mini|Stammwappen derer von Salis Salis ist ein altes Schweizer Adelsgeschlecht aus Soglio im Bergell im Süden Graubündens. Die Familie verbreitete sich stark und zählte vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zu den führenden Geschlechtern der Drei Bünde.

Geschichte mini|Soglio im Bergell Als erster sicher beurkundeter Angehöriger des Uradelsgeschlechts erscheint ser Rodolfus de Salice de Solio, der in den Jahren 1285–1293 urkundlich erwähnt und im Frühjahr 1300 verstorben ist. Er war Grundherr in Soglio, das unmittelbar an der heutigen italienischen Grenze liegt, unweit nördlich des Comer Sees, und der vermutlich ein Nachkomme der seit 1202 nachweisbaren patrizischen Familie Salici aus Como war. Salice ist das italienische Wort für Sal-Weide, das Wappensymbol der Familie. Im 12. und 13. Jahrhundert hatten sich wohlhabende Bürger Comos aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen dem expandierenden Mailand und der Stadtkommune Como in der Gegend nördlich des Comer Sees angesiedelt.

Das Tal des Bergell gehörte seit dem Jahr 960 dem Bischof von Chur, dessen Ministerialen und Vasallen die Salis wurden, gemeinsam mit den Familien von Castelmur, Stampa und Prevost. Sie erwarben dort Grundbesitz in Soglio und Chiavenna, wo sie sich zunächst Wohntürme erbauten, und erhielten die Knappen- und Ritterwürde. Als Chiavenna 1335 von Chur an die Visconti verkauft wurde, wurden sie auch deren Vasallen. Sie pflegten verwandtschaftliche Beziehungen zum niederen Adel des Churer Hochstifts sowie des Herzogtums Mailand. Die Visconti-Herzöge gewährten ihnen ab 1391 Handelsprivilegien, die sie bis 1544 behielten. 1396 stellten sie den ersten Talrichter (Podestà) im Bergell.

mini|400px|Der Freistaat der Drei Bünde (mit Soglio im Gericht Unter Porta des Gotteshausbundes) Um 1430 sassen sie auf der Burg Castelmur. Die Familie erweiterte ihren Besitz allmählich in Richtung Norden über das Bergell hinaus ins Oberengadin (Celerina, Zernez) und Prättigau, später auch ins Domleschg. Neben der Stammlinie in Soglio bildeten sich ab dem frühen 16. Jahrhundert Linien in Samedan und Grüsch. Die Blütezeit der Familie begann im 16. Jahrhundert, nach der Entstehung des Freistaats der Drei Bünde. Ab 1499 war der Rätische Freistaat ein Zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft, aber gleichzeitig bis 1798 ein souveräner Teilstaat des Heiligen Römischen Reiches. Nach Aufhebung der fürstbischöflichen Churer Landesherrschaft durch die Ilanzer Artikel 1524 und 1526 wurden die von Salis – neben den von Planta, den führenden Churer Ministerialen im Engadin – zum mächtigsten Familienverband in Graubünden. Die beiden Geschlechter wurden infolge der Eroberung des Veltlins durch die Drei Bünde 1512 auch dort zu den wichtigsten Ämtergeschlechtern und stellten vielfach den Landeshauptmann sowie zahlreiche Amtsleute. Zeitweilig waren u. a. der Salisturm in Vicosoprano (1537) und die Burgen Rietberg (1554), Campell (1567), Neu-Süns (1574), Neu-Aspermont und Wynegg (um 1600) in ihrem Besitz oder Pfandbesitz. In Maienfeld amtierten sie nach dessen Übernahme durch die Drei Bünde 1509 zeitweise als Landvögte auf Schloss Brandis; Vespasian von Salis erwarb dort 1594 das Weingut Prestenegg und baute es um 1600 zum Schloss Salenegg aus. Ab 1620 errichtete eine Linie das Untere Schloss in Zizers, 1638 eine andere das Schloss Marschlins. Die Salis besetzten oft das Amt des Präsidenten des Gotteshausbundes. Seit dem Spätmittelalter leisteten sie auch Solddienste in Norditalien und ab dem 16. Jahrhundert für die europäischen Grossmächte.

Die Reformation in der Schweiz führte zu konfessioneller Spaltung und zu erbitterten Parteikämpfen auch unter dem rätischen Landadel. Viele Zweige der Familie wurden reformiert, auch um sich vom fürstbischöflichen Landesherrn zu lösen, einige blieben katholisch. Die Salis in Chiavenna stellten den Reformator Agostino Mainardi unter ihren Schutz. Die Parteikämpfe, in denen die Familien Salis und Planta die Häupter der reformiert-französischen und der katholisch-habsburgischen Partei stellten, eskalierten nach der Hinrichtung des Johann von Planta in Chur 1572 nach einem sogenannten «Fähnlilupf». Habsburgisch-Spanien, Habsburgisch-Österreich sowie Venedig und Frankreich investierten gegen Ende des 16. Jahrhunderts riesige Summen zur Bestechung der politischen Führungsschicht der Bünde, in der Hoffnung, sich das Durchmarschrecht über die strategisch wichtigen Bündner Pässe sichern zu können oder wenigstens dem jeweiligen Gegner dieses zu verwehren.

mini|Ulysses von Salis (1594–1674), französischer Maréchal de camp Als während der Bündner Wirren von 1618 bis 1639 im Kampf zwischen den österreichischen Habsburgern und Frankreich die Bedeutung der Schweizer Alpenpässe, der Reisläufer und der Einnahmen aus den Pensionen stieg und sich beide Kriegsparteien um die führenden Geschlechter Graubündens bemühten, traten die Salis überwiegend auf die französisch-venezianische Seite und gelangten damit zu erheblichem Einfluss auf die Landesgeschicke. Die verwandten Planta waren auf beiden Seiten engagiert. Die Rivalität mit den Planta kulminierte 1621, als Pompejus von Planta, der Anführer der spanisch-österreichischen Partei, auf dem Schloss Rietberg im Domleschg, das er gemeinsam mit den Salis-Grüsch besass, mit deren Unterstützung im Auftrag der venezianischen Partei durch Jörg Jenatsch ermordet wurde.

Friedrich von Salis-Samedan (1512–1570) diente als Oberst und Gesandter der Bünde in Venedig. Hercules von Salis-Soglio (1566–1620) war Gesandter in Venedig und Paris, venezianischer Oberst und ein Förderer der Reformation.Hercules von Salis (1566–1620) 1590 liess er das Grosshaus in Grüsch erbauen. Sein Sohn Ulysses von Salis (1594–1674) verbrachte als Bündner Offizier 27 Jahre überwiegend in französischen Diensten und brachte es zum Maréchal de camp von König Ludwig XIII. Um 1635 erwarb er aus seinen Soldeinnahmen das ruinierte Schloss Marschlins und baute es prachtvoll wieder auf. In der Folge wurde er zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in den Drei Bünden. Die Linie Marschlins erwarb danach auch die Schlösser Elgg (ZH) und Sulzberg (SG).

Im Dreissigjährigen Krieg gelangte ein Zweig für einige Generationen auch nach Deutschland, wo der Obrist in kurbayrischen Diensten Hans Wolf Freiherr von Salis 1632 vom Hochstift Bamberg mit der Burg Wiesentfels belehnt wurde und 1665 Hans Peter Freiherr von Salis die Burg Lobenstein erwarb. Einzelne Familienmitglieder traten auch in österreichische Kriegsdienste. Im 18. Jahrhundert bildeten die Salis das „fast gebietende Geschlecht“ der Republik Graubünden. In den Stammorten Soglio, Bondo, Tirano und Chiavenna erbauten die Salis im 17. und 18. Jahrhundert barocke Palazzi (von denen die drei ersteren bis heute in ihrem Besitz sind) und erbauten oder erwarben zahlreiche weitere Häuser. Sie erweiterten ihren Besitz auch im nördlichen Graubünden durch den Erwerb einer grossen Anzahl von Grundherrschaften, darunter Schloss Baldenstein und Schloss Haldenstein. Weitere neuzeitliche Herrensitze sind dem Abschnitt „Besitzungen“ zu entnehmen.

Erst kurz vor 1800 wurde die politische Macht der Familie gebrochen, als mehrere führende Familien sowie die Bündner Patrioten sich gegen die dominante Stellung der Salis in Graubünden und in den Untertanenlanden wandten und diese 1794 einschränkten. Der Dichter Johann Gaudenz von Salis-Seewis war während der austro-russischen Invasion der Schweiz 1799 Generalstabschef der helvetischen Armee.Adolf Frey: J. Gaudenz von Salis-Seewis. J. Huber, Frauenfeld 1889 (); Alfred Rufer: Johann Gaudenz v. Salis–Seewis als Bündner Patriot und Helvetischer Generalstabschef. Bischofberger & Co., Chur 1938; Christian Erni: Von Paris nach Weimar. Johann Gaudenz von Salis-Seewis in der Französischen Revolution und auf Urlaubsreise nach Weimar 1789–1790 […]. In: Jahrbuch 1995 der Historischen Gesellschaft von Graubünden. S. 181–238 (e-periodica.ch). Franz Simon von Salis-Zizers unternahm 1814 einen konservativen Putsch. 1832 führte er Papst Gregor XVI. zwei Schweizer Regimenter zur Behauptung des Kirchenstaates zu.Franz Simon von Salis-Zizers, in: Historisches Lexikon der Schweiz General Johann Ulrich von Salis-Soglio war 1847 Oberbefehlshaber der Sonderbundstruppen, während Johann Gaudenz Dietegen von Salis-Seewis als Kommandant einer radikaldemokratischen Miliz an der Märzrevolution von 1848 teilnahm. Meta von Salis-Marschlins (1855–1929) kämpfte als Frauenrechtlerin für das Frauenstimmrecht in der Schweiz.

Linien und Zweige

miniatur|Stammbaum der Familie von Salis mit den wichtigsten Ästen Auf den Stammvater Rodolfo (Rudolf, um 1230–1300), der in Soglio lebte, folgten ein Johannes (um 1260–1310) und ein Gubertus (um 1280–1330), vermutlich seine Söhne. Von ihnen stammen die beiden Hauptlinien ab. Die Johannes-Linie blieb im Bergell und Oberengadin (Celerina, Zernez, Samaden) und stellte auch Amtmänner im Veltlin. 1832 ist sie mit dem Zweig Sils im Domleschg (Burg Campell) erloschen.

Die Gubertus-Linie blieb zunächst ebenfalls im Bergell (Soglio) und Veltlin (Chiavenna); ein Gubert Magnus (um 1450–1490) hatte die Söhne Andreas (1492–1547) und Rudolf (1485–1515). Andreas wurde zum Stammvater der Linie Soglio, die sich in verschiedene, teils noch blühende Zweige in Graubünden, Österreich, Deutschland und England aufteilte und unter anderen die Zweige Rietberg (auch in Chur) und Maienfeld (auch in Malans und Holland) ausbildete. Rudolf wurde mailändischer Hauptmann; das inzwischen gestiegene Prestige der Familie wird durch seine Ehe mit Gräfin Maria von Sax-Misox deutlich; auf Rudolfs beide Söhne gehen die Linien Grüsch und Seewis zurück; von den Salis-Grüsch stammt der Zweig in Marschlins ab, den Ulysses von Salis begründete und der 1929 erlosch. Von der noch blühenden Linie Salis-Seewis, die mit Johann Gaudenz (1708–1777) in den Reichsgrafenstand aufstieg, hatte sich um 1700 ein jüngerer Zweig Grüsch abgespalten, der ebenfalls noch blüht.

1582, 1588, 1632 und 1766 erlangten die Angehörigen der Zweiglinien Grüsch, Marschlins, Maienfeld, Seewis und Soglio aus der Gubertus-Linie den Reichsfreiherrenstand bzw. 1694, 1748 die Reichsgrafen- und 1777 die französische Grafenwürde (und 1915 die österreichische Anerkennung); 1815 erhielt ein Zweig den Jonkheer- und 1822 den Baronstitel in den Niederlanden sowie preussische Bestätigungen zumeist mit den Linienbezeichnungen als Beinamen. Aus der Johannes-Linie erhielten 1913 die Salis-Samaden eine österreichische Freiherren-Anerkennung.

miniatur|hochkant=0.7|Hieronymus (Jerome) Graf von Salis-Soglio (1709–1794), Begründer des britischen Familienzweiges