München 1999, S. 14. Luther wählte seine Nachnamensform um 1512 oder 1517. Er leitete sie vom Herzog Leuthari II. oder vom griechischen Adjektiv eleutheros („frei“) ab und benutzte vorübergehend die Form Eleutherios („der Freie“).Bernd Moeller, Karl Stackmann: Luder – Luther – Eleutherius. Erwägungen zu Luthers Namen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981

Nach Erinnerungen von Luthers Mutter, die sein Mitarbeiter Philipp Melanchthon nach Luthers Tod aufzeichnete, wurde er am 10. November nachts geboren und am Folgetag auf den Namen des Tagesheiligen Martin von Tours getauft. Das Geburtsjahr 1483 sei nach Luthers Bruder Jakob Familienmeinung gewesen; Luther nannte jedoch 1482 oder 1484. Für 1482 spricht, dass er 1505 bei seiner Magisterprüfung angab, er sei 22 Jahre alt.Martin Brecht: Martin Luther, Band 1. Stuttgart 1983, S. 13 Im zweiten Fall wäre Mansfeld sein Geburtsort gewesen, wohin die Familie im Sommer 1484 gezogen war.Jens Bulisch: Wie alt ist Martin Luther geworden? Zum Geburtsjahr 1482 oder 1484. In: Albrecht Beutel (Hrsg.): Lutherjahrbuch Band 77, 2010, S. 29–39, hier S. 33 und 37.

Kindheit und Jugend In Mansfeld wohnte die Familie zunächst zur Untermiete, bezog bald aber ein repräsentatives Wohnhaus gegenüber dem Schloss. Hier wuchs Martin mit seinem jüngeren Bruder Jacob (1490–1571) und drei Schwestern auf. Wahrscheinlich nahm er hier auch die damals vor Ort herrschende niederdeutsche Mundart auf, worauf er später auch in seinen Tischreden Bezug nahm.Das Mansfeld war bis mindestens etwa 1600 überwiegend niederdeutschsprachig (belegt u. a. in der Chronica des Cyriakus Spangenberg und den schwankhaften Komödien des Georg Pondo), jedoch mit zunehmendem mitteldeutschem Einfluss, welcher sich letztlich durchsetzte und die heutige Mundart prägt. Vgl. Karl Bischoff: Sprache und Geschichte an der mittleren Elbe und der unteren Saale. Köln/Graz 1967. S. 243 f. Luther äußerte im Jahre 1540 bei Tisch: "Sonst bin ich keiner nation so entgegen als Meichsnern [d. h. (Ober-) Sachsen im heutigen Sinne] vnd Thoringen. Ich bin aber kein Thoring, gehöre zun Sachsen [d. h. Niederdeutschen]." D. Martin Luthers Werke (Weimarer Ausgabe), Bd. 4, S. 605. Aurifaber zitiert Luther im Februar 1546 mit eigenen Abwandlungen niederdeutscher Aussprüche: "Zu dem sagete der Doctor von Wücherern, daß man jtzt spreche in Sachsen: Wer sägt, dat Wucher Sünde si, Die hefft kein Geld, dat gläube fri. Aber ich Doctor Luther sage dagegen: Wer sägt, dat Wucher kein Sünde si, Die hefft kein Gott, dat gläube nur fri." (Zit. n. Bischoff, S. 244.) In der Mansfelder Lateinschule (1490–1497) lernte er vor allem Grammatik und etwas Logik, Rhetorik und Musik. Ab 1491 wurde der relativ wohlhabende Vater Mitglied des Stadtrats.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 24. Ab Frühjahr 1497 besuchte Martin rund ein Jahr lang die Magdeburger Domschule. Die Brüder vom gemeinsamen Leben boten ihm Quartier im Hieronymushaus. Er verkehrte im Haus von Paul Moßhauer, der auch aus einer Mansfelder Bergbauunternehmerfamilie stammte und Offizial des Erzbischofs Ernst II. von Sachsen war.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 27 f.

Zur Vorbereitung auf das Studium zog Luther zu Verwandten seiner Mutter in die Kleinstadt Eisenach, die damals drei Pfarrkirchen, mehrere Klöster und somit anteilig viele Geistliche unter den rund 4000 Bürgern hatte.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 29. Auf der Pfarrschule St. Georgen (1498–1501) lernte Luther, Latein fließend zu sprechen und zu schreiben. Er behielt später Kontakt zu dem Lehrer Wigand Güldenapf, dem er nach Eigenangaben viel verdankte. Anfangs musste Luther als Kurrendensänger seinen Unterhalt bestreiten. Dann fand er Aufnahme in einem Wohnhaus der Bürgerfamilien Cotta und Schalbe (vermutlich dem heutigen „Lutherhaus Eisenach“).Jochen Birkenmeier: Das/The Lutherhaus Eisenach. Eisenach 2015, S. 11f. Luther lernte so das Collegium Schalbense kennen, eine vom Franziskanerorden geprägte Gebets- und Lesegemeinschaft von Ordensbrüdern und Bürgern. Zudem nahm er an Treffen im Haus des Priesters und Stiftsvikars Johannes Braun teil, bei denen musiziert, gebetet und über geistliche und humanistische Texte gesprochen wurde. In diesem Kreis wurde auch die heilige Anna verehrt.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 30–32.

Im Sommersemester 1501 wurde „Martinus Ludher ex Mansfeldt“ in der Artistenfakultät der Universität Erfurt eingeschrieben. Da er als vermögend eingeschätzt wurde, musste er die volle Einschreibgebühr entrichten.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 39. Ob Luther als Student der Artes in der Georgenburse lebte oder im Collegium Porta Coeli, ist ungewiss.Josef Pilvousek: Askese, Brüderlichkeit und Wissenschaft. Die Ideale der Erfurter Augustiner-Eremiten und ihre Bemühungen um eine innovative Umsetzung. In: Christoph Bultmann et al. (Hrsg.): Luther und das monastische Erbe. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149370-6, S. 39–55, hier S. 50. Das studentische Leben in einer Burse war stark reglementiert und hatte klosterähnliche Züge. Am 29. September 1502 legte Luther zum frühestmöglichen Zeitpunkt das Bakkalaureats-Examen ab und bestand es als dreißigster von 57 Graduierten.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 41–43. Eine Verletzung am Oberschenkel mit dem Degen, den er als Student trug, zwang ihn 1503 oder 1504, das Bett zu hüten. In dieser Zeit lernte er die Laute zu spielen.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 55. Der Tod einiger Kollegen und Professoren infolge der Pest, die 1504/05 in Erfurt und Umgebung grassierte, stürzte Luther in eine Krise. Am 6. Januar 1505 schloss er seine akademische Grundbildung als zweiter von 17 Kandidaten mit dem Magister artium ab.

Luther bezeichnete Jodocus Trutfetter von Eisenach und Bartholomäus Arnoldi von Usingen als seine akademischen Lehrer und hatte näher Kontakt zu ihnen.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1. Stuttgart 1983, S. 44. Als philosophische Grundausbildung hatte er bis dahin Aristoteles in mittelalterlich-scholastischer Interpretation studiert. Aristoteles hatte seinen habitus-Begriff am Beispiel des Zitherspielers erläutert: Dieser werde durch Spielpraxis zum „leicht, sicher, lustvoll und vollkommen“ handelnden Virtuosen. Die Scholastik bezog dies auf das Christsein: Der tugendhafte Christ tue leicht, spontan und freudig, was Gott fordere.Otto Hermann Pesch: Hinführung zu Luther. Mainz 2004, S. 86 f.

Auf Wunsch seines Vaters studierte Luther im Sommersemester 1505 Jura in Erfurt, um später in die gräfliche Verwaltung eintreten und das Familienunternehmen leiten zu können. Doch am 2. Juli 1505 überraschte ihn auf dem Rückweg von einem Elternbesuch in Mansfeld bei Stotternheim ein schweres Gewitter. In Todesangst gelobte er der heiligen Anna, er wolle Mönch werden, wenn sie ihn rette.John Balserak: Das mittelalterliche Erbe Martin Luthers. In: Alberto Melloni (Hrsg.): Martin Luther. Ein Christ zwischen Reformen und Moderne (1517–2017), Teilband 1. De Gruyter, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-049825-7, S. 147–162, hier S. 150.

Weshalb Luther dieses Gelübde ablegte und dann ins Kloster eintrat, ist ungeklärt. Nach Martin Brecht (1981) wollte er damit eine auch durch das Jurastudium ausgelöste Lebenskrise bewältigen.Martin Brecht: Martin Luther. Band 1, Stuttgart 1983, S. 55–58. Nach Thomas Kaufmann bedrückten ihn das Jurastudium und eventuell elterliche Pläne einer Geldheirat für ihn. Die Pest in Erfurt und das Gewittererlebnis hätten Luther die Schutzlosigkeit seiner Existenz und Gottes Zugriff gezeigt. Die Selbsthingabe als Ordensbruder sei ihm als angemessene Antwort erschienen. Dietrich Emme hingegen hält den plötzlichen Ordenseintritt dadurch motiviert, dass er einen Mitstudenten im Streit getötet habe und sich der weltlichen Strafverfolgung habe entziehen wollen.Dietrich Emme: Martin Luthers Weg ins Kloster, Regensburg 1991, ISBN 978-3-9800661-3-6; ders.: Gesammelte Beiträge zur Biographie des jungen Martin Luther. Hrsg. und kommentiert von Richard Niedermeier, Heimbach/Eifel 2016. Die These fand wenig Akzeptanz und wurde vor allem von Otto Hermann Pesch entschieden zurückgewiesen (Otto Hermann Pesch: Warum ging Luther ins Kloster? Eine Polemik gegen eine neue alte Luther-Legende und ihre Anhänger, in: Catholica 39 (1985), S. 255–278). Auf jeden Fall bat Luther am 17. Juli 1505 beim Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt um Aufnahme.Thomas Kaufmann: Martin Luther. München 2006, S. 32 f.

Priesterausbildung und Theologiestudium mini|200px|Luther als Augustinerbruder (Lucas Cranach der Ältere, 1520)

Zunächst war Luther im Augustinerkloster Erfurt als Gast untergebracht und legte vor Prior Winand von Diedenhofen seine erste Generalbeichte ab. Wohl schon im Herbst 1505 wurde er als Novize aufgenommen und für ein Probejahr dem Novizenmeister Johannes von Paltz übergeben. Dieser führte ihn in die Lebensweise der Gemeinschaft ein.Martin Brecht: Martin Luther, Band 1. Stuttgart 1983, S. 65–68 Bei einem Besuch des Erfurter Klosters am 3. April 1506 traf der Generalvikar der Augustinereremiten Johann von Staupitz Luther erstmals und wurde sein Beichtvater und Seelsorger. Die Ordensoberen hatten Vertrauen in Luthers Entwicklung und erwarteten einiges von ihm, während er selbst ein Ungenügen empfand.Thomas Kaufmann: Martin Luther, München 2006, S. 34

Mit seiner Profess im September 1506 wurde Luther endgültig in den Orden aufgenommen. Seine Vorgesetzten legten fest, dass er Priester werden und anschließend Theologie studieren sollte. Er studierte Gabriel Biels Auslegung des Canon Missae.Martin Brecht: Martin Luther, Band 1, Stuttgart 1983, S. 77 f. Am 4. April 1507 weihte ihn Weihbischof Johann Bonemilch von Laasphe im Erfurter Dom zum Priester.Johannes Wallmann: Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation. 4. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 1993, ISBN 3-8252-1355-2, S. 17 Zur Primiz am 2. Mai 1507 in der Klosterkirche lud er seine Mansfelder Verwandten und Eisenacher Freunde ein.Georg Buchwald: Zur Primiz Luthers. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte. 40 (1922), , S. 148–150, =

mini|Schlussstein mit Augustinus-Porträt, aus dem Augustinerkloster Erfurt